Zahlreiche Probleme, aber erster historischer Schritt

Eine Analyse des am Sonntagabend im Vatikan abgehaltenen Gebetstreffens

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Giuseppe Rusconi | 285 klicks

Am Ende zeigten sich zufriedene Gesichter. Pater Lombardi und der Substitut im Staatssekretariat Angelo Becciu erkennen in dem Ereignis, das sich am Ende des Nachmittags in den Vatikanischen Gärten vollzog, eine starke Symbolkraft und das Potential, neue Wege des Friedens im Nahen Osten zu ebnen. Erfreut zeigt sich auch die vom Papst eingeladene Margaret Karam, die in Haifa, Galiläa, geboren wurde und das Friedensgebet des hl. Franziskus in arabischer Sprache verlas.

Dennoch bedauert eine sich für den Dialog zwischen Israel und Palästina bemühende Anhängerin der Fokolar-Bewegung, dass einige muslimische Leser den schriftlich vorbereiteten Text aus dem Stegreif um überaus harte Sätze ergänzten, die das Klima des Treffens nicht widerspiegelten.

Diese Bemerkung machten auch einige italienische Mitglieder der Israelischen Delegation: „Es entstand der Eindruck, dass ein Teil der Anwesenden wahrhaft um den Frieden betete, während der andere eher einen Sieg erbat“. Seitens der jüdischen Gruppe wurde der kurz bevorstehende Besuch des Papstes in der Synagoge von Rom bestätigt: „Macht euch bereit, ich komme bald“, so Papst Franziskus vorgestern.

Was bleibt vom Aufruf zum Frieden an diesem späten Sonntagnachmittag, unter einer immer noch sengenden Sonne, an einem für sich genommen bereits außergewöhnlichen Ort: eine von zwei hohen Hecken umgebene und der Kuppel des Petersdoms zugewandte offene Wiese innerhalb des Vatikans?

Zunächst der Umstand, dass er stattgefunden hat, und zwar innerhalb des Vatikans, des ‚Hauses des Papstes‘, mit genau diesen Teilnehmern und den damit verbundenen – auf der Ebene der internationalen und interreligiösen Beziehungen hoffentlich positiven – Konsequenzen. Manche betrachten die Begegnung als einzigartig. Tatsächlich gibt es keinen Präzedenzfall in der Geschichte, da auch im Heiligen Jahr 2000, am Tag des interreligiösen Dialogs, die Vertreter der verschiedenen Religionen an getrennten Orten außerhalb des Vatikans gebetet und sich anschließend im Nervi-Saal getroffen hatten.

Erwähnenswert ist auch das stark geistliche Klima der Begegnung, das zur Betrachtung anregte, zum Beispiel durch die musikalischen Zwischenspiele und Gebete wie den Lobpreis an Gott für das Geschenk der Schöpfung, die Bitte um Vergebung und die Bitte um Frieden im Heiligen Land – wobei der letztgenannte Teil möglicherweise von muslimischer Seite in Bezug auf Jerusalem etwas verwischt wurde.

Sehr bewegend war die Rede des Papstes, von der zwei Gedanken besonders hervorzuheben sind: „Frieden zu stiften erfordert viel mehr Mut, als einen Krieg zu führen“ und „Die Geschichte lehrt uns, dass unsere Kraft allein nicht genügt. (…) Verzichten wir nicht auf unsere Verantwortung, aber rufen wir Gott als Akt der äußersten Verantwortlichkeit gegenüber unserem Gewissen und unseren Völkern an“.

Bewegt hielt der Präsident Israels Shimon Peres eine berührende Rede, sowohl unmittelbar nach der Erwähnung des Buchs der Psalmen („Bittet um Frieden für Jerusalem! Mögen jene, die dich lieben, in Sicherheit leben! Möge in deinen Mauern Friede sein und Sicherheit in deinen Palästen“ …) als auch im Zitat Jesaias am Ende: „Sie werden ihre Schwerter in Pflüge verwandeln und ihre Lanzen in Sicheln. Ein Volk wird die Schwerter nicht mehr gegen ein anderes Volk erheben und die Kunst des Krieges nicht mehr ausüben.“ Eine weitere sicherlich sehr leiderfüllte und wohlüberlegte Passage von Shimon Peres ist die folgende: „Der Friede fällt nicht leicht. Wir müssen all unsere Kraft einsetzen, um ihn zu erreichen, um ihn bald zu erreichen. Auch wenn dies Opfer und Kompromisse erfordert“.

Bedeutungsvolle Worte sprach auch Abu Mazen, dessen Mut zur persönlichen Teilnahme an einem für einen Teil der muslimischen Welt erstmals stattfindenden Treffen erwähnt werden muss: „Daher bitten wir den Herrn um Frieden im Heiligen Land, in Palästina und Jerusalem und für die Völker dieser Länder. Wir bitten dich darum, Palästina und Jerusalem vor allem zu einem für alle Gläubigen sicheren Land zu machen, zu einem Ort des Gebetes und des Kultes für die Anhänger aller drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – und für all jene, die dem Koran gemäß als Besucher kommen wollen.“

Wie verhielt es sich mit dem Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel? An einem von den anderen drei Teilnehmern gesonderten Ehrenplatz las er einen berühmten Text von Jesaia als ersten Teil des christlichen Gebets: „So glaube ich wahrlich an neue Himmel und eine neue Erde (…) Der Wolf und der Engel werden gemeinsam weiden, der Wolf wird das Stroh wie ein Ochse fressen, doch die Schlange wird Staub fressen“. Der orthodoxe Patriarch pflanzte daraufhin gemeinsam mit dem Papst und den Präsidenten Israels und Palästinas einen Olivenbaum in der Nähe der Sitzplätze aller. Dieses Bild der vier alten Männer, die mit der Schaufel in der Hand um den Olivenbaum des Friedens versammelt sind und auf deren Schultern die schwere Verantwortung gegenüber ihren Völkern und der ganzen Welt lastet, löste Gefühle der Zärtlichkeit und der Hoffnung aus.

Uns ist nicht bekannt, worüber die vier anschließend im Haus des hl. Pius V. gesprochen haben. Sie waren alleine. Es kam zu einer Begegnung zwischen Institutionen und Völkern – die daher zweifellos einen politischen Charakter hatte –, aber vor allem zu einem Gebetstreffen im Bestreben, auch dort neue Wege zu ebnen, wo die Politik bisher – wie Papst Franziskus in seiner Rede ausdrücklich eingeräumt hatte – gescheitert ist.

Handelt es sich um eine Illusion? Wird Peres bald die institutionelle Ebene Israels verlassen? Ist der pragmatische Netanyahu in Israel der Stärkere? Möchte Israel den Bau von Sperranlagen im Westjordanland ausweiten? Wird Mahmud Abbas sich immer auf einem seidenen Faden fortbewegen? Das alles sind berechtigte Fragen.

Einstweilen wurde jedoch ein erster Schritt in eine ungewohnte Richtung gegangen. Vielleicht wird diese sich ja auch als die richtige Richtung erweisen, Dank dem Heiligen Geist, der weht, wo er will. Gestern wurde Pfingsten gefeiert: Möge der Geist des lebendigen Gottes in uns die Liebe, den Frieden, die Freude vergrößern. Dem Wirken des Heiligen Geistes sollen keine Grenzen gesetzt werden.

(Quelle: Rossoporpora)