Zum Wohl des Ganzen auf eigene Ansprüche verzichten lernen

Papst Benedikt XVI. über Leben, Werk und Lehren des heiligen Abts Theodoros

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ROM, 27. Mai 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat.

Der Heilige Vater führte den Gläubigen Leben und Lehre des heiligen Theodoros Studites (* 759 in Konstantinopel; † 11. November 826) vor Augen, der als Abt des Klosters Studios in Konstantinopel bedeutende Ordensregeln verfasst hatte. Sein Aufruf zu materieller und geistiger Nüchternheit sei gerade heute von großer Aktualität, hob Papst Benedikt hervor.

„Das Beispiel des heiligen Theodoros und seiner Mönchsgemeinschaft zeigen uns, wie wir gemeinsam als Glieder des einen Leibes Christi unsere Berufung zur Heiligkeit leben können. Dies ist gerade auch in unserer vom Individualismus geprägten Zeit ein Ansporn, auf eigene Ansprüche zu verzichten und dem Wohl des Ganzen zu dienen.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Der Heilige, dem wir heute begegnen, der heilige Theodoros Studites, führt uns mitten in das byzantinische Mittelalter zurück, in eine Zeit, die unter einem religiösen und politischen Gesichtspunkt ziemlich stürmisch war. Der heilige Theodoros wurde 759 in einer adeligen und frommen Familie geboren. Die Mutter, Theoktista, und ein Onkel, Platon - er war Abt des Klosters von Sakkudion in Bithynien -, werden als Heilige verehrt. Es war gerade der Onkel, der ihn zum Mönchsleben angeleitet hat, das er im Alter von 22 Jahren aufnahm. Er empfing die Priesterweihe durch Patriarch Tarasios, brach jedoch dann mit ihm - aufgrund der Schwäche, die dieser im Fall der Ehescheidung und Wiederverheiratung Kaiser Konstantins VI. an den Tag gelegt hatte. Die Folge war das Exil des Theodoros 796 in Thessalonike. Die Versöhnung mit der kaiserlichen Autorität erfolgte im darauf folgenden Jahr unter der Kaiserin Irene, deren Wohlwollen Theodoros und Platon dazu führte, in das Stadtkloster von Studios zu übersiedeln, zusammen mit dem Großteil der Mönchsgemeinschaft von Sakkudion, um den Angriffen der Sarazenen zu entgehen. So nahm die wichtige „studitische Reform" ihren Anfang.

Die persönliche Geschichte des Theodoros bleibt jedoch weiterhin bewegt. Mit seiner gewohnten Energie wurde er zum Anführer des Widerstandes gegen den Ikonoklasmus Leos IV. des Armeniers, der sich erneut der Präsenz von Bildern und Ikonen in der Kirche widersetzte. Die von den Mönchen des Studios organisierte Ikonenprozession entfesselte die Reaktion der Polizei. Zwischen 815 und 821 wurde Theodoros gegeißelt, eingekerkert und in verschiedene Ortschaften Kleinasiens ins Exil geschickt. Schließlich konnte er nach Konstantinopel zurückkehren, nicht jedoch in sein Kloster. So kam es, dass er sich zusammen mit seinen Mönchen auf der anderen Seite des Bosporus niederließ. Er starb, wie es scheint, in Prinkipos am 11. November 826, dem Tag, an dem ihm der byzantinische Kalender gedenkt. Theodoros stach in der Geschichte der Kirche als einer der großen Reformatoren des Mönchslebens und auch als Verteidiger der heiligen Bilde während der zweiten Phase des Ikonoklasmus hervor, neben dem Patriarchen von Konstantinopel, dem heiligen Nikophoros. Theodoros hatte verstanden, dass die Frage der Ikonenverehrung die Wahrheit der Fleischwerdung selbst auf den Plan rief. In seinen drei Büchern „Antirrhetikoi" (Widerlegungen) stellt Theodoros einen Vergleich zwischen den ewigen innertrinitarischen Beziehungen, wo die Existenz einer jeden göttlichen Person die Einheit nicht zerstört, und den Beziehungen zwischen den beiden Naturen Christi an, die in ihm die einzige Person des „Logos" nicht beeinträchtigen. Sein Argumentation ist die folgende: Die Verehrung der Ikone Christi abzuschaffen würde bedeuten, sein Erlösungswerk auszulöschen, insofern dadurch, dass das unsichtbare ewige „Wort" die menschliche Natur angenommen hat, es im sichtbaren menschlichen Fleisch erschienen ist und auf diese Weise den ganzen sichtbaren Kosmos geheiligt hat. Die durch die liturgische Segnung sowie durch die Gebete der Gläubigen geheiligten Ikonen vereinen uns mit der Person Christi, mit seinen Heiligen und durch sie mit dem himmlischen Vater und bezeugen das Eintreten der göttlichen Wirklichkeit in unseren sichtbaren und materiellen Kosmos.

Theodoros und seine Mönche, Zeugen des Mutes in der Zeit der ikonoklastischen Verfolgungen, sind untrennbar an die Reform des zönobitischen Lebens in der byzantinischen Welt gebunden. Ihre Bedeutung drängt sich schon allein aufgrund eines äußeren Umstandes auf: der Anzahl. Während die Klöster der Zeit 30 oder 40 Mönche nicht überschritten, wissen wir aus der „Lebensbeschreibung des Theodoros" von der Existenz von insgesamt mehr als 1000 studitischen Mönchen. Theodoros selbst informiert uns über die Präsenz von ungefähr 300 Mönchen in seinem Kloster; wir sehen somit die Begeisterung des Glaubens, die im Umfeld dieses wirklich informierten und vom christlichen Glauben selbst gebildeten Mannes entstanden ist. Mehr als die Zahl erwies sich dennoch der neue Geist als einflussreich, den der Gründer dem zönobitischen Leben einprägte. In seinen Schriften besteht er auf der Dringlichkeit einer bewussten Rückkehr zur Lehre der Väter, vor allem des heiligen Basilius, des ersten Gesetzgebers des monastischen Lebens, und des heiligen Dorotheos von Gaza, berühmter geistlicher Vater der palästinensischen Wüste. Der charakteristische Beitrag des Theodoros liegt in seinem Bestehen auf der Notwendigkeit der Ordnung und der Unterwerfung seitens der Mönche. Während der Verfolgungen waren diese verstreut und hatten sich daran gewohnt, jeder nach seinem Urteil zu leben. Nun, da es möglich geworden war, das Gemeinschaftsleben neu zu bilden, musste man sich bis ins Letzte dafür einsetzen, aus dem Kloster eine wahre organische Gemeinschaft zu machen, eine wahre Familie oder, wie er sagt, einen wahren „Leib Christi". In einer derartigen Gemeinschaft wird konkret die Wirklichkeit der Kirche insgesamt realisiert.

Eine weitere Grundüberzeugung des Theodoros ist diese: Die Mönche übernehmen gegenüber den weltlichen Menschen die Pflicht, die christlichen Pflichtgebote mit größerer Strenge und Intensität zu beachten. Dazu legen sie ein besonderes Gelübde ab, das zu den „hagiasmata" (den Weihen) gehört, und dies ist gleichsam eine „neue Taufe", deren Symbol die Einkleidung darstellt. Im Vergleich mit den weltlichen Menschen ist hingegen für die Mönche das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams charakteristisch. Theodoros wendet sich an die Mönche und spricht in konkreter, manchmal gleichsam pittoresker Weise von der Armut, sie aber ist in der Nachfolge Christi von Anfang an ein wesentliches Element des Mönchtums und weist auch uns allen einen Weg. Der Verzicht auf den Besitz von materiellen Dingen, die Haltung des Freiseins von diesen wie auch die Nüchternheit und Einfachheit gelten in der radikalen Form nur für die Mönche, der Geist aber eines derartigen Verzichtes ist für alle derselbe. Wir dürfen nämlich nicht von den materiellen Besitztümern abhängig sei, wir müssen hingegen den Verzicht, die Einfachheit, die Strenge und die Nüchternheit lernen. Allein so kann eine solidarische Gesellschaft wachsen und das große Problem der Armut in dieser Welt überwunden werden. In diesem Sinne also weist das radikale Zeichen der armen Mönche im Wesentlichen auch einen Weg für uns alle. Wenn er dann die Versuchungen gegen die Keuschheit darlegt, verbirgt Theodoros seine eigenen Erfahrungen nicht und zeigt einen Weg des inneren Kampfes auf, um die Gewalt über sich selbst und so die Achtung für den eigenen Leib und den des anderen als Tempel Gottes zu finden.

Der hauptsächliche Verzicht aber besteht für ihn in dem, den der Gehorsam fordert, da ein jeder der Mönche seine eigene Lebensart besitzt und die Eingliederung von 300 Mönchen in die große Gemeinschaft wirklich eine neue Lebensform einschließt, die er als das „Martyrium der Unterwerfung" qualifiziert. Auch hier geben die Mönche nur ein Vorbild dessen, was für uns selbst notwendig ist, da nach der Ursünde die Neigung des Menschen darin besteht, seinen eigenen Willen zu tun, das erste Prinzip das Leben der Welt zu sein, alles andere dem eigenen Willen unterwrofen werden muß. Auf diese Weise jedoch, wenn jeder nur sich selbst folgt, kann das soziale Gefüge nicht funktionieren. Nur wenn man lernt, sich in die gemeinsame Freiheit einzufügen, sie zu teilen und sich ihr zu unterwerfen, kann das Erlernen der Legalität, das heißt die Unterwerfung und der Gehorsam gegenüber den Regeln des Gemeinwohles und des gemeinsamen Lebens, eine Gesellschaft wie auch das Ich selbst von der Hochmut heilen, der Mittelpunkt der Welt zu sein. So hilft der heilige Theodoros seinen Mönchen und schließlich auch uns über eine feine Introspektion hinweg, das wahre Leben zu erfassen, der Versuchung zu widerstehen, den eigenen Willen als höchste Lebensregel zu setzen, und die wahre persönliche Identität - die immer eine Identität zusammen mit den anderen ist - und den Frieden des Herzens zu bewahren.

Für Theodoros Studites ist die „philergia", das heißt die Liebe zur Arbeit, eine Tugend, die gleich wichtig ist wie die des Gehorsams und der Demut; in ihr sieht er ein Kriterium, um die Qualität der persönlichen Frömmigkeit auszuloten: Wer sich eifrig in den materiellen Verpflichtungen einsetzt, unermüdlich arbeitet, so seine Argumentation, der tut dies auch in den geistlichen Dingen. Daher gestattet er es nicht, dass sich der Mönch unter dem Vorwand des Gebets und der Betrachtung von der Arbeit, auch von der Handarbeit, dispensiert, die für ihn und die gesamte monastische Tradition in Wirklichkeit das Mittel ist, um Gott zu finden. Theodoros scheut es nicht, von der Arbeit als einem „Opfer des Mönches", als einer „Liturgie" zu sprechen, sogar als einer Art Messe, durch die das Mönchsleben engelhaftes Leben wird. Und gerade so wird die Arbeitswelt humanisiert, und der Mensch wird durch die Arbeit mehr er selbst, näher bei Gott. Eine Folge dieser einzigartigen Situation verdient es, in Erinnerung gerufen zu werden: Gerade weil sie Frucht einer Art der „Liturgie" sind, dürfen die sich aus der gemeinsamen Arbeit ergebenden Reichtümer nicht der Bequemlichkeit der Mönche dienen, sondern müssen zur Hilfe für die Armen bereitgestellt werden. Hier können wir alle die Notwendigkeit erfassen, dass die Frucht der Arbeit ein Gut für alle sei. Natürlich war die Arbeit der „Studiten" nicht nur eine Arbeit der Hände: Sie hatten eine große Bedeutung für die religiöse und kulturelle Entwicklung der byzantinischen Zivilisation als Kalligraphen, Maler, Dichter, Erzieher der Jugend, Schullehrer und Bibliothekare.

Obwohl er eine sehr breit angelegte äußere Aktivität an den Tag legte, ließ sich Theodoros nicht von dem abbringen, was er für seine Funktion als Oberer streng geziemend hielt: ein geistlicher Vater seiner Mönche zu sein. Er wusste, welch entscheidenden Einfluss in seinem Leben sowohl die gute Mutter als auch der heilige Onkel Platon gehabt hatten, den er bedeutsamer Weise „Vater" nannte. Er übte daher gegenüber den Mönchen eine geistliche Leitung aus. Jeden Tag, so berichtet der Biograph, stellte er sich nach dem Abendgebet vor die Ikonostase, um das zu hören, was ihm alle anzuvertrauen hatten. Er war auch der geistliche Ratgeber vieler Menschen außerhalb des Klosters. Das „Geistliche Testament" und die „Briefe" stellen diesen seinen offenen und liebevollen Charakter heraus und zeigen, wie aus seiner Vaterschaft heraus wahre geistliche Freundschaften im klösterlichen Bereich und auch außerhalb entstanden sind.

Die „Regel", bekannt auch unter dem Namen „Hypotyposis", die bald nach dem Tod des Theodoros kodifiziert wurde, wurde mit einigen Änderungen auf dem Berg Athos angenommen, als 962 der heilige Athanasius Athonita dort das „Große Lavra" gründete, und dann in der Rus' von Kiew, als zu Beginn des Jahrtausends der heilige Theodosius sie in die „Lavra der Höhlen" einführte. Versteht man ihre ursprüngliche Bedeutung, so erweist sich die „Regel" als einzigartig aktuell. Heute gibt es zahlreiche Strömungen, die die Einheit des gemeinsamen Glaubens bedrängen und zu einer Art gefährlichen geistlichen Individualismus und geistlicher Hochmut treiben. Es ist notwendig, sich für die Verteidigung und das Wachstum der vollkommenen Einheit des Leibes Christi einzusetzen, in dem der Friede der Ordnung und die aufrichtigen persönlichen Beziehungen im Geist harmonisch zusammenkommen können

Es ist vielleicht nützlich, zum Schluss einige der Hauptelemente der geistlichen Lehre des Theodoros noch einmal anzusprechen: Liebe zum fleischgewordenen Herrn und zu seiner Sichtbarkeit in der Liturgie und in den Ikonen; Treue gegenüber der Taufe und Einsatz für ein Leben in der Gemeinschaft des Leibes Christi, verstanden auch als Gemeinschaft der Christen untereinander; Geist der Armut, der Nüchternheit, des Verzichts; Keuschheit, Selbstbeherrschung, Demut und Gehorsam gegen die Vorherrschaft des eigenen Willens, die das soziale Gefüge und den Seelenfrieden zerstört; Liebe zur materiellen und geistigen Arbeit; geistliche Freundschaft, die aus der Läuterung des Gewissens, der Seele, des Lebens hervorgeht. Wir wollen versuchen, diesen Lehren zu folgen, die uns wirklich den Weg des wahren Lebens weisen.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute setzen wir mit dem heiligen Theodoros Studites die Reihe der Katechesen über große Gestalten der mittelalterlichen Kirche fort. Theodoros war wie sein Onkel, der heilige Abt Platon, ein byzantinischer Mönch. Energisch und ohne Scheu vor Verfolgung, Bestrafung und Exil verteidigte er die Verehrung der heiligen Ikonen, denn dabei stand für ihn nicht nur eine Frömmigkeitsform, sondern das gläubige Festhalten an der Menschwerdung Christi und an seinem Erlösungswerk auf dem Spiel. Mit ebensolchem Tatendrang setzte er sich für eine Erneuerung des monastischen Lebens ein und war selbst viele Jahre hindurch Abt und Vorsteher von großen Klöstern mit bis zu 300 Mönchen. Die nach ihm benannte „studitische Reform" betonte das disziplinierte, geordnete und arbeitsame Gemeinschaftsleben nach den evangelischen Räten. Theodoros unterrichtete seine Mönche konkret und praktisch in dieser Form des gottgeweihten Lebens und forderte von ihnen einen wahren Gehorsam ein, der bis zum „Martyrium der Unterwerfung" unter den Willen Gottes und den rechtmäßigen Oberen gehen kann. Zugleich sahen seine Untergebenen in ihm einen geistlichen Vater, dem sie im vertraulichen Gespräch ihr Herz ausschütten konnten, um Orientierung und Ermutigung für ihr Streben nach Vollkommenheit zu erhalten. Die von Theodoros verfassten Ordensregeln haben bis heute große Bedeutung auf dem berühmten Berg Athos und in vielen anderen Klostergemeinschaften des Ostens.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Von Herzen grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher. Das Beispiel des heiligen Theodoros und seiner Mönchsgemeinschaft zeigen uns, wie wir gemeinsam als Glieder des einen Leibes Christi unsere Berufung zur Heiligkeit leben können. Dies ist gerade auch in unserer vom Individualismus geprägten Zeit ein Ansporn, auf eigene Ansprüche zu verzichten und dem Wohl des Ganzen zu dienen. Dazu erbitten wir den Beistand des Heiligen Geistes, den Christus seiner Kirche verheißen hat.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]