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Filmrezension: Saiten des Lebens (A late Quartet)

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 452 klicks

Seit 25 Jahren bilden Peter Mitchell (Christopher Walken), Juliette Gelbart (Catherine Keener), ihr Mann Robert (Philip Seymour Hoffman) sowie Daniel Lerner (Mark Ivanir) in New York das erfolgreiche Streichquartett „Fugue“. Zahlreiche Auftritte und Tournees zeugen von einer erfolgreichen Karriere. Das Jubiläum soll mit der Aufführung von Beethovens Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op.131 gebührend gefeiert werden, dessen sieben Sätze ohne Pause zu spielen sind. Dass sie es sich zutrauen, dieses besonders schwieriges Stück zu spielen, hat nicht nur mit ihrer Spielqualität, sondern ebenfalls mit einem gegenseitigen Verständnis zu tun. Um den Zuschauer mit der Vorgeschichte des „Fugue String Quartet“ vertraut zu machen, wendet Drehbuchautor und Regisseur Yaron Zilberman in seinem Spielfilmdebüt einen zwar ungewöhnlichen, aber wirksamen Kunstgriff an: Irgendwann einmal schauen sich einige der Musiker alte Aufnahmen mit Interviews an. So werden die Beziehungen innerhalb des Quartetts bekannt. Daniel Lerner war der beste Schüler von Peter Mitchell. Als Lerner auf die Idee kam, ein Quartett zu gründen, dachte er zunächst einmal an seinen Musikprofessor. Obwohl Mitchell nach dem Tod seiner Frau zu spielen aufgehört hatte, ging er auf das Angebot ein. Für Juliette Gelbart ist Peter Mitchell nicht nur ihr Mentor, sondern auch ihr Ziehvater. Das Quartett komplettiert ihr Mann, der im Ensemble die zweite Geige spielt. Seine Frustration, nur die beste zweite Geige zu sein, offenbart Robert auch seiner Jogging-Partnerin, der Tänzerin Pilar (Liraz Charhi), was sie einander näherbringt. Den Figurenreigen im Ensemblefilm „Saiten des Lebens“ vervollständigt Juliettes und Roberts Tochter Alexandra (Imogen Poots), eine begabte Geigerin, die von Daniel unterrichtet wird. Alexandra bewundert Daniel sehr – oder gehen ihre Gefühle ihrem Geigenlehrer gegenüber weiter?

Bei den ersten Proben für die Jubiläums-Aufführung nach der Sommerpause stößt Peter auf ungewohnte Schwierigkeiten. Ein Arztbesuch bringt den Grund zum Vorschein: Der Cellist, die Seele des Quartetts, leidet an Parkinson. Wie sieht die Zukunft des Ensembles aus? Dass Peter ersetzt werden müsste, ist bald allen Beteiligten klar. Aber geht es überhaupt? Peter jedenfalls hat für eine Ersatz-Cellistin gesorgt. Die Krise, die das zwangsläufige Ausscheiden des Cellisten auslöst, zieht weitere Konflikte nach sich. Nach einer Untreue Roberts gerät seine und Juliettes Ehe in Gefahr. Juliette überwirft sich darüber hinaus mit ihrer Tochter Alexandra, nachdem es zu einem heftigen Wortwechsel gekommen ist: „An Deiner Stelle hätte ich abgetrieben“, sagt Alexandra zu ihrer Mutter, was sie verständlicherweise wütend macht.

Wegen der Vielzahl an Figuren und der unterschiedlichen Verhältnisse untereinander wirkt das Drehbuch manchmal etwas überfrachtet. Es ist kaum verständlich, dass dabei der Beziehung zwischen Alexandra und Daniel viel Raum zugestanden wird. Dennoch wirken bis auf die zwei Nebenfiguren Alexandra und vor allem Pilar, die lediglich eine Funktion im Drehbuch zu erfüllen scheint, die Hauptfiguren keineswegs wie Abziehbilder. Die klassische Inszenierung von Yaron Zilberman steht im Dienste der Figurenentwicklung.

Regisseur Zilberman kann auf hervorragende Schauspieler setzen. Christopher Walken nimmt sich in der Darstellung der krankheitsbedingten Einschränkungen Peters zurück. Es geht ihm vor allem um die Weiterführung des Fugue-Quartetts. Die wohl nuancenreicheren Rollen fallen Philip Seymour Hoffman und Catherine Keener zu. Denn Robert weiß eigentlich, dass sich sein Traum, irgendwann einmal die erste Geige zu spielen, nicht realisieren lässt. Philip Seymour Hoffman stellt den inneren Widerspruch zwischen dem künstlerischen Anspruch und der nicht ganz ausreichenden Begabung wunderbar dar. Dazu kommen die weiteren Probleme als Ehemann und Vater hinzu. Catherine Keeners Juliette trifft Peters Krankheit in besonderer Weise. Deshalb muss sie diesen Schmerz verarbeiten und gleichzeitig auch die Familie zusammenhalten. Der vom weitaus weniger bekannten Mark Ivanir dargestellte Daniel entwickelt sich vom kalten und strengen Künstler zu einem Menschen, der plötzlich seine Gefühle entdeckt. Alle vier Darsteller verkörpern ihre Charaktere ganz glaubwürdig. Besondere Erwähnung verdient darüber hinaus, dass sie auch noch die Instrumente zu der Musik des Brentano String Quartetts „spielen“ mussten, das eigentlich den Soundtrack einspielte. Beethovens Streichquartett Nr. 14 cis-Moll, op. 131 erweist sich als Leitmotiv, das sich nicht nur durch die ganze Filmhandlung zieht, sondern sie darüber hinaus wirklich musikalisch unterlegt.

„Saiten des Lebens“ behandelt im Grunde allgemein menschliche Fragen, etwa Freundschaft, Familie, Liebe – nicht nur zur Kunst. Denn Yaron Zilbermans Spielfilmdebüt ist weniger ein Film über die Musik als vielmehr über sensible-künstlerische Menschen aus Fleisch und Blut.