"Zeugen die uns helfen, die Schönheit des Glaubens wiederzu-entdecken"

Interview mit Don Arturo Cattaneo, Herausgeber des Buches "Von Gott überrascht"

Rom, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 301 klicks

Anlässlich des Erscheinens des Buches „Von Gott überrascht. Die Kraft des Glaubens in Zeugnissen“ veröffentlichen wir ein Interview mit dem Herausgeber des Bandes, Arturo Cattaneo, Professor an der Theologischen Fakultät Lugano und Priester des Opus Dei. Das Vorwort des Buches trägt die Unterschrift von Msgr. Rino Fisichella, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung.

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Wie ist die Idee entstanden, dieses Buch zu schreiben?

Arturo Cattaneo: Vielen scheint, der Glaube habe nichts mit dem alltäglichen Leben zu tun. Und dennoch werden immer wieder viele Menschen mitten in diesem Leben von Gott überrascht, und ihr Leben erfährt eine tiefe Erneuerung. Statt abstrakten Gedanken über die Wichtigkeit des Glaubens nachzugehen, schien mir das Zeugnis von Menschen, die sich von Gott zu einer Umkehr rufen ließen und nach dem Glauben leben, anziehender und überzeugender. Besser als ich hat es Paul VI. formuliert: „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind“ (Apost. Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 41). Msgr. Fisichella hat es in seinem Vorwort auf den Punkt gebracht: „Heute bedarf es neuer Evangelisatoren; Menschen, die mit ihrem gesamten Leben ein überzeugendes, authentisches und konsequentes Zeugnis bieten“. Zeugen also, die uns helfen, die Schönheit des Glaubens wiederzuentdecken und zu verstehen, dass der Glaube keine Last ist, sondern Flügeln gleicht, mit denen man sich in die Höhe schwingen kann. Dass er ein unermessliches Geschenk ist, von dem allen Kunde gebracht werden soll.

Weshalb titeln Sie „Überrascht von Gott“? Im Grunde steht das Thema Glaube doch seit zweitausend Jahren im Zentrum der christlichen Welt. Welche Überraschung kann es noch geben bei einem Thema, das wir schon längst kennen?

Arturo Cattaneo: Ich sage „überrascht“, weil uns niemand mehr überraschen kann als Gott. Vor allem, weil er unser Leben erneuert und es mit sämtlichen Werten bereichert. Er gibt ihm Sinn, Vertrauen, Hoffnung, Schönheit, Frieden, Freude… Hingegen gibt es nichts Belangloseres, Langweiligeres, Reizloseres, Düstereres und auch Beängstigenderes als weitab von Gott zu leben, so als ob er nichts mit unserer irdischen Existenz zu tun hätte und sich daher nicht für uns interessieren würde. Benedikt XVI. hat diesbezüglich bemerkt: „Niemand kann die Wahrheit haben. Es ist die Wahrheit, die uns hat, sie ist etwas Lebendiges. Wir sind nicht ihre Besitzer, denn wir sind von ihr umgriffen. Gott ist uns so nahe geworden, dass er selbst Mensch wurde: das muss uns immer wieder aufs Neue aufrütteln und überraschen“ (Predigt vom 2. IX. 2012).

Dreiunddreißig Zeugen sind viel. Wie haben Sie die befragten Personen geordnet?

Arturo Cattaneo: Das Buch ist zweiteilig. Der erste Teil heißt: „Wie ich zum Glauben kam“, und umfasst Bekehrungsgeschichten, welche die explosive Kraft des Handelns Gottes im Leben dessen bezeugen, der sich seiner Stimme und seiner Gnade öffnet. Es sind sehr unterschiedliche Geschichten, so wie es auch die Menschen und deren Lebensumstände sind. Und doch haben alle etwas gemein: Am Anfang steht bei ihnen ein Unbehagen, eine tiefe Unzufriedenheit. Bekehrung bedeutet zuerst gewahr werden, dass man sich im Exil befindet, seiner eigentlichen Heimat entfremdet, aus dem Herzen des Vaters entwurzelt, und dann den Weg der Rückkehr nach Hause finden.

Im zweiten Teil, überschrieben mit: „Wie der Glaube mein Leben erneuert“, wollte ich zeigen, wie das Licht des Glaubens im Betreffenden die Beziehung zu sich selbst und zu den andern von Grund auf erneuert, und auch die Beziehung zu den alltäglichen Dingen: zu Arbeit, Studium, Forschung… Aus diesem Grund wollte ich Personen aus möglichst jedem Lebensbereich zu Wort kommen lassen.

Wer kommt denn konkret zu Wort?

Arturo Cattaneo: Im ersten Teil des Buches sind das: eine frühere Skandalschauspielerin (Klaudia Koll), ein ehemals presbyterianischer Theologieprofessor (Scott Hahn), ein einstiger Atheist und Religionshasser (Christian Müller), ein ehemaliger Freimaurer-Meister (Maurice Caillet), eine ehemals agnostische Hochschulprofessorin (Janne Haaland Matlary), ein Philosophiestudent, der ohne Gott zurecht zu kommen meinte (Artur Schönhütte); weiter eine von Schmerzen schwer geplagte Mutter, die katholisch wurde (Rosmarie Nilitschka), eine ursprünglich religionslose Journalistin (Petra Edlbacher), ein katholischer Theologiestudent, erst religionslos, dann Esoteriker (Patrick Lenk), ein Schriftsteller, der das Christentum neu entdeckte (Jean-Claude Guillebaud) und eine vom Islam zum katholischen Glauben gekommene Frau (Sabatina James); schließlich der weltweit wohl bekannteste Abtreibungspionier (Bernard Nathanson), ein berühmter Verleger (Leonardo Mondadori) und ein „perfekter Atheist“ (André Frossard).

Im zweiten Teil begegnet man einem Hochschulprofessor, einem Spitzensportler (der Skilegende Pirmin Zurbriggen), einem Journalisten, einem Schauspieler, einer Ehefrau und Mutter, einem Schreiner, einer schwerkranken Frau, einer Sekretärin, einer Lehrerin, einer Köchin, einer geweihte Jungfrau, einer Studentin, einem Mönch, einem Priester und einem Papst (Franziskus).

Der Glaube ist eine Straße, die allen offensteht. Es kommen vor allem Laien, aber auch Kleriker und Ordensleute zu Wort, denn der Glaube ist allen gemeinsam, egal welchen Standes sie auch sind.

Warum sind die Zeugen des zweiten Teils zahlreicher?

Arturo Cattaneo: Der Moment der ersten Hinwendung zu Gott ist sicher entscheidend. Aber noch wichtiger ist es, dass der Glaube das tägliche Leben durchdringt. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sage ich, dass „einer der schwerwiegendsten Fehler unserer Zeit in der Spaltung bei vielen zwischen dem Glauben, den man bekennt, und dem täglichen Leben besteht“ (GS 43). Eine solche Spaltung rührt von einem Glauben her, der nicht richtig verstanden und dementsprechend nicht richtig gelebt wird. Zum Beispiel tendiert ein zu „ritualistischer“ oder „formalistischer“ Glaube dazu, vom Leben abgetrennt zu bleiben, und besitzt nicht die Anziehungskraft, die er eigentlich haben könnte. Denn der Glaube ist die freudige und persönliche Antwort auf die Liebe Gottes uns gegenüber.

Dreiunddreißig Geschichten mit ihren Besonderheiten, ihren Lichtern. Was hat Sie beeindruckt?

Arturo Cattaneo: Bei jedem Zeugnis könnte ich mich an Aussagen erinnern, die mich beeindruckt haben. Da ich mich jetzt nicht bei jeder einzelnen aufhalten kann, begnüge ich mich mit einem Gesamtüberblick: Alle zeigen, dass jede Beschäftigung – sei sie in der Arbeit, in der Familie, sozial, politisch, kulturell, künstlerisch oder sportlich – Gelegenheit bietet, den Glauben zu praktizieren. Unter den Zeugen ist auch Papst Franziskus, der feststellt: „Gott überrascht uns immer! So ist der Herr. Brüder und Schwestern, verschließen wir uns nicht dem Neuen, das Gott in unser Leben bringen will! Sind wir oft müde, enttäuscht, traurig, spüren wir die Last unserer Sünden, meinen wir, es nicht zu schaffen? Verschließen wir uns nicht in uns selbst, verlieren wir nicht die Zuversicht, geben wir niemals auf: Es gibt keine Situation, die Gott nicht ändern kann, es gibt keine Sünde, die er nicht vergeben kann, wenn wir uns ihm öffnen.“

Kehren wir zum Anfang zurück. Es gibt viele Veröffentlichungen zum Thema „Gott und Glaube“. Was ist denn das Besondere an diesem Buch, das es lesenswert macht?

Arturo Cattaneo: Ich denke, es ist interessant, die Berichte von denen zu hören, die uns auf unterschiedlichen Wegen, im Grunde genommen eine einzige Sache lehren: Wie gelangt man von einem Glauben, der sich in äußeren Gewohnheiten erschöpft, zu einem dynamischen, freien und überzeugten Glauben? Im Juli 2013 sagte Papst Franziskus im Heiligtum von Aparecida in Brasilien: „Gott hält immer das Beste für uns bereit. Aber er verlangt, dass wir uns von seiner Liebe überraschen lassen, dass wir seine Überraschungen annehmen. Vertrauen wir auf Gott! Fern von ihm erschöpft sich der Wein der Freude, der Wein der Hoffnung. Wenn wir in seine Nähe kommen, wenn wir bei ihm bleiben, verwandelt sich das, was kaltes Wasser zu sein scheint, das, was Not, was Sünde ist, in neuen Wein der Freundschaft mit ihm.“ 

Das Buch von Don Arturo Cattaneo kann man hier bestellen.