Zentralafrikanische Republik: "Die Lage wird immer schlimmer"

Mehr als 3500 Häuser in der Diözese Bouar niedergebrannt, tausende Menschen auf der Flucht

Wien, (KIN Ös) | 403 klicks

Von einer dramatischen Verschlimmerung der Lage in der Diözese Bouar im Norden der Zentralafrikanischen Republik berichtet der Missionar Pater Aurelio Gazzera dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“. „In den vergangenen Tagen haben sich die Ereignisse überschlagen, und die Aggressivität der Rebellen hat zugenommen“, so der italienische Karmelit. Mehr als 3.500 Häuser wurden allein in der Ortschaft Bohong niedergebrannt. Es hätten sich „apokalyptische Szenen“ abgespielt. Dabei habe es zahlreiche Tote gegeben, deren Leichen noch immer in den Straßen lägen.

6.500 Flüchtlinge sind seit August in Bozoum eingetroffen, wo sich eine der fünf Missionsstationen der Karmeliten befindet. Zigtausende weitere Menschen seien auf der Flucht. Viele von ihnen versteckten sich aus Angst vor den Rebellen im Busch, berichtet Pater Gazzera. „Sie sind schwer traumatisiert und haben alles verloren.“ 

In mehreren Orten rund um die Stadt Bossangoa kam es in den vergangenen Tagen zu schweren Kampfhandlungen, bei denen mindestens 60 Menschen ums Leben kamen. Mehr als 30.000 Menschen, rund 80 Prozent der Einwohner, sind geflohen „Die Lage ist sehr verwirrend. Einerseits wird gesagt, Anhänger des entmachteten ehemaligen Präsidenten Bozize hätten sich Gefechte mit der Séléka geliefert; andererseits hat mir ein Augenzeuge, der von Bossangoa aus zu Fuß nach Bozoum geflohen ist, berichtet, alles habe damit angefangen dass die Séléka mit jugendlichen Bewohnern des Ortes gekämpft habe“, erklärt Gazzera. Es handele sich um ein „hochgefährliches Gemisch aus verschiedenen bewaffneten Gruppierungen und einer zunehmenden Gewaltbereitschaft der Séléka-Rebellen“, die im März dieses Jahres die Macht im Land an sich gerissen hätten.

Große Sorgen bereiten dem Missionar, der seit 20 Jahren in der Zentralafrikanischen Republik tätig ist, die zunehmenden Konflikte zwischen Muslimen und Christen. Bislang ist das Zusammenleben laut Gazzera gut gewesen. Aber die Ankunft von muslimischen Rebellen aus dem Sudan und dem Tschad, die nur Arabisch sprechen, habe „vieles zerstört“. Auch bei den Übergriffen der vergangenen Tage sei, wie es bei den Angriffen der Séléka die Regel sei, „kein einziges muslimisches Haus niedergebrannt worden“. Es habe sogar mehrere Fälle gegeben, dass muslimische Jugendliche den Rebellen gezeigt hätten, welche Gebäude und Einrichtungen sie niederbrennen oder plündern sollten. „Es ist, als habe der Putsch im März diesen Jahres das Schlimmste, was im menschlichen Herzen ist, zum Vorschein gebracht“, beklagt der Karmelit. 

„Es ist schwierig zu sagen, wie die Entwicklung weitergehen wird“, so Gazzera. „Es ist möglich, dass es zu einem erneuten Aufflammen der Kampfhandlungen kommen wird. Aber auch so wird der Wiederaufbau Jahre dauern – der Wiederaufbau der Gebäude, aber, was noch wichtiger ist, der innere Wiederaufbau der Menschen. Die Menschen sind verbittert, aber sie tragen ihr Los auch mit großer Würde. Trotz allem sieht man keinen Hass oder Wut gegen diejenigen, die ihnen dies alles zufügen. Die Menschen sind allerdings sehr müde, weil nichts funktioniert. Der Staat ist abwesend. Man hat Angst vor der Zukunft und sieht kein Licht am Ende des Tunnels. Und es scheint, dass niemand alles das hört und dass nichts für eine Lösung getan wird. Aber zugleich ist der Glaube groß: Der Satz, den man am häufigsten hört, ist ‚NZAPA A YEKE‘ – ‚Gott ist da‘“.