Zwei neue Kirchenlehrer für die Weltkirche

Feierliche Proklamation auf dem Petersplatz

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Von Jan Bentz

VATIKANSTADT, 7. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Ein Meer von Gläubigen, das sich nach dem Angelusgebet bis weit in die Via della Conciliazione hinein erstreckt, wie man es bei solchen kirchlichen Ereignissen gewohnt ist: Zwei Anlässe sind es, die die Menschen an diesem sommerlich warmen Sonntagvormittag veranlasst haben, sich um Papst Benedikt XVI. zu versammeln: die Eröffnung der Bischofssynode und die Proklamation der beiden Heiligen Johannes von Ávila und Hildegard von Bingen zu Kirchenlehrern. Zahlreiche Pilger sind eigens aus Spanien und aus Deutschland angereist: „Bingen feiert“, liest man so auch auf Spruchbändern. Für die Deutschen ist heute auch ein ganz besonderer Tag: Eine der insgesamt nur vier weiblichen Kirchenlehrerinnen stammt aus ihrem Land, womit die hl. Hildegard aus Rheinhessen mit der hl. Katharina von Siena (Italien), der hl. Theresa von Ávila (Spanien) und der hl. Theresa vom Kinde Jesu (Frankreich) in eine Reihe gestellt wird.

Über 262 Väter der Bischofssynode, darunter fast fünfzig Kardinäle und mehrere Patriarchen, sind nach Rom gekommen; insgesamt konzelebrieren am heutigen Sonntag über vierhundert Priester. Die Bischofskonferenzen Deutschlands und Spaniens sind mit 75 Bischöfen vertreten.

Zwei riesige Wandteppiche mit den Bildern der beiden Heiligen prangen von der Fassade des Petersdoms, Texte der hl. Hildegard und des hl. Johannes werden in der jeweiligen Sprache verlesen, Musikwerke der hl. Hildegard erklingen; schließlich der in der universalen Sprache Latein gebetete glorreiche Rosenkranz und die Anrufung der Heiligen in der Allerheiligenlitanei, in der erstmals auch erklingt: Sancte Joannes de Ávila, tu illos adiuva; Sancta Hildegardis Bingensis, tu illos adiuva.

So die Vorbereitung auf die feierliche Proklamation, die Papst Benedikt, nunmehr im Papamobil auf der Altarinsel eingetroffen, nach einer kurzen Ansprache des Präfekten der Kongregation für die Heiligsprechungen, Kardinal Angelo Amato, vornimmt: ..Sanctum Joannem de Ávila, presbyterum dioecesanum et Sanctam Hildegardem Bingensem, monialem professam Ordinis Sancti Benedicti, Ecclesiae Universalis doctores declaramus (Wir erklären den hl. Johannes von Ávila, Diözesanpriester, und die hl. Hildegard von Bingen, benediktinische Ordensfrau, zu Lehrern der Universalkirche).

Beifall brandet auf, Bläserfanfaren ertönen, zwei neue Lehrer sind der Kirche geschenkt.

Ein besonderes Fest auch für die zahlreich angereisten Benediktinerinnen, darunter natürlich die Äbtissin der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen, Clementia Killewald, die auch die Kurzbiographie der Heiligen verlesen hatte. Die hl. Hildegard, bereits zu Lebzeiten verehrt, war von Papst Benedikt erst im Frühjahr dieses Jahres nach über achthundert Jahren in die offizielle Heiligenliste aufgenommen worden. Mutter Clementia bezog sich in ihrer Vorstellung der neuen Kirchenlehrerin besonders auch auf die beiden Katechesen des Papstes während der Generalaudienzen aus dem Jahr 2010 [ZENIT berichtete] , die er dieser großen Frauengestalt des Mittelalters gewidmet hatte.

Die Heiligkeit und die herausragende Lehre der beiden Heiligen hätten auch ihre Ausstrahlung in unsere Zeit, betonte Kardinal Angelo Amato in seiner Ansprache. „Auch der Mensch von heute“, so zitierte er den Heiligen Vater aus seinem Motu proprio „Porta fidei“, „kann sich von neuem wie die Samariterin an den Brunnen begeben, um Jesus zuzuhören, der einlädt, an ihn zu glauben und aus seiner Quelle zu schöpfen, aus dem lebendiges Wasser strömt“ (Porta fidei, n. 3).  „Johannes von Ávila und Hildegard von Bingen haben vor allem auf Jesus gehört, sie haben die Gegenwart des Sohnes Gottes in der Geschichte der Welt in seiner Tiefe wahrgenommen und mit leidenschaftlichem Herzen und wachem Verstand neue Horizonte der ewigen, geoffenbarten Schönheit erkundet.“

Allgemeine Berufung zur Heiligkeit

In seiner Predigt während der Eucharistiefeier stellte der Papst die neuen Kirchenlehrer als „strahlende Gestalten in den „dynamischen Hintergrund der Neuevangelisierung.“ Die Kirche existiere, um zu evangelisieren. Die Heiligen seien „die wahren Protagonisten der Evangelisierung in all ihren Ausdrucksformen”. Ihre Sprache – „die der Liebe und der Wahrheit“ – sei „allen Menschen guten Willens verständlich“. Eine der tragenden Ideen des erneuerten Impulses, den das Zweite Vatikanische Konzil der Evangelisierung gegeben hat, sei die der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit, die als solche alle Christen betreffe ( Lumen gentium, 39-42).

„Die heilige Hildegard von Bingen, eine bedeutende weibliche Gestalt des 12. Jahrhunderts, hat ihren wertvollen Beitrag zur Entwicklung der Kirche ihrer Zeit geleistet, indem sie ihre von Gott erhaltenen Gaben zur Geltung brachte, wobei sie sich als eine Frau von lebhafter Intelligenz, tiefer Sensibilität und anerkannter geistlicher Autorität erwies. Der Herr schenkte ihr einen prophetischen Geist und eine leidenschaftliche Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu unterscheiden. Hildegard besaß eine ausgeprägte Liebe zur Schöpfung und beschäftigte sich mit Medizin, Dichtung und Musik. Vor allem bewahrte sie immer eine große und treue Liebe zu Christus und seiner Kirche“, so der Papst weiter.

Den heiligen Johannes von Ávila, einen Ordenspriester, der in Südspanien missionierte und sich auch vor der Inquisition verantworten musste, sei „von einem brennenden missionarischen Geist erfüllt” gewesen. Er beschreibe die Nachfolge Christi als ein inneres Voranschreiten, das sich auf das persönliche Gebet und die Einübung in die Tugenden stütze. Im Hinblick auf die Reform der Kirche habe er sich besonders für die Verbesserung der Ausbildung der Priesteramtskandidaten, der Ordensleute und Laien eingesetzt:

„Der heilige Johannes von Ávila lebte im 16. Jahrhundert. Er verfügte über eine gründliche Kenntnis der Heiligen Schrift und war von einem brennenden missionarischen Geist erfüllt. In einzigartiger Tiefe vermochte er die Geheimnisse der von Christus für die Menschheit erwirkten Erlösung zu durchdringen. Als ein wahrer Gottesmann verband er das ständige Gebet mit der apostolischen Tätigkeit. Er widmete sich der Predigt sowie der Förderung der sakramentalen Praxis und konzentrierte seine Bemühungen auf die Verbesserung der Ausbildung der Priesteramtskandidaten, der Ordensleute und der Laien, im Hinblick auf eine fruchtbare Reform der Kirche.“

Ehe ist an sich ein Evangelium

Im Mittelpunkt seiner Predigt stand die Auslegung des Sonntagsevangeliums sowie die Thematik der eröffneten Bischofssynode, die Neuevangelisierung in den mittlerweile entchristlichten Ländern, zwei Aspekte, die der Papst in einen Zusammenhang stellte. Er wolle eine „eine vielleicht nicht voll zur Geltung gebrachte Wahrheit“ deutlicher ins Bewusstsein rufen:

„Die Ehe ist in sich ein Evangelium, eine Frohe Botschaft für die Welt von heute und besonders für die entchristlichte Welt. Die Vereinigung von Mann und Frau, durch die sie ‚ein Fleisch‘ werden in der Liebe, in der fruchtbaren und unauflösbaren Liebe, ist ein Zeichen, das mit Nachdruck von Gott spricht, mit einer Beredsamkeit, die in unseren Tagen noch gewichtiger geworden ist, weil die Ehe leider gerade in den seit alten Zeiten evangelisierten Gebieten jetzt aus verschiedenen Gründen eine tiefe Krise durchmacht. Und das ist kein Zufall. Die Ehe ist an den Glauben gebunden, nicht in oberflächlich-allgemeinem Sinn. Als eine Verbindung treuer und unauflösbarer Liebe gründet sich die Ehe auf die Gnade, die von dem einen und dreifaltigen Gott kommt, der uns in Christus mit einer bis hin zum Kreuz treuen Liebe geliebt hat. Heute können wir im Kontrast zu der schmerzlichen Wirklichkeit so vieler Ehen, die leider schlecht ausgehen, die ganze Wahrheit dieser Aussage erfassen.“

Der Papst erklärte, die Ehe und ihre Unauflösligkeit, von der das heutige Evangelium spreche (Mk 10, 2-16), sei nicht nur Objekt, sondern Subjekt der Neuevangelisierung. Dass die Ehe an sich ein Evangelium sei, bezeuge die Kirche von jeher. Es bestehe eine offenkundige Entsprechung zwischen der Krise des Glaubens und der Krise der Ehe.

Neuevangelisierung bedeutet neue Begegnung mit dem Herrn und Wiederentdeckung des Glaubens

„Die Synodenversammlung, die heute eröffnet wird, ist dieser neuen Evangelisierung gewidmet, um in jenen Menschen eine neue Begegnung mit dem Herrn zu fördern, der allein dem Leben einen tiefen Sinn verleiht und es mit Frieden erfüllt; um die Wiederentdeckung des Glaubens zu begünstigen, der eine Quelle der Gnade ist, die Freude und Hoffnung in das persönliche, familiäre und gesellschaftliche Leben trägt. Natürlich darf diese besondere Ausrichtung weder den missionarischen Schwung im eigentlichen Sinn noch die gewöhnliche Arbeit der Evangelisierung in unseren christlichen Gemeinden beeinträchtigen. In der Tat ergänzen und befruchten sich die drei Aspekte der einen Wirklichkeit der Evangelisierung gegenseitig“, so der Papst.

Ohne die aufrichtige Bereitschaft zur Umkehr allerdings gebe es keine Neuevangelisierung, betonte der Papst. Sich mit Gott und dem Nächsten versöhnen zu lassen, sei der beste Weg der Neuevangelisierung. Die Berufung zur Heiligkeit dränge uns, demütig auf die Schwäche so vieler Christen, ja, auf ihre persönliche wie gemeinschaftliche Sünde zu blicken, die ein großes Hindernis für die Evangelisierung darstellten, und die Kraft Gottes zu erkennen, die im Glauben der menschlichen Schwäche entgegenkomme.

„Nur wenn sie geläutert sind, können die Christen den berechtigten Stolz auf ihre Würde als Kinder Gottes, die nach seinem Bild erschaffen und mit dem kostbaren Blut Jesu Christi erlöst sind, wiederfinden und sich darüber freuen, um diese Freude mit allen – den Nahen wie den Fernen – zu teilen.“

Der Papst vertraute am Schluss die Synodenversammlung dem Schutz der Muttergottes, des Sterns der Neuevangelisierung, an und der Fürsprache des seligen Johannes Pauls II., dessen Pontifikat selber ein leuchtendes Beispiel der Neuevangelisierung gewesen sei.

Bem anschließenden Angelusgebet rief der Papst anlässlich des Rosenkranzfestes dazu auf, das Rosenkranzgebet besonders im Jahr des Glaubens zu pflegen, das allein, in der Familie und in Gemeinschaft gebetet werden solle.