Worauf sich die Soziallehre der Kirche gründet

Nach Pater Thomas Williams, Dekan der theologischen Fakultät am päpstlichen Athenäum ‚Regina Apostolorum‘

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ROM, den 25. Oktober, 2003 (ZENIT.org).- Der folgende Text ist eine bearbeitete Übersetzung eines Vortrags, den Pater Thomas D. Williams von den Legionären Christi, Dekan für Theologie an der päpstlichen Universität ‚Regina Apostolorum,‘ über die Soziallehre gehalten hat. Er hielt den Vortrag in italienischer Sprache am 19. September auf einer internationalen von der Vatikanischen Kongregation für den Klerus organisierten Diskussionsveranstaltung für Theologen.




Die Grundlagen der Soziallehre der Kirche
Pater Thomas Williams, LC


Das Ziel der Soziallehre der Kirche ist nicht nur intellektuell oder kognitiv, sondern auch eminent praktisch und persönlich. Sie sollte unser Leben verändern und sollte uns helfen, unsere eigenen Verpflichtungen gegenüber dem Gemeinwohl zu übernehmen, besonders da, wo es um die Bedürftigsten geht.

Ich habe vor, diese kurze Vorstellung der Soziallehre der Kirche in vier Teile zu gliedern: Was ist sie? (Definition) Was enthält sie? Worauf gründet sie sich? und einige praktische Vorschläge.

1. Was ist sie?

Obwohl wir eine allgemeine Vorstellung davon haben, was die katholische Soziallehre ist, ist es oft leichter, um falsche Vorstellungen zu beseitigen, einfach mit dem zu beginnen, was sie nicht ist.

Die Kirche macht deutlich, dass ihre Soziallehre kein “dritter Weg” ist, kein Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Sie ist überhaupt kein wirtschaftliches oder politisches Programm, und sie ist auch kein “System”. Obwohl sie zum Beispiel Kritik am Sozialismus und Kapitalismus übt, schlägt sie nicht ein alternatives System vor. Sie ist kein technischer Vorschlag zur Lösung praktischer Probleme, sondern vielmehr eine Sittenlehre, die sich vom christlichen Menschenbild und der Berufung des Menschen zur Liebe und zu ewigem Leben ableitet. Sie ist eine Kategorie für sich.

Die katholische Soziallehre ist keine Utopie, im Sinne eines gesellschaftlichen Projektes, das nicht verwirklicht werden kann. Sie beabsichtigt nicht, ein irdisches Paradies zu beschreiben, in dem die Menschheit ihre Vollendung erlangen kann.

Trotz alledem stellt sich die katholische Soziallehre mutig und ernsthaft den bestehenden Realitäten und Strukturen entgegen und fordert die Menschheit heraus, Lösungen für soziale, politische und wirtschaftliche Situationen zu suchen, die der menschlichen Würde angemessen sind, und schafft dadurch einen heilsamen Grad an Spannung zwischen den zeitlichen Realitäten, wie sie da sind, und dem Ideal des Evangeliums.

Die katholische Soziallehre ist keine statische, festgelegte Lehre, sondern eine dynamische Anwendung der Lehre Christi auf die sich verändernden Realitäten und Verhältnisse menschlicher Gesellschaften und Kulturen. Natürlich ändern sich die grundlegenden Prinzipien nicht, weil sie tief in der menschlichen Natur verwurzelt sind. Die Soziallehre stellt sich jedoch auf neue historische Situationen ein und bewertet sie, indem sie diese Prinzipien, dem Ort und der Zeit gemäß, anwendet.

Die Soziallehre der Kirche gehört zum Fachbereich Theologie und speziell zur Moraltheologie.

Wie es im lehramtlichen Wortlaut heißt, ist sie die genaue Formulierung der Ergebnisse sorgfältiger Überlegungen über die komplexen Realitäten der Existenz der Menschheit in der Gesellschaft und in internationalem Kontext, im Licht des Glaubens und der lebendigen Überlieferung der Kirche.

Sie stellt eine Reihe von Prinzipien, Kriterien und Richtlinien für das Handeln dar, mit dem Ziel, soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Gegebenheiten zu interpretieren, indem sie ihre Übereinstimmung mit oder Abweichung von der Lehre des Evangeliums über den Menschen und seine irdische und transzendente Berufung abwägend feststellt.

2. Inhalt der katholischen Soziallehre

Der Inhalt der Soziallehre wird auf drei Ebenen dargestellt:

-- Prinzipien und grundlegende Werte. Die Soziallehre entnimmt ihre grundlegenden Prinzipien der Theologie und Philosophie, unter Zuhilfenahme der Geistes- und Sozialwissenschaften, die sie ergänzen. Zu diesen Prinzipien gehören die Würde der menschlichen Person, das Gemeinwohl, die Solidarität, die Partizipation (Teilnahme), Privatbesitz und die universale Bestimmung der Güter. Zu den grundlegenden Werten gehören: Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Frieden.

-- Beurteilungskriterien: für Wirtschaftssysteme, Institutionen, Organisationen, auch unter Verwendung empirischer Daten. Beispiele: die Bewertung des Kommunismus, des Liberalismus, der Befreiungstheologie, des Rassismus, der Globalisierung, gerechter Löhne usw. durch die Kirche.

-- Richtlinien für das Handeln: konkrete Bewertungen historischer Ereignisse. Es handelt sich hierbei nicht um eine logisch zwingende Deduktion, die aus Prinzipien erfolgt, sondern auch um das Ergebnis der pastoralen Erfahrung der Kirche und einer christlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit; eine vorrangige Option für die Armen, Dialog und Achtung vor der legitimen Autonomie der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten. Beispiel: wiederholte Empfehlungen und Vorschläge für einen internationalen Schuldenerlass, eine Agrarreform, Schaffung von Genossenschaften, etc. (“Gaudium et Spes”, Nr. 67-70).

3. Grundlagen

Die primäre Grundlage der katholischen Soziallehre ist Jesu Gebot der Nächstenliebe.
Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist die Grundlage jeglicher christlichen Ethik und damit auch der Soziallehre der Kirche, die Teil der Morallehre ist. Jesus sagt, dass das Doppelgebot der Liebe nicht nur das erste und das wichtigste von allen Geboten ist, sondern auch eine Zusammenfassung des ganzen Gesetzes Gottes und der Botschaft der Propheten.

Die Soziallehre der Kirche liefert daher eine Antwort auf die Frage: Wie sollte ich Gott und meinen Nächsten innerhalb meiner politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umgebung lieben? Unsere Liebe zu Gott und dem Nächsten besteht nicht einfach nur in einer wöchentlichen Verpflichtung, die heilige Messe zu besuchen und bei der Opferung ein paar Münzen in den Klingelbeutel zu werfen. Sie muss unser ganzes Leben durchdringen und unser Handeln und unsere Umgebung dem Evangelium gleichförmig machen.

Dies ist ein sehr wichtiges Prinzip, das uns hilft, die Neigung zu überwinden, Wirtschaft und Politik als etwas gänzlich von der Moral Getrenntes zu betrachten, wo doch im Gegenteil der Christ gerade dort bewirkt, dass sein Glaube die zeitlichen Dinge beeinflusst.

Das Gebot der Liebe sollte daher die allgemeine Grundlage der Sozialdoktrin der Kirche darstellen. Es gibt jedoch auch spezielle Grundlagen, die in vier grundlegende Prinzipien der ganzen Soziallehre der Kirche zusammengefasst werden können, vier Säulen, auf denen das ganze Gebäude ruht. Diese Prinzipien sind: die Würde des Menschen, das Gemeinwohl, die Subsidiarität und die Solidarität.

- Die Würde des Menschen. Das erste klassische Prinzip ist das der Menschenwürde, welche das Fundament für die Menschenrechte bildet. Um in rechter Weise über die Gesellschaft nachzudenken, müssen Politik, Wirtschaft und Kultur zuerst eines richtig verstehen, nämlich, was ein Mensch ist und was sein wahres Gut ist. Jede Person, nach dem Bild und der Ähnlichkeit Gottes geschaffen, hat eine unveräußerliche Würde und muss deswegen immer als Zweck und darf nicht lediglich als Mittel betrachtet werden.

Als Jesus das Bild vom Guten Hirten verwendete und dabei von dem verlorenen Schaf sprach, lehrte er uns, was Gott über den Wert der individuellen menschlichen Person denkt. Der Schafhirt verlässt die 99 in der Steppe, um das verlorene zu suchen. Gott denkt nicht an die Menschen als Masse oder in Prozenten sondern als Individuen. Jeder einzelne ist wertvoll für ihn, ist unersetzbar.

In seiner Enzyklika Centesimus annus unterstreicht Papst Johannes Paul II. die Bedeutung dieses Prinzips: “Es ist notwendig, immer daran zu denken, dass der rote Faden und in einem gewissen Sinn das Leitprinzip ... der Soziallehre der Kirche eine richtige Sicht der menschlichen Person und ihres einzigartigen Werts ist, da “der Mensch ja... das einzige Geschöpf auf der Erde ist, das Gott um seiner selbst willen gewollt hat.” Gott hat den Menschen als sein Bild geschaffen (Genesis 1:26) und ihm eine unvergleichliche Würde verliehen (Centesimus Annus, Nr. 11).


Daher denkt die Kirche nicht in erster Linie an Nationen, politische Parteien, Stämme oder ethnische Gruppen sondern vielmehr an die individuelle Person. Die Kirche, wie Christus, verteidigt die Würde eines jeden Einzelnen. Die Wichtigkeit des Staates und der Gesellschaft liegt für die Kirche darin, dass sie den Menschen und den Familien dienen und nicht Menschen und Familien dem Staat und der Gesellschaft. Der Staat im Besonderen hat die Pflicht, die Rechte der Personen zu schützen, Rechte, die nicht vom Staat sondern vom Schöpfer gewährt werden.

-- Das Gemeinwohl. Das zweite klassische Prinzip der kirchlichen Soziallehre ist das Prinzip des Gemeinwohls. Das Zweite Vatikanische Konzil definiert es als “die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen.” (“Gaudium et spes”, 26; GS, 74 und Katechismus der Katholischen Kirche, 1906).

Der Mensch, geschaffen nach dem Bilde Gottes, der eine trinitarische Gemeinschaft von Personen ist, erreicht seine Vollendung nicht in der Isolation von den anderen, sondern in Gemeinschaften und durch Selbsthingabe, die Gemeinschaft erst möglich macht. Die Selbstsucht, die uns drängt, nach unserem eigenen Wohl zum Schaden anderer zu streben, wird durch die Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl überwunden.

Das “Gemeinwohl” ist nicht ausschließlich meins oder deins, noch ist es die Summe des Wohls von Individuen, es schafft vielmehr ein neues Subjekt, ein Wir, in welchem jeder sein eigenes Wohl in der Gemeinschaft mit anderen entdeckt. Deswegen gehört das Gemeinwohl nicht einer abstrakten Entität wie dem Staat sondern Personen als Individuen, die zur Gemeinschaft berufen sind.

Der Mensch ist grundsätzlich (und nicht nur zufällig) sozial, relational und interpersonal. Unser Gemeinwohl ist auch für meine eigene Erfüllung nötig, das heißt, für mein eigenes, persönliches Wohl. Jede Person wächst und erreicht Erfüllung innerhalb der Gesellschaft und durch die Gesellschaft. Daher ist das Gemeinwohl zwar verschieden vom individuellen Wohl eines jeden einzelnen, es ist ihm aber auch nicht entgegengesetzt. Sehr oft treffen dein Wohl und mein Wohl in unserem gemeinsamen Wohl zusammen.

Statt dessen steht das Gemeinwohl im Gegensatz zum Utilitarismus, der Vorstellung vom größtmöglichen Glück (Vergnügen) für die höchstmögliche Zahl von Menschen. Dieser Utilitarismus führt unweigerlich dazu, dass die Minderheit gegenüber der Mehrheit zweitrangig wird. Die herausragende Stellung und die Unantastbarkeit der individuellen menschlichen Person schließt also die Möglichkeit aus, das Wohl des einen dem des anderen unterzuordnen, weil man dadurch das erste zu einem Mittel für das Glück des anderen macht.

-- Subsidiarität. Das dritte klassische Prinzip der Soziallehre ist das Prinzip der Subsidiarität. Die Bezeichnung wurde von Papst Pius XI. in seiner Enzyklika “Quadragesimo Anno” aus dem Jahr 1931 geprägt. Dieses Prinzip lehrt uns, dass Entscheidungen der Gesellschaft auf der niedrigst möglichen Ebene getroffen werden sollen, also auf der Ebene, die den Betroffenen am nächsten ist. Dieses Prinzip wurde formuliert, als die Welt von totalitären Systemen mit ihren auf der Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv beruhenden Doktrinen bedroht wurde. Es fordert uns dazu auf, nach Lösungen für soziale Probleme in dem privaten Sektor zu suchen, bevor man staatliches Eingreifen fordert.

Bereits vor der Enzyklika Pius des XI. bestand Papst Leo XIII. auf “notwendigen Einschränkungen des staatlichen Eingreifens und auf dessen Werkzeugcharakter, da ja das Individuum, die Familie und die Gesellschaft vor dem Staat sind und der Staat seine Existenz seiner Aufgabe verdankt, deren Rechte zu schützen und sie nicht zu unterdrücken” (Centesimus Annus, 11).

-- Solidarität. Das vierte Grundprinzip der kirchlichen Soziallehre wurde erst in jüngerer Zeit von Johannes Paul II. in seiner Enzyklika “Sollicitudo Rei Socialis” formuliert (1987). Dieses Prinzip wird das Prinzip der Solidarität genannt. Angesichts der Globalisierung, der wachsenden gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen und Völker müssen wir im Auge behalten, dass wir eine einzige menschliche Familie sind. Die Solidarität fordert uns auf, unsere Sensibilität für andere zu stärken, besonders für die Leidenden.

Aber der Heilige Vater fügt hinzu, dass die Solidarität nicht nur ein Gefühl ist, sondern eine wirkliche “Tugend”, die uns fähig macht, unsere Verantwortung füreinander zu übernehmen. Der Heilige Vater schreibt: “Solidarität ist kein vages Mitgefühl oder oberflächliches Bekümmertsein über das Unglück so vieler Menschen nah und fern. Sie ist im Gegenteil eine feste und standhafte Entschlossenheit, sich für das Gemeinwohl einzusetzen; das heißt für das Wohl aller und das jedes einzelnen, weil wir alle wirklich für alle verantwortlich sind”(SRS, 38).

4. Praktischer Rat

Zum Schluss möchte ich gerne fünf praktische Vorschläge in Bezug auf die Anwendung der katholischen Soziallehre skizzieren, besonders für uns Priester:

-- Lesen Sie die Soziallehre der Kirche und machen Sie sich kundig, damit Sie in der Lage sind, sie überzeugend und klar zu erläutern. Und vergewissern sie sich, dass das, was wir im Namen der Kirche lehren, tatsächlich das ist, was die Kirche lehrt und nicht unsere eigenen persönlichen Meinungen.

-- Wir sollten uns um Bescheidenheit bemühen, um nicht voreilige Schlüsse von allgemeinen Prinzipien auf endgültige konkrete Urteilen ziehen zu müssen, schon gar nicht in kategorischem Ton und mit Absolutheitsanspruch. Wir sollten nicht die Grenzen unseres eigenen Wissens und unsere spezifische Kompetenz überschreiten.

-- Seien wir realistisch, wenn wir die Beschaffenheit des Menschen einschätzen, indem wir das Vorhandensein der Sünde zur Kenntnis nehmen aber dem Handeln der Gnade Gottes Raum geben. Bei all unserem Einsatz für menschlichen Fortschritt sollten wir niemals den Blick dafür verlieren, dass die Berufung des Menschen vor allem darin besteht, ein Heiliger zu sein und Gott eine Ewigkeit lang zu genießen.

-- Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, die Soziallehre der Kirche als Waffe zu benutzen, um “die anderen” zu verurteilen (Unternehmer, Politiker, multinationale Konzerne, etc.). Wir sollten uns statt dessen zuerst auf unser eigenes Leben und unsere persönlichen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verpflichtungen konzentrieren.

-- Wir sollten es verstehen, wie man eng mit Laien zusammenarbeitet, indem wir sie unterweisen und zur Evangelisierung der Welt aussenden. Sie sind die wahren Experten in ihren Kompetenzbereichen und haben die spezielle Berufung, die zeitlichen Gegebenheiten nach dem Evangelium umzugestalten.