Zürich stimmt für betreuten Selbstmord

Sterbehilfegesellschaften triumphieren

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von Paul De Maeyer

ZÜRICH, Dienstag, 17. Mai 2011 (ZENIT.org). - Es wird also keine Wende geben bezüglich des betreuten Selbstmordes im schweizerischen Kanton  Zürich, welcher in der Ortschaft Forch den Rechtssitz der umstrittenen Vereinigung „Dignitas“ beherbergt. In einer lokalen Volksabstimmung am Sonntag, den 17. April, beschlossen die Stimmbürger des deutschsprachigen Kantons - der ungefähr 1,2 Millionen Einwohner zählt, also fast den sechsten Teil der gesamten Bevölkerung der Helvetischen Konföderation ausmacht (mehr als 7,8 Millionen Einwohner, aufgeteilt in 26 Kantone und Halbkantone) - die Dinge so zu belassen, wie sie bisher waren und keinerlei Änderung vorzunehmen.

Das „souveräne Volk“ musste sich bezüglich zweier Bürgerinitiativen äußern, die von den beiden entsprechenden politischen Gruppierungen vorgestellt wurden, der Evangelischen Volkspartei und der Eidgenössisch-Demokratischen Union (eine katholisch inspirierte Partei). Die erste Volksbefragung, die sich bezeichnenderweise „Stopp der Suizidhilfe“ nannte, hatte beantragt, eine kantonale Initiative beim Eidgenössischen Parlament in Bern zu starten, um sowohl den betreuten Selbstmord als auch das Anstiften dazu strafbar zu machen. Laut der Agentur ATS (Agenzia Telegrafica Svizzera) stimmten nur 15,52 Prozent der Abstimmenden – also 43.165 Bürger – mit einem Ja. Deutlich war hingegen die Anzahl jener, welche den Vorschlag abgelehnt hatten: 84,48 Prozent, also 234.956 Bürger des Kantons.

Etwas weniger groß, aber genauso beredsam war das Ausmaß der Bürger, die die zweite Initiative abgelehnt haben, die „Nein zum Sterbetourismus im Kanton Zürich“ hieß, und die darauf abzielte, den betreuten Selbstmord der nicht in Zürich Ansässigen, sowohl der Bewohner anderer Kantone als auch von Ausländern zu verhindern. 78,41 Prozent der Abstimmenden sagten nämlich Nein zu dem Vorschlag, also 218.602 Bürger. Wenig mehr als ein Fünftel der Wählerschaft des Kantons (also 21,59 Prozent) hat ihm zugestimmt, demnach 60.186 Einwohner. Das Vorhaben der Unterstützer der zweiten Initiative war, nur Personen, die wenigstens ein Jahr im Kanton gelebt haben zu erlauben, Dienste wie die der Gesellschaft „Dignitas“ in Anspruch zu nehmen.

Der Ausgang wurde von den Befürwortern des betreuten Selbstmordes mit Zufriedenheit aufgenommen, unter ihnen Bernhard Sutter. Gemäß dem Vizepräsident von Exit – eine weitere bekannte Vereinigung, die „Hilfe“ zum Suizid anbietet – stellt das Ergebnis des vergangenen Sonntag eine Niederlage für die „religiösen Fundamentalisten“ und einen Sieg für die Selbstbestimmung dar. „Weder der Staat noch die Kirche haben eine Stimme, wenn es ums Sterben geht. Das Volk will sich nicht der Möglichkeit berauben lassen, selbstständig über den Tod zu entscheiden“, sagte Sutter zu ATS. Deutlich, wenn nicht gar geringschätzig, war auch die Reaktion des Gründers von Dignitas, Ludwig Minelli, welcher über die vernichtende Niederlage der Sektenbrüder und Betschwestern sprach („Tagesanzeiger“ vom 15. Mai).

Während die Teilnahme an der Volksbefragung – die Wählerschaft musste sich insgesamt über 10 Punkte äußern – sich auf 33,6 Prozent belief, bekräftigt das doppelte Durchfallen der Bürgerinitiativen bezüglich der aktiven indirekten Euthanasie, die liberale oder „tolerante“ Ausrichtung, die von den Zürchern bereits vor 34 Jahren angenommen wurde. Und dieses Mal – so berichten die Schweizerischen Nachrichtendienste – gab es nicht einmal das beinahe traditionelle „Stadt-Land-Gefälle“: In keiner Gemeinde des Kantons wurden nämlich die Vorschläge bezüglich des betreuten Selbstmordes angenommen.

Enttäuscht zeigte sich hingegen Hans Peter Häring, Berater auf kantonaler Ebene der Eidgenössisch-Demokratischen Union, besonders darüber, dass nicht einmal in den traditionell eher gläubigen Orten, die „Werte der Bibel und des Wortes Gottes“ eine Mehrheit gefunden haben („Tagesanzeiger“, idem).

Alle Kommentatoren sind sich einig, dass die Sonntagsabstimmung eine klare und deutliche Botschaft an die Eidgenössische Obrigkeit ist, insbesondere an die eidgenössische Ministerin oder Bundesrätin, Simonetta Sommaruga. Seit vergangenem 1. November an der Spitze des Eidgenössischen Department für Gerechtigkeit und Polizei versprach die sozialistische Bundesrätin aus dem Tessin nämlich, bis zum Sommer einen neuen Gesetzesvorschlag einzureichen, um die Praxis zu regeln und Missbräuche zu bestrafen.

Die Schweiz gewährt nämlich die Begleitung zum Tod unter der Bedingung – wie der Art. 115 des Strafgesetzbuches der Eidgenossenschaft festlegt – dass das Verfahren nicht an „egoistische Gründe“ gebunden sei. Laut den Gegnern des betreuten Selbstmordes ist vielleicht genau dies der Fall, wenn es sich um die Gesellschaft „Dignitas“ handelt, dessen Gründer und Leiter – Ludwig Minelli – innerhalb nur eines Jahrzehnts „Millionär“ geworden ist. Wie der „Telegraph“ (24. Juni 2010) bekannt gab, beläuft sich sein persönliches Vermögen auf über 1,2 Millionen Pfund und beinhaltet zum Beispiel auch eine luxuriöse Villa. Während Minelli sich damit verteidigte, es handele sich um eine Erbschaft seitens seiner Mutter, bleibt die Tatsache bestehen, dass der Preis eines „einfachen“ betreuten Selbstmordes in einer „Klinik“ von Dignitas in den letzten Jahren erheblich gestiegen ist: von 1.800 Pfund im Jahre 2005 ist er auf 4.500 Pfund im Jahre 2010 hochgeschnellt. Ein Selbstmord, „alles inbegriffen“ (wie z.B. medizinische Unkosten und das Begräbnis) kostete letztes Jahr mindestens 7.000 Pfund.

Ein weiterer problematischer Punkt ist die Entsorgung der Urnen der in den Strukturen von „Dignitas“ verstorbenen Personen. Große Entrüstung löste letztes Jahr die Auffindung einer großen Anzahl an Urnen im Züricher See in der Nähe von Küssnacht aus, die das Zeichen des Krematoriums von Nordheim trugen, welches von der Verbindung Ludwig Minellis benutzt wird. Selbst wenn der Gerichtshof von Zürich im vergangenen Juli beschlossen hat, das Verfahren wegen mangelnder Beweise einzustellen, so bleibt doch der starke Verdacht bestehen, dass „Dignitas“ die Urnen in den See geworfen hat, der als Wasservorrat dient. Bereits vor dem Fund hatte nämlich eine ehemalige Mitarbeiterin von „Dignitas“, Soraya Wernli, die Gesellschaft angeklagt, die sterblichen Überreste von ungefähr 300 „Kunden“ in den Zürcher geworfen zu haben („Times Online“, 25. Oktober 2008).

Dunkle Schatten werden auch von einem weiteren Vorfall auf den „modus operandi“ von Dignitas geworfen. Im November 2007 half die Vereinigung in einem geparkten Auto auf einem Parkplatz in der Gegend von Maur am Greifensee, im Süd-Osten von Zürich, beim Tod von zwei deutschen Bürgern.

Der Ausgang der Volksabstimmung des vergangenen Sonntag bedeutet also, dass Fremde weiterhin an der Türe von „Dignitas“ klopfen können (Exit nimmt keine ausländischen Suizid-Kandidaten an). Aus den Daten, die von der Gesellschaft zur Verfügung gestellt wurden, geht hervor dass bis Ende des Jahres 2010 1.138 Personen, mehrheitlich Ausländer, besonders Deutsche, Engländer und Franzosen zum Tode begleitet wurden.

In der ganzen Diskussion über den betreuten Selbstmord scheint man ein Element leicht zu vergessen: wie im Falle der Todesstrafe ist auch beim betreuten Selbstmord das Risiko eines „Fehlers“ vor der Tür. Es genügt manches Mal ein guter Familienarzt, um einen Patienten im „Endstadium“ wieder auf den Weg der Besserung zu bringen. Dies beweist zumindest das Beispiel von Andrew Barnes aus Topsham, einem Vorort von Exeter bei Cornwall. Wie der „Exmouth Journal“ (13. Mai) berichtete, war es der Hausarzt, der die Reise in die Schweiz mit bloßer Hinfahrt des fünfundfünfzigjährigen „in extremis“ verhinderte, nachdem der Facharzt ihm nur noch drei Lebensmonate prognostiziert hatte. Er hat ihm nahegelegt, mit dem Trinken aufzuhören und eine Kur zu beginnen, um den Kaliummangel zu beheben. Barnes folgte diesen Hinweisen und heute geht es ihm wesentlich besser, obgleich er dem betreuten Selbstmord nicht abschwören will.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Josef Stolz]