Zum Tag der Arbeit: Wirtschaftskrise erfordert Solidarität und Eigeninitiative

Hirtenbrief von Bischof DDr. Klaus Küng

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ROM, 30. April 2009 (ZENIT.org).- Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir den Hirtenbrief, den der Bischof der Diözese Sankt Pölten, DDr. Klaus Küng, zum morgigen Tag der Arbeit verfasst hat.

Der Hirte fordert die Gläubigen auf, sich für alle einzusetzen, die aufgrund der Weltwirtschaftskrise mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben; für jene, „die an einem Leben in Friede und Freiheit gehindert werden und denen ein glückliches Leben verwehrt ist". Der Nächste dürfe uns nicht gleichgültig sein. „Der barmherzige Samariter ist auch heute gefordert, die psychischen und seelischen Wunden vieler Menschen zu verbinden und zu heilen."

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Die weltweite Krise am Finanz- und Wirtschaftssektor hat auch in unserer Diözese ihre Auswirkungen, unter denen eine wachsende Zahl von Menschen zu leiden hat.

Dahinter steht eine Wirtschaftsform, die mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht nur nicht sorgsam umgeht, sondern in unverantwortlicher Weise einzig und allein Gewinnmaximierung als Ziel hat, auch wenn das große Risiken mit sich bringt. Es ist der unbegreifliche Egoismus und die ungebremste Gier einiger Weniger, die damit Leben, Lebensqualität, Arbeitsplätze, Sicherheit und Freiheit von Millionen Menschen leichtfertig aufs Spiel setzen.

Auch in unserem Land müssen Firmen Konkurs anmelden, vor allem in strukturschwachen Regionen. Und die Spirale dreht sich weiter: Kurzarbeit, Einkommensverluste, steigende Preise bei Lebensmitteln, eine höher werdende Arbeitslosenrate sind die Folge.

Besonders prekär wird die Lage, wenn Sozialleistungen gekürzt werden, wenn Menschen im Winter ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen können und frieren. Leidtragende sind zuerst die Frauen, alleinerziehende Mütter, kinderreiche Familien, ungelernte Arbeiter, Menschen in entlegenen Regionen und in ungünstigen Arbeitsverhältnissen, jugendliche Berufseinsteiger, ältere Arbeitnehmer und all jene, die dem enormen Druck des Wirtschaftslebens physisch und psychisch nicht mehr standhalten können.

Unzufriedenheit im Beruf, Stress und zunehmende seelische Belastungen für den Einzelnen sowie für die gesamte Familie machen vielen zu schaffen. So ist vor allem die Jugendarbeitslosigkeit in einem Jahr um ein Drittel gestiegen. Es ist für junge Menschen bitter, von der Gesellschaft erfahren zu müssen, nicht gebraucht zu werden. Hinter der nüchternen Zahl von 301.695 Arbeitslosen in Österreich verbergen sich 301.695 Einzelschicksale. Oft sind ganze Familien davon betroffen.

Es ist bedauerlich, dass diese Situation von manchen Betrieben ausgenutzt wird, um in dieser schwierigen Zeit, in der vor allem Solidarität gefordert wäre, Profite zu erlangen und auf Kosten tausender arbeitender Menschen den Aktionären fette Gewinne auszuzahlen.

Die Katholische Soziallehre verpflichtet uns für einen anderen Weg. In ihr steht der Mensch im Mittelpunkt. Die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, Kirche in der Welt von heute, ruft uns alle zu verstärkter Solidarität auf. Dort heißt es: „Freude und Hoffnung, Angst und Trauer der Menschen von heute sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“.

Alle sind aufgefordert, an den segensreichen Initiativen mitzuwirken, die es in vielen Gemeinden und Pfarren unserer Diözese gibt. Wir dürfen in unseren Bemühungen nicht nachlassen.

-- Seien es die engagierten Aktivisten im Netzwerk der Solidarität, die sich in kleinen Schritten um jeden Arbeitsuchenden bemühen, oder
-- die Initiativen der Betriebspastoral der Diözese,
-- die vielen Klein- und Mittelbetriebe, meist in familiärer Hand, die alles daransetzen, Menschen nicht fallen zu lassen,
-- die Aktivistinnen und Aktivisten der Katholischen ArbeitnehmerInnen Bewegung und der Katholischen ArbeiterInnen-Jugend;
-- jene Arbeitgeber, die in diesen schwierigen Zeiten ihre Beschäftigten zu halten versuchen,
-- und all jene Arbeitnehmer, die ihre Stelle mit anderen teilen, damit diese den Arbeitsplatz nicht verlieren.

Ich danke allen, die sich in vielfältiger Weise und oft unentgeltlich für die Menschen einsetzen, die in Interessensvertretungen oder ehrenamtlich in Sozialeinrichtungen tätig sind. Ich danke den Müttern, die sich ihrer Kinder annehmen und jenen, die pflegebedürftige Personen betreuen. Ich danke auch jenen, die sich in der Nachbarschaftshilfe engagieren oder im Besuchsdienst in Alten- und Pflegeheimen. Ohne sie wäre unsere Welt bereits um ein Vielfaches kälter geworden.

Ich möchte allen danken, die für jene Menschen eine Lanze brechen, die an einem Leben in Friede und Freiheit gehindert werden und denen ein glückliches Leben verwehrt ist.

Es braucht auch in unserer Diözese weitere Überlegungen, Initiativen und das persönliche Engagement jedes Einzelnen, denn der Nächste darf uns nicht gleichgültig sein. Der barmherzige Samariter ist auch heute gefordert, die psychischen und seelischen Wunden vieler Menschen zu verbinden und zu heilen.

Es ist unser Auftrag als Kirche, nicht nur Almosen zu verteilen, sondern von den politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen jene Strukturen einzufordern, die dem Geist der Schöpfung und des Evangeliums entsprechen. Es ist unsere Aufgabe, auch selbst daran mitzuwirken, dass alle Menschen in Freiheit und Frieden den Lobpreis Gottes singen können.

Wir bedürfen des Gebetes, das uns stärkt, auch in schwierigen Zeiten den Mut nicht zu verlieren. Immer wieder müssen wir uns Gott, dem Urgrund allen Gelingens, zuwenden, damit er alle unsere Bemühungen segnet und mit seiner Gnade begleitet.

St. Pölten, im April 2009