Zeugnis und Verantwortung: Hirtenwort von Bischof Walter Mixa zur österlichen Bußzeit 2006

"Es ist wirklich Zeit zur Aussaat!"

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AUGSBURG, 29. März 2006 (ZENIT.org).- "An jedem Einzelnen von uns liegt es (…), die Strahlkraft des Glaubens neu zum Leuchten zu bringen", unterstreicht Bischof Dr. Walter Mixa von Augsburg in seinem diesjährigen Fastenhirtenbrief.



Der Bischof, der am 25. April seinen 65. Geburtstag feiern wird, appelliert an die Gläubigen seines Bistums, durch das persönliche Gebet, die bewusste Mitfeier der Heiligen Messe sowie den Empfang des Sakramentes der Versöhnung "in der Anbetung Gottes" zu leben. So könne man nicht zuletzt "durch die Wertschätzung der Familie und deren Bewahrung vor Auflösungstendenzen" ein glaubhaftes christliches Zeugnis geben. "Es gibt wahrhaftig viel zu tun, da wir den suchenden Menschen, vor allem auch unseren heranwachsenden Kindern und Jugendlichen, einen Weg zu einem gelingenden Leben weisen müssen. Voraussetzung dafür ist und bleibt für jeden Einzelnen – und das gilt auch für mich –, dass wir Christus in uns Gestalt annehmen lassen, dass wir Christus in uns heilig halten."

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Kinder und Jugendliche!

Beim 20. Weltjugendtag in Köln hatte ich eine Katechese übernommen zum Thema: "Leben in der Anbetung Gottes!" Eine nicht einfache Thematik, vor allem sie jungen Leuten nahe zu bringen. Nach der Diskussion bedankten sich einige Jugendliche für die Darstellung des Themas und stellten fest, dass gerade für diese geistliche Haltung bei der Glaubensverkündigung geworben werden müsste.

Entspricht dieses Thema nicht der Botschaft Jesu zu Beginn der Fastenzeit? Deutlicher und herausfordernder zugleich kann es nicht gesagt werden: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15) Zweifellos tritt Jesus mit dem Anspruch auf, dass durch ihn und sein Wirken der unsichtbare Schöpfergott handeln wird. Es gibt allerdings eine notwendige Voraussetzung: Die Umkehr! – Das heißt sich besinnen; neu denken; sich selber fragen: Wo stehe ich gerade in meiner Beziehung zu Gott, zu mir selber, zu meinem Nächsten?

1. Öffnet eure Herzen für Jesus Christus!

Die Bereitschaft, sich zu "bekehren" und neu zu denken, bringt uns das große Geschenk der Christusfreundschaft. Ähnlich wie der verstorbene Papst Johannes Paul II., so sagt auch der jetzige Papst mit großer Eindringlichkeit: "Öffnet Eure Herzen für Jesus Christus!"

Wir begegnen heute im täglichen Leben, angefangen in den Familien, in den Schulklassen, in den Ausbildungsstätten und an den Arbeitsplätzen, nicht wenigen Menschen, die oftmals sehr kritisch nach Jesus und seiner Kirche fragen. Diese kritischen Fragestellungen dürfen uns nicht erschrecken, da sich oft ein religiöses Verlangen und ein Wunsch nach Glaubenswissen in ihnen verbergen. Wenn Jesus heute davon spricht, dass die Zeit "erfüllt" sei, dann erhebt er den Anspruch, dass in seiner Person alle Fragen nach Gott eine gültige Antwort bekommen und dass durch ihn die Sehnsucht des Menschen nach einer bleibenden Liebe und nach dauerhaftem Leben erfüllt wird. Wir sind als Christen herausgefordert, missionarisch zu bekennen und zu werben, angefangen in unseren Familien bis hinein in die Gesellschaft.

Wenn wir die Christusfreundschaft in uns wirken lassen, können wir zu Recht mit der Überzeugung auftreten: Jesus kann uns von Ängsten und von Sünden befreien und uns helfen zu einer echten Lebensbejahung. Jedem will er sagen: "Dein Leben lohnt sich, weil Gott dich von Anfang an gewollt und geliebt hat; du kannst sinnvoll und positiv leben!"

2. Gemeinsame Verantwortung aller Christen

Es ist eine bleibende Feststellung, dass die Christen von Anfang der Kirche bis zur Gegenwart herausgefordert waren, für die Hoffnung, die sie positiv leben lässt, Zeugnis abzulegen. Dies gilt für jeden getauften und gefirmten Christen, der sich damit zu Jesus Christus bekennt und bereit ist, diese Lebenshilfe anderen weiter zu geben. In unserer Zeit haben sich die Pfarrgemeinderäte – eine Gemeinschaft von Jugendlichen, Frauen und Männern – gebildet, um die Priester und die hauptberuflichen Mitarbeiter beim Missionsauftrag der Kirche zu unterstützen. Die Aufforderung Jesu an seine Jünger, in alle Welt hinauszugehen und die gute Botschaft zu verkünden (vgl. Mt 28), kann durch die tätige und gläubige Unterstützung des Pfarrgemeinderates sehr gefördert werden. Aus diesem Grund sage ich allen ein herzliches Vergelt's Gott, die sich für diese missionarische Aufgabe in unseren Pfarrgemeinden zur Verfügung stellen und sich damit wieder "neu" auf den Weg machen für Gott und die Menschen. Es gibt wahrhaftig viel zu tun, da wir den suchenden Menschen, vor allem auch unseren heranwachsenden Kindern und Jugendlichen, einen Weg zu einem gelingenden Leben weisen müssen. Voraussetzung dafür ist und bleibt für jeden Einzelnen – und das gilt auch für mich –, dass wir Christus in uns Gestalt annehmen lassen, dass wir Christus in uns heilig halten. Durch das persönliche Gebet, durch die bewusste Mitfeier der Heiligen Messe, besonders am Sonntag, durch den Empfang des großen Sakramentes der Versöhnung, der Beichte, will Christus in uns lebendig sein. So leben wir in der Anbetung Gottes und wirken glaubwürdig.

3. Bedeutung der Familie

Die wichtigsten menschlichen Beziehungen werden in der Familie grundgelegt. Durch diese positiven Erfahrungen, die das ganze Leben prägen, werden auch die Herzen für die Gemeinschaft des Glaubens vorbereitet. Papst Johannes Paul II. hat zu Recht immer wieder von der "Hauskirche" gesprochen und dass diese eine wichtige Voraussetzung für die Neuevangelisierung darstellt.

Nüchtern gesehen ergibt sich allerdings die Tatsache, dass heute verschiedene Modelle von Familie diskutiert werden. Wie stehen wir als Christen dazu? Wir müssen dankbar feststellen, dass nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen im ehrenamtlichen und hauptberuflichen Dienst der Kirche tätig sind und verschiedene seelsorgliche Aufgaben mittragen oder eigenständig ausüben. Die kompetente Mitarbeit von Männern und Frauen in den katholischen Verbänden und in allen karitativen Einrichtungen ist heute unverzichtbar. Es stellt sich jedoch verstärkt die Frage, ob der Mann als Vater und die Frau als Mutter – als erste Erzieher der Kinder in der Familie – diesen sehr wichtigen Dienst noch erfüllen können. Bei den kirchlichen Anstellungsverträgen arbeiten viele Frauen, auch in verantwortungsvoller Position, durch eine so genannte Teilzeitanstellung mit. Junge berufstätige Eltern versichern mir aber auch immer wieder, dass die Kinder und heranwachsenden Jugendlichen in den Eltern, im Vater und besonders auch in der Mutter, einen Gesprächspartner brauchen. Nur so können im gegenseitigen Austausch wichtige Lebenshilfen und auch der Glaube den Kindern und den Jugendlichen weitergegeben werden.

Bei aller Wichtigkeit der beruflich qualifizierten Tätigkeit von Männern und Frauen, kann die Erziehungsarbeit der Eltern durch keine außerfamiliäre Betreuung ersetzt werden. Als Christen müssen wir daher politischen Bestrebungen, die die Erziehung der Kinder und Jugendlichen aus der Verantwortung der Eltern herauslösen wollen, mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Der Artikel 6 des Grundgesetzes belässt die Pflege und Erziehung der Kinder ganz bewusst in der Verantwortung der Eltern, um so die Familien vor möglichen ideologischen Einflüssen zu schützen.

Für uns als Christen ist es keine neuartige Erkenntnis, dass sich auch verheiratete Frauen beruflich profilieren können und gerade auch im kirchlichen Bereich sehr gute seelsorgliche Dienste leisten. In gleicher Weise gehört es aber zu unserer Grundüberzeugung, dass die Familie die wichtigste Lebenszelle für die Gesellschaft und die Kirche ist – und daher eine realistische Lebensmöglichkeit braucht. In der Regel werden nur in der Familie durch Erziehung menschliche Verhaltensregeln wie Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme, Opferbereitschaft und Selbstdisziplin in einem guten Zusammenleben vermittelt. In Verbindung mit diesen Werten wird auch in unterschiedlicher Weise die Beziehung zu dem einen Herrn und Gott, dem liebenden Vater aller Menschen, grundgelegt. Im bewussten Miterleben des Kirchenjahrs kann durch das gute Beispiel der Eltern – auch der Großeltern – der vertrauensvolle Glaube als Geschenk der Liebe Gottes in die Herzen der Kinder und Jugendlichen eingesenkt werden.

Die Familie als Hauskirche, liebe Schwestern und Brüder, legt ein wichtiges Fundament zu einer christlichen Lebensgestaltung, die sich immer wieder erneuert durch die Bereitschaft zur Umkehr. Daraus ergibt sich auch die Bereitschaft über den engeren Kreis der Familie hinaus – in der so genannten Pfarrfamilie – sich einzubringen und bekennend und missionarisch zu wirken. An jedem Einzelnen von uns liegt es, nicht zuletzt durch die Wertschätzung der Familie und deren Bewahrung vor Auflösungstendenzen, die Strahlkraft des Glaubens neu zum Leuchten zu bringen und vielen suchenden und fragenden Menschen eine hoffnungsvolle Antwort auf ihre Lebensfragen zu geben. Es ist wirklich Zeit zur Aussaat!

Ich wünsche uns allen Freude am Glauben und die Bereitschaft, bekennende und missionarische Kirche zu sein! Dazu segne, behüte und bestärke Euch der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Dr. Walter Mixa
Bischof von Augsburg

[Vom Bistum Augsburg veröffentlichtes Original]