Zollitsch: Kirchen in Deutschland zur Kriegsgefahr im Nahen Osten

Politik der Gewalt beenden

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MAINZ, 19. November 2012 (ZENIT.org/PM DBK). - Anlässlich der Gewalt und der wachsenden Kriegsgefahr in Israel und Palästina erklären der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, gemeinsam:

Mit großer Besorgnis sehen wir die Eskalation der Gewalt, die den Nahen Osten ein weiteres Mal in den Blickpunkt der internationalen Öffentlichkeit rückt. Die Raketenangriffe der Hamas-Regierung aus dem Gaza-Streifen haben durch den Beschuss von Tel Aviv und Jerusalem eine neue Qualität gewonnen. Israel antwortet auf diese nicht hinnehmbare Gefährdung der eigenen Bevölkerung mit massiven Luftschlägen. Ein neuerlicher Einmarsch israelischer Truppen in das Gaza-Gebiet erscheint nicht mehr ausgeschlossen. Auf beiden Seiten sind Tote und Verletzte unter der Zivilbevölkerung zu beklagen.

Die derzeitigen Auseinandersetzungen befeuern den Hass, sie drohen die Friedenswilligen zu entmutigen und begraben unter sich alle Versuche, zu einer gerechten Lösung zwischen den beiden Völkern zu gelangen. Mehr noch: Der gewalttätige Konflikt im Heiligen Land könnte die Lage im gesamten Nahen und Mittleren Osten destabilisieren und jene Länder, die in den Umwälzungen der arabischen Welt nach einer neuen, tragfähigen Ordnung suchen, in eine gefährliche Radikalisierung treiben. Dies bedroht nicht zuletzt auch die Minderheiten in diesen Ländern, unter ihnen die Christen, die vielerorts ohnedies bereits großen Gefährdungen ausgesetzt sind.

Die beiden großen Kirchen in Deutschland sind vielfältig mit Israel und Palästina verbunden und solidarisch; gerade darum fordern wir die Verantwortlichen in Gaza mit großem Nachdruck auf, die Strategie der Gewalteskalation zu beenden – im Interesse der israelischen Bürgerinnen und Bürger ebenso wie im Interesse des eigenen Volkes, das mehr noch als der Gegner unter der erneut in Gang gesetzten Gewaltspirale zu leiden hat. Die ohnehin erschöpfte Bevölkerung im Gaza-Streifen darf nicht ein weiteres Mal von der eigenen Regierung als Einsatz in einem Machtspiel missbraucht werden. Wir fordern zugleich mit Entschiedenheit die israelische Regierung auf, in ihren militärischen Maßnahmen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit strikt zu beachten. Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung, aber dieses Recht ist durch die Pflicht zur Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung begrenzt.

Die Zuspitzung der Lage, die wir in diesen Tagen erleben müssen, führt uns einmal mehr vor Augen, dass die Politik des status quo, die wir nun schon seit so vielen Jahren erleben, den Völkern im Nahen Osten keinen Weg in eine bessere Zukunft bahnt. Mag diese Politik auch zu vorübergehender Stabilität führen, so ist sie doch nicht geeignet, die Lage dauerhaft zu stabilisieren. Nur die entschiedene Bereitschaft auf allen Seiten, auf einen echten Frieden zuzugehen und dafür auch tiefgreifende Zugeständnisse zu machen, kann eine hoffnungsvolle Perspektive eröffnen. Dazu braucht es Menschen, die alte Feindschaften überwinden wollen, um ein neues Zueinander zu ermöglichen. Diese Menschen gibt es auf beiden Seiten – sie zu ermutigen und zu stärken, ist auch eine Aufgabe der Kirchen in Deutschland.