Zweite Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa im Vatikan

„Um von Jesus Zeugnis abzulegen, bedarf es des Geistes prophetischer Rede“

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ROM, 14. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, heute Vormittag in der Kapelle „Redemptoris Mater“ vor Papst Benedikt XVI. und dessen Mitarbeitern der Römischen Kurie gehalten hat.



Der Kapuzinerpater widmete seine zweite Betrachtung zur Vorbereitung auf Weihnachten dem Vorläufer Jesu, Johannes dem Täufer, und der Frage, was es eigentlich bedeutet, dass Jesus der ist, der mit dem Heiligen Geist tauft.

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P. Raniero Cantalamessa
Zweite Adventspredigt
JOHANNES DER TÄUFER,
„MEHR ALS EIN PROPHET“



Das letzte Mal habe ich ausgehend vom Text aus dem Hebräerbrief (1,1-3) versucht, das Bild Jesu abzustecken, das sich aus dem Vergleich mit den Propheten ergibt. Aber zwischen der Zeit der Propheten und der Zeit Jesu finden wir eine besondere Gestalt, die das Bindeglied zwischen der ersten und der zweiten ist: Johannes der Täufer. Um die Neuheit Christi ins Licht zu setzen, ist im Neuen Testament nichts dienlicher als der Vergleich mit dem Täufer.

Das Thema der Erfüllung, der epochalen Wende, geht klar aus den Texten hervor, in denen Jesus selbst seine Beziehung mit dem Wegbebreiter zum Ausdruck bringt. Heute erkennen die Gelehrten an, dass die diesbezüglichen Aussagen in den Evangelien keine Erfindung oder apologetische Anpassung der nachösterlichen Gemeinde sind, sondern in ihrem Kern auf den historischen Jesus zurückgehen. Einige von diesen werden vielmehr unerklärlich, wenn man sie der späteren christlichen Gemeinde zuweist. (Vgl. J. D.G. Dunn, Christianity in the Making, I. Jesus remembered, Grand Rapids. Mich. 2003, Teil III, Kap. 12)

Ein Nachdenken über Jesus und den Täufer ist auch die beste Weise, um uns auf den Advent einzustimmen. Im Mittelpunkt des Evangeliums des zweiten und dritten Adventsonntages stehen nämlich gerade die Gestalt und die Botschaft des Wegbereiters. Im Advent gibt es ein Fortschreiten: Die herausragende Stimme der ersten Woche ist die des Propheten Jesajas, der den Messias aus der Ferne ankündigt; in der zweiten und dritten Woche ist es die Stimme des Täufers, der den gegenwärtigen Christus ankündigt; in der letzten Woche überlassen der Prophet und der Wegbereiter ihren Platz der Mutter, die ihn in ihrem Schoß trägt.

In dieser Kappelle steht der Wegebereiter in zwei Momenten vor unseren Augen: Auf der Seitenwand sehen wir ihn im Augenblick der Taufe Jesu, wie ein Bogen zu ihm hingebeugt zum Zeichen der Anerkennung seiner Hoheit; auf der hinteren Wand sehen wir ihn in der Haltung der Deesis, die typisch ist für die byzantinische Ikonographie (eine Deesis ist die mittelalterliche Darstellung des am jüngsten Tag zu Gericht sitzenden Jesus. Ihm zur Seite sitzen Maria auf der linken und Johannes der Täufer auf der rechten Seite. Beide leisten Fürbitte für die zu richtenden Seelen).

1. Die große Wende

Der vollständigste Text, in dem Jesus seine Beziehung zu Johannes dem Täufer zum Ausdruck bringt, ist der Abschnitt aus dem Evangelium, den die Liturgie uns am nächsten Sonntag in der Heiligen Messe lesen läst. Johannes schickt aus dem Gefängnis seine Jünger zu Jesu, um ihn zu fragen: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“ (Mt 11,2-6; Lk 7, 19-23).

Die Predigt des Rabbi aus Nazareth, den er selbst getauft und Israel vorgestellt hatte, schien dem Johannes in eine Richtung zu gehen, die sich sehr von jener lodernden unterschied, die er sich erwartet hatte. Mehr denn das bevorstehende Gericht Gottes predigte er die gegenwärtige Barmherzigkeit, die allen angeboten ist: den Gerechten wie den Sündern.

Das Bedeutsamste im ganzen Text ist die Lobrede, die Jesus auf den Täufer hält, nachdem er auf seine Frage geantwortet hatte: „Wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Propheten… Amen, das sage ich euch: Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. Seit den Tagen Johannes' des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan; die Gewalttätigen reißen es an sich. Denn bis hin zu Johannes haben alle Propheten und das Gesetz (über diese Dinge) geweissagt. Und wenn ihr es gelten lassen wollt: Ja, er ist Elija, der wiederkommen soll. Wer Ohren hat, der höre! (Mt 11,9; 11-15).

Eines geht klar aus diesen Worten hervor: Zwischen der Sendung des Johannes des Täufers und der Sendung Jesu ist etwas derartig Entscheidendes geschehen, dass es einen Scheidepunkt zwischen zwei Zeitaltern darstellt. Der Schwerpunkt der Geschichte wurde versetzt: Das Wichtigste liegt nicht mehr in einer mehr oder minder bevorstehenden Zukunft, sondern es ist „jetzt und hier“, im Reich, das schon in der Person Christi wirksam ist. Zwischen den beiden Verkündigungen ist es zu einem Qualitätssprung gekommen: Der Kleinste der neuen Ordnung steht über dem Größten der vorhergehenden Ordnung.

Dieses Thema der Erfüllung und der epochalen Wende findet in vielen anderen Kontexten des Evangeliums eine Bestätigung. Es genügt, an einige Worte Jesu zu erinnern: „Hier aber ist einer, der mehr ist als Jona. (…) Hier aber ist einer, der mehr ist als Salomo“ (Mt 12,41-42). „Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören. Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“ (Mt 13,16-17). Alle so genannten „Gleichnisse des Reiches“ – man denke an jene des verborgenen Schatzes und der wertvollen Perle – bringen auf jeweils verschiedene und neue Weise denselben Grundgedanken zum Ausdruck: Mit Jesus ist die entscheidende Stunde der Geschichte angebrochen, vor ihm stellt sich zwingend die Entscheidung, von der das Heils abhängt.

Diese Feststellung war es, die die Schüler Bultmanns dazu trieb, sich von ihrem Lehrer zu trennen. Bultmann sah Jesus innerhalb des Judaismus, indem er aus ihm eine Prämisse des Christentums, aber noch keinen Christen machte; er wies hingegen die große Wende dem Glauben der nachösterlichen Gemeinschaft zu. Bornkamm und Conzelmann wurden sich der Unhaltbarkeit dieser These bewusst: Die „epochale Wende“ geschieht schon mit der Verkündigung Jesu. Johannes gehört zu den „Prämissen“ und zur Vorbereitung, mit Jesus aber sind wir schon in der Zeit der Erfüllung.

In seinem Buch „Jesus von Nazareth“ bestätigt der Heilige Vater die Errungenschaft dieser ernsthafteren und aktuelleren Exegese. Er schreibt: „Damit es zu diesem radikalen Zusammenstoß kam, dass zu diesem Äußersten – der Auslieferung an die Römer – gegriffen wurde, musste Dramatisches geschehen sein, gesagt worden sein. Das Erregende und Große steht gerade am Anfang; die werdende Kirche musste es erst langsam in seiner ganzen Größe erkennen, im ‚erinnernden‘ Mitdenken und Nach-Denken allmählich erfassen… Das Große, das Neue und Erregende kommt gerade von Jesus; im Glauben und Leben der Gemeinde wird es entfaltet, aber nicht geschaffen. Ja, die ‚Gemeinde‘ hätte sich gar nicht erst gebildet und überlebt, wenn ihr nicht eine außerordentliche Wirklichkeit vorausgegangen wäre.“ (Benedikt XVI, Jesus von Nazareth, Herder 2007, S. 373).

In der Theologie des Lukas ist es offensichtlich, dass Jesus „den Mittelpunkt der Zeit“ einnimmt. Mit seinem Kommen hat er die Geschichte in zwei Teile geteilt und ein absolutes „Vorher“ und „Nachher“ geschaffen. Heute ist es vor allem in der säkularen Presse zu einem allgemeinen Usus geworden, die traditionelle Weise der Datierung der Ereignisse („vor Christus“ und „nach Christus“ – „ante Christum natum“ und „post Christum natum“) zugunsten neutralerer Formeln aufzugeben. Es ist dies eine Wahl, die vom Wunsch motiviert ist, die Sensibilität der Völker anderer Religionen nicht zu verletzten, die die christliche Zeitrechnung benutzen. In diesem Sinne ist dies zu respektieren. Für die Christen aber bleibt die „den Unterschied machende“ Rolle des Kommens Christi für die religiöse Geschichte der Menschheit außer Zweifel.

2. Er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen

Heute wie immer gehen wir von der Klarstellung der exegetischen und theologischen Gewissheit aus, um zum Heute unseres Lebens zu kommen.

Der Vergleich zwischen dem Täufer und Jesus fokussiert sich im Neuen Testament im Vergleich zwischen der Wassertaufe und der Geisttaufe. „Ich taufe euch nur mit Wasser… Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen“ (Mk 1,8; Mt 3,11; Lk 3,16). „Auch ich kannte ihn nicht – sagt der Täufer im Johannesevangelium –. Aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft“ (Joh 1,33). Und dann Petrus im Haus des Cornelius: „Da erinnerte ich mich an das Wort des Herrn: Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet mit dem Heiligen Geist getauft werden“ (Apg 11,16).

Was heißt das: Jesus ist der, der mit dem Heiligen Geist tauft? Der Ausdruck ist nicht nur zur Unterscheidung der Taufe Jesu von der des Johannes dienlich; sie nützt, um die ganze Person und das ganze Werk Christi von denen des Wegbereiters zu unterscheiden. Mit anderen Worten: In seinem ganzen Werk ist Jesus der, der mit dem Heiligen Geist tauft. Taufen hat hier eine metaphorische Bedeutung; es will besagen: überströmen, von allen Seiten umgeben, wie es das Wasser mit den in es eingetauchten Körpern tut.

Jesus „tauft mit dem Heiligen Geist“ im Sinne, dass er den Geist „unbegrenzt“ empfängt und gibt (vgl. Joh 3,34) und dass er seinen Geist auf die ganze erlöste Menschheit „ausgießt“ (Apg 2,33). Der Ausdruck bezieht sich dann mehr auf das Pfingstereignis als auf das Taufsakrament. „Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft“ (Apg 1,5), sagt Jesus zu den Jüngern, wobei er sich offensichtlich auf Pfingsten bezog, das sich nach wenigen Tagen ereignen würde.

Der Ausdruck „mit dem Geist taufen“ definiert also das wesentliche Werk des Messias, das schon in den Propheten des Alten Testaments darauf hin ausgerichtet zu sein scheint, die Menschheit durch eine große und universale Ausgießung des Geistes Gottes zu erneuern. Wendet man all dies auf das Leben und die Zeit der Kirche an, so müssen wir schließen, dass der auferstandene Jesus mit dem Geist nicht einzig und allein im Sakrament der Taufe tauft, sondern auf unterschiedliche Art auch in anderen Augenblicken: in der Eucharistie, im Hören des Wortes und im Allgemeinen in allen Mitteln der Gnade.

Der Hl. Thomas von Aquin schreibt: „Es ist da eine unsichtbare Sendung des Geistes jedes mal, wenn ein Fortschritt in der Tugend oder eine Vermehrung der Gnade erzielt werden…; wenn jemand zu einer neuen Aktivität übergeht oder zu einem neuen Gnadenstand.“ (Hl. Thomas von Aquin, Summa theologica, I,q.43, a. 6, ad 2.; cf. F. Sullivan, in Dict.Spir. 12, 1045). Die Liturgie der Kirche selbst schärft dies ein: „Komm!“: „Komm, o Schöpfergeist“, „Komm, Heiliger Geist“. Und doch: Wer so betet, der hat den Geist schon einmal empfangen. Das heißt, dass der Geist etwas ist, das wir empfangen haben und das wir immer erneut empfangen müssen.

3. Die Taufe im Geist

In diesem Zusammenhang muss auf die so genannte „Taufe im Geist“ hingewiesen werden, die seit einem Jahrhundert zu einer Erfahrung geworden ist, die von Millionen von Gläubigen aus allen christlichen Richtungen gemacht wurde. Es handelt sich um einen Ritus aus Gesten von großer Einfachheit, die von Reue und Glauben an die Verheißung Christi begleitet sind: „Der Vater wird den Heiligen Geist dem geben, der nach ihm bittet.“

Er ist eine Erneuerung und eine Aktivierung, nicht nur der Taufe und der Firmung, sondern aller Gnadenereignisse des eigenen Standes: Priesterweihe, Ordensprofess, Ehe. Die jeweilige Person bereitet sich neben einer guten Beichte mit der Teilnahme an Begegnungen der Katechese vor, während derer er in eine lebendige und freudige Berührung mit den hauptsächlichen Wahrheiten und Wirklichkeiten des Glaubens kommt: die Liebe Gottes, die Sünde, das Heil, das neue Leben, die Umwandlung in Christus, die Charismen, die Fürchte des Heiligen Geistes. Das Ganze in einer Atmosphäre, die sich durch eine tiefe brüderliche Gemeinschaft auszeichnet.

Manchmal hingegen geschieht alles auf unvermittelte Weise, außerhalb jeglichen Schemas, und es ist, als werde man vom Geist „überrascht“. Ein Mann hat dieses Zeugnis gegeben: „Ich war im Flugzeug und las das letzte Kapitel eines Buches über den Heiligen Geist. An einem bestimmten Punkt war es so, als ginge der Heilige Geist aus den Seiten des Buches heraus und betrete meinen Leib. Tränen begannen aus meinen Augen wie Bäche zu strömen. Ich begann zu beten. Ich war von einer Kraft überwältigt, die weit über meinen Kräften stand.“ (In: New Covenant, Ann Arbor, Michigan, Juni 1984, S.12)

Die am weitesten verbreitete Wirkung dieser Gnade besteht darin, dass der heilige Geist von einem mehr oder minder abstrakten intellektuellen Glaubensgegenstand zu einer erfahrenen Tatsache wird. Karl Rahner schrieb: „Es braucht nicht bestritten zu werden, dass es hier besonders eindrückliche und den Menschen umwandelnde, ganz neue Lebenshorizonte schenkende und befreiende Erfahrungen der Gnade geben könne, die auf lange Zeit die innerste Haltung des christlichen Menschen prägen und die durchaus (wenn man will ‚Geisttaufe’ genannt werden können.“ (K. Rahner, Erfahrung des Geistes. Meditation auf Pfingsten, Herder, Freiburg i. Br. 1977)

Durch das, was „Geisttaufe“ genannt wird, erfährt man die Salbung des Heiligen Geistes im Gebet, seiner Kraft im pastoralen Dienst, seiner Tröstung in den Prüfungen, seiner Leitung in den Entscheidungen. Noch vor der Offenbarwerdung der Charismen wird er auf diese Weise erfahren: als innerlich umformender Geist, der den Geschmack am Lob Gottes schenkt, den Sinn dem Verständnis für die Heilige Schrift öffnet, die Verkündigung Jesu, des „Herrn“, lehrt und den Mut gibt, neue und schwierige Aufgaben im Dienst an Gott und dem Nächsten anzunehmen.

In dieses Jahr fällt der 40. Jahrestag der Einkehrtage, aus denen 1967 die Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche hervorging, von der geschätzt wird, dass sie in wenigen Jahren nicht weniger als 80 Millionen Katholiken erreicht hat. Hier die Beschreibung seitens einer der an den ersten Einkehrtagen gegenwärtigen Personen der Wirkungen der Geisttaufe auf sich und auf die Gruppe:

„Unser Glaube ist lebendig geworden; unser Glauben ist zu einer Art Kennen geworden. Auf einmal ist das Übernatürliche wirklicher geworden als das Natürliche. Kurz, Jesus ist für uns eine lebendige Person… Das Gebet und die Sakramente sind wirklich unser tägliches Brot geworden, und nicht oberflächliche ‚fromme Übungen‘. Eine Liebe zur Schrift, die ich niemals für möglich gehalten hätte, eine Veränderung unserer Beziehungen zu den anderen, ein Bedürfnis und eine Kraft, Zeugnis zu geben, weit über alle Erwartungen hinaus: all das ist ein Teil unseres Lebens geworden. Die anfängliche Erfahrung der Geisttaufe hat uns keine besondere äußere Empfindung vermittelt, aber das Leben ist überströmt worden von Ruhe, von Zuversicht, Freude und Friede… Zu Beginn jedes Treffens haben wir das Veni creator gesungen und dabei das, was wir sagten, sehr ernst genommen, und wir sind nicht enttäuscht worden… Wir sind auch überflutet worden von Charismen, und all das versetzt uns in eine vollkommene ökumenische Atmosphäre.“ (In: P. Gallagher Mansfield, As by a New Pentecost, Steubenville 1992, S. 25 f.)

Alle sehen wir mit Deutlichkeit, dass dies die Dinge sind, deren die Kirche heute am meisten bedarf, um das Evangelium in einer Welt zu verkünden, die gegenüber dem Glauben und dem Übernatürlichen ablehnend geworden ist. Es ist nicht gesagt, dass alle dazu berufen sind, die Gnade eines neuen Pfingsten auf diese Weise zu erfahren. Alle aber sind wir berufen, nicht außerhalb dieses „Gnadenstroms“ zu bleiben, der die nachkonziliare Kirche durchfließt. Johannes XXIII. sprach seinerzeit von „einem neuen Pfingsten“; Paul VI. ging weiter und sprach von „einem immerwährenden Pfingsten“, von einem ständigen Pfingsten. Es lohnt sich, seine während einer Generalaudienz gesprochenen Worte erneut zu hören:

„Wir haben uns des Öfteren gefragt […], was wir – zuerst und zuletzt – für diese unsere gesegnete und erwählte Kirche als das Notwendigste empfinden. Wir müssen es geradezu bangend und bittend sagen, denn es ist ihr Geheimnis und ihr Leben, ihr wisst es: der Geist, der Heilige Geist, die anregende und heiligende Seele der Kirche, sein göttlicher Atem, der Wind seiner Segel, sein vereinendes Prinzip, seine innere Quelle von Licht und von Kraft, seine Unterstützung und sein Trost, seine Quelle von Charismen und Gesängen, sein Friede und seine Freude, sein Unterpfand und Vorbote seligen und ewigen Lebens. Die Kirche braucht sein immerwährendes Pfingsten; sie braucht Feuer im Herzen, das Wort auf den Lippen, Prophetie im Blick […]. Sie hat es nötig, die Kirche, die Sehnsucht nach ihrer Wahrheit, die Freude daran und die Sicherheit aus ihr wiederzugewinnen.“ (Ansprache während der Generalaudienz am 29. November 1972 (Insegnamenti di Paolo VI, Tipografia Poliglotta Vaticana, X, S. 1210f.)

Der Philosoph Heidegger beschloss seine Analyse der Gesellschaft mit dem alarmierten Aufschrei: „Nur ein Gott kann uns retten“. Diesen Gott, der uns retten kann und uns retten wird – wir Christen kennen ihn: es ist der Heilige Geist! Heute geht die Mode der so genannten Aromatherapie um. Es handelt sich um die Verwendung von Duftölen, um gesund zu bleiben oder einige Leiden zu therapieren. Internet ist voller Werbung für die Aromatherapie. Dabei begnügt man sich nicht damit, physisches Wohlergehen wie die Lösung des Problems des Stress zu versprechen; es gibt auch die „Düfte der Seele“, z.B. der Duft, um zum „inneren Frieden“ zu gelangen.

Die Ärzte laden dazu ein, dieser Praxis nicht zu trauen, die nicht wissenschaftlich gesichert ist und vielmehr in einigen Fällen unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringt. Was ich aber sagen will, ist: Es gibt eine sichere, unfehlbare Aromatherapie, die keine unerwünschten Nebenwirkungen mit sich bringt: diejenige, die mit einem besonderen Aroma gemacht wird, dem „heiligen Chrisam der Seele“, das der Heilige Geist ist! Der hl. Ignatius von Antiochien schrieb: „Der Herr hat auf seinem Haupt eine duftende Salbung (myron) empfangen, um auf die Kirche die Unvergänglichkeit auszuatmen“. (Hl. Ignatius von Antiochien, An die Epheser 17) Nur, wenn wir dieses „Aroma“ empfangen, können wir unsererseits „Christi Wohlgeruch“ in der Welt sein (2 Kor 2,15).

Der Heilige Geist ist ein Spezialist vor allem für die Krankheiten der Ehe und der Familie, die die großen Kranken von heute sind. Die Ehe besteht in der gegenseitigen Schenkung, sie ist das Sakrament des Sichschenkens. Nun ist der Heilige Geist das Person gewordene Geschenk; er ist das Sichschenken des Vaters an den Sohn und des Sohnes an den Vater. Wohin er gelangt, wird die Fähigkeit, sich zu schenken, neu geboren, und mit ihr die Freude und die Schönheit des Zusammenlebens für die Eheleute. Die Liebe Gottes, die er „in unsere Herzen ausgießt“, lässt jeden anderen Ausdruck der Liebe neu lebendig werden, und dabei an erster Stelle die eheliche Liebe. Der Heilige Geist kann wirklich aus der Familie „die wichtigste Agentur des Friedens“ machen, wie sie der Heilige Vater in seiner Botschaft zum nächsten Weltfriedenstag definiert.

Es gibt zahlreiche Beispiele von toten Ehen, die von der Handlung des Geistes zu neuem Leben erweckt wurden. Gerade in diesen Tagen habe ich das bewegende Zeugnis eines Paares aufgenommen, von dem ich vorhabe, es in meiner Fernsehsendung über das Evangelium zum Fest der Taufe Jesu hören zu lassen…

Der Geist schenkt natürlich auch dem Leben der geweihten Menschen neues Leben, welches darin besteht, aus seinem Leben ein Geschenk und „süß duftendes“ Opfer vor Gott für die Brüder zu machen (vgl. Eph 5,2).

4. Die neue Prophezeiung des Johannes des Täufers

Kehren wir zu Johannes dem Täufer zurück; er kann uns erhellen, wie wir unsere prophetische Aufgabe in der Welt von heute erfüllen können. Jesus definiert Johannes den Täufer „mehr als einen Propheten“, wo aber liegt in seinem Fall die Prophezeiung? Die Propheten kündigten ein künftiges Heil an; der Wegebreiter aber ist nicht einer, der ein künftiges Heil ankündigt; er zeigt auf einen, der da ist. In welchem Sinn also kann er Prophet genannt werden? Jesajas, Jeremias, Ezechiel halfen dem Volk, die Schranke der Zeit zu überschreiten; Johannes der Täufer hilft dem Volk, die noch dickeren Schranken des gegenteiligen Anscheins, des Skandals, der Banalität und der Armut zu überschreiten, in denen die entscheidende Stunde offenbar wird.

Es ist leicht, an etwas Großartiges, an etwas Göttliches zu denken, wenn es für eine unbestimmte Zukunft vorgesehen ist: „in jenen Tagen“, „in den letzten Tagen“, in einem kosmischen Rahmen, mit dem Himmel, aus dem Süße tropft, und der Erde, die sich auftut, um den Heiland aufkeimen zu lassen. Es ist schwieriger, wenn man sagen muss: „Da ist er! Hier ist er! Er ist es!“

Mit den Worten: „Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt!“ (Joh 1,26) hat Johannes der Täufer die neue Prophezeiung begonnen, jene der Zeit der Kirche, die nicht in der Verkündigung eines künftigen und fernen Heils besteht, sondern in der Offenbarung der verborgenen Gegenwart Christi in der Welt. Im Herunterreißen des Schleiers von den Augen der Menschen, im Aufrütteln aus der Gleichgültigkeit, mit den Worten des Jesajas: „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (vgl. Jes 43,19).

Es ist wahr, jetzt sind 20 Jahrhunderte vergangen, und wir wissen über Jesus viel mehr als über Johannes. Der Skandal jedoch ist nicht aus dem Weg geräumt. Zur Zeit des Johannes ergab sich der Skandal aus dem physischen Leib Jesu, aus seinem Fleisch, das – ausgenommen die Sünde – dem unsrigen so ähnlich ist. Auch heute bereitet sein Leib, sein Fleisch Schwierigkeiten und erregt Skandal: sein mystischer Leib, der dem Rest der Menschheit so ähnlich ist, wobei leider auch die Sünde nicht ausgeschlossen ist.

„Das Zeugnis Jesu – so steht es in der Offenbarung des Johannes – ist der Geist prophetischer Rede“ (Offb 19,10), das heißt: Um von Jesus Zeugnis abzulegen, bedarf es des Geistes prophetischer Rede. Gibt es diesen Geist prophetischer Rede in der Kirche? Pflegt man ihn? Wird er ermutigt? Oder glaubt man stillschweigend, seiner entbehren zu können, indem man mehr auf die menschlichen Mittel und Wege setzt?

1992 wurde anlässlich der 500 Jahre der ersten Evangelisierung Lateinamerikas ein Einkehrtag für Priester in Monterrey, Mexiko, gehalten. 1.700 Priester und rund 70 Bischöfe waren zugegen. Während der Predigt der abschließenden Messe habe ich über das dringende Bedürfnis nach Prophezeiung in der Kirche gesprochen. Nach der Kommunion wurde in kleinen, in der großen Basilika verstreuten Gruppen um ein neues Pfingsten gebetet. Ich war im Presbyterium geblieben. Plötzlich kam ein junger Priester schweigend zu mir, kniete vor mir nieder und sagte mit einem Blick, den ich nie vergessen werde: „Bendígame, Padre, quiero ser profeta de Dios! – „Segnen Sie mich, Vater, ich will ein Prophet Gottes sein!“ Mich überlief ein Schauer, da ich sah, dass er offensichtlich von der Gnade bewegt war.

Mit Demut könnten wir uns den Wunsch jenes Priesters zu Eigen machen: „Ich will ein Prophet Gottes sein“. Ein kleiner, allen unbekannter Prophet, aber darauf kommt es nicht an. Wichtig ist, einer zu sein, wie Paul VI. sagte, „der Feuer im Herzen, das Wort auf den Lippen, Prophetie im Blick“ hat.

[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]