"Wovor haben wir Angst?"

Papstpredigt am Hochfest der Heiligen Apostel Petrus und Paulus

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 371 klicks

Wir übernehmen in einer offiziellen Übersetzung die Predigt von Papst Franziskus am heutigen Hochfest Peter und Paul. Während der Hl. Messe im Petersdom wurde das Pallium an die neuen Metropolitan-Erzbischöfe übergeben.

***

Am Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus, der Hauptpatrone Roms, begrüßen wir mit Freude und Dank die Delegation unter der Leitung von Metropolit Ioannis, die der Ökumenische Patriarch, der verehrte und geliebte Bruder Bartholomaios, entsandt hat. Bitten wir den Herrn, dass auch dieser Besuch unsere brüderlichen Bande auf dem Weg zu der von uns so ersehnten vollen Gemeinschaft der beiden Schwesterkirchen stärken möge.

»Der Herr [hat] seinen Engel gesandt und mich der Hand des Herodes entrissen« (Apg 12,11). Zu Beginn des Dienstes Petri in der christlichen Gemeinde von Jerusalem herrschte noch große Furcht wegen der Verfolgungen des Herodes gegen einige Mitglieder der Kirche. Jakobus war hingerichtet worden, und nun war Petrus selbst ins Gefängnis geworfen worden, um dem Volk einen Gefallen zu tun. Während er in Ketten gefangen gehalten wird, hört er die Stimme des Engels, der zu ihm sagt: »Schnell, steh auf! … Gürte dich und zieh deine Sandalen an! … Wirf deinen Mantel um und folge mir!« (Apg 12,7-8). Die Ketten fallen, und das Gefängnistor öffnet sich von selbst. Petrus bemerkt, dass der Herr ihn »der Hand des Herodes entrissen« hat; er wird sich bewusst, dass Gott ihn von der Angst und von den Ketten befreit hat. Ja, der Herr befreit uns von aller Angst und von allen Ketten, damit wir wirklich frei sein können. Die heutige Liturgie bringt diese Wirklichkeit gut zum Ausdruck mit den Worten des Kehrverses des Antwortpsalms: »All meinen Ängsten hat mich der Herr entrissen.«

Das ist für uns das Problem – das Problem der Angst und der Suche nach Halt in der Seelsorge.

Und so frage ich mich: Haben wir, liebe Mitbrüder im Bischofsamt, Angst? Wovor haben wir Angst? Und wenn wir sie haben, welchen Halt suchen wir in unserem Leben als Hirten, um Sicherheit zu haben? Suchen wir etwa die Unterstützung derer, die in dieser Welt Macht besitzen? Oder lassen wir uns vom Stolz täuschen, der nach Befriedigung und Anerkennung strebt, und meinen wir, da sicher zu sein? Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, worauf gründen wir unsere Sicherheit?

Das Zeugnis des Apostels Petrus erinnert uns daran, dass unsere wahre Zuflucht das Vertrauen auf Gott ist: Es vertreibt alle Angst und macht uns frei von jeder Versklavung und aller weltlichen Versuchung. Heute fühlen wir – der Bischof von Rom und die anderen Bischöfe, besonders die Metropoliten, die das Pallium empfangen haben – uns vom Beispiel des heiligen Petrus aufgerufen, unser Vertrauen auf den Herrn zu überprüfen.

Petrus gewann die Zuversicht zurück, als Jesus dreimal zu ihm sagte: »Weide meine Schafe!« (Joh 21,15.16.17). Und zugleich bekannte er, Simon, dreimal seine Liebe zu Jesus und machte so die dreifache Verleumdung während der Passion wieder gut. Petrus fühlt, wie die Wunde jener Enttäuschung, die er dem Herrn in der Nacht des Verrates bereitet hatte, noch in seinem Innern brennt. Nun, da dieser ihn fragt: »Liebst du mich?«, verlässt Petrus sich nicht auf sich selbst und auf die eigenen Kräfte, sondern auf Jesus und seine Barmherzigkeit: »Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe« (Joh 21,17). Und hier verschwindet die Angst, die Unsicherheit, der Kleinmut.

Petrus hat erfahren, dass die Treue Gottes größer ist als unsere Treulosigkeiten und stärker als unsere Verleumdungen. Er wird sich bewusst, dass die Treue des Herrn unsere Ängste vertreibt und alle menschliche Vorstellung übersteigt. Auch an uns richtet Jesus heute die Frage: »Liebst du mich?« Er tut das gerade deshalb, weil er unsere Ängste und unsere Mühen kennt. Petrus weist uns den Weg: ihm vertrauen, der über uns „alles weiß“, indem wir nicht auf unsere Fähigkeit bauen, ihm treu zu sein, sondern vielmehr auf seine unverbrüchliche Treue. Jesus verlässt uns nie, denn »er kann sich selbst nicht verleugnen« (2 Tim 2,13). Er ist treu. Die Treue, die Gott auch uns Hirten über unsere Verdienste hinaus unaufhörlich beweist, ist die Quelle unserer Zuversicht und unseres Friedens. Die Treue des Herrn uns gegenüber erhält in uns immer den Wunsch lebendig, ihm und den Mitmenschen in Liebe zu dienen.

Die Liebe Jesu muss Petrus genügen. Er darf nicht der Versuchung zur Neugier, zum Neid nachgeben wie damals, als er Johannes in der Nähe sah und Jesus fragte: »Herr, was wird denn mit ihm?« (Joh 21,21). Jesus aber antwortete ihm auf diese Versuchung: »Was geht das dich an? Du aber folge mir nach!« (Joh 21,22). Diese Erfahrung des Petrus ist eine wichtige Botschaft auch an uns, liebe Erzbischöfe und Brüder. Der Herr wiederholt heute mir, euch und allen Hirten: Folge mir nach! Keine Zeit verlieren in Fragen oder nutzlosem Gerede; halte dich nicht bei Nebensächlichkeiten auf, sondern sieh auf das Wesentliche und folge mir nach. Folge mir nach trotz der Schwierigkeiten. Folge mir nach in der Verkündigung des Evangeliums. Folge mir nach mit dem Zeugnis eines Lebens, das dem Geschenk der Tauf- und der Weihegnade entspricht. Folge mir nach, indem du zu denen über mich sprichst, bei denen du lebst, Tag für Tag, in der Mühe der Arbeit, im Dialog, in der Freundschaft. Folge mir nach, indem du das Evangelium allen verkündest, vor allem den Geringsten, damit niemandem das Wort des Lebens fehlt, das allen Ängsten entreißt und Vertrauen schenkt auf die Treue Gottes. »Du aber folge mir nach!«

© Copyright - Libreria Editrice Vaticana