Wunsch nach Wirkung der Papstworte auf christliche politische Führungskräfte im Nahen Osten

Gedanken des nationalen Direktors der Päpstlichen Missionswerke im Libanon, Pater Paul Karam

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BEIRUT, 14. September 2012 (ZENIT.org). - „Es herrscht gleichsam eine stillschweigende Übereinkunft zwischen allen politischen Oberhäuptern, die permanenten Konflikte ruhen zu lassen, um offen für die Ankunft des Papstes und seine Botschaft zu sein“.

Diesen Eindruck schildert Pater Paul Karam, der nationale Direktor der Päpstlichen Missionswerke im Libanon, im Gespräch mit der Agentur Fides. Dem jungen Geistlichen zufolge handle es sich um eine wohltuende Reflexionspause, die für alle notwendig sei. Es gelte, Raum für eine politische Praxis zu schaffen, die das allgemeine Wohl des Volkes fördere, anstatt den politischen Fraktionskrieg  zur Herrschaft der einen über die anderen zu nähren.

Pater Federico Lombardi, der Direktor des Vatikanischen Pressesaals, betonte, dass Benedikt XVI. sich nicht als „mächtiger politischer Führer“ in den Libanon begebe. Aus diesem Grund könne sein Besuch neue Wege des zivilen Zusammenlebens aufzeigen. Pater Karam fand dazu folgende Worte: „Die Einfachheit und Wesentlichkeit der Lehre Benedikts XVI. ist ein Ausdruck dafür, dass die Möglichkeit zum Dialog allgegenwärtig ist.“

Aufgrund seiner geopolitischen Lage befindet sich der Libanon im Zentrum intensiver Spannungen. Pater Karma räumt ein: „Unser Land befindet sich zwischen Syrien und Israel. Bei uns könnte Friede herrschen, doch unser Schicksal wird stets von den politischen und militärischen Plänen anderer bestimmt. Die großen Spiele der Welt werden auf unserem kleinen Territorium ausgetragen. Doch wie Johannes Paul II. bereits sagte, enthält die Situation des Libanon gerade deshalb auch eine Botschaft: Alle Menschen sollen begreifen, dass der Dialog gerade hier das Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen und Interessen ermöglicht.“

Pater Karam hegt den Wunsch, dass vor allem die christlichen politischen Führungskräfte den Worten des Papstes Gehör schenken und diese beherzigen mögen. Er führt aus: „Ihre Berufung besteht darin, im Rahmen ihres Einsatzes als Zeugen ihrer Taufe zu wirken, sich als Kinder Gottes zu erweisen und den politischen und zivilen Einrichtungen gegenüber stets der Lehre Jesu zu folgen: Cäsar sei gegeben, was Cäsar gehört. Gott sei gegeben, was Gott gehört.“

Vor dem Hintergrund der erschütternden Vorgänge im Mittleren Osten erteilt der Papst den Christen den Auftrag, Zeichen der Versöhnung zu sein. In diesem Zusammenhang kommt der Kirche nach den Worten von Pater Karam folgende Rolle zu: „Die Kirche kann niemals als politische Partei auftreten. Sie ist für alle Menschen und hat das Wohl aller im Sinne. Die Bekundung der kirchlichen Zugehörigkeit darf auch im Fall der christlichen politischen Oberhäupter niemals den Zwecken eines politischen Machtblockes dienen, der sich wiederum im Krieg mit anderen politischen Fraktionen  befindet. Wenn dies geschieht, dann werden der Name Christi und der Name der Kirche für niedere Machtkämpfe verkauft.“

Durch die Treue zu dieser Berufung können laut Pater Karam auch Realismus und Weitblick in die Betrachtungsweise der Machtkämpfe im Mittleren Osten Eingang finden. „In Syrien herrschte eine Diktatur. Doch bisher hat der Weg des bewaffneten Konfliktes lediglich Todesopfer gefordert, Menschen zu Flüchtlingen gemacht, zur Zerstörung von Häusern geführt und viel Leid verursacht. Der Friede gedeiht auf dem Boden der Gerechtigkeit. Solange keine Gerechtigkeit herrscht, wird kein Friede über den Mittleren Osten kommen, und man wird sich weiterhin auf dem dünnen Seil  zwischen autoritären Regimen und Theokratie bewegen“, bemerkt Pater Karam abschließend.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]