Zukunftsperspektiven des Päpstlichen Rates für die Sozialen Kommunikationsmittel

Interview mit Erzbischof Claudio Maria Celli

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ROM, 5. November 2007 (ZENIT.org).- Erzbischof Claudio Maria Celli wurde im Juni von Papst Benedikt XVI. zum Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Sozialen Kommunikationsmittel ernannt. Im ZENIT-Interview sprach Erzbischof Claudio Maria Celli über die Projekte seines Dikasteriums für die nahe Zukunft.



ZENIT: Ihre erste Auslandsmission hat Sie nach Honduras geführt, wo Sie die kontinentale Versammlung des Informationsnetzwerks der Kirche in Lateinamerika („Red Informatica de la Iglesia en America Latina“, RIIAL) geleitet haben. In der heutigen Zeit, in der die Neuen Medien die ganze Gesellschaft prägen, haben Sie sozusagen mit der Begegnung mit der digitalen Welt begonnen, ihre Aufgabe aufzunehmen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Erzbischof Celli: Meine Erfahrungen sind sehr positiv. Ich fühle mich mit Honduras besonders verbunden. Denn eben in Honduras begann 1970 mein erster Dienst für den Heiligen Stuhl. Damals war ich Sekretär der Apostolischen Nuntiatur. Jetzt hingegen hat es die göttliche Vorsehung so gewollt, dass meine erste Reise als Präsident des Päpstlichen Rates gerade nach Honduras gehen sollte, zu einem lateinamerikanischen Treffen. Es war die zehnte Tagung von RIIAL. Ich bin sehr zufrieden zurückgekehrt.

Ich habe vor allem eine große technische Kompetenz vorgefunden. Aber vor allem habe ich einen tiefen Sinn für Kirche angetroffen: Ich konnte in allen Teilnehmern das Bewusstsein entdecken, Glieder der Kirche zu sein und in der Kirche und mit der Kirche zum Wohl der Menschen zu wirken, die in diesen Ländern leben. Das war für mich positiv.

ZENIT: Vor welche Herausforderungen sieht sich die Kirche in der virtuellen Ära gestellt?

Erzbischof Celli: Es ist sehr merkwürdig. Die sozialen Kommunikationsmittel stellen eine Herausforderung dar, weil es nicht mehr darum geht, ein Mittel zu haben oder es nicht zu haben. Denn nunmehr leben wir in einer digitalen Kultur, im Kontext einer digitalen Welt.

In einem seiner Bücher hat uns Kardinal Carlo Maria Martini verdeutlicht, dass die digitale Realität gewissermaßen die Luft darstellt, die wir tagtäglich atmen. So ist sie einerseits ja eine Herausforderung, weil sie uns eine Realität vor Augen hält, die wir verstehen und der wir dienen müssen, die wir – so würde ich es ausdrücken – lieben müssen. Deshalb ist es notwendig, dass wir präsent sind. RIIAL stellt eine Antwort auf diese Herausforderung dar. Eben darum habe ich in Honduras von einer „Diakonie der digitalen Welt“ gesprochen.

ZENIT: Handelt es sich hierbei nicht um einen neuen Bereich des missionarischen Wirkens?

Erzbischof Celli: Diese kontinentale Tagung war die erste seit der fünften Vollversammlung der Bischöfe Lateinamerikas in Aparecida (Brasilien), und das Abschlussdokument von Aparecida lädt alle Jünger Jesu Christi ein, Missionare zu sein. Ich habe dieses Missionarsein in eine „Diakonie der digitalen Welt“ übersetzt, die eine Haltung des Dienens herausstellt. Hierin liegt die Herausforderung – eine Herausforderung, der wir dort begegnen müssen, wo die Menschen diesen Kontext leben.

Zugleich stellen die sozialen Kommunikationsmittel jedoch auch eine großartige Möglichkeit dar, Mittel und Wege zur Verbreitung der Botschaft des Evangeliums zu finden. Es gibt eine Ansprache von Pius XII., in der dieser Papst sich auf die Kommunikationsmittel seiner Zeit bezieht und diese als „Geschenk Gottes“ bezeichnet. Stellen Sie sich einmal vor, wenn er in der heutigen Zeit gelebt hätte... Es ist nicht zu bestreiten, dass diese Mittel allen, die Missionare sein wollen, großartige Chancen erschließen.

So sehen wir also, dass sie ein Geschenk sind, eine wunderbare Gelegenheit, und gleichzeitig auch eine Herausforderung. Auf diesem grundlegenden Thema beruht unsere gesamte Problematik.

Ich war sehr zufrieden in Lateinamerika, weil es bereits eine lebendig wirkende Realität gibt, die nicht nur dieses oder jenes Land einschließt. Die Teilnehmer kamen von Mexiko bis Brasilien. Und es war nicht so, dass jeder nur darüber gesprochen hätte, was er tut, sondern ich habe wahrhaft geniale Einfälle vernehmen können. Eine Stärke von RIIAL liegt ja darin, dass das Angebot der sozialen Kommunikationsmittel sogar die ärmeren Gegenden erreicht. Das ist in anderen Kontinenten sicherlich nicht der Fall. Aber ich muss gestehen, dass sich mein Augenmerk zum Beispiel auch auf Afrika richtete, als ich während meines Aufenthalts in Lateinamerika diesen Reichtum und dieses Potenzial wahrnahm.

Ich möchte mich nun den Zukunftsperspektiven zuwenden: Ich denke, dass der Päpstliche Rat Afrika eine große Aufmerksamkeit wird schenken müssen, weil es sich um einen Kontinent handelt, der sich in einem größeren Rückstand befindet.

Es ist wohl wahr, dass es verschiedene Afrikas gibt. Einerseits haben wir da Südafrika, andererseits aber auch jene Länder, wo es ernste Probleme gibt. Dennoch stehen wir vor einer großen Frage: Während RIIAL in Lateinamerika mühelos arbeiten und seinen Dienst erfüllen kann, weil es nur zwei Sprachen gebraucht (nur in Brasilien wird Portugiesisch gesprochen, sonst überall Spanisch), verfügt Afrika sicher über drei große nationale Sprachen – Französisch, Englisch und Portugiesisch –, dann aber auch über eine Vielzahl von Sprachen, die zweifellos bestimmte Dienste vor Schwierigkeiten stellen.

Papst Johannes Paul II. zeigte bei der Wahl der Bezeichnung RIIAL großen Weitblick: Er sprach von einem Informationsnetzwerk der Kirche in Lateinamerika, als hätte er damit andeuten wollen, dass dieses Informationsnetzwerk der Kirche eines Tages auch in anderen Ländern zugegen sein sollte. Und daran denken wir auch schon. So schaue ich also voller Hoffnung auf das, was wir bereits in diesem Augenblick in Lateinamerika tun.

Mir hat sehr gefallen, dass RIIAL eng mit dem Päpstlichen Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel und den lateinamerikanischen Bischöfen zusammenarbeitet. Der Präsident des Ausschusses für die Kommunikationsmittel des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) nahm ebenfalls teil, und wir haben in dieser Woche in großem Einklang mit einander arbeiten können. Ich glaube, dass dieses Einverständnis neue Wirkungsmöglichkeiten offen legen wird. Wir befinden uns gerade erst am Anfang, und eine derart tiefe Übereinstimmung zwischen dem lateinamerikanischen Episkopat und dem Päpstlichen Rat kündet bereits von reichen Früchten für die Zukunft.

ZENIT: Heutzutage stehen wir vor einer neuen Herausforderung für die soziale Gerechtigkeit: der Ausgrenzung jener, die keinen Zugang zu den neuen Technologien haben. In Ihrer Ansprache in Honduras sprachen Sie diesbezüglich von einer „Info-Armut“. Was bedeutet sie für die Kirche und den Päpstlichen Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel?

Erzbischof Celli: Es ist eine Realität. Der Analphabetismus von einst, eine der tragischen Folgen der sozioökonomischen Armut, tritt heute auch unter dem Aspekt der „Info-Armut“ auf. Es kommt nicht dem Rat zu, sich dieser Frage anzunehmen; aber was der Rat zusammen mit der lateinamerikanischen Kirche tun kann – und es gibt bereits dahingehende Projekte des RIIAL –, ist, Beiträge anzubieten, die dabei helfen können, die neuen Grenzen, die entstehen, zu überwinden. Denn je mehr wir eine große Anzahl von Personen isoliert lassen, desto ärmer wird die Welt sein, weil diese Personen den Weg der Menschheit bereichern könnten, wenn ihnen entsprechend geholfen würde: wenn sie Bildung erhielten und lernten, diese Kommunikationsmittel zu verwenden.

ZENIT: Wie sehen die nächsten Projekte des Päpstlichen Rates für die Sozialen Kommunikationsmittel aus?

Erzbischof Celli: In diesem Augenblick denken wir noch kurzfristig, das heißt an die ersten sechs Monate des kommenden Jahres, unter anderem weil wir in die Via della Conciliazione 5 umziehen. Aber in den vergangenen Monaten hatte ich viele Zusammenkünfte. Der Kongress in Honduras war in diesem Sinn sehr reich. Aber auch hier in Rom habe ich Gelegenheit gehabt, mich mit Vertretern der Bischofskonferenzen und anderen Personen zu treffen, die sich mit dieser Fragestellung beschäftigen. Außerdem erscheint mir die erste Versammlung von Fakultäten für Soziale Kommunikation der kirchlichen Universitäten in Rom sehr wichtig.

Fünf Universitäten haben teilgenommen: vier päpstliche und eine katholische. Darunter waren die [Päpstliche Universität] Gregoriana mit den Jesuiten, die Salesianer [mit der Päpstlichen Universität Salesiana], das Opus Dei mit der [Päpstlichen Universität] Santa Croce, die [Päpstliche] Lateranuniversität und die [katholische Universität] LUMSA. Wir haben uns vorgenommen, uns regelmäßig zu sehen, weil ich der Ansicht bin, dass der Päpstliche Rat der Begleitung und Unterstützung durch eine eingehende wissenschaftliche Reflexion bedarf, eben weil der Rat in diesem Dienst, in der „Diakonie der Welt“, wirken möchte.

Ich darf ankündigen, dass wir nach Ostern einen Weltkongress der Fakultäten für Soziale Kommunikation an den katholischen Universitäten veranstalten wollen. Es gibt Gewissheiten, es gibt sehr positive Errungenschaften, aber ich denke, dass eine der Herausforderungen, der wir uns gemeinsam stellen müssen, darin besteht, unseren Blick nach vorne zu richten und zu sehen, auf welche Weise die akademische Welt – besonders die katholisch orientierte akademische Welt – einen positiven Beitrag leisten kann. Somit denke ich, dass wir diesen Kongress nach Ostern (und noch vor dem Sommer) organisieren werden. Bereits jetzt bereiten wir ihn vor, indem wir jene zu Rate ziehen, die in diesem Bereich tätig sind.

Das zweite Thema, das mir sehr wichtig erscheint, ist eine weitläufige Reflexion zur „Theologie der Kommunikation“ – wir haben bereits darüber gesprochen. In Honduras wurde vorgeschlagen, die Neuen Technologien für ein vereintes Streben nach dem rechten Gebrauch der sozialen Kommunikationsmittel zu nutzen. So untersuchen wir in diesem Augenblick, wie das in die Tat umgesetzt werden kann. Sicherlich wird es aber einen zentralen Punkt darstellen.

Das andere Thema, das wir noch vor dem Sommer anschneiden werden, wird eine internationale Begegnung der katholischen Radiosender sein, die über die Welt verstreut sind – Radiosender, von denen die Bischöfe, denen ich in dieser Zeit begegnet bin, gesagt haben, dass sie einen großen Dienst leisten. Auch hier nimmt man das Bedürfnis einer Wiederentdeckung wahr.

Im kommenden Jahr wird es die Bischofssynode rund um das große Thema des Wortes Gottes im Leben der Kirche geben. Die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet, in welcher Weise unsere sozialen Kommunikationsmittel dazu dienen können, damit dieses Wort eine größere Anzahl an Menschen erreichen und den Boden bereiten kann.

Die andere Sorge, die ich in meinem Herzen trage – der wir aber erst mit der Zeit werden nachgehen müssen – ist die Aufmerksamkeit, die jenen Menschen geschenkt wird, die allein im Leben stehen, bisweilen mit einer tiefen Sehnsucht nach Gott. Ich glaube, dass uns unsere sozialen Kommunikationsmittel – Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender – in dieser Zeit des Relativismus, der Ungewissheiten, des Zweifels, jedoch manchmal auch der großen Sehnsucht helfen können, um denen nahe zu sein, die den Weg des Lebens gehen und immer noch Mühe haben zu verstehen; die nicht kennen oder nicht wissen.

Das wären in einem gewissen Sinn die Ideen, die wir in diesem Moment haben, und die nach und nach Gestalt annehmen werden.