Zwangsvertreibung und verordnetes Schweigen zur Olympiade in China

P. Bernardo Cervellera, Leiter der Nachrichtenagentur „AsiaNews“, stellt neues Buch vor

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MAILAND, 10. Juni 2008 (ZENIT.org).- Über die erschütternde Kehrseite der Olympischen Sommerspiele, die im Juli in China stattfinden werden, hat P. Bernardo Cervellera geschrieben. Der langjährige Missionar und jetzige Leiter der Nachrichtenagentur „AsiaNews“ stellte in Mailand sein bisher nur auf Italienisch vorliegendes Buch vor: „Die andere Seite der Medaille. China und die Olympiade“.

Die chinesische Regierung und die kommunistische Partei wollten sich bei den Olympischen Spielen als moderne Supermacht des 21. Jahrhunderts präsentieren, erklärte der Priester. Das Aushängeschild Peking werde aufgrund der Spiele radikal umstrukturiert und umgebaut. Hohe Mauern sollen die begüteteren Wohnviertel von den ärmeren abschotten. Zwangsumsiedlungen seienind die Folge.

Bis zum Beginn der Spiele würden 1,5 Millionen Menschen vertrieben worden sein, kündigte der Geistliche an. Der finanzielle Ausgleich - wenn denn überhaupt einer gezahlt werde, um ein Haus im Umkreis von zehn Kilometern des Zentrums zu erwerben -, sei in der Regel viel zu niedrig.

Die Konsequenzen, so P. Cervellera, seien „unvorstellbar“: Die zwangsweise Umsiedlung führe nicht nur zur Zerstörung von historischen Wohnvierteln, sondern für viele Familien auch zum Absturz in die Armut.

Die wahren Helden der Olympischen Spiele werden deshalb nach Worten des Chinaexperten „die Millionen von armen Bauern sein, die zu Emigranten werden, die aus Degradierung, Hunger und Armut vom Lande geflohen sind und ihr Glück in den großen Städten und industriellen Komplexen an der Küste suchen".

Sie arbeiteten nun vielfach für die rein auf Profit ausgerichteten Bau-Projekte: Wolkenkratzer, Sportstätten und Autobahnen. Aber sie erhielten geringe Gehälter und würden oft gar nicht bezahlt. Darüber hinaus sei für sie im Allgemeinen keine Gesundheitsversorgung abgeschlossen worden, so dass sie in ruinösen Elendsvierteln ihr Dasein fristen müssten.

Die soziale Ungleichheit liege auf der Hand: 200 Millionen reiche Chinesen würden immer reicher, während über 350 Millionen arme Menschen immer ärmer würden, beklagte P. Cervellera. „Die neuen Reichen interessieren sich überhaupt nicht für die schwachen sozialen Schichten", so der Priester. Konfuzianismus, Marxismus und Kapitalismus hätten ein spirituelles Vakuum in der chinesischen Gesellschaft hinterlassen, in dem der Einzelne nicht zähle.

„Der eigene Wert wird durch die Rolle bestimmt; die betroffene Person an sich ist nicht von Relevanz. Wichtig ist die Mitgliedschaft im Kollektiv, der Schutz durch einen Clan oder eine Partei, und natürlich der Staat mit seiner vertikalen Struktur, vor dem man sich verantworten muss." Während der Olympischen Spiele, so vermutet der Medienfachmann, werden Polizeiverbote und Kontrollen wohl noch stärker zunehmen.

Auf der anderen Seite gebe es „in der chinesischen Gesellschaft, insbesondere in der Mittelschicht, die sich aus Studenten und der akademischen Welt zusammensetzt, eine wachsende Suche nach dem Sinn des Lebens und der Sehnsucht nach Gott“. Zunehmend gingen diese Gruppen auf Distanz zu den Mythen und Traditionen des Konfuzianismus, so der Missionar.

Im Christentum fänden Chinesen eine Antwort, die Glauben und Vernunft durch die Begegnung mit der Person des historischen Jesus vereine. Dieses neue Gottesbild könnte möglicherweise einen Beitrag zur Linderung der sozialen Spannungen leisten, erklärte Pater Cervellera.

Man dürfe nicht vergessen, dass menschliche Rechte und Freiheiten in China praktisch gar nicht respektiert würden. Themen wie Armut in der eigenen Bevölkerung oder Zwangsabtreibungen seien in der lokalen Presse sowieso Tabu. Wer, wie bei einigen katholischen Bischöfen der Fall, die Brennpunkte beim Namen nenne, müsse mit Haftstrafen und anderen Repressalien rechnen.

Von Antonio Gasperi. Übersetzung aus dem Italienischen von Angela Reddemann.