Zwei ungleiche Brüder: Kinofilm "Die andere Seite des Mondes" wirft existenzielle Fragen auf

Von José García

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WÜRZBURG, 26. Juni 2006 (ZENIT.org).- Welcher Junge hat nicht davon geträumt, Astronaut zu werden? In Quebec träumt Philippe noch immer davon. Allerdings hat der ewige Student bereits die vierzig überschritten, was ihn indes nicht davon abhält, noch immer an der naiven Hoffnung auf die Raumfahrt festzuhalten. Philippes realer Bezug zur Raumfahrt besteht freilich in seiner Doktorarbeit, die sich mit den anthropologischen Bedingungen für den Menschheitstraum von der Erkundung des Alls beschäftigt.



Sein Zwillingsbruder André scheint "die andere Seite", das genaue Gegenteil vom ewigen Studenten Philippe darzustellen: Der erfolgreiche Wetteransager beim Quebecer TV, der in einer allerdings sehr zurückhaltend in Szene gesetzten gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt und in einer elegant eingerichteten Wohnung residiert, strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Diese Ungleichheit unter den Brüdern spiegelt sich bildhaft in der Körperhaltung wider: Philippes Hängeschultern bilden einen extremen Kontrast zu Andrés Brustton der Überzeugung. Offenbar hatten sich die beiden Brüder entfremdet und jahrelang nichts voneinander gehört.

Nun führt sie ein tragisches Ereignis wieder zusammen: Die Mutter, bei der Philippe noch immer wohnte, ist gestorben. Ausgerechnet in dem Moment, als sich Philippe und André Gedanken über den Haushalt machen, erhält völlig unerwartet Philippe eine Einladung: Obwohl seine Dissertation bereits zum zweiten Mal abgelehnt wurde, soll er zu einem Weltraumkongress nach Moskau fahren, um dort seine Thesen zur Geschichtsschreibung der Raumfahrt vorzustellen. In seiner Abwesenheit könnte sich ja sein Bruder um die verwaiste Wohnung und insbesondere um den Goldfisch kümmern.

Robert Lepage, der das Drehbuch schrieb und Regie führt, spielt darüber hinaus Philippe und André in einer bemerkenswerten Doppelrolle. Ein schwieriges Unterfangen, denn obwohl die zwei Brüder scheinbar sehr verschieden sind, besitzen sie mehr Gemeinsamkeiten, als es ihnen lieb ist. Dieser Spagat gelingt Robert Lepage jedoch in beeindruckender Weise, vor allem dank einer Prise hintergründigen Humors. "Die andere Seite des Mondes" basiert auf Lepages international bekanntem Theaterstück "La face cachée de la lune" aus dem Jahr 2000.

Die Filmadaption erinnert indes nur entfernt an ein Bühnenstück, schafft es der Regisseur doch, visuell bestechende Bilder auf die Leinwand zu bringen. Allerdings besitzt "Die andere Seite des Mondes" keine lineare Erzählstruktur. Denn Lapage verknüpft in einer poetischen Mischung die Gegenwart mit teilweise bonbonfarbenen Rückblenden auf Philippes Kindheit. Darüber hinaus fügt der Regisseur nicht nur verträumte, magische Bilder, sondern auch Schwarzweiß-Dokumentaraufnahmen in die fiktive Handlung seines Spielfilmes ein.

Lapage setzt fließende Übergänge in Zeit und Raum ein, teilt ebenfalls mitunter die Leinwand entzwei. Daraus resultiert eine mit Metaphern gespickte Filmsprache von hohem künstlerischem Wert. Nicht nur in seiner lakonischen Inszenierung erinnert "Die andere Seite des Mondes" an die Spielfilme des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki. Auch der melancholisch-warmherzige Blick auf seine Figuren ähnelt der Tonart in den Werken des Finnen. Gleich Kaurismäkis Filmen stellt Regisseur Lepage, vermischt mit lakonischem Humor, auch allgemein gültige Fragen. Diese betreffen nicht nur Philippes Thesen, nach denen die Raumfahrt im Grunde auf den narzisstischen Charakterzug des Menschen zurückzuführen sei, sondern auch existenzielle Fragen, etwa nach dem Tod. "Die andere Seite des Mondes" gewann auf der Berlinale 2004 den Preis der Filmkritik.

[© Die Tagespost vom 24.06.2006]