Words and Pictures

Witzige Geschlechterkampf-Komödie des Regisseurs Fred Schepisi überzeugt nicht zuletzt durch die unaufgeregte Inszenierung und vor allem durch zwei großartige Hauptdarsteller in Höchstform, Juliette Binoche und Clive Owen

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 266 klicks

Die Eingangssequenz nimmt sich sehr klassisch aus: Die zwei Protagonisten werden auf dem Weg zur Arbeitsstätte parallel vorgestellt. Jack Marcus (Clive Owen) war einst ein vielversprechender Schriftsteller, aber er hat schon lange nichts mehr veröffentlicht. Seiner Schreibblockade versucht er mit einem beträchtlichen Wodka-Konsum abzuhelfen. Auch die geringe Motivation seiner Schüler nervt ihn, dennoch zitiert er unermüdlich und mit Leidenschaft berühmte Schriftsteller wie Updike oder Proust, um die Teenager davon zu überzeugen, wieviel Kraft in Worten steckt. Ebenso beharrlich versucht er seine Kollegen immer wieder in seine Lieblingsbeschäftigung einzubeziehen: Wortspiele mit Anfangsbuchstaben und Silbenzahlen. Die meisten ignorieren Jack, lediglich der ältere, gutmütige Geschichtslehrer Walt (Bruce Davison) geht darauf ein.

Die gefeierte Malerin Dina Delsanto (Juliette Binoche) hat wegen gesundheitlicher Probleme eine Stelle an derselben Schule wie Jack Marcus angenommen: Wegen eines Rheumaleidens ist sie auf die Hilfe ihrer Schwester angewiesen, die in der Nähe wohnt. Doch ihr Ruf eilt ihr voraus: Im Lehrerzimmer tuschelt man noch vor ihrer Ankunft, sie sei unterkühlt und reserviert, sodass man ihr gleich den Spitznamen „der Eiszapfen“ verpasst. Aber genau das reizt Jack Marcus an ihr. Gleich an Dinas erstem Arbeitstag fordert er sie zu einem seiner Wortspiele heraus – und findet in Dina eine schlagfertige Gegnerin. Das erste Aufeinandertreffen der gegensätzlichen Charaktere verspricht einen Geschlechterkampf im Stil klassischer Screwball-Komödien mit geistreichem Schlagabtausch zwischen Mann und Frau.

Auf seinen Versuch, sie mit einem Wortspiel aus der Reserve zu locken, antwortet sie mit dem altbekannten Spruch, ein Bild sage mehr als tausend Worte, was wiederum Jack nicht widerspruchslos hinnehmen will. Die Privatfehde zwischen Kunstlehrerin und Literaturlehrer erfährt eine neue Dimension, als sie mit Unterstützung der Schüler das Schulprojekt „Wörter gegen Bilder“ ins Leben rufen. Im Laufe der Vorbereitungen kommen sich die Bildkünstlerin und der Wortkünstler näher.

Allerdings treten bald Probleme auf. Die Schulleitung setzt Jack unter Druck, weil er seit Jahren nichts mehr veröffentlicht und die renommierte Literatur-Schülerzeitung, für die er verantwortlich ist, vernachlässigt hat. Dazu kommt noch sein Trinkverhalten, das zu peinlichen Vorfällen in der Öffentlichkeit geführt hat. Als aber Jack wegen seines Alkoholproblems die Suspendierung droht und er deshalb zu einem unlauteren Mittel greift, scheint die so mühsam hergestellte Nähe zwischen Jack und Dina wieder in Eiseskälte umzuschlagen.

Obwohl das Drehbuch von Gerald Di Pego interessante Nebenfiguren und -handlungen einführt – etwa die Schülerin, die ihre Begabung entdeckt und dann von einem Mitschüler mit obszönen Zeichnungen angegriffen wird, oder Jacks erwachsener Sohn –, werden sie kaum in die Handlung integriert. Sie bleiben zu sehr holzschnittartige Figuren. Auch wenn die Handlung auf den ersten Blick dem Zuschauer allzu bekannt vorkommen mag, wozu die stellenweise eine Spur zu bedeutungsschwere Musik beiträgt, machen die wunderbaren Dialoge und insbesondere die Hauptdarsteller diese Defizite wieder wett. Die fein geschliffenen Wortgefechte, die sich die beiden liefern, treffen die Stimmung auf den Punkt, und erinnern an die große klassische Zeit der Geschlechterkampf-Filme wie „Ehekrieg“ („Adam’s Rib“, 1949), in dem die von Katharine Hepburn und Spencer Tracy verkörperten Charaktere aufeinanderprallten. Der Regisseur lässt seinen Hauptdarstellern genügend Freiräume, damit sie sich entfalten können, so dass Juliette Binoche und Clive Owen eine große Bandbreite der Gefühle zeigen können. Juliette Binoche gestaltet die Malerin Dina Delsanto als nach außen schlagfertige und unnahbare Künstlerin, die aber gleichzeitig in der Schaffens- und Lebenskrise ihre Verletzlichkeit offenbart. Clive Owen wiederum verkörpert den Englischlehrer als harten Kerl, der hinter der zynischen Fassade seine Depression im Alkohol ertränkt. Die Wortgefechte mit einem ebenbürtigen Gegner zunächst und die Anziehung, die Dina auf ihn ausübt, lassen ihn wieder aufleben, aus der Gleichgültigkeit herauszukommen. Vor allem mit kleinen Gesten und Blicken verraten Jack und Dina, dass ihre Gegnerschaft in Liebe umschlägt.

Drehbuchautor und Produzent Gerald Di Pego führt zum eigentlichen Thema von „Words and Pictures“ aus: „Es gibt einen Kampf zwischen Wort und Bild und wir sehen im Film, wieviel Leidenschaft Jack für das Schreiben und Dina für die bildende Kunst hat. Der eigentliche Kampf aber findet im Inneren der beiden Menschen statt. Die meisten meiner Arbeiten drehen sich um diesen Konflikt: Egal, was passiert, die Menschen haben oft Angst, sich zu öffnen und Kontakte zu knüpfen, sie fühlen sich sicherer, wenn sie sich verschließen und isolieren.“ „Words and Pictures“ handelt vom Versuch, nicht nur die eigene Kreativität zu beflügeln, sondern darüber hinaus aus der Isolation herauszukommen.

Diesen ernsten Hintergrund verpackt aber Regisseur Fred Schepisi in eine witzige Komödie, die dank der niveauvollen Dialoge einen feinsinnigen Humor versprüht. Trotz einer eher vorhersehbaren Handlung überzeugt „Words and Pictures“ nicht zuletzt durch die unaufgeregte Inszenierung und vor allem durch zwei großartige Hauptdarsteller in Höchstform.

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Filmische Qualität: Vier Sterne 
Regie: Fred Schepisi
Darsteller: Clive Owen, Juliette Binoche, Valerie Tian, Bruce Davison, Navid Negahban, Amy Brenneman
Land, Jahr: USA 2013
Laufzeit: 115 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: D

im Kino: 5/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.