Zivilgesellschaft, Zusammenarbeit und die Re-Sensibilisierung der Menschen

Gespräch mit P. Dr. Jörg Alt, SJ

Rom, (ZENIT.org) Giovanni Patriarca | 629 klicks

Sie sind der Initiator der Kampagne „Steuer gegen Armut: Finanztransaktionssteuer“, und für eine lange Zeit haben Sie dieses Projekt koordiniert. Die globale Krise hat auch den alten Kontinent infiziert, und das Risiko eines tragischen Arbeitsumbruchs ist sehr augenfällig: Was sind die Perspektiven für eine Gesellschaft zwischen Markt, Solidarität und Subsidiarität?

Pater Jörg Alt: Zunächst gilt es wieder, die Finanzwirtschaft daran zu erinnern (und wenn sie sich nicht bekehrt, es aufzuzeigen), dass sie eine dienende und keine fordernd-herrschende Funktion in unserer Gesellschaft hat. Die neoliberale Deregulierung und die Mobilität von Kapital haben zu einer Schieflage in unseren Ländern geführt, weil Nationalstaaten mit ihren durch Recht und zwischenstaatliche Zuständigkeiten eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten diese entfesselten Märkte nicht mehr in den Griff bekommen. Hier gilt es, neue rechtliche Grundlagen und effektive Regulierungsmöglichkeiten zu schaffen, um diese Schieflage wieder zu korrigieren. Ansonsten ist festzustellen, dass der Glanz und Glamour von immer neuen materiellen Produkten bei vielen Menschen Wertehierarchien beeinflussten und Haben deshalb für viele wichtiger geworden ist als Sein. Während die Re-Regulierung Aufgabe von Politik und Zivilgesellschaft ist, ist eine Re-Sensibilisierung der Menschen für wahres Glück, wahre Freude und Zufriedenheit eine Kernaufgabe der Kirche. Beide Themen sind übrigens prominent behandelt in dem apostolischen Schreiben von Papst Franziskus „Evangelii Gaudium“. 

Benedikt XVI. hebt die Risiken eines unmenschlichen Humanismus und einer übertriebenen Technokratie hervor, und Franziskus spricht kritisch über einen leeren Nominalismus, der dem Nihilismus die Tür der Welt öffnet, und fordert eine Rückkehr in einem wertgeordneten Realismus. Vor welcher Herausforderung steht die Katholische Soziallehre heute?

Pater Jörg Alt: Ich sehe vor allem zwei Herausforderungen: Zum einen muss sich die Katholische Soziallehre als praxistauglich erweisen, denn nur wenn sie am Istzustand der Gesellschaft ansetzen kann und, von dort ausgehend, praktische Alternativen zu herrschenden Gesetzmäßigkeiten oder Gewohnheiten darlegen kann, wird sie als konzeptionelle Alternative zur neoliberalen Globalisierung der Geld und Gütermärkte wahrgenommen und akzeptiert werden. Hier wird viel Arbeit nötig sein, Sachkompetenz zu erarbeiten und mithilfe der Prinzipien und Werte der Katholischen Soziallehre zu bewerten und zu ordnen. Das Zweite ist, dass Soziallehre und Kirche dafür sorgen müssen, ihre alternativen Konzepte in konkrete Politikempfehlungen umzuwandeln und mehrheitsfähig zu machen, um dadurch konkret gesellschaftspolitische Veränderungen durchsetzen zu können. Dies ist deshalb wichtig, weil die Kirche inzwischen kein bestimmender gesellschaftlicher Faktor mehr ist und auf Verbündete angewiesen ist. Dass solche thematische Kooperationen von Erfolg gekrönt sein können, zeigen die Kampagne für das Verbot von Landminen oder die noch laufende Kampagne für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Die zwei von mir genannten Herausforderungen sind in der Katholischen Soziallehre bekannt und anerkannt. Im ersten Fall wird die Zusammenarbeit mit der (empirischen) Wissenschaft ausdrücklich gesucht, im zweiten Fall bin ich immer wieder davon erfreut, dass sich wichtige Dokumente der Soziallehre eben nicht nur an Kirchenmitglieder richten, sondern vielmehr an alle Menschen guten Willens. Wir selbst von der Jesuitenmission versuche gerade, in beiden Bereichen einen Beitrag mit dem Forschungsprojekt zu den Zusammenhängen von Steuergerechtigkeit und Armut zu leisten, das wir 2013-2016 gemeinsam mit Partnerinstitutionen in Kenia und Sambia durchführen (Siehe http://www.taxjustice-and-poverty.org/).

Nach der Rede Benedikts XVI. in Deutschland über die Notwendigkeit der Entweltlichung der Kirche haben Sie eine Sammlung von verschiedenen Autoren und Aspekten darüber veröffentlicht. In der Enzyklika „Lumen Fidei“ und im Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ hat Papst Franziskus den Weg für einen erneuerten Dialog mit der heutigen Kultur gezeigt. Was für einen Impuls gibt er für die neue Evangelisierung in einem Kontext von radikaler Säkularisierung, überhaupt in Europa?

Pater Jörg Alt: Papst Franziskus sagt eigentlich nicht viel anderes als seine Vorgänger Paul VI., Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. – was ja auch durch die entsprechenden Zitate in „Evangelii Gaudium“ deutlich wird. Was aber deutlich anders ist, ist die verständliche und mitreißende Sprache von Franziskus. Hier spricht ein Seelsorger, der es versteht, Dinge für alle verständlich und nachvollziehbar auf den Punkt zu bringen und der auch keine Angst vor möglichen Missverständnissen und „Randunschärfen“ hat, für die er dann von denen kritisiert wird, die seinen Gedankengang nur selektiv und aus dem Kontext herausgegriffen attackieren. Mit seiner Betonung, an die Grenzen zu gehen und gar über Grenzen hinaus, weist er der Kirche den Weg nicht nur zu jenen, die Gott suchen, sondern auch zu jenen, die aus ganz verschiedenen Gründen ein Unbehagen an der heutigen Kultur, am heutigen Wertegerüst, am heutigen Gang der Dinge haben, und er versucht, diese Menschen guten Willens, Gläubige oder Ungläubige, zusammenzubringen in gemeinsamem Tun, das allen Menschen ein von Gott gewolltes, menschenwürdiges Leben ermöglichen soll. Franziskus weckt einen neuen gar kämpferischen Geist in vielen, die, von einem solchen Hirten angeführt, ihre Komfortzonen tatsächlich verlassen und nach außen gehen und sich praktisch engagieren in Wort und Tat. Vielleicht hat er ja auch deshalb in seinem ersten großen Interview im September die Kirche mit einem Lazarett verglichen, die Verwundete nach einer Schlacht versorgt. In der Tat ändert sich in unserer Welt nichts zum Besseren, wenn wir nur beten. Es braucht auch aktive Menschen, durch die Gottes Gnade in dieser Welt Hand und Fuß gewinnt, dadurch eingreifen und die Dinge konkret zum Besseren bewegen kann. Diese Verbindung von Aktion und Kontemplation scheint Franziskus neu beleben zu wollen. Und dann gilt im Hinblick auf Missionieren und Evangelisierung erneut und umso mehr, was schon Benedikt XVI. gesagt und von Franziskus wiederholt wurde: Die Kirche breitet sich nicht durch Proselytismus aus, sondern durch Anziehungskraft.