Wunderbare Brotvermehrung

Impuls zum 17. Sonntag im Jahreskreis

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 27. Juli 2012 (ZENIT.org). - In der Szene der wunderbaren Brotvermehrung steht uns Jesus Christus wieder in seiner liebenswürdigen Menschlichkeit vor Augen. Welch ein eindrucksvolles Bild: die Menschen lauschen auf Jesu Worte. Und es ist nicht einfach eine große Menschenmenge, es sind an die zehntausend Menschen! Wie eindringlich und machtvoll muss er gesprochen haben!

Der Evangelist Johannes sagt nichts über den Inhalt seiner Rede. Vielleicht war es auch nicht eine Ansprache, sondern ein Gespräch, oder beides. Die Leute sind von ihm begeistert. Einerseits wegen der „Zeichen, die er an den Kranken tat“ (Joh 6,2 ff), andererseits aber sicher auch wegen seiner Worte vom Reich Gottes, von denen er allerdings nur in Gleichnissen spricht. Der Schatz im Acker, die kostbare Perle.

Vergessen wir nicht, dass es für die Menschen damals nicht so einfach war zu begreifen, was Jesus mit dem Wort vom Reich eigentlich sagen wollte: dass das ewige Leben bei Gott erstens erstrebenswert und zweitens erreichbar ist. Die Vorstellung des antiken Menschen vom Jenseits war düster, selbst die gläubigen Juden erwarteten im Jenseits den „Scheol“, die Unterwelt. Was mit den Guten geschah, war unklar, jedenfalls kein Begriff vom Himmel in unserem heutigen Verständnis, das wir ja ihm, Christus verdanken. Auch für die guten Menschen war der Himmel verschlossen. Das äußerste war – Jesus selber gebraucht diesen Ausdruck im Zusammenhang mit dem armen Lazarus – der „Schoß Abrahams“ (Lk 16, 19-31), eine Art natürliche Glückseligkeit ohne die unendlich beglückende Anschauung Gottes.

Jesus ist kein Professor, der seine Vorlesung hält und dann seiner Wege geht. Er macht sich Gedanken über diese Menschen, von denen er oft den Eindruck hat, dass sie wie Schafe sind, die keinen Hirten haben. Und hier zeigt sich die umfassende Liebe, die Gott zu den Menschen hat. Er sorgt sich nicht nur um ihr ewiges Heil, sondern hat auch ihr leibliches Wohl im Auge. Ja, er gibt zu verstehen, dass er sich selbst dafür verantwortlich fühlt sie zu beköstigen: „Philippus, wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“. In unserer heutigen Gesellschaft kommt es nur ausnahmsweise vor, dass sich an einen Vortrag ein Imbiss (meist nur sog. finger food) anschließt, und wenn, dann nur in den gehobenen Kreisen, und auf keinen Fall zum Sattwerden. Jesu Lehre dagegen, die alle Weisheit der Welt weit übersteigt, ist nicht nur für die Vornehmen, sondern für alle gedacht, und allen gilt zugleich auch seine Sorge um den ganzen Menschen.

Nun gibt es in dieser konkreten Situation natürlich ein großes logistisches Problem. Tausende von Menschen in freier Landschaft und sozusagen aus dem Stand zu verpflegen, würde auch uns bei unseren heutigen Möglichkeiten schwer fallen. „Er selbst wusste, was er tun wollte“, sagt der Evangelist. Er wird ein Wunder wirken. Wir wollen uns hier nicht mit der Frage aufhalten, ob das wirklich ein Wunder war. Die Zeit, wo man die Wunder der Bibel „natürlich“ erklären wollte („Und die Bibel hat doch recht“), ist eigentlich vorbei. Wenn Jesus Gott ist, und Gott allmächtig ist, dann ist es keine Frage, dass der Herr so etwas Erstaunliches wirklich tun kann.

Aber gleichzeitig sehen wir, dass der Herr unbedingt die freie Mitwirkung des Menschen will, selbst wenn diese sehr begrenzt ist. Für die wunderbare Brotvermehrung braucht er natürlich nicht den „Grundbestand“ von fünf Gerstenbroten. Gott „braucht“ grundsätzlich gar nichts. Für uns Menschen ist es immer ein langer Weg, bis wir begreifen, dass es unser ganz großes Glück ist, wenn wir Gott bei seinen Werken „assistieren“ dürfen, auch wenn unsere Mitwirkung sich in engen Grenzen bewegt. Und Gott ist geduldig.

Am Schluss, als alle satt geworden sind und die Bedeutung des Wunders erkannt haben, da wollen sie ihn in ihre Gewalt bringen und ihn zum König machen. Jesus aber zieht sich zurück.

Haben die Menschen begriffen, was diese außerordentliche Begebenheit ihnen sagen sollte? Vermutlich tun auch wir selbst uns schwer damit. Zunächst kommt einem der Gedanke: das wäre doch die ideale Lösung. Man macht diesen Mann zum König, und von oben, aus seiner Machtposition, wird er unendlich viel Gutes tun können. Die Menschen brauchen nicht mehr zu hungern, die Kranken werden geheilt. Sie müssen nur die Macht dieses neuen Königs anerkennen, was ihnen wahrscheinlich nicht besonders schwer fallen dürfte. Er würde ja für alles sorgen.

Und gerade das will Jesus nicht.

In diesem außergewöhnlichen Fall hat er ein Wunder gewirkt, weil es notwendig war, aber auch um den Menschen zu zeigen, dass er Macht hat. Dann aber will er auch, dass die Menschen seine Macht richtig verstehen. Sie ist nicht dazu da, den Menschen Mühe und Arbeit abzunehmen. Was sie selber tun können, sollen sie tun und nicht auf  ein Wunder spekulieren. Seine Allmacht will er vielmehr dazu gebrauchen, den Menschen den Weg zum Himmel zu weisen. Das soll das Wichtigste sein. Wenn das klar ist, wird er den Menschen, die er ja liebt, auch immer helfen, mit ihren irdischen Sorgen fertig zu werden. Die zwölf Körbe übrig gebliebenes Brot sollten zeigen, dass die Hilfe Gottes nicht nur ausreichend, sondern immer überreich ist. Im Himmel wie auf Erden.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.