Wort und Schöpfung: Wie Gott sich dem Menschen zeigt

Meditationen von Kardinal Ravasi während der geistlichen Exerzitien der Fastenzeit für den Papst und römische Kurie

Rom, (ZENIT.org) | 1117 klicks

Gott ist ein Gott der Gnade, ein Gott des Wortes, ein Schöpfergott. Diese besonderen Bilder benutzte Kardinal Ravasi zu Beginn seiner Katechesen, und damit begannen die Exerzitien einen wunderbaren Weg, geleitet von der Psalm-Poesie, um von den „heiligen Quellen des Jordan“ zu den „höchsten und beeindruckendsten Sternenbildern“ aufzusteigen, offenbarende Horizonte, in denen sich Gott dem Menschen zeigt.

Die Gedanken des Präsidenten des Dikasteriums für die Kultur, die er vor dem Papst und der Kurie predigte, stellen eine Einladung dar, in den Seiten des Psalters das Antlitz Gottes wiederzuentdecken. Ganz besonders in seiner zweiten Meditation vom Montagmorgen griff der Kardinal auf die Psalmen 199 und 23 zurück, um die brennende Liebe im Wort Gottes darzustellen, eine erste große Theophanie „die in die Dunkelheit der Existenz leuchtet.“

Es sei das Wort, in dem „Gott sein Antlitz zum ersten Mal zeigt“, erklärte der Kardinal. „Die Gnade Gottes vertraut er uns durch sein Wort an“, und es sei wichtig zu erkennen, „dass das Wort der Höhepunkt und der Zusammenhalt des Alten und des Neuen Testamentes ist.“

„Am Anfang war das Wort…“, „Gott sprach…“, all diese Ausdrücke seien mit dem Wort der Offenbarung verbunden und gleichzeitig schöpferisch. Weil die ganze Schöpfung ein „Geschehen des Einklangs ist“, so der Kardinal „ist es das Wort, das    paradoxerweise als menschlichste Wirklichkeit   , die zerbrechlichste Wirklichkeit darstellt; denn einmal gesagt, verschwindet es. Gleichzeitig hat es aber auch eine besondere Wirksamkeit, denn ohne Wort gäbe es auch keine Kommunikation.“

Hier halle Psalm 199 wieder. „Für meine Füße ist dein Wort mir Licht“. Das Wort sei „Leitlicht inmitten des Nebels“ und Licht auf einem „grauen Horizont“, der „fließend und unsicher ist“ und die moderne Kultur darstelle, in der „die Unmoralität gefeiert wird“ und die „Gleichgültigkeit regiert“, so sehr, dass es „keinen Unterschied mehr zwischen süß und bitter, zwischen Tag und Nacht gibt.“

Aber das Wort sei auch Kriterium, das „die wirkliche Rangordnung der Werte“ darstelle, …die viel zu oft an „Dingen, an Geld und an Macht ausgerichtet wird.“ Es sei ein „Zeugnis der Liebe“, das uns auf eine „höhere Ebene“ der Kommunikation bringen könne: das Gebet, den inneren Dialog mit dem ewigen Vater.

„Quelle des Lichts, der Führung, der Süße, Quelle der Liebe und der ethischen Erleuchtung“; der Logos sei all das, aber vor allem ein „Prinzip des Vertrauens“. Ein Vertrauen, das in den liturgischen Gesängen widerhallt und im Psalm 23, dem sogenannten „Hirtenpsalm“.

In diesem Psalm, erklärte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, offenbare sich Gott als „Hirte, der seine Herde leitet, und gleichzeitig als Weggefährte“; auf diese Weise hebe er den Wert der „Gnade hervor: der Wahrheit auf der einen Seite und der Liebe auf der anderen.“

In diesen Versen scheine die „Gefährtenschaft auf dem Weg“ auf, hob der Kardinal hervor. Ein Weg, der aber nicht der eines „ziellosen Vagabunden ist,“ sondern ein Ziel habe: die bereitete Tafel im Tempel des Opfers der Gemeinschaft, Symbol der Liturgie, die auch die Epiphanie Gottes ist.“

„Die Abwesenheit des Wunderns im Menschen unserer Zeit ist Zeichen seiner Oberflächlichkeit“, erläuterte Ravasi. Er fügte hinzu: „Er ist über die Arbeit seiner Hände gebeugt und nicht fähig, seine Augen zum Himmel zu erheben, die Tiefe der beiden Extreme des Universums und des Mikrokosmos zu bewundern. Er habe nicht mehr den Sinn für die Welt als seine Schwester.“

Es sei darum nötig, die „poiemata wiederzufinden, die Harmonie Gottes in der Schöpfung“, und damit eine Spiritualität zu formen, die – paradoxerweise – eine Fleischlichkeit widerspiegelt“. Sonst führe es zu dem, was Chesterton beschrieb: „Die Welt wird nicht durch fehlende Wunder vergehen, sondern durch fehlendes Wundern.“

Der Präsident des Dikasteriums für die Kultur sprach abschließend über das Thema, das dem Theologien Benedikt XVI. am nächsten war, wie auch schon bei Johannes Paul II.: der Beziehung von Glaube und Vernunft. „ Zwei Lehren, von denen keine übergeordnet ist“, erläuterte der Kardinal, die Worte Gould zitierend: „verschieden, aber nicht gänzlich getrennt“.

Er fügte hinzu: „Man muss sich zuerst ins Meer des Glaubens werfen und dann anfangen zu lenken“. Emblematisch für diese zwei Wege, die „kontrapunktisch und nicht entgegengesetzt“ voranschritten, sei die doppelte Sonne des Psalm 19. „Dann flammt die Sonne am Himmel und erzählt uns von der kosmischen Offenbarung“, schloss der Kardinal, „Aber das Wort Gottes ist die andere Sonne, die uns vollkommen erleuchtet. Dann ist das Wort der Offenbarung ein Wort der Schöpfung.“