Zum Tode verurteilt und dennoch neu geboren

Priestererlebnis von Mario Ortega Moya, Spanien

Wien, (ZENIT.org100Wunder) | 833 klicks

Vor einiger Zeit verbrachte ich eine Woche in Banfield, Argentinien, um dort einigen Missionarsfreunden zu helfen. In diesen Gegenden besuchen die Priester Mittwochsvormittags die Kranken, insbesondere die Schwerkranken. Ich bereitete mich also auf diese Besuche vor und hatte eine Liste mit den Namen der Kranken dabei. In stickiger Hitze führte uns der Weg über holprige Straßen bis hin zu dem Ort, an dem die einzelnen Kranken wohnten.

Bei diesen Besuchen traf man oft auf große Schwierigkeiten. Wie würde es diesmal sein? Die Umstände schienen gegen uns zu arbeiten. Einer der Kranken war gerade ins Krankenhaus gebracht worden, ein weiterer war verstorben, wieder ein anderer umgezogen.

Wir gingen von Haus zu Haus, ohne auch nur eine Menschenseele anzutreffen. Die Zeit verging, der Vormittag schien vergeudet. Doch es war alles Vorsehung. Als ich die Liste noch einmal kontrollierte, entdeckte ich den Namen einer Frau. Neben ihrem Namen war ihre Krankheit vermerkt: „Aids.“

Die Wohnung lag nicht fern und so sagte ich zu meinem Freund, dass ich sie besuchen wolle. Die Frau lebte in einem der ärmsten und gefährlichsten Viertel der Stadt. Drogenkonsum und Kriminalität waren dort an der Tagesordnung. Vor einem Wohnhaus hielten wir an. Ein alter Mann informierte uns, dass Susanna, die Kranke, dort wohne. Wir stiegen aus und sahen sie am Eingang des Hauses stehen. Ihr Anblick war grauenvoll. Sie war erst zweiundzwanzig Jahre alt, sah aber viel älter aus. Mit Lumpen bekleidet, stand sie barfuß da und war mit Stichen übersät. Das kam von den Spritzen, mit denen sie ihr Leben, seitdem sie zwölf war, zerstört hatte. Wie viele andere war Susanna ein Opfer der „Kultur des Todes“. Man hatte sie betrogen und keiner hatte ihr den Weg zu einem glücklichen Leben gezeigt. „Padre, ich bin Susanna.“ Sogleich verriet sei mir auch, was sie auf dem Herzen hatte: „Padre, ich bin noch nicht getauft.“

Noch am selben Tag sollte sie im Krankenhaus von Buenos Aires bei den Sterbenden aufgenommen werden. Dorthin werden nur jene Schwerkranken gebracht, die dem Tode nahe stehen und bei denen wirklich keine Hoffnung mehr besteht, dass sie nach Hause zurückkehren werden. Jetzt erst verstand ich, warum es gut war, dass wir an diesem Tag keinen einzigen anderen Todkranken angetroffen hatten… Christus hatte uns zu dem Menschen geführt, der uns in diesem Moment am meisten brauchte.

Innerlich berührt sagte ich: „Susanna, die Taufe ist das Tor zum Himmel. Willst du, dass ich dich taufe?“ Sie lächelte ein wenig und war dabei den Tränen nahe. Tief erregt sagte sie: „Ja, Padre, ich will das unbedingt.“

Da sie dem Tode schon sehr nahe schien, musste ich schnell handeln. In einer Viertelstunde hatten wir gemeinsam das Credo durchgearbeitet. Dann schlug ich ihr vor, eine Lebensbeichte abzulegen. Sie erhielt die Vergebung ihrer Sünden und somit auch die Gnade der Erlösung. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich nun fast von Minute zu Minute. Dennoch war sie sich dessen bewusst, dass die Gnade Gottes sie gleichzeitig zu einem neuen Leben im Glauben gebar. Wie setzt sich doch der Herr für die armen und demütigen Herzen ein! Man kann das nicht erklären, man muss es erleben!

Auch die Familie nahm die Nachricht über die Taufe Susannas gut auf. Es war nicht schwer gewesen, ihr und ihren Eltern zu erklären, dass Gott sie unendlich liebt. Sie hatten es gerade selbst erfahren. Auch ihr Vater kam, um sie zu besuchen. Lange Zeit war sie nur wie ein Gegenstand behandelt worden. Jetzt wurde ihr die Würde als Person endlich zuerkannt. Sie war ein Kind Gottes geworden! Ich muss gestehen, dass auch ich sehr bewegt war.

Nach meiner Rückkehr nach Spanien, erhielt ich ein Fax vom Pfarrer jenes Dorfes. Unter anderem berichtete er mir, dass Susanna kurz nach der Taufe gestorben war. Spontan sagte ich zu ihr: „Susanna, ich habe dir auf dem Weg in den Himmel geholfen. Hilf jetzt auch du mir!“