Worauf es beim Priestertum ankommt: Kardinal Hummes zum Priesterjahr (Teil 2)

Interview mit dem Präfekten der Kongregation für den Klerus

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ROM, 5. Juni 2009 (ZENIT.org).- Im zweiten Teil des vorliegenden ZENIT-Interviews verweist Kardinal Cláudio Hummes, Präfekt der Kongregation für den Klerus, aus Anlass des bevorstehenden Priesterjahrs (19. Juni 2009 - 19. Juni 2010) auf die vier Dimensionen, die neben strengen Auswahlkriterien bei der Ausbildung von Priesteramtskandidaten unbedingt berücksichtig werden sollten.

Priester seien nicht nur für die Kirche von großer Bedeutung, hebt der Kurienkardinal hervor. Da sie die großen menschlichen Werte wie Solidarität und Nächstenliebe sowie die Menschenrechte förderten, komme ihre Arbeit auch der ganzen Gesellschaft zugute.

Kardinal Hummes ruft dazu auf, den Priestern zu helfen, ihre Berufung „voller Freude, mit großer Klarheit und auch mit Herz zu leben", damit sie glücklich sind.

Teil 1 dieses Interviews zum Priesterjahr erschien gestern, Donnerstag.

ZENIT: Worin bestehen Ihrer Ansicht nach die größten Schwierigkeiten und Herausforderungen, denen junge Männer, die sich über eine Berufung zum Priestertum Gedanken machen, heute begegnen?

Kardinal Hummes: Ich möchte noch einmal betonen, dass wir die heutige Kultur nicht verteufeln dürfen. Auch wenn verschiedene Kulturen vorhanden sind, gibt es doch die Entwicklung zu einer Einheitskultur, die in der ganzen Welt vorherrschend ist. Diese neue Kultur will nicht mehr religiös oder christlich sein; sie will säkular sein und lehnt jegliche religiöse Einmischung ab. Die heranwachsenden jungen Menschen müssen mit dieser Situation leben, die sich von der unterscheidet, die wir erlebt haben. Wir sind in einer sehr religiösen Kultur aufgewachsen, die sich als christlich und katholisch verstanden hat. Heute ist das nicht mehr so.

Ich glaube, dass es für die jungen Menschen heute wirklich schwieriger ist, den Mut aufzubringen, die Einladung Gottes, die in ihnen aufkeimt, auch anzunehmen. Darauf zu antworten ist heute komplizierter, weil die Gesellschaft den Wert des Priestertums nicht mehr versteht. Aber eine Arbeit zur Förderung des Glaubens und der Evangelisierung wird immer möglich sein, da Gott dem, den er beruft, immer auch die nötigen Gnaden schenkt.

Die Pfarrgemeinde muss jungen Menschen Gelegenheiten bieten, über das zu sprechen, was sie in ihrem Herzen spüren - auch über diese Berufung. Denn wenn einer nicht die Möglichkeit hat, mit jemandem zu sprechen, dem er vertraut, so wird er mit niemandem sprechen. Und nach und nach wird diese Stimme in ihm verstummen. Hier kommt die Berufungspastoral ins Spiel, die wir so dringend benötigen.

Eine gut strukturierte Pfarrei ist in der Lage, junge Menschen zu erreichen und ihnen Gelegenheit zu geben, über die Berufung zu sprechen, die sie in sich verspüren. Auch das Gebet um Berufungen ist heute noch wichtiger als in der Vergangenheit.

Vielleicht nimmt die Zahl der Priesteramtskandidaten auch deshalb ab, weil die Familien kleiner geworden sind. Sie haben wenige oder gar keine Kinder, was alles schwieriger macht. Die Zahl der Priester in den einzelnen Ländern ist stark zurückgegangen. Wir beobachten diese Situation mit größter Sorge.

ZENIT: Wie sollte die spirituelle, pastorale und liturgische Ausbildung eines Seminaristen aussehen? Welche Aspekte dürfen nicht vernachlässigt werden?

Kardinal Hummes: Die Kirche spricht von vier Dimensionen, in denen mit den Priesteramtskandidaten gearbeitet werden muss: An erster Stelle steht die menschliche beziehungsweise die affektive Dimension - die ganze Frage nach der Person, des menschlichen Wesens, der Würde und des affektiven Reifungsprozesses. Das ist wichtig, denn es ist eine Grundlage.

Dann gibt es die spirituelle Dimension. Heute haben wir es mit einer Kultur zu tun, die weder christlich noch religiös ist. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Priesteramtskandidaten eine tiefe Spiritualität entwickeln.

Dann haben wir die intellektuelle Dimension: Es bedarf einer philosophischen und theologischen Schulung, damit die Kandidaten sprechen können; damit sie fähig sind, Jesus Christus und seine Botschaft heute zu verkünden, in einer Weise, der den ganzen Reichtum des Dialogs zwischen Glaube und menschlicher Vernunft durchscheinen lässt. Gott ist der Logos aller Dinge, und Jesus Christus ist die Erklärung von allem.

Dann gibt es klarerweise die apostolische Dimension, was bedeutet, dass es erforderlich ist, die Kandidaten darauf vorzubereiten, Hirten zu sein in der Welt von heute. In pastoraler Hinsicht ist heute das Missionarische von großer Bedeutung. Damit ist gemeint, dass die Priester nicht nur eine einfache Vorbereitung erhalten sollen, sondern auch einen starken Impuls, eine Anregung, sich nicht nur damit zu begnügen, jene zu empfangen und ihnen ihre Dienste anzubieten, die zu ihnen kommen, sondern sich auch selbst aufzumachen und vor allem auf jene Getauften zuzugehen, die sich entfernt haben, weil sie mit der Frohbotschaft nicht genügend vertraut gemacht worden sind. Sie haben das Recht, das Evangelium kennen zu lernen - weil wir versprochen haben, ihnen Jesus Christus zu bringen, sie im Glauben zu erziehen.

Wie viele Male wird das nicht oder nur sehr wenig gemacht! Der Priester muss in die Mission gehen und seine Gemeinde vorbereiten, damit sie sich aufmacht, um den Menschen Jesus Christus zu verkünden, zumindest all jenen, die im Einzugsgebiet der Pfarrgemeinde leben, aber dann auch jene, die außerhalb leben.

Diese missionarische Dimension ist heute besonders wichtig. Der Priester ist ein Jünger, der mit seiner begeisterten Treue zu Christus und seiner Freude zum Missionar wird und fähig, sein ganzes Leben bedingungslos an Jesus Christus zu verschenken. Wir müssen wie die Jünger sein: leidenschaftlich, missionarisch, froh. Das ist der Schlüssel, das ist das Geheimnis.

ZENIT: Welche besonderen Initiativen werden in diesem Jahr für die jungen Menschen und die Priester organisiert werden?

Kardinal Hummes: Es wird Initiativen auf weltkirchlicher Ebene geben, aber das Priesterjahr soll auch auf Lokalebene gefeiert werden, in der Pfarrgemeinde, denn die Priester sind die Diener des Volkes und sollten daher die Gemeinde mit einbinden.

Die Diözesen sollten Initiativen ins Leben rufen, die auf Vertiefung genauso wie auf das Feiern abzielen, um den Priestern die Botschaft zu vermitteln, dass die Kirche sie liebt, respektiert, bewundert und stolz auf sie ist.

Der Papst wird das Priesterjahr am 19. Juni, dem Festtag des Allerheiligsten Herzens Jesu, eröffnen, weil an diesem Tag der Welttag für die Heiligung der Priester begangen wird. Im Petersdom wird die Vesper gefeiert werden, und die Reliquien des Pfarrers von Ars werden anwesend sein. Sein Herz wird in der Basilika sein - zum Zeichen für die große Bedeutung, die der Papst den Priestern geben will. Hoffen wir, dass sehr viele Priester zugegen sein werden.

Der Abschluss wird ein Jahr später erfolgen. Der genaue Termin der Begegnung des Papstes mit den Priestern, zu dem alle Diözesen eingeladen sind, muss noch fixiert werden. Es wird auch zahlreiche andere Initiativen geben. Wir denken etwa an einen internationalen theologischen Kongress in den Tagen vor den Abschlussfeiern, und es wird auch Exerzitien geben. Wir hoffen, dass wir auch die katholischen Universitäten einbinden können werden, damit sie den Sinn für das Priestertum vertiefen, die Theologie über das Priestertum und alle Themen, die für Priester wichtig sind.

  

ZENIT: Wie kann ein Priester seiner Berufung in einer antireligiösen Umgebung treu bleiben?

Kardinal Hummes: Zuallererst muss die Kirche in ihren Seminaren und durch ihre Ausbilder eine sehr strenge Auswahl der Priesteramtskandidaten vornehmen. Dann ist eine gute menschliche, intellektuelle, spirituelle, pastorale und missionarische Ausbildung hilfreich.

Es ist von grundlegender Bedeutung, dass darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Priester ein Jünger Jesu Christi ist und dass man sich sicher sein kann, dass er eine tiefe persönliche und gemeinschaftliche Begegnung mit ihm gemacht hat, bei der er sich ihm wirklich voll und ganz angeschlossen hat. Jede Eucharistie kann ein sehr intensiv erlebter Augenblick dieser Begegnung sein, dasselbe gilt aber auch für die Schriftlesung.

Wie Johannes Paul II. sagte, gibt es so viele Gelegenheiten, um von dieser Begegnung mit Jesus Christus Zeugnis zu geben. Entscheidend ist, dass man Missionar ist und in der Lage, den priesterlichen Elan immer wieder zu erneuern; dass man sich glücklich schätzt und von der eigenen Sendung überzeugt ist - von der Tatsache, dass sie für Kirche und Welt von grundlegender Bedeutung ist.

Ich sage immer, dass der Priester nicht nur in religiöser Hinsicht in der Kirche wichtig ist. Er verrichtet auch eine ungeheure Arbeit für die Gesellschaft, denn er fördert die großen menschlichen Werte: Solidarität, Nächstenliebe, Aufmerksamkeit für die Menschenrechte. Ich denke, dass wir allen helfen müssen, diese Berufung voller Freude, mit großer Klarheit und auch mit Herz zu leben, damit die Priester glücklich sind - so dass man erkennen kann, dass es möglich ist, froh zu sein, während man Opfer bringt und müde ist.

Glücklichsein und Leiden schließen sich nicht aus: Als Jesus am Kreuz hing, war er nicht unglücklich. Er litt schrecklich, war aber glücklich, weil er wusste, dass er es aus Liebe tat und dass alles einen tiefen Sinn hatte: Es diente dem Heil der Welt! Es war eine Geste der Treue zum Vater.

ZENIT: Welche Heiligen könnten neben dem Pfarrer von Ars ebenfalls ein Vorbild für den Priester sein?

Kardinal Hummes: Das ganz große Vorbild ist klarerweise immer Jesus Christus, der gute Hirte. Für die Apostel ist es vor allem auch der heilige Paulus. Wir begehen ja jetzt das Paulusjahr. Paulus war wirklich eine eindrucksvolle Gestalt. Für die Priester kann er immer eine große Inspirationsquelle sein, insbesondere in einer Gesellschaft, die nicht mehr christlich ist. Er hat die Grenzen Israels überschritten, um der Völkerapostel zu werden, Apostel für die Heiden. In einer Welt, die sich von jeglicher Manifestation des Religiösen entfernt, ist sein Beispiel von größter Bedeutung.

Das Interview führte Carmen Elena Villa; Übersetzung von Armin Schwibach und Dominik Hartig