Ziel ist eine Grundausbildung für alle: Benedikt XVI. schreibt Berlusconi

Brief anlässlich des G8-Gipfels in L’Aquila

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WÜRZBURG, 8. Juli 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Brief, den Papst Benedikt XVI. aus Anlass des heute beginnenden G8-Gipfels an den italienischen Staatspräsidenten Silvio Berlusconi verfasst hat.

Der Papst erhofft sich von den Beratungen in der mittelitalienischen Stadt L'Aquila konkrete Schritte, um „die Wirtschafts- und Finanzkrise zu lösen und eine Zukunft des Friedens und des Wohlstands für ausnahmslos alle Männer und Frauen zu garantieren." Am Freitag, zum Abschluss des G8-Gipfels, wird der Papst zum ersten Mal US-Präsident Barack Obama im Vatikan willkommen heißen.

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Verehrter Herr Präsident,

im Hinblick auf den kommenden G8-Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Gruppe der führenden Industriestaaten, der vom 8. bis 10. Juli unter italienischer Präsidentschaft in LAquila stattfinden wird, möchte ich Ihnen und allen Teilnehmern gerne einen herzlichen Gruß entsenden. Gerne möchte ich dann die Gelegenheit ergreifen, einen Reflexionsbeitrag zu den Thematiken des Treffens anzubieten, wie ich es auch früher bereits getan habe. Ich bin von meinen Mitarbeitern informiert worden, wie geflissentlich sich die Regierung, der vorzustehen Sie die Ehre haben, auf diesen wichtigen Termin vorbereitet, und ich weiß, welche Aufmerksamkeit sie den Überlegungen gewidmet hat, die der Heilige Stuhl, die katholische Kirche in Italien und die katholische Welt im allgemeinen sowie die Vertreter der anderen Religionen zu den Thematiken des bevorstehenden Gipfels geäußert haben.

Die Teilnahme von Staats- und Regierungschefs nicht nur der G8- sondern zahlreicher anderer Länder wird bewirken, dass die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, um gemeinsame Lösungswege für die wichtigsten Probleme zu finden, die die Wirtschaft, den Frieden und die internationale Sicherheit betreffen, so getreu wie möglich die Standpunkte und Erwartungen der Völker aller Kontinente berücksichtigen können. Diese erweiterte Teilnahme an den Diskussionen des kommenden Gipfels erscheint umso angemessener, wenn man die vielfältigen Problematiken der gegenwärtigen Welt berücksichtigt, deren Länder aufs Engste miteinander verbunden und von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt sind. Ich beziehe mich vor allem auf die Herausforderungen der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise sowie auf die besorgniserregenden Daten der Erscheinung des Klimawandels, die zu klugen Entscheidungsfindungen und zu neuen Entwürfen drängen müssen, um „im Modell der globalen Entwicklung eine ,Umkehr‘ zu bewirken“ (vgl. Benedikt XVI., Angelus, 12. November 2006), damit es auf wirksame Weise eine ganzheitliche menschliche Entwicklung fördern kann, die sich an den Werten der menschlichen Solidarität und der Liebe in der Wahrheit ausrichtet. Einige dieser Thematiken werden auch in meiner dritten Enzyklika Caritas in veritate angesprochen, die gerade in den nächsten Tagen den Medien vorgestellt werden wird.

Die äußerste Armut soll bis zum Jahr 2015 besiegt werden

In Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 hatte der Heilige Stuhl auf Anregung von Johannes Paul II. den Arbeiten des G8-Gipfels große Aufmerksamkeit gewidmet. So war mein verehrter Vorgänger davon überzeugt, dass die Befreiung der ärmsten Länder von der Bürde ihrer Schulden und – allgemeiner – das Ausmerzen der Ursachen für die extreme Armut in der Welt von der vollen Annahme der solidarischen Verantwortung abhängen, welche die wirtschaftlich fortgeschritteneren Regierungen und Staaten gegenüber der ganzen Menschheit tragen. Eine Verantwortung, die nicht geringer, sondern heute sogar noch drängender geworden ist. In der jüngsten Vergangenheit hat sich die Mehrheit der weniger entwickelten Länder – zum Teil dank des Impulses, den das Große Jubiläum des Jahres 2000 der Suche nach angemessenen Lösungen für die Problematiken gegeben hat, die mit der Verschuldung und der wirtschaftlichen Schwäche Afrikas und anderer armer Länder verbunden sind, zum Teil dank der erheblichen Veränderungen in der internationalen Wirtschaft und in der internationalen Politik – einer Periode außergewöhnlichen Wachstums erfreuen können, das vielen von ihnen erlaubt hat, darauf zu hoffen, dass das Ziel erreicht würde, das sich die internationale Gemeinschaft an der Schwelle zum dritten Jahrtausend gesetzt hatte, nämlich die äußerste Armut bis zum Jahr 2015 zu besiegen. Leider hat die Finanz- und Wirtschaftskrise, die seit Anfang 2008 den ganzen Planeten in Mitleidenschaft zieht, das Umfeld verändert, sodass nicht nur die reale Gefahr besteht, dass die Hoffnungen, der extremen Armut zu entkommen, erlöschen, sondern dass vielmehr auch die Bevölkerungen in Not geraten, die bislang über einen minimalen materiellen Wohlstand verfügen.

Die derzeitige Wirtschaftskrise bringt zudem die Gefahr mit sich, dass die internationalen Hilfsmaßnahmen – vor allem für Afrika und andere wirtschaftlich weniger entwickelte Länder – gestrichen oder drastisch reduziert werden. Daher möchte ich mit derselben Eindringlichkeit, mit der Johannes Paul II. den Erlass der Auslandsschulden gefordert hat, die Mitgliedstaaten des G8-Gipfels sowie die anderen dort vertretenen Staaten und die Regierungen der ganzen Welt dazu aufrufen, die Entwicklungshilfe – vor allem die Hilfe, die auf die „Steigerung“ der „menschlichen Ressourcen“ verwendet wird – aufrechtzuerhalten und zu verstärken, nicht nur trotz der Krise, sondern gerade, weil sie eine der größten Möglichkeiten für die Lösung der Krise darstellt. Wird es nicht gerade dadurch gelingen können, auf wirksame Weise die besorgniserregende Perspektive einer weltweiten Rezession abzuwenden, indem man in den Menschen – in alle Männer und Frauen auf der Erde – investiert? In das nicht in Wahrheit der Weg, um – so weit das möglich ist – eine Entwicklung der Weltwirtschaft zu schaffen, von der die Einwohner aller Länder, reicher und armer, kleiner und großer profitieren können?

Das Thema des Zugangs zur Bildung ist eng mit der Effizienz der internationalen Zusammenarbeit verknüpft. Wenn es also stimmt, dass es notwendig ist, in den Menschen zu „investieren“, dann muss das Ziel einer Grundausbildung für ausnahmslos alle Menschen bis zum Jahr 2015 nicht nur weiterverfolgt, sondern sogar großzügig verstärkt werden. Die Ausbildung ist die unerlässliche Bedingung für das Funktionieren der Demokratie, für den Kampf gegen die Korruption, für die Ausübung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie für den tatsächlichen Aufschwung aller Staaten, der armen wie der reichen. Durch die rechte Anwendung des Subsidiaritätsprinzips kann die Entwicklungshilfe den weitläufigen Einsatz im Ausbildungsbereich nicht übersehen, den die katholische Kirche und andere Religionen in den ärmsten und verlassensten Gebieten der Welt leisten.

Arbeitsplätze schaffen und auf Familien Rücksicht nehmen

Zudem drängt es mich, den hochverehrten Teilnehmern des G8-Gipfels in Erinnerung zu rufen, dass die technische Wirkung der Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, um die Krise zu überwinden, von ihrem sittlichen Wert abhängt. Man muss daher die konkreten menschlichen und familiären Bedürfnisse berücksichtigen; ich beziehe mich zum Beispiel auf die tatsächliche Schaffung von Arbeitsplätzen für alle Menschen, die den Beschäftigten erlauben, auf würdige Weise für die Bedürfnisse der Familie zu sorgen, und ihre primäre Verantwortung zu erfüllen, ihre Kinder zu erziehen und Protagonisten der Gemeinschaft zu sein, zu der sie gehören. „Eine Gesellschaft, in der dieses Recht systematisch verweigert wird – so schrieb Johannes Paul II. –, in der es die wirtschaftspolitischen Maßnahmen den Arbeitern nicht ermöglichen, eine befriedigende Beschäftigungslage zu erreichen, kann weder ihre sittliche Rechtfertigung noch den gerechten sozialen Frieden erlangen“ (Centesimus annus 43; vgl. Laborem exercens, 18). Und gerade um dieses Ziel zu erreichen, drängt sich ein gerechtes internationales Handelssystem auf, das die 2001 in Doha zugunsten des Fortschritts getroffenen Entscheidungen umsetzt und falls erforderlich sogar darüber hinausgeht. Ich wünsche mir, dass alle schöpferische Energie dafür verwendet wird, um den beim UN-Millenniums-Gipfel angenommenen Verpflichtungen nachzukommen, die extreme Armut bis zum Jahr 2015 zu beseitigen. Das internationale Finanzsystem muss geändert werden, um eine effiziente Koordinierung der nationalen politischen Maßnahmen zu gewährleisten, um Kreditspekulationen zu verhindern und um eine breite internationale Bereitschaft für öffentliche und private Kredite im Dienst der Produktion und der Arbeit vor allem in den ärmeren Ländern und Gebieten zu garantieren.

Die sittliche Legitimation der politischen Verpflichtungen des G8-Gipfels erfordert natürlich, dass sie mit den Vorstellungen und den Notwendigkeiten der ganzen internationalen Gemeinschaft konfrontiert werden. Daher scheint es wichtig, die Multilateralität zu verstärken, nicht nur hinsichtlich der wirtschaftlichen Fragen, sondern hinsichtlich des gesamtes Spektrums der Thematiken, die den Frieden, die internationale Sicherheit, die Abrüstung, die Gesundheit, die Bewahrung der Umwelt und der Ressourcen der Natur für die gegenwärtigen und zukünftigen Generationen betreffen. Die Erweiterung des G8-Gipfels auf andere Gebiete stellt zweifellos einen wichtigen und bedeutenden Fortschritt dar; dennoch muss man in den Momenten der Verhandlungen und der konkreten und zu vollstreckenden Entscheidungen alle Instanzen aufmerksam betrachten, nicht nur die der wichtigsten Länder oder der Länder mit dem ausgeprägtesten wirtschaftlichen Erfolg. Nur das kann schließlich bewirken, dass diese Entscheidungen wirklich und dauerhaft umgesetzt werden. Man höre daher auf die Stimme Afrikas und der wirtschaftlich weniger entwickelten Länder! Man suche nach wirksamen Möglichkeiten, um die Entscheidungen der verschiedenen Länderzusammenschlüsse einschließlich der G8-Länder bei der Versammlung der Vereinten Nationen miteinander zu verbinden, wo jede Nation, was auch immer ihr politisches und wirtschaftliches Gewicht sein mag, sich auf legitime Weise in einer Situation der Gleichberechtigung mit den anderen ausdrücken kann.

Ich möchte schließlich hinzufügen, von welcher Bedeutung die Entscheidung der italienischen Regierung ist, den G8-Gipfel in der Stadt L’Aquila stattfinden zu lassen, eine Entscheidung, die von den anderen eingeladenen Mitgliedstaaten gebilligt und geteilt wurde. Wir waren alle Zeugen der großzügigen Solidarität der Bevölkerung Italiens und anderer Nationen, der nationalen und internationalen Organismen gegenüber der abruzzesischen Bevölkerung, die von dem Erdbeben betroffen war. Diese solidarische Aktivität könnte auch eine Aufforderung für die Mitglieder des G8-Gipfels sowie für die Regierungen und Völker der Welt darstellen, gemeinsam den derzeitigen Herausforderungen zu begegnen, die die Menschheit vor unaufschiebbare und maßgebliche Entscheidungen im Hinblick auf das Schicksal des Menschen stellen, das eng mit dem Schicksal der Schöpfung verbunden ist.

Verehrter Herr Präsident, während ich für alle Teilnehmer des nächsten G8-Gipfels und für die multilateralen Initiativen, die darauf ausgerichtet sind, die Wirtschafts- und Finanzkrise zu lösen und eine Zukunft des Friedens und des Wohlstands für ausnahmslos alle Männer und Frauen zu garantieren, Gottes Beistand erbitte, möchte ich gerne die Gelegenheit ergreifen, Ihnen erneut meine Wertschätzung auszudrücken, Sie meines Gebets zu versichern und Ihnen nochmals meinen herzlichen und ehrerbietigen Gruß auszusprechen.

Aus dem Vatikan, am 1. Juli 2009

Benedictus PP. XVI

[Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 7. Juli 2009]