Wo werden unsere Sünde vergeben?

Jesuitenpater Ivan Fuček, emeritierter Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, beantwortet brennende Frage zur Glaubenslehre

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 349 klicks

Ich möchte einige Fragen über das Sakrament der Versöhnung stellen. Dieses Thema erregte in unserer Öffentlichkeit viele Geister, besonders anlässlich des Priesterseminars 1976. Können Sie mir folgende Fragen beantworten: Wem darf vorgeschlagen werden an der Eucharistie teilzunehmen? Worauf verweist die geschichtliche Entwicklung in dieser Hinsicht? Wie groß ist die Verbindung zwischen der Eucharistie und dem Sakrament der Versöhnung? 

Im Bußgottesdienst erlebt man eine gewisse Bekehrung. Kann man aufgrund dieses Erlebnisses an der Eucharistie teilnehmen? Welches Gewicht hat die Aufzählung von Akten und welches die Reumütigkeit? Ist im Sakrament der Versöhnung geheimes Bekennen der Sünden vor dem Priester wesentlich? 

Welche Schritte der Entwiklung sehen Sie seit dem Konzil von Trient? Ist der Beichtvater in erster Linie Richter oder etwas anders? Was versteht man unter der „Deprivatisation“ der Sünde und der Buße? 

Entschuldigen Sie, bitte, wenn ich Ihnen zu viele Fragen gestellt habe. Das interessiert mich alles sehr.

Jasna

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„Wem darf vorgeschlagen werden, an der Eucharistie teilzunehmen?“ Wenn hier „an der Eucharistie“ teilnehmen das gleiche bedeutet wie „an der Messe teilzunehmen“, dürfen wir unter den Teilnehmern keinerlei Unterschiede machen; Gerechtfertigte, wie auch Sünder, Katholiken, wie auch Nichtchristen – alle nach ihrer inneren Verfassung und Offenheit Gott gegenüber werden Teilhaber der Güter der Eucharistie.

Wenn hier unter „an der Eucharistie teilnehmen“ „zur Kommunion gehen“ verstanden werden soll, dann können das alle Getauften, die in einem richtig formierten Gewissen sich erfahren als Menschen, die mit Gott versöhnt sind, sogar diejenigen, die im unüberwindlich irrigen Gewissen glauben, gerechtfertigt zu sein, obwohl sie das eigentlich nicht sind. Von der negativen Seite her gesagt, derjenige, der glaubt, sich in einer schweren nichtvergebenen Sünde zu befinden, dürfte in diesem Zustand nicht kommunizieren, nach den Worten des Apostels: „Wer also unwürdig von dem Brot ißt und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon ißt und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er ißt und trinkt“ (1 Kor 11, 27-29).

„Worauf verweist die geschichtliche Entwicklung in dieser Hinsicht? Wie groß ist die Verbindung zwischen der Eucharistie und dem Sakrament der Versöhnung?“ Im Verlauf der Geschichte begegnen wir einer unterschiedlichen Praxis der Mitwirkung an der Eucharistie oder an der Kommunion. In den ersten Jahrhunderten, als das Sakrament der Versöhnung, theologisch gesehen, das gleiche Gewicht hatte wie das Sakrament der Taufe, d.h. als es nur einmal im Leben empfangen weden durfte, haben die Gläubigen an der Eucharistie ohne die Beichte teilgenommen, nachdem sie ihre Sünden aufrichtig bereut haben, mit der Entscheidung, das Sakrament der Versöhnung zu einer günstigen Gelegenheit zu empfangen. Sie haben also in Hinsicht auf das Sakrament der Versöhnung und in der moralischen Verbindung mit ihm, nach einer aufrichtigen Reue, geglaubt gerechtfertigt und reines Herzens zu sein, so dass sie die Kommunion empfangen konnten. Sogar wurde zu der danmaligen Zeit den Gläubigen von der Seite der kirchlichen Autorität aufgetragen, mehrere Male im Jahr an der Eucharistie teilzunehmen oder beim Mahl des Herrn mitzuwirken.
Nach der Einführung der Einzelbeichte, seit dem 6. Jahrhundert, hat sich die Praxis der Beichte vor der Teilnahme an der Eucharistie eingespielt, für alle Gläubigen, derer Gewissen schwer belastet war. In dieser Hinsicht hat das Konzil von Trient bestimmt, dass für alle, die nach der Taufe schwere Sünde begehen, zur Vergebung der Sünden und zum Heil, ein sakramentales Bekenntnis der Sünden notwendig ist (d.h. Sündenbekenntnis innerhalb des Sakramentes der Versöhnung), und zwar aller und einzelner schweren Sünden.

Im gleichen Sinne sagt auch die neue Bußordnung: „Um das heilbringende Mittel der Buße zu erreichen, muss der Gläubige nach der Bestimmung der Barmherzigkeit Gottes, vor dem Priester alle und einzelne schwere Sünden bekennen, an die er sich, nach der Erforschung des Gewissens, erinnert“ (Nr. 7a). Doch, ein Rest der altchristlichen Praxis hat sich im Verlauf der Jahrhunderte bis heute in der theologischen Lehre erhalten: dass die Gläubigen, die aufrichtig bereut haben, auch ohne Einzelbeichte Kommunion empfangen können, wenn dafür ein ernsthafter Grund besteht.

Das Sakrament der Buße hat seinen Ausgangspunkt in der Eucharistie und ist mit ihr eng verbunden. Frühere Christen waren sich einerseits dessen bewusst, dass eine Teilnahme an der Eucharistiefeier eine Buß- und Rinigungsfunktion hat, in Hinsicht auf die Sünden, die aufrichtig bereut wurden. In diesem Sinne werden heutzutage Fragen von der erneuten Wertung des Bußritus innerhalb der Eucharistiefeier gestellt. Während unter den Theologen die Diskussionen stattfinden, wird nach den Bestimmungen der Kirche die Praxis gelebt. Vor kurzer Zeit hat die Schweizerische Bischofskonferenz eine „Note“ mitgeteilt, in der gesagt wird, dass nur die höchste Autorität der Kirche (die dieses Vollmach vom Christus, dem Herrn, erhalten hat) befugt ist, die Form des Sakramentes zu ändern und festzusetzen, während ein einzelner Priester „nie von sich aus eine wesentliche Veränderung in der Praxis des Sakramentes bestimmen darf… Dementsprechend, bitten wir alle Priester, in dieser Hinsicht nichts aus eigener Initiative heraus zu ändern“.

Damit wird offensichtlich, dass die Kirche ihre bisherige Praxis der Spendung eines Sakramentes, was auch für das Sakrament der Versöhnung gilt, ändern kann und manchmal auch muss, wenn die Umstände eine solche Veränderung erfordern.

Ferner fragen Sie: „Im Bußgottesdienst wird eine gewisse Bekehrung erlebt. Kann man aufrund dieses Erlebnisses an der Eucharistie teilnehmen?“ Von vielen Menschen habe ich gehört, dass Bußgottesdienste manchmal wirklich außerordentlich positiv im Sinne einer inneren Reumütigkeit wirken können. In dieser Gemeinschaft der Gläubigen wird durch die Kirche, die betet, singt, nachsinnt, bereut, Buße tut, „die eklesiale Bedeutung der Buße besser zum Ausdruck gebracht“, die Barmherzigkeit Gottes wird intensiver erfahren, die Einheit der Gläubigen, die in Christus als dem Haupt, dem Freund und dem Bruder, verbunden sind, wird deutlicher. In jedem Fall, ist das Erlebnis der Bekehrung moralisch mit dem Sakrament der Versöhnung verbunden.

Zufolge der neuen Bußordnung, ist sogar im Falle der gemeinsamen Lossprechung eine „spätere“ Einzelbeichte erforderlich. Der Text des Rituale lautet: „Diejenigen, denen in einer Generalabsolution schwere Sünden vergeben werden, sollen eine Einzelbeichte unternehmen, bevor sie erneut eine Generalabsolution empfangen, außer dass sie aus berechtigten Gründen verhindert sind. Sie sollen jedenfalls innerhalb eines Jahres Einzelbeichte ablegen, außer dass eine moralische Unmöglichkeit besteht“ (Nr. 34). Daraus wird die objektive Verbindung zwischen dem Erlebnis der Reumütigkeit im Bußgottesdienst und der Einzelbeichte, nach der lebendigen Praxis der Kirche, offensichtlich.

„Welches Gewicht hat die Aufzählung von Akten und welches die Reumütigkeit? – fragen Sie weiter. Zu gewissen Zeiten der kirchlichen Beichttradition verlieh man zu viel Aufmerksamkeit der Aufzählung von „Akten“, einer detaillierten Unterscheidung der Sünden und der Einsicht in alle konkreten Umstände. Wenn das aus der inneren Haltung und Überzeugung des Pönitenten hervorget, handelt es sich um die Reumütigkeit und um die Abwendung von der Sünde. Aber wenn die Betonung mehr auf materieller Aufzählung der Taten lag, und weniger auf innerer Reumütigkeit, bestand die Gefahr, mehr auf die „Moral der Tat“ zu übergehen, d.h. dass die Sünden mehr als „versachlicht“ betrachtet wurden, als würde das Übel in ihnen selbst liegen, in ihrer Menge und in den Umständen, in denen sie begangen worden sind. Damit ging es um eine gewisse materielle Ganzheit in der Beichte, die weder möglich noch notwendig ist. Auch Kinder waren manchmal wegen der genauen Aufzählung von Sünden sehr belastet, obwohl es eigentlich gar nicht um schwere Sünden gehandelt hatte.

Die neue Bußordnung führt eine „persönliche Prägung“ des gesamten Sakramentes der Versöhnung ein. In erster Linie handelt es sich um persönliche Haltung des Pönitenten, um seine Grundoption für oder gegen Gott. Unsere Formel der Gewissenserforschung, der Vorbereitung für den Empfang dieses Sakramentes, der Predigt und der Katechese müssen in diese Richtung, die wesentlich ist, gehen. Es handelt sich nicht in erster Linie um „Taten“, weil man die auch ganz äußerlich betrachten kann, sondern es handelt sich primär um die innere Haltung des Pönitenten. Gott schaut auf die Person des Sünders, die sich durch die Sünde von der Gemeinschaft, von Gott und von sich selbst entfremdet hat. Durch die Lossprechung wird die „Veruntreuung des Bundes“ unter den Personen „ erneuert“, und dieser Aspekt der neuen persönlichen Beziehung zum Vater, Sohn und dem Heiligen Geist rückt in den Mittelpunkt der Betrachtung. Das wird alles noch vervollständigt in der persönlichen Begegnung in der Eucharistie.

Dementsprechend wird es klar, welchen Platz im erneuerten Sakrament der Versöhnung die Reumütigkeit einnimmt. Sie wurde zwar immer gefordert, aber im Sakrament der Versöhnung der ersten Kirche war zunächst die Idee der Genugtuung oder der Sühne für die Sünden betont, mit Hilfe von primär äußeren Taten: Fasten, Gebet, Werken der Barmherzigkeit… Seit dem Mittelalter bis zur neuen Bußordnung war das alles hauptsächlich auf das Bekenntnis der Sünden konzentriert als notwendige Voraussetzung für die Lossprechung des Priesters, und so waren die Pönitenten und die Beichtväter vor allem mit der Ganzheit des Bekenntnisses beschäftigt. Man ist in dieser Ganzheit zu weit gegangen – bis zu einer materiellen absoluten Ganzheit, die für einen sterblichen Menschen einfach nicht zu erreichen ist.

Das neue Rituale führt eine dritte Struktur des gesamten Bußgeschehens im Rahmen der kirchlichen Dimension ein, wo sich die Bekehrung des Pönitenten und die Barmherzigkeit Gottes, die sich in allen Aspekten im Mysterium der Kirche offenbart, begegnen. Die neue Bußordnung bringt also nicht die eine oder andere neue Vorschrift, sondern sie bringt einen neuen Geist, neue Haltung, führt eine neue Mentalität, eine neue Vision der kirchlichen Bußpraxis ein.

In diesem Sinne, hat die Aufzählung der „Taten“, die auch in der neuen Bußordnung, wie wir gesehen haben, mit Recht gefordert wird, ihr Gewicht, denn es wird nicht von den Taten aus zu dem Inneren des Pönitenten gegangen, sondern umgekehrt, aus der inneren Haltung heraus kommt die Forderung danach, „alle und einzelne schwere Sünden“ und auch andere, die das Gewissen belasten, zu bekennen.

„Ist im Sakrament der Versöhnung geheimes Bekenntnis der Sünden vor dem Priester wesentlich? – lautet Ihre weitere Frage. Einen wesentlichen Teil des Sakramentes der Versöhnung machen die Reumütigkeit und die Reue, d.h. der Schmerz und das Bedauern wegen der begangenen Sünde mit der Entscheidung: nicht mehr zu sündigen, aus! Es handelt sich um eine innere Veränderung des ganzen Menschen. Das ist das erste. Das zweite wesentliche Teil ist das Bekenntnis der Sünden. Das dritte Teil ist die Lossprechung. Und das vierte, das zur Ganzheit des Sakramentes der Versöhnung gehört, ist die Genugtuung für die Sünden.

Gewiss, kann die Frage gestellt werden, ob so verstandenes Bekenntnis der Sünden auf die Einsetzung des Sakramentes von Christus selbst gehört, oder ob es durch die Bestimmung der Kirche entstanden ist, die die Vollmacht besitzt, die Materie und die Gestalt des Sakramentes zu bestimmen. Obwohl im Verlauf der Jahrhunderte die Überzeugung herrschte, dass gerade diese Art des Sakramentes der Versöhnung von Christus selbst eingesetzt wurde, wird heutzutage unter den Theologen darüber diskutiert, ob „diese Art“ von Christus, dem Herrn, selbst stammt, oder ob sie nicht im Verlauf der kirchlichen Praxis entstanden ist. Wenn die Art selbst – „die Art wie sie ist“ – die Angelegenheit der Kirche ist, ist es klar, dass die Kirche mit der Zeit diese Art ändern kann, vielleicht sogar muss.

„Welche Entwicklung ist seit dem Konzil von Trient zu verzeichnen? – ist ebenfalls Ihre Frage. Es gibt eine Entwicklung. Die deutlichste Entwicklung sieht man von der isolierten Einzelbeichte in Richtung der Gemeinschaftsfeier des Sakramentes. Die kirchlich-liturgische Dimension geht nun wesentlich in den Akt der Sündenvergebung selbst ein. Es ist zu einer Wendung in die Richtung der vielfältigen Mitwirkung der kirchlichen Gemeinschaft gekommen, nicht nur in Hinsicht der zweifachen neuen gemeinsamen Feier nach der Formel „B“ und „C“, sondern auch in Hinsicht auf den inneren gnadenhaften und mistagogischen Aspekt. Es handelt sich um den Sieg des gegenwärtigen theologischen Gedankens von der Kirchlichkeit der Werke des Christen, die auch die neue Bußordnung angenommen hat. Mit uns ist die Kirche eine „Kirche der Sünder“, „Kirche der Pönitenten“, „Kirche der Versöhnten“. Die Versöhnung findet mit dem Vater in Jesus Christus durch die Kirche statt – d.h. durch die lebendige Person Jesu Christi in seinen Gläubigen. Die Versöhnung ist so letztendlich die Person Jesu Christi selbst, in die wir integriert sind und die wir leben; der neue Bund in der neuen wesentlichen Einheit.

Im Akt der Versöhnung wirken alle Christusgläubigen mit: durch ihr Zeugnis, Gebet, Liebe, gute Werke. Hier liegt auch der tiefe theologische Grund, warum man danach trachtet, die ganze Gemeinschaft mitwirken zu lassen, die als „Mittel der Bekehrung und der Lossprechung der Pönitenten“ auftritt (Nr. 8).

Die Gründe, warum die traditionelle Art der Feier dieses Sakramentes verlassen, und der gemeinschaftliche, förmliche, psychologische und charismatische Einfluss der Gemeinschaft betont wird, können unterschiedlich sein. Es sieht aus, dass man den Gläubigen entgegenkommen wollte, die sich selbst bei der Vorbereitung auf dieses Sakrament überlassen waren, in einer Welt, in der die Weltlichkeit und Entfremdung wegen der Sünde herrschen.

In diesem Sinne entspricht am meisten, so sieht es aus, die Formel „B“ der neuen Bußordnung, aber es wird noch viel Zeit vergehen bis wir sie authentisch begriffen und sie erfolgreich in die Tat umgesetzt haben. Und das Urteil darüber, ob die Voraussetzungen bestehen, die Lossprechung nach der Formel „C“ zu erteilen, d.h. ohne die vorherige Einzelbeichte, und nach der reumütigen Reue, „ist dem Diözesambischof vorbehalten, nach der Beratung mit den übrigen Mitgliedern der Bischofskonferenz“ (Nr 32). Die kroatische Bischofskonferenz hat in dieser Hinsicht Vorschriften gebracht, die sie auch wieder ändern kann.

Eine weitere Neuigkeit von der Seiten der Gemeinschaft ist die liturgisch-pastorale Dimension, d.h. wir sind zum alten „Stil“ aus der patristischen Zeit zurückgekehrt, der vielmehr pastoral als juridisch war. Von der Seite der Mitwirkung der Pönitenten wird eine fundamentale Bekehrung, in tiefer Achtung der Person des Pönitenten, gefordert. Von der Seite des Spenders des Sakramentes, betont die neue Bußordnung mehr die Rolle des Arztes als die des Richters, obwohl auch diese Sicht nicht vernachlässigt wird.
„Ist der Beichtvater primär Richter oder etwas anders? Gerade sagte ich, dass er mehr Arzt als Richter sei. Wenn wir seine Funktionen in eine Rangordnung stellen möchten, ist er, vor allem, der Diener des Wortes, der Diener des Sakramentes, Lehrer, Arzt, und erst dann Richter. Das wird alles im Bild des Vaters vereinigt, der den Menschen das Herz des himmlischen Vaters, nach dem Bild Christi, des guten Hirten, offenbahrt.

Die neue Bußordnung stellt sich als die Genesung des heutigen, nervlich oft schwachen, Menschen dar, die auf diese Weise eine Unterstützung für die Bemühungen der Psychotherapie der letzten Jahrzehnte sein kann. Hier begegnen wir einer engen Beziehung zwischen dem Heil, der Versöhnung und der Heilung. Christus hat so gehandelt: die Befreiung und die Heilung gingen miteinander zusammen. Die großen Therapeuten Humanisten, wie Karl Menninger, Erich Fromm und Viktor Frankl, definieren die authentische Gesundheit des Menschen auf den Relationen der Zwischenbeziehungen, die von vielfältigen Entfremdungen befreien. Und wenn die Sünde Entfremdung von diesen guten Beziehungen mit Gott, mit dem Bruder Menschen und mit sich selbst bedeutet, dann bedeutet das Sakrament der Versöhnung Befreiung und Heilung. Die kasuistische Morallehre hat nicht ausreichend diese Sicht des Spenders des Sakramentes betont.

Und schließlich, die letzte Frage: „Was ist die ‚Deprivatisation’ der Sünde und der Buße?“ Dieser Ausdruck Deprivatisation sieht im ersten Moment unverständlich aus. Die Bußordnung, wie wir bereits sagten, betont die kirchliche Dimension des Sakramentes der Versöhnung. Damit wird außerordentlich die gläubige kirchliche Verantwortung enfaltet.

Zunächst, wird von der „Deprivatisation der Sünde“ gesprochen, denn die Sünde ist keine „Privatsache“, die sich nur auf Gott und auf die betreffende Person bezieht, sondern gleichermaßen auf die Kirche, die wir als Sünder „durch unsere Sünde verwundet haben“ (LG 11). Der Mangel des übernatürlichen Lebens in einem Glied schwächt die Teilhabe und die Vermittlung des Heiles des ganzen Organismus.

Dasselbe geschieht durch die „Deprivatisation der Buße“; jetzt wirkt die Kirche mit in der Bekehrung des Christen Sünders durch Liebe, Beispiel, Gebet (LG 11), während der bekehrte Sünder der Kirche Liebe, Beispiel, Gebet erwidert – und das bedeutet wiederum das „Material“, um es so auszudrücken, mit dem die Kirche an der Bekehrung anderer Brüder wirkt. Also ist die Buße auf diese Weise auch keine „Privatsache“.

Es existiert, schließlich, auch eine „Deprivatisation der Versöhnung“: die Riten der alten Kirche sprechen uns heute deutlich davon, dass es eine Aussöhnung mit der Kirche ohne die Kirche nicht gibt. Und die erste Wirkung der Versöhnung ist die Rückkehr zur Kirche, Einschluss in die kirchliche Gemeinschaft. Also ist die Versöhnung auch keine „Privatsache“. 

Die Sünde „spaltet und zerstreut“ immer, und die Liebe „führt erneut zur Einheit“ (Nr 99). Die christliche Gerechtigkeit schließt die Versöhnung mit dem konkreten Nächsten als Ziel einer dauerhaften Bekehrung ein (Nr 5), die Solidarität mit allen Menschen guten Willens zum Ziel des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Der Sinn des neuen Ritus ist, den Einschluss des sündigen Christen in den wachsenden Prozess der Vervollkommnung in Christus und der Nachfolge Christi, von neuem zum Ausdruck zu bringen. Der Ausdruck ist sehr wortstark und bringt den früheren Wert der dynamischen Auffassung des Christentums als den „Weg zum Ziel“ zurück, der im Verlauf des ganzen Lebens erreicht wird.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung, Split, 2004, Seiten 377-382)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.