Zeichen des guten Willens

Wie ein amerikanischer Rabbiner die christlich-jüdischen Beziehungen beurteilt

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Von Rabbi Jacob Neusner

WÜRZBURG, 11. Mai 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Der Besuch des Papstes bestätigt, dass die katholische Kirche das Recht des jüdischen Volkes auf die Errichtung eines jüdischen Staats im Land Israel anerkennt. Als Theodor Herzl, der im Jahr 1897 den Zionistischen Weltkongress einberief, päpstliche Unterstützung für den Plan suchte, einen jüdischen Staat zu gründen, wurde er abgewiesen. Man erklärte ihm, die katholische Kirche würde nur dann einen jüdischen Staat befürworten, wenn die Juden Christus akzeptierten. Die katholische Kirche hat lange eine negative Position im Hinblick auf einen jüdischen Staat eingenommen. Das hat sich geändert - und zwar zum Guten geändert. Der Papstbesuch bestätigt, dass die Katholiken die Rechtmäßigkeit des Staates Israel und sein Recht, in Frieden zu leben, unterstützen. Das hat weltweite Auswirkungen. Die katholisch-jüdischen Beziehungen überall auf der Welt werden weiterhin ein Zeichen des guten Willens sein und Zusammenarbeit und Freundschaft fördern. Ein gemeinsames Vorgehen in moralischen und ethischen Fragen kann für die Weltordnung nur ein Segen sein.

Ich kann weder bei der katholischen Kirche im Allgemeinen, noch bei Papst Benedikt XVI. im Besonderen irgendeine Form von bösem Willen und erst recht keinen Rassenhass feststellen. Die Zweite Vatikanische Konzil und die darauf folgenden Päpste haben, was die Ablehnung von Rassismus und Antisemitismus - einschließlich der Leugnung des Holocaust - anbelangt, eine kompromisslose Haltung eingenommen. Bischof Williamson, der ein Überbleibsel einer alten, nicht mehr anerkannten katholischen Tradition darstellt, ist - entsprechend dem, was Jules Isaac als „Lehre der Verachtung" bezeichnet hat - ein Antisemit.

Doch sowohl die Päpste Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul II. sowie deren Nachfolger Benedikt XVI. als auch die Dekrete des Zweiten Vatikanums haben nun eine andere Denkströmung als normativ eingeführt und bestätigt, in der das jüdische Volk als Träger des Bundes mit Gott anerkannt wird. Der Apostel Paulus sah die Christenheit in seinem Brief an die Römer als in den Ölbaum Israel, in das jüdische Volk „eingepfropft". Diese Denkströmung ist nun vorherrschend und maßgeblich.

Zur neuformulierten Karfreitagsfürbitte möchte ich anmerken: Wenn Katholiken darum beten, dass Gott die Herzen der Juden erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen, fühle ich mich dadurch eher „verwundert" als angegriffen. Auf der einen Seite finden sich in allen universalistischen Religionen Gebete für die Bekehrung der ganzen Menschheit. Auf der anderen Seite: Warum werden gerade die Juden besonders herausgegriffen? Das Zweite Vatikanum und die päpstlichen Aussagen im Geiste des Konzils haben den dauerhaften Bund zwischen Gott und Israel, zwischen Gott und dem jüdischen Volk, anerkannt. Es ist nicht konsequent, dafür zu beten, dass die Träger des Bundes ihr Erbe der Tora ablehnen. Und das würde die Bekehrung zu Christus bedeuten. Der heiligmäßige Theologe des Judentums, Abraham Heschel, erklärte das mit den Worten, das bedeute, auf die Tora zu verzichten und sie verschlossen zu lassen: Ist es das, um was die Christen Gott bitten möchten? Doch angegriffen fühle ich mich nicht, wenn die Christen für meine Bekehrung beten - sie meinen es gut. Wenn ich zum Schluss des jüdischen Gottesdienstes das Alenu-Gebet spreche, dann bete ich, dass alle Völker die Einheit Gottes anerkennen mögen, und ich danke Gott, dass er mich zu einem Israeliten gemacht hat und nicht wie die Völker der Erde. Auch ich meine es gut.

[Der Autor ist Professor für Geschichte und Theologie des Judentums am Bard College in New York und Verfasser des Buches „Ein Rabbi spricht mit Jesus", auf das Papst Benedikt XVI. in seinem Jesus-Buch häufig Bezug genommen hat; Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller; Die Tagespost vom 9. Mai 2009]