Zwei Kardinäle und ein Theologe zeichnen das Profil Benedikts XVI.

Saraiva Martins, Cordero Lanza di Montezemolo und Amato

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ROM, 12. Juni 2008 (ZENIT.org).- Wenn man den Menschen und Papst Joseph Ratzinger verstehen wolle, müsse man bei der Liebe zu Gott ansetzen, versichert ein Kardinal, der mit ihm eng zusammen gearbeitet hat.



Kardinal José Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, gewährte vor rund zwei Wochen bei der Vorstellung von Giuseppe de Carlis Buch „Benedictus – Servus servorum Dei“ („Benedikt – Diener der Diener Gottes“) einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit des Heiligen Vaters.

„Der Schlüssel zu Person und Dienst Benedikts XVI. ist die Liebe zu Gott. Die erste Enzyklika des Pontifex Deus caritas est  ist typisch für diesen Papst“, so der Kardinal, der zugleich darauf hinwies, was diese Liebe zu Gott  bedeutet: „Liebe ist keine statische Haltung, sondern etwas Dynamisches, zu dessen Wesen es gehört, sich auszubreiten. Sie strebt beständig danach, neue Energien ins Spiel zu bringen. Sie weckt die großen Fragen (der Menschheit) und bildet so den Nährboden für Philosophie und Theologie.“

Nach den Worten des Kardinals dokumentiert das Werk, „wie sich die Präsenz Benedikts XVI. auf der internationalen Bühne des dritten Jahrtausends immer mehr entfaltet und wie der Papst in seiner zurückhaltenden, vornehmen Art Schritt für Schritt in die Herzen der Menschen Eingang findet.“ Der Heilige Vater werde, ohne seine intellektuelle Tiefe beiseite zu lassen, immer mehr „zum Papst des Volkes, weil die Menschen seine Botschaft offensichtlich verstehen, auch wenn sie voller unbequemer Wahrheiten ist, das heißt voller anspruchsvoller Wahrheiten, die die persönliche Verantwortung herausfordern.“

Benedikt XVI. lasse sich stets von väterlicher Liebe leiten, einer Liebe, die sich nicht damit abfinde, wenn seine Kinder in die Mittelmäßigkeit versinken. „Und was ist es anderes als Liebe, wenn er unablässig darauf dringt, gegen die Diktatur des Relativismus anzukämpfen, von dem unsere Gesellschaft so völlig durchtränkt ist?“

Für seine starke Präsenz bei öffentlichen Auftritten sei sein Sein verantwortlich, nicht sein Erscheinungsbild. „Es ist sein Da-Sein, das – noch vor seinen Lehren – für jedermann ein ständiger Aufruf ist, in der Liebe und der Wahrheitssuche zu leben.“

Seine Art, sich „der Kirche und der Welt zu präsentieren, ist nie aufdringlich“, betonte der Kurienkardinal. „Sein Ton kennt nicht einmal das geringste Anzeichen von Arroganz. Seiner diskreten, bescheidenen und herzlichen Art, den Menschen entgegen zu gehen, gelingt es, die Herzen vieler für seine Anliegen zu öffnen.“

Von einem anderen Blickwinkel aus charakterisierte Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, Erzpriester der Basilika St. Paul vor den Mauern, den Papst. Er erzählte bei der Buch-Vorstellung, wie dieser ihn zwei Tage nach seiner Wahl angerufen und um Rat bei der Wahl des päpstlichen Wappens gebeten habe. Der italienische Würdenträger ist Experte für kirchliche heraldische Symbole.

„Ich entdeckte in dem Buch sofort seine wesentlichen Charaktereigenschaften wieder, die ausführlich geschildert werden: seine Schlichtheit, Menschlichkeit, Aufrichtigkeit, Spontaneität, aber auch seine Schüchternheit. Und ich merkte, dass diese Schüchternheit unmittelbar mit einem Schuss in Reflexion gereifter Entschiedenheit verbunden ist.“

Erzbischof Angelo Amato, Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre und daher einer der engsten Mitarbeiter Kardinal Ratzingers kurz vor dessen Wahl zum Nachfolger Petri, charakterisierte die Art Joseph Ratzingers, sein Pontifikat auszuüben, als Fortsetzung seines bisherigen Arbeits- und Lebensstils. Er erklärte: „Das, was wir jetzt am Heiligen Vater sehen, ist in Wirklichkeit das, was Ratzinger als Präfekt unserer Kongregation immer schon war. Es ist dieselbe intellektuelle Klarheit, derselbe Eifer für die Verteidigung der Lehre, dieselbe unkomplizierte Unmittelbarkeit in den menschlichen Beziehungen, dieselbe Bescheidenheit in seinem persönlichen Wesen.“

Mit Blick auf das neue Buch „Benedictus“ sagte der Erzbischof, dass man vier hervorstechende Eigenschaften ausmachen könne. Zuallererst nannte er „das strahlende, spontane, herzliche, ansteckende Lächeln“ des Papstes. Dann trete seine Bereitschaft zum Dialog besonders hervor, die während seiner Jahre als Professor gereift und zu der er bei seinen Begegnungen mit Bischöfen aus aller Welt, die ihn als Präfekt der vatikanischen Kongregation besuchten, immer wieder angeregt worden sei. „Er ist ein Mann des Dialogs, eines Dialogs, den er nicht mit kühler Distanz oder einer Haltung neutraler Gleichgültigkeit, sondern mit innerer Leidenschaft knüpft“.

Das dritte Wesensmerkmal sei eng damit verbunden: „Er ist ein Intellektueller mit Herz.“ Seine kommunikative Stärke, seine Gabe, Verständigung herbeizuführen, rühre von der Vernünftigkeit seiner Rede her – ob er nun von Christus spreche, die Wahrheit des Glaubens erläutere oder die Pathologien der postmodernen Mentalität kritisiere. Und da „Glaube und Vernunft die beiden Flügel sind, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“, so Erzbischof Amato mit Worten von Papst Johannes Paul II. (vgl. Einleitung von Fides et ratio), „ist es gerade die Wahrheit, die Liebe zur Wahrheit, das Vor-Augen-Führen der Wahrheit, das dem Präfekten Ratzinger vorher und Papst Benedikt jetzt Kontinuität verleiht.“

[Von Marta Lago; Übersetzung von Christine und Gerhard Gutberlet bzw. Dominik Hartig]