Zu Besuch im Hause Ratzinger: Der Bruder des Papstes blickt zurück

Prälat Georg Ratzinger im niederösterreichischen Tagungshaus Hohewand

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WIEN, 5. Juni 2007 (ZENIT.org).- Das „Hineinwachsen in eine geistliche Atmosphäre“ sei für die Wahl des Priesterberufs von entscheidender Bedeutung gewesen, betonte Prälat Georg Ratzinger (83), Kirchenmusiker und Bruder Benedikts XVI., vor einer Woche bei einer zweitägigen Tagung im Süden Wiens.



Auf Einladung des „Theologischen Forums Peterskirche“, einer Initiative von Priestern der Personalprälatur Opus Dei, erzählte der langjährige Regensburger Domkapellmeister im Rahmen einer Pfingsttagung für Weltpriester und Seminaristen im Tagungshaus Hohewand in Dreistetten (Niederösterreich) von den Kinder- und Jugendjahren im Hause Ratzinger, den Wirren der dramatischen und „leeren“ Nazi-Zeit und der steilen „Karriere“ seines jüngeren Bruders, dessen tiefe Einsichten er teile.

Das gemeinsame Gebet und das aktive Miterleben des Kirchenjahres im Kreis der Familie hätten genauso zur Ausformung seiner Glaubensüberzeugungen und seiner Lebenseinstellung beigetragen wie die Ausbildung im Knabenseminar, berichtete Ratzinger. „Gewohnheiten können eine Hilfe sein.“ Die Angewohnheit, sehr früh aufzustehen, habe ihm beispielsweise dazu verholfen, seinem priesterlichen Dienst, die Heilige Messe in den Morgenstunden zu feiern, immer freudig nachzukommen. Und die wöchentliche Beichte sei immer ein spürbarer „geistlicher Anschub“.

Vater Joseph, ein überzeugter Anti-Nazi, der bei der Gendarmerie arbeitete, sei ein „großer Missionsförderer“ gewesen. Man habe ihm angemerkt, dass er ein tiefgläubiger Mann war.

Die Gebetszeiten, die im Tagesablauf der Schulkinder Joseph und Georg und deren jüngerer Schwester Maria (* 7. Dezember 1921) eingebettet waren, bestanden aus der Schulmesse jeweils um 7.00 Uhr, dem Gebet vor und nach dem Mittagessen, bei dem der Vater in den meisten Fällen anwesend sein konnte – was Georg Ratzinger rückblickend als großen Gewinn ansieht -, aus einer längeren Andacht am Abend („für uns Kinder fast ein bisserl zu viel“) und schließlich aus dem Abendgebet mit einem Elternteil. „Eigentlich jeden Samstag“ sei gemeinsam der Rosenkranz gebetet worden – kniend. „Hernach waren wir schon recht ungeduldig“, so der Bruder des Papstes, der seine Erzählungen mit einem erfrischenden Schuss Humor zu würzen und aufzulockern verstand.

Prälat Ratzinger hob vor rund 70 Priestern aus allen Diözesen Österreichs – unter ihnen der Grazer Weihbischof Lackner - und Gästen aus der Slowakei auch den Stellenwert des Kirchenjahrs in seinem Elternhaus hervor. So bildete der Krippenbau die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, bei dem der Christbaum eine immer eine wahre „Offenbarung“ gewesen sei.

Lebhaft erinnerte sich P. Georg daran, wie ihm zu Weihnachten im Jahr 1935 der „Liber Usualis“ geschenkt wurde, eine umfassende Sammlung der kirchlichen Choralgesänge. Sein Bruder Joseph habe sich bei dieser Gelegenheit tief beeindruckt gezeigt, da er ein Buch bekommen hatte, „in dem kein einziger Buchstabe deutsch ist“.

Während Georg (Jahre vor der Priesterweihe) die musikalische Laufbahn einschlug – bereits als 10-Jähriger „musste“ er an den Wochentagen mit dem Harmonium die Heilige Messe begleiten, da der Organist aufgrund seiner nationalsozialistischer Ansichten ab einem bestimmten Tag des Jahres 1934 nur mehr an den Sonntagen zur Eucharistiefeier gehen und spielen wollte -, trieb es seinen Bruder Joseph zum Studium und zur Theologie hin, eine Vorliebe, die ihn schließlich bis nach Regensburg führen sollte.

Die Wahl seines Bruders zum Nachfolger von Papst Johannes Paul II. habe ihn sehr überrascht, allerdings begreife er sie auch als Manifestation der göttlichen Vorsehung. Joseph habe schließlich das ganze Leben über gelernt, Ja zu sagen.

Auf die Fragen von einigen Journalisten, unter denen sich auch ein Mitarbeiter von ZENIT befand, unterstrich Prälat Ratzinger im Anschluss unter anderem die tiefe Verbundenheit zwischen Bayern und Österreich (ähnlicher Menschenschlag, „geistesverwandt“) sowie die Tiefe und Übersichtlichkeit der Jesus-Biographie seines Bruders, dessen Meinungen in diesem „Geschenk an die Kirche“ gereift dargelegt und kompakt zusammengefasst worden seien.

Das in Kürze erscheinende Motu proprio zur „Alten Messe“ wolle seines Erachtens dazu dienen, Menschen von tiefschürfender Religiösität das zu geben, was ihnen mangelt.