„Würde Paulus heute leben, so wäre er ein Journalist“

Interview mit Pater Silvio Sassi, Generaloberer der St. Paulus Gesellschaft

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ROM, 5. Juli 2007 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. rief am 28. Juni, am Vorabend des Hochfests der Apostelfürsten Petrus und Paulus, für die Zeit vom 28. Juni 2008 bis zum 29. Juni 2009 ein weltweites „Paulus-Jahr“ ausgerufen. Anlass für das Jubiläumsjahr zu Ehren des Völkerapostels ist seine Geburt vor 2000 Jahren.



Der Generalobere der St. Paul Gesellschaft („Societas Sancti Pauli“, www.stpauls.it) erklärte gegenüber ZENIT, warum der Gründer dieser 1914 gegründeten Einrichtung der katholischen Kirche, Don Giacomo Alberione, eine neue Gemeinschaft gründen wollte, um das Evangelium in den Spuren des heiligen Paulus zu verkünden.

Don Silvio Sassi sieht den heiligen Paulus als Vorbild dafür an, die Einheit in der Vielfalt des Glaubenslebens zu bewahren – „sowohl unter den christlichen Konfessionen als auch innerhalb der katholischen kirchlichen Gemeinschaft selbst“.

ZENIT: Ein ganzes Jahr, um über den heiligen Paulus nachzudenken: Was ist für Sie das Faszinierendste am Apostel Paulus?

-- Pater Silivio Sassi: Unter den vielen Eigenschaften des Pharisäers Saulus, der zum Apostel Jesu Christi geworden ist, überrascht mich die enge Verbindung, die er zwischen der persönlichen Begegnung mit dem Auferstandenen und der Predigttätigkeit, vor allem unter den Heiden, hergestellt und gelebt hat.

Diese untrennbare Verbundenheit bringt er mit den Worten zum Ausdruck: „Für mich ist Christus das Leben“ (Phil 1,2). Sie bilden die Zusammenfassung seines „Ich bin allen alles geworden“ (vgl. 1 Kor 9,22). Seine Mission entspringt nicht einem fanatischen Proselytismus, sondern einer persönlichen Erfahrung, die er allen mitteilen will.

ZENIT: Die Mitglieder der Paulus-Gesellschaft haben Paulus als Bezugsperson. Worin zeichnet sich die Spiritualität der Paulus-Gesellschaft aus?

-- Pater Silvio Sassi: Der selige Giacomo Alberione (1884-1971), Gründer der St. Paulus Gesellschaft und anderer Institutionen, die heute die paulinische Familie bilden, ließ sich während seines ganzen, überaus fruchtbaren Lebens vom Wunsch leiten, „der heilige Paulus zu sein, der heute lebt“.

Vor allem diese Frage inspirierte ihn: „Was würde der heilige Paulus tun, wenn er heute lebte?“ Die angemessenste Antwort fand Don Alberione seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in einem geläufigen Wort jener Zeit: „Würde er heute leben, so wäre der heilige Paulus ein Journalist.“

Da er die Anfänge einer Kongregation begründete, die sich seit dem Jahr 1914 ganz der Predigttätigkeit widmet – zunächst mit Hilfe der Presse, dann mit Hilfe der Massenmedien und heute mit Hilfe der multimedialen Kommunikation und dem Internet –, hat Don Orione sie ohne zu zögern „Gesellschaft des hl. Paulus“ genannt.

ZENIT: Besitzt die Paulus-Gesellschaft einen besonderen „Stil“, was die Evangelisierungstätigkeit anbelangt?

-- Pater Silvio Sassi: Die Paulus-Gesellschaft und später die gesamte paulinische Familie sind eine Frucht des Heiligen Geistes, der durch den seligen Alberione wirkte, und sie wurden von den kirchlichen Autoritäten als Gesellschaft mit einer „pastoralen“ Zielsetzung approbiert.

In dem historischen Augenblick, in dem die Presse zu einer gesellschaftlichen Macht wurde; später, als die Massenmedien entstanden und sich konsolidierten, und heute, mit der digitalen Kommunikation, äußert sich der „paulinische Stil“ der Evangelisierung in der Sorge, eine Begegnung mit Gott in allen Formen und in allen Sprachen der Kommunikation möglich zu machen.

Keine Form der Kommunikation ist der Evangelisierung fremd: Gott kann dem Menschen begegnen, und der Mensch kann Gott entdecken.

Wer meint, dass die Begegnung mit Gott an bestimmte Situationen oder bestimmte Formen der menschlichen Kommunikation gebunden wäre, bindet der barmherzigen Vorsehung Gottes die Hände. Die Erfahrung all derer, die an die davon überzeugt sind, dass es sich lohnt, Gott in der Welt der Kommunikation sichtbar zu machen, beweist das Gegenteil dieser vorschnellen Theorien.

ZENIT: Wenn man an den heiligen Paulus denkt, kommt einem sofort in den Sinn, dass er viel reiste und schrieb. Denken Sie, dass die Evangelisierung auch heute mit vielen Reisen und viel Schreiben verbunden ist?

-- Pater Silvio Sassi: Die Predigttätigkeit des heiligen Paulus verwirklicht sich in der persönlichen Begegnung, durch die Reisen und durch seine Gegenwart in den Briefen. Er war der erste in der urchristlichen Gemeinde, der einen Brief verfasste, um der Unmöglichkeit einer Kommunikation von Angesicht zu Angesicht beizukommen.

In der Evangelisierung von heute sind beide Formen der Predigttätigkeit notwendig, und sie ergänzen sich gegenseitig.

Die Pastoraltätigkeit in jeder einzelnen Pfarrgemeinde bevorzugt die Predigt in einer zwischenmenschlichen Beziehung oder in der Gruppe; die Pastoraltätigkeit in der Welt der Kommunikation kennt keine geographischen oder gruppenbedingten Grenzen.

Don Alberione sagte uns Mitgliedern der Paulus-Gesellschaft oft: „Eure Pfarrei ist die Welt“. Er wollte uns damit klar machen, dass unsere Gläubigen alle Menschen sind, die wir durch die Kommunikationsmittel erreichen können.

ZENIT: Kann der heilige Paulus zum Fortschritt in der Ökumene beitragen?

-- Pater Silvio Sassi: In der Urgemeinde hat der heilige Paulus von Gott einen ganz klar umrissenen Auftrag erhalten: den Heiden den auferstandenen Christus zu predigen.

Bei der Verwirklichung dieser Sendung verstand er es, in voller Gemeinschaft mit Petrus und den anderen „Säulen“ der Kirche zu stehen; gleichzeitig aber behauptete er seine Interpretation, um das Christentum von den jüdischen Bräuchen loszulösen.

Somit kann er als Vorbild betrachtet werden, die Einheit in der Vielfalt des Glaubenslebens zu leben – sowohl unter den christlichen Konfessionen als auch innerhalb der katholischen kirchlichen Gemeinschaft selbst. Nach Paulus hat das fruchtbare Zeitalter der Kirchenväter diese Verschiedenheit der Sensibilität bestätigt. Auch in der Kirche ist die Geschichte Lehrmeisterin des Lebens. Von der Vergangenheit kann man Antworten für die Gegenwart erhalten.