Zuverlässigkeit als Qualitätssiegel: Der Katholische Erwachsenen-Katechismus, eine Inkulturationsleistung

Von Michael Schulz

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WÜRZBURG, 5. Oktober 2007 (Die-Tagespost.deZENIT.org).- Wenn „schon das Interesse für Religion die Religion selbst sein kann“, so Peter Sloterdijk in einem Zeit-Interview mit Walter Kardinal Kasper vom Februar 2007, dann mag sich die Bedeutung des 1985 und 1995 erschienenen Katholischen Erwachsenen-Katechismus (= KEK), herausgegeben von der Deutschen Bischofskonferenz, von selbst erklären. Ob man sich nämlich als „religiös unbegabt“ (Jürgen Habermas) oder als „religiös begabt“ (Peter Sloterdijk) erklärt – in jedem Fall ist eine zuverlässige Information über den katholischen Glauben hilfreich, zumal dann, wenn einsichtig geworden ist, dass die Sache des Glaubens nicht einfach eine Frage der Begabung, sondern einer bewussten Entscheidung ist. Ausschlaggebend für die Publikation von neuen Katechismen ist aber nicht nur das verstärkte Interesse an Religion, sondern vor allem die „Krise der Katechese“ selbst, zu der sich 1983 der Präfekt der Glaubenskongregation zu Wort meldete. Die Überwindung der Krise sah Joseph Kardinal Ratzinger in einer verstärkten Sach- als in einer zugespitzten Methodenorientierung.



Der reflexartige Vorwurf des Konservativismus oder des Verrates am Konzil durch ein instruktionstheoretisches Offenbarungsverständnis (Offenbarung als Unterweisung in zu memorierenden göttlichen Wahrheitssätzen) ließ nicht lange auf sich warten. Die ermüdeten Disjunktionen „doktrinelle Identität oder gesellschaftliche Relevanz“, „kirchliches Dogma oder konkrete Lebenshilfe“, „instruierende Katechese oder subjektiver Erfahrung“ usw. dürften sich aber in der Katechese als nicht weiterführend erwiesen haben, so der Münchener Pastoraltheologe Andreas Wollbold in einem Artikel über Papst Benedikt XVI. und die Katechese.

Der Auftrag Jesu erfordert gemeinsame Anstrengungen

Äußerer Anlass für eine erneute Lektüre des KEK sind die 30 Jahre, die seit der Bischofssynode im Herbst 1977 zum Thema „Die Katechese in unserer Zeit“ vergangen sind. Papst Johannes Paul II. hat die Ergebnisse dieser letzten von Papst Paul VI. einberufenen Versammlung in dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Catechesae tradendae“ (19.10.1979) zusammengetragen. In seiner Eröffnungspredigt am 30. September 1977 unterstreicht Papst Paul VI., dass die Verwirklichung des Auftrags Jesu, allen Völkern das Evangelium zu verkünden, eine „kollektive Anstrengung“ erforderlich macht. Demnach sind alle – ist die ganze Kirche gefordert, den Glauben zu bezeugen. Dem dient der KEK. Er ist nach Einschätzung des maßgeblichen Autors des ersten Bandes, des damaligen Professors Walter Kasper, als ein so genannter „Großer Katechismus“ zu verstehen, der sich vor allen Dingen an die in der Glaubensvermittlung tätigen Priester, pastoralen Mitarbeiter und in Katechese und Lehre Tätigen wendet im Unterschied zum so genannten „Kleinen Katechismus“, der in die Hand der Katechumenen und Schüler gehört.

In der Tat handelt es sich bei beiden Bänden um ein umfangreiches Glaubensbuch, dessen Lektüre eine gewisse Bildung in Philosophie und Theologie voraussetzt. Das bedeutet nicht, dass nur Fachleute in der Lage wären, diesen Katechismus zu lesen. Dieser „Große Katechismus“ verlangt seine weitere Übersetzung und Vermittlung. Konsequenterweise entstanden eine Reihe von Studienbüchern und Werkmappen. Der Katechismus kann sogar auf universitärer Ebene Beachtung finden; er bietet nicht weniger als eine profunde „Einführung in das Christentum“. Derartige Einführungen, wie Joseph Ratzingers gleichnamiger Beststeller von 1968, bieten einen intellektuell redlichen Überblick über das Gesamt des Glaubens vor dem Eindringen in Einzeldisziplinen. Bei der Studienreform im Zusammenhang des so genannten Bologna-Prozesses kann er Eingang finden in die Module (Lehrstoffeinheiten), die eine Einführung in das Fach Theologie vorsehen.

Im Unterschied zum Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), der im Dezember 1992 vorgestellt wurde, zeichnen sich beide Bände des KEK durch die verstärkt verwirklichte Intention aus, eine wissenschaftlich fundierte Vermittlung des christlichen Glaubens in die geistige Situation der westlich geprägten Gegenwart hinein zu leisten, was vom KKK nicht in gleicher Weise beabsichtigt sein konnte. Die kulturspezifische Aktualität des KEK markiert zugleich seine Grenzen; eher als der KKK wird er einer Revision bedürfen. Derzeit ist allerdings weder an eine Neufassung des KEK gedacht, so die Auskunft der Deutschen Bischofskonferenz, noch scheint sie auch nach erneuter Lektüre dringend erforderlich zu sein, wenngleich man aus heutiger Sicht – diese triviale Feststellung mag nicht überraschen – Ergänzungen und Modifikationen anzubringen wüsste.

Unabhängig vom Reflexionsniveau findet jeder Katechismus sein entscheidendes Kriterium im Anliegen der Evangelisten. Lukas verfasst sein Evangelium, damit man sich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen kann, in der man unterwiesen – wörtlich: katechisiert – worden ist (Lk 1, 4). Zuverlässigkeit, nicht der originelle theologische Ansatz entscheidet demnach über das Qualitätssiegel. Das Bedürfnis nach einer zuverlässigen Darstellung der eigenen Glaubenstradition wuchs in der komplexer werdenden und sich ausdifferenzierenden Epoche der frühen Neuzeit. In vorreformatorischer Zeit schlägt daher die Geburtsstunde derjenigen Bücher, die explizit den Titel „Katechismus“ tragen (1504). Als besonders produktiv erweist sich die Zeit der Reformation und der katholischen Reform: Bekannt sind Martin Luthers „Kleiner“ und „Großer Katechismus“, der Catechismus Romanus (1566), der von Petrus Canisius (1555) oder von Robert Bellarmin (1597). Bis in die Gegenwart hinein gliedern sich diese Katechismen, die dabei auf mittelalterliche Vorlagen zurückgreifen können, anhand des Glaubensbekenntnisses, des Vaterunsers, des Dekalogs und der Sakramente. Diese Themen bilden ebenso das Strukturprinzip des KKK.

Der zweibändige Katechismus der deutschen Bischöfe beschränkt sich auf zwei große Themenbereiche: Der erste Band entfaltet ausgehend vom Glaubensbekenntnis die Dogmatik des Glaubens, der zweite Band wendet sich den moraltheologischen und sozialethischen Themen zu. Diese Konzentration auf „Dogma“ und „Moral“ lässt den Raum frei für einen denkbaren dritten Band, in dem die spezifische Gebetspraxis und Spiritualität des katholischen Glaubens dargelegt wird.

Ganz auf der Linie der Pastoralkonstitution des Zweiten Vaticanums „Gaudium et spes“ entwickelt der KEK einen anthropologischen Ansatz, ohne deshalb den Menschen zum Maß aller Dinge zu machen. Die Tatsache, dass der Mensch eine einzige Frage nach sich selber ist (GS 10), wird methodisch aufgegriffen, um die Offenbarung Gottes in der Heilsgeschichte als „kritische“ Antwort Gottes auf die Frage des (immer auch sündigen) Menschen nach sich selbst zu erschließen. Dabei wird die Offenbarung nicht primär als Mitteilung ansonsten verborgen bleibender göttlicher Wahrheiten verstanden, sondern als Mitteilung des göttlichen Lebens selbst (kommunikations-, nicht instruktionstheoretisches Offenbarungskonzept). Ganz im Sinn der Zuordnung von Glaube und Vernunft nach Papst Benedikt XVI. ermittelt der Katechismus die Reichweite der Frage des Menschen nach sich selbst: Es wird schnell ersichtlich, dass die Antworten, die die verschiedenen Wissenschaften bieten, im besten Sinne des Wortes als vorläufige Antworten zu qualifizieren sind: Eine letzte Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“ geben sie nicht, genauso wenig politische Weltanschauungen.

Grundlage der unterschiedlichen Religionen sei gerade die Einsicht, dass der Mensch auf sich selbst keine endgültige Antwort zu geben vermag, sondern sich getragen weiß von einer höheren und umfassenderen Wirklichkeit, nämlich der des Heiligen und Göttlichen, die allein Antwort sein kann. Dieser anthropologische Ansatzpunkt ist zum Verständnis eines gemeinsamen Kerns aller Religionen hilfreich. Auf diese Weise wird etwas Gemeinsames in den Blick genommen, das nicht zu einer oberflächlichen und falschen Gleichschaltung der unterschiedlichen religiösen Bekenntnisse und Vorstellungen führt.

In einer säkularen Gesellschaft können die Religionen insgesamt eine Gedächtnisspur legen, nach der der Mensch sich stets als ein Wesen der Transzendenz aufgeht, das sich niemals zu einem „findigen Tier“ (Karl Rahner) zurückkreuzen kann, sondern sein Dasein unausweichlich im Horizont des Unendlichen vollzieht. Die unterschiedlichen Versuche einer philosophischen Gotteslehre erschließt der Katechismus als Indikator sowohl für die Offenheit des Menschen für einen Gott der Geschichte als auch für die prinzipielle Rationalität des Glaubens. Indem der KEK hervorhebt, dass der Glaube einerseits ein freier und verantwortlicher Akt des Menschen ist, andererseits sich ganz der zuvorkommenden Gnade Gottes verdankt, wird der Sachverhalt erschlossen, den Papst Benedikt XVI. mit dem Ausdruck „Subjektivität der Offenbarung“ bezeichnet: Offenbarung als objektives Geschehen ist ohne subjektive Annahme im glaubenden Menschen nicht wirklich. Dass damit keine Subjektivierung der Offenbarung gemeint ist, macht der Katechismus im Sinne des jetzigen Papstes dadurch deutlich, dass er die ekklesial-objektive Gestalt der Glaubensantwort herausstellt. Der subjektive Glaube ist a priori hinein integriert in das kirchliche Glaubenssubjekt. Dessen Antwort auf die Offenbarung „verschriftlicht“ sich in der Bibel. Im Kleingedruckten wird die evangelisch-katholische Kontroverse über die rechte Zuordnung von Heiliger Schrift und lehramtlicher Glaubensverkündigung erläutert.

In derartigen historischen Exkursen besteht eine besondere Qualität des KEK. Als noch bestehende Lehrdifferenz wird die Art und Weise angeführt, wie die Autorität der Schrift in der Kirche zur Geltung kommt. Ebenso erörtert der Katechismus das die Ökumene beschäftigende Problem der Tradition. Walter Kasper, der bestens die Bemühungen der Tübinger Schule des neunzehnten Jahrhunderts um eine Erneuerung des Traditionsverständnisses kennt, kann erläutern, dass die Tradition den umfassenden organischen Lebensvollzug der Kirche darstellt, keine bloß mechanische Weitergabe von Glaubensformeln oder des Buches der Schrift. Ökumenisch interessant ist die exegetische Entdeckung, dass die Überlieferung der Schrift vorausgeht, ja dass sogar (wie der Exeget Heinrich Schlier unterstrich) das Dogma der Schrift vorangeht. Mit „Dogma“ sind die ersten Bekenntnisse des Glaubens gemeint, die sich im ursprünglichen Überlieferungsgeschehen vor seiner Schriftwerdung herausgebildet haben, zum Beispiel Lk 24, 34: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.“

Der KEK berücksichtigt die Ergebnisse der historisch-kritischen Bibelexegese, ohne dadurch zu signalisieren, dass der Glaube von den Hypothesen der Bibelwissenschaft abhängig ist. Neben der Glaubensthematik führt der erste Teil des KEK in die Trinitäts- und Schöpfungslehre ein. Eine andere Möglichkeit würde darin bestehen, die Trinitätslehre erst nach der Christologie und der Lehre vom Heiligen Geist als Summe des Offenbarungsgeschehens darzulegen. Derart in der Mitte stehend (so zum Beispiel in der Dogmatik des Regensburger Bischofs G.L. Müller) würde ihre zentrale Relevanz methodisch und formal offensichtlich.

Auch das Glaubensbekenntnis bietet unter dem ersten Artikel keine Kurzformel der Trinitätslehre an, sondern folgt der inneren Logik des Offenbarungsgeschehens: dass sich Gott zunächst als der Ursprungslose offenbart, aus dem die Schöpfung und die ganze Heilsgeschichte hervorgehen. Dieser Ursprungslose ist der Vater, der freilich durch dieses Attribut nicht bereits in seiner personalen Identität vollständig erfasst ist; dazu gehört notwendigerweise die Aussage über die Beziehung Gottes des Vaters zu seinem Sohn. Entscheidend ist darum der Abschnitt über Jesus Christus, von dem her allein ein Wissen um Gottes Dreifaltigkeit gegeben sein kann. Der KEK geht trinitätstheologisch vom Selbstverständnis Jesu aus. Dieses manifestiert sich in Jesu Gottes-Anrede „Abba“ sowie in der vom Geist getragenen Verkündigung und Praxis der Gottesherrschaft. Deren „Inhalt“, die vergebende Nähe Gottes, belegt Gottes Beziehung auf Jesus hin. Diese Einheit in wechselseitiger Bezogenheit – diese Wirkeinheit von Gott und Jesus setzt eine Einheit im Sein voraus (Jesus ist als der Sohn dem Vater im göttlichen Wesen gleich), womit ebenso eine christologische Differenzierung zwischen dem Mensch- und Gottsein in Christus notwendig wird. Der KEK erläutert überzeugend, wie sich das Trinitätsdogma (Nizäa 325, Konstantinopel 381) aus dem messianischen – also geistbestimmten – Selbstverständnis Jesu ergibt.

Erwähnenswerte Offenbarung im Alten Testament

Der KEK bietet vorzugsweise eine heilsgeschichtliche Sicht der Trinität. Nur mit wenigen Worten wird die Debatte über die trinitätstheologische Begrifflichkeit (Wesen- und Personbegriff) erläutert. Diesbezüglich könnte man ergänzen. Hinweise zur Trinitätsoffenbarung im Alten Testament wären ebenso hilfreich. Denn entgegen der Vorstellung, dass der Trinitätsglaube den Dialog mit dem Judentum und dem Islam erschwere, kann das Gegenteil einsichtig gemacht werden: Wenn man Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes versteht, dann muss das „Mitgeteilte“ – Wort, Weisheit, Geist – selber göttlicher Natur sein. So versteht sich der Koran als Abschrift eines göttlichen Urwortes, das „bei“ Gott ist (vgl. Joh 1).

Der Abschnitt über die Schöpfungstheologie greift mutig in die Debatte um ein rechtes – nicht materialistisches – Verständnis der Evolution ein. Der kreationistische Fundamentalismus ist keine katholische Option. Der KEK scheut sich nicht, ausführlich das Thema der Engel, Teufel und Dämonen zu behandeln (die „unsichtbare“ Welt). Zu dieser Thematik hat sich Walter Kasper (zusammen mit Karl Lehmann) nicht zuletzt im Anschluss an den tragischen Fall Klingenberg (1976) geäußert. Demzufolge stehen zwar die Aussagen über Engel und Dämonen nicht im Zentrum des Glaubens an die Schöpfung; sie sind aber deshalb auch nicht einfach aufzugeben. Sie bewahren vor einer naiven anthropozentrisch verkürzten Weltsicht. Der Mensch weiß sich „von guten Mächten wunderbar geborgen“ (Dietrich Bonhoeffer).

Außerdem macht er die Erfahrung, wie es der französische Phänomenologe Paul Ricœur ausdrückt, dass Sünde ursprünglich das Nachgeben einer von außen kommenden Versuchung ist. Der über die Sinne zu sich vermittelte Mensch muss von außen – von einer nicht sinnlich zu sich aufbrechenden Freiheit – auf die rein geistige Idee des Widerstands gegen Gott gebracht werden. Als zentrale schöpfungstheologische Aussage entfaltet der KEK die Gottebenbildlichkeit des Menschen. Eine zuverlässige „Unterweisung“ bietet der KEK für die nicht einfach anzugehenden Fragen, die mit den Termini „Urstand“, „Paradies“ und „Sündenfall“ markiert sind. Der KEK erläutert, dass die Paradies- und Sündenfallerzählung weder eine historische Reportage darstellen soll, noch einfach der Kategorie des Mythos zuzuordnen ist (trotz ihrer mythischen Elemente). Entscheidend sei die Theodizee, die mit der Erzählung vom Urstand und Sündenfall entwickelt wird: Angesichts der Übel in der Welt soll die Gutheit von Schöpfer und Schöpfung gerechtfertigt werden.

In der Gegenwartsliteratur wird manchmal die Theologie der Ursünde als theodizeeirrelevant klassifiziert. Das gedankliche Problem, das sich damit jedoch unweigerlich einstellt, besteht in einer unmittelbaren Verbindung der Endlichkeit und Begrenztheit der Schöpfung beziehungsweise des Menschen mit der Sündigkeit. Wenn aber in der Begrenztheit des Menschen schon die reale Möglichkeit seiner Sündigkeit liegt, so ist eigentlich Gott der Versucher. Wie kann er dann noch der Erlöser des Menschen sein? Und wie ist der Mensch zu erlösen, wenn ihn schon seine Natur zum Bösen treibt? – womit sich auch die Rede vom Bösen erledigt hätte.

Der KEK verbindet die Theologie der Sünde nicht mit der Annahme des so genannten Monogenismus. Entscheidend sei vielmehr die Einsicht, dass die Menschheit eine Einheit in ihrem Bezug auf Gott darstellt und es folglich die eine Geschichte im Unheil und Heil gibt. Die erbsündliche Schwächung des Menschen, die ihn nicht mehr in vollkommener Weise mit Gott als der Quelle von Leben und Sinn verbunden sein lässt, begründet seine Schwierigkeit, die Härten der Endlichkeit, wie Krankheit und Tod, anzunehmen und zu tragen. Losgelöst von Gott scheint der Tod nur ein ohnehin sinnloses, auf das Nichts zustürzendes Dasein zu besiegeln, weshalb Paulus den Tod ironisch als Lohn der Sünde qualifiziert (Röm 6, 23). Verbunden mit Gott müssen aber Krankheit und andere natürliche Übel nicht eine Infragestellung des Schöpfers provozieren; es kann sich vielmehr die Einsicht des Paulus bestätigen, nach der denjenigen alles zum Guten gereicht, die Gott lieben (Röm 8, 28).

Das zweite große Kapitel des KEK wendet sich der Christologie zu. Auch die mariologischen Aussagen werden an dieser Stelle erläutert, wie vom Glaubensbekenntnis vorgegeben. Etwas geschraubt – in Form einer doppelten Negation – ist davon die Rede, dass man nicht unmittelbar aus der literarischen Form, die die Erzählung von der Verkündigung kennzeichne, auf die „Nichttatsächlichkeit“ der jungfräulichen Lebensentstehung Jesu schließen müsse. Wäre jedoch Josef der leibliche Vater Jesu, hätte der Logos nur zu einer bereits existierenden menschlichen Person hinzutreten können; ein christologischer Adoptianismus wäre die Konsequenz; die Inkarnation hätte nicht stattgefunden.

Der dritte Teil des Katechismus wendet sich unter der Überschrift „Das Werk des Heiligen Geistes“ unter anderem der Gnadenlehre zu. Manche Ausführungen zur Gnadenlehre lesen sich geradezu als Vorwegnahme der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die 1999 in Augsburg von Vertretern des Lutherischen Weltbundes und des Einheitssekretariates des Vatikans unterschrieben wurde. Schon der KEK trägt die sichere ökumenische Handschrift von Walter Kasper, der in Augsburg als Vorsitzender des Einheitssekretariats signierte. Nicht unerwähnt bleibt die Debatte über die kriteriologische Funktion des Rechtfertigungsartikels, der sich auch die Gemeinsame Erklärung stellen musste. Differenzierter Konsens ist es nunmehr, dass Lutheraner von der Bedeutung des Rechtfertigungsartikels für Lehre und Praxis der Kirche nicht abweichen müssen, sie aber gleichzeitig akzeptieren, dass der katholische Partner sich durch weitere Kriterien verpflichtet weiß (u.a.: Überlieferung, apostolische Sukzession, Lehramt), die jedoch wiederum niemals dem Rechtfertigungsartikel widersprechen dürfen.

Ein weiterer großer Themenkomplex bilden Ekklesiologie und Sakramentenlehre. Auf der Linie aktueller Ekklesiologie und Sakramententheologie wird die Kirche als Wurzelsakrament definiert, das sich in den auf Jesu Einsetzung und Initiative zurückgehenden sakramentalen Handlungen darstellt. Mit eschatologischen Fragen (zum Beispiel die Möglichkeit der Hölle als nicht-notwendiges Implikat menschlicher Freiheit) beschließt der KEK den Durchgang durch das Glaubensbekenntnis. Trotz seines „hohen Alters“ von mehr als zwanzig Jahren bietet der erste Band des KEK nach wie vor eine profunde Orientierung in entscheidenden Glaubensfragen.

Der zweite Band „Leben aus dem Glauben“, der zehn nach dem ersten Band erschien, kann sich bereits auf den KKK beziehen (1992) sowie auf die moraltheologische Enzyklika von Papst Johannes Paul II. „Veritatis Splendor“ (1993). Im Vorwort verweist der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, darauf hin, dass der Weltkatechismus „zur Abfassung neuer örtlicher Katechismen“ ermuntern soll, um eine konkrete Verwurzelung des Glaubens zu begünstigen. Die Tatsache, dass der zweite Band erst zehn Jahre nach dem ersten erschien, hat verschiedene Gründe; einer liegt in dem offenen Geheimnis, dass es nicht immer einfach war, katholische Moraltheologen zu finden, die bereit waren, auf der Linie der päpstlichen Lehrverkündigung zu ethischen Fragen schriftstellerisch tätig zu werden. Karl Lehmann dankt besonders Professor Wilhelm Ernst aus Erfurt, der die Hauptlast bei der Erstellung des Textes getragen hat.

Wie der erste Band setzt ebenso der zweite anthropologisch an. Der Mensch fragt nach sich, das heißt auch: nach den Prinzipien seines Handelns. Im ausführlichen Rückgriff auf den KKK wird der Mensch beschrieben als jenes Wesen, das in seiner Freiheit und Verantwortung durch Gottes Ruf erweckt wird. Die Thematik des Gewissens lässt sich daran anknüpfen. Christliche Moral ist eine Konsequenz der Nachfolge Christi. Dazu gehört das Leben sowohl nach den Zehn Geboten als auch den Seligpreisungen. Gelungen sind die Erörterungen zu der evangelisch-katholischen Kontroverse über die Möglichkeit, die Gebote und die Forderungen der Bergpredigt zu realisieren. Kraft der Heiligung des Menschen ist dies nach katholischem Verständnis möglich. Die Annahme der Gnade zeigt sich im Leben nach den Geboten, in der Verwirklichung der Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maßhalten. Der KEK versucht, diese Tugenden in ihrer Aktualität zu verifizieren: Das Maßhalten ermöglicht zum Beispiel den Umweltschutz. Als den Tugenden, vor allem den durch Gottes Geist und Gnade begründeten Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe entgegengesetzte Bestimmung entfaltet der KEK die Thematik der Sünde. Die Sünde zerspaltet die innere Einheit des Menschen, verwüstet seine sittliche Fähigkeit, drückt sein Gewissen nieder, bringt seine Freiheit in vielfältige Abhängigkeiten. Der KEK erläutert ausführlich die aktuellen Schwierigkeiten, auf die die Sündenthematik in der westlich geprägten Gegenwart trifft.

Gegenwärtig erwecken neurowissenschaftliche Aussagen den Eindruck, der Mensch sei gar nicht Subjekt seiner Handlungen, sondern ein genetisch determiniertes Programm. Der KEK identifiziert die Negation menschlicher Verantwortung und Freiheit mit der Abschaffung des Menschen. Als Quelle und Maßstab sittlichen Handelns verweist der KEK auf die Natur des Menschen, die in ihrer ethischen Relevanz von der Vernunft erfasst werden kann. Wegen der Bedrohung des Menschen durch die Sünde musste die Offenbarung auch sittliche Standards vermitteln, die an sich der menschlichen Vernunft zugänglich sind – so argumentiert der KEK im Einklang mit dem KKK. Das sittliche Naturgesetz bilde die Basis der Menschenrechte. Der KEK vergisst nicht, die Genese der Menschenrechtsidee und die unterschiedlichen Stellungnahmen der Kirche zu ihr zu erläutern.

Der zweite Teil, in dem die spezielle Morallehre entfaltet wird, orientiert sich vor allem an den Zehn Geboten. Eine kurze Einführung macht deutlich, dass die Gebote als Wegweisungen zum Leben zu verstehen sind, nicht als von außen an den Menschen herangetragene oder ihm auferlegte Normen. Die mit dem ersten Gebot zurückgewiesene Vergötzung von Macht oder Genuss führt zur Unfreiheit. Wem Gott allein genügt, erlangt die rechte Freiheit im Umgang mit den irdischen Gütern.

Aktuelle Relevanz gewinnt das zweite Gebot: Der Missbrauch des Namens Gottes für Gewalttätigkeiten; von den Pathologien der Religion spricht Papst Benedikt XVI. Wie sehr das vierte Gebot einen gegenwärtigen Bezug erhält, ergibt sich leicht aus dem demographischen Gefälle der europäischen Gesellschaften. „Gerechter Krieg“, Suizid, Schwangerschaftsabbruch sind Themen des fünften Gebots. Zur Erläuterung des sechsten Gebots bemüht sich der KEK, eine personale Sicht der Geschlechtlichkeit zu entwickeln. Der Katechismus stellt die besondere Würde und den Wert der ehelichen Begegnung heraus. Aus der Verpflichtung zu verantworteter Elternschaft ergibt sich ebenso die Frage nach den sittlich erlaubten Wegen der Empfängnisregelung.

Königsteiner Erklärung keine liberale Gegeninstanz

Der KEK weist entschieden die Auffassung zurück, dass die „Königsteiner Erklärung“, die die deutschen Bischöfe nach dem Erscheinen der Enzyklika „Humanae Vitae“ publizierten, eine liberale Gegeninstanz darstellen sollte. Die Erklärung der Bischöfe mache hingegen auf die Tragweite einer anders lautenden Gewissensentscheidung aufmerksam, die sich letztendlich vor Gottes Gericht verantworten muss. Das komplexe Thema der Homosexualität geht der KEK ebenso an: Er wendet sich gegen eine Verfolgung und Verurteilung homosexueller Menschen; andererseits stellt er heraus, dass die Schöpfungsordnung nicht erkennen lässt, dass die Homosexualität eine der Heterosexualität gleichwertige Gestalt menschlichen Zusammenlebens darstellt. Den KKK zitierend führt der Erwachsenenkatechismus aus, dass diejenigen Christen, die sich als homosexuell veranlagte Menschen wissen, sich dennoch nicht von ihrer Sexualität beherrschen lassen sollen. Die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen können, sollen sie versuchen, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen. Das siebte und zehnte Gebot geben Anlass, in die katholische Soziallehre einzuführen. Das achte Gebot wird unter anderem. bezogen auf die Wahrheitsverpflichtung in Medien (Rede- und Pressefreiheit) und Politik. Alle Gebote lassen sich schließlich im Doppelgebot der Nächsten- und Gottesliebe zusammenfassen.

Der zweite Band des Erwachsenenkatechismus besticht durch seine Aktualität, die profunde Kenntnis der sozialethischen Fragestellungen, durch den Versuch, die Aussagen des KKK und der kirchlichen Lehrverkündigung zu erschließen. Diese Inkulturationsleistung ist hoch einzuschätzen. Beiden Bänden des KEK ist noch eine breitere Rezeption zu wünschen, zum Beispiel im Rahmen berufsbegleitender Fortbildung, bei der Ausbildung von Katecheten. „Natürlich darf man von einem Katechismus ... keine Wunder erwarten. Ein Buch ist nur ein toter Gegenstand. Eine Wirkung vermag es nur zu entfalten, wenn es den Menschen, die es in die Hand nehmen, lebendige Impulse gibt, und wenn sich die Menschen nicht nur vom Buchstaben, sondern vom Geist leiten lassen.“ (Joseph Kardinal Ratzinger am 9. Juli 1993 im Escorial während eines Symposiums zum KKK)

[Katholischer Erwachsenenkatechismus, Band I: Das Glaubensbekenntnis der Kirche; Band II: Leben aus dem Glauben, Herder-Verlag, Freiburg, Neuauflage 2006, 2 Bände im Schmuckschuber, gebunden, 976 Seiten, EU 24,90; © Die Tagespost vom 4. Oktober 2007]