Zweite Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

"Es gibt nicht mehr Griechen oder Juden, Barbaren oder Skypten" - Die zweite große Welle der Evangelisierung nach den Invasionen der Barbaren

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VATIKANSTADT, 9. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Am heutigen Freitagvormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, im Vatikan die zweite der traditionellen Adventspredigten für den Papst und die Kurie. Er setzte seine Betrachtung über die Geschichte der Missionen im frühen Europa fort.

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In dieser Betrachtung möchte ich über die zweite große Welle der Evangelisierung in der Geschichte der Kirche sprechen, die auf den Zusammenbruch des Römischen Reiches und auf die Vermischung der Völker folgte, die durch die Invasionen der Barbaren verursacht worden war. Dabei geht es immer um das praktische Ziel zu erkennen, was wir daraus für das Heute lernen können. Angesichts des großen geschichtlichen Untersuchungszeitraums und der auferlegten Kürze einer Predigt kann es sich nur um eine Rekonstruktion – wie man sagt – „aus der Luftlinie“ handeln.

1. Eine epochale Entscheidung

Zum Zeitpunkt des offiziellen Endes des Römischen Reiches im Jahr 476 zeigt Europa sich – wie schon seit längerem – mit einem neuen Gesicht. Anstelle des einen Kaiserreiches gibt es viele sogenannte römisch-barbarische Königreiche. Ausgehend vom Norden ist die Situation in etwa diese: Anstelle der römischen Provinz Britannien gibt es die Angeln und die Sachsen, in den alten Provinzen Galliens die Franken, östlich vom Rhein die Friesen und die Alemannen, auf der iberischen Halbinsel die Westgoten, in Italien die Ostgoten und später die Langobarden und in Nordafrika die Vandalen. Im Osten leistet das Byzantinische Reich noch Widerstand.

Die Kirche steht vor einer epochalen Entscheidung: Welche Haltung soll sie angesichts dieser neuen Situation einnehmen? Man kommt nicht sofort und ohne Zerreißproben zu einem Beschluss, der die Kirche für die Zukunft öffnet. Es wiederholt sich teilweise das, was im Augenblick der Loslösung vom Judaismus geschah, um in der Kirche die Heiden aufzunehmen. Die allgemeine Verwirrung der Christen erreichte ihren Höhepunkt beim „Sacco di Roma“ im Jahr 410 durch Alaricus, den König der Goten. Man dachte, dass das Ende der Welt gekommen sei, wobei die Welt mit der römischen Welt und die römische Welt mit dem Christentum gleichgesetzt wurde. Der heilige Hieronymus ist die repräsentativste Stimme dieser allgemeinen Verwirrung. Er schrieb: „Wer hätte geglaubt, dass dieses Rom, das auf weltweiten Siegen auferbaut ist, eines Tages zusammenbrechen würde?“[1].

Es war Augustinus mit seinem Werk „De Civitate Dei“, der in intellektueller Hinsicht am meisten zur Übertragung des Glaubens in die neue Welt beigetragen hat. In seiner Sichtweise, die den Beginn einer Geschichtsphilosophie darstellt, unterscheidet er die Stadt Gottes von der irdischen Stadt, die manchmal mit der Stadt Satans gleichgesetzt wird (wobei er ein wenig sein eigenes Denken durchbricht). Unter der irdischen Stadt versteht er jede politische Wirklichkeit, einschließlich der von Rom. Also kein Ende der Welt, sondern nur das Ende einer Welt!

Der römische Pontifex spielte eine maßgebliche Rolle bei der Öffnung des Glaubens für die neue Wirklichkeit und beim Koordinieren der Aktivitäten. Der heilige Leo der Große hat das klare Bewusstsein, dass das christliche Rom das heidnische Rom überleben wird und sogar „durch seine göttliche Religion weitreichender leiten wird, als es das durch seine irdische Vorherrschaft tun würde“[2].

Nach und nach verändert sich das Verhalten der Christen gegenüber den barbarischen Völkern. Sie werden nicht mehr als niedere, unzivilisierte Menschen betrachtet, sondern als mögliche zukünftige Glaubensbrüder. Die Welt der Barbaren erscheint den Christen nicht mehr als ständige Bedrohung, sondern als neuer, großer Missionsbereich. Paulus hatte verkündet, dass durch Christus die Unterscheidung nach Rassen, Religionen, Kultur und sozialen Klassen aufgehoben sei. Er sagte: „Es gibt nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Barbaren oder Skythen, Sklave oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kol 3,11). Aber wie mühsam war es, diese Revolution in die geschichtliche Wirklichkeit zu übertragen! Und nicht nur damals!

2. Die Re-Evangelisierung Europas

Die Kirche kämpfte gegenüber den barbarischen Völkern an zwei Fronten. Der erste richtete sich gegen die arianische Irrlehre. Viele barbarische Stämme, vor allem die Goten, hatten, bevor sie als Eroberer in das Herz des Imperiums eingedrungen waren, im Osten Kontakt mit dem Christentum gehabt und es in der arianischen Version angenommen. Diese stand damals auf ihrem Höhepunkt, auch aufgrund der Aktivität, die Bischof Ulfila (311-383), der Übersetzer der Bibel ins Gotische, bei ihnen ausgeübt hatte. Nachdem sie sich einmal in den abendländischen Gebieten niedergelassen hatten, hatten sie diese häretische Version des Christentums mitgebracht.

Der Arianismus hatte jedoch keine einheitliche Organisation und auch keine Kultur oder Theologie, die mit der der Katholiken vergleichbar gewesen wäre. Im Verlauf des sechsten Jahrhunderts ließ ein barbarischer König nach dem anderen den Arianismus hinter sich, um dem katholischen Glauben anzugehören, dank der Tätigkeit einiger großer katholischer Bischöfe und Schriftsteller und manchmal auch aus politischem Kalkül. Ein entscheidendes Ereignis war das Konzil von Toledo im Jahr 589, das von Leandro von Sevilla angeregt worden war. Es bezeichnete das Ende des westgotischen Arianismus in Spanien und praktisch im ganzen Abendland.

Der Kampf gegen den Arianismus war jedoch nichts Neues; er hatte schon lange vorher im Jahr 325 begonnen. Das wahrhaft neue, von der Kirche vollbrachte Unterfangen nach dem Untergang des Römischen Reiches war die Evangelisierung der Heiden. Diese vollzog sich in zwei Richtungen: sozusagen nach innen („ad intra“) und nach außen („ad extra“), das heißt bei den Völkern des alten Reiches und bei jenen, die kurz vorher auf der Bühne erschienen waren. In den Gebieten des alten Reiches – in Italien und den Provinzen – war die Kirche bis dahin fast ausschließlich in den Städten verwurzelt. Es ging darum, ihre Präsenz auf dem Land und in den Dörfern auszubreiten. Der Begriff „pagano“ (Heide) kommt von „pagus“ (Dorf) und erhielt seine heutige Bedeutung aufgrund der Tatsache, dass die Evangelisierung auf dem Land im Allgemeinen viel später als die in den Städten geschah.

Es wäre sicher interessant, auch diesem Verlauf der Evangelisierung zu folgen, der zur Entstehung und Entwicklung des Pfarreisystems als Unterteilungen der Diözese führte; aber wegen des Ziels, das ich mir gesteckt habe, muss ich mich auf die andere Richtung der Evangelisierung beschränken, jene „ad extra“, die dazu bestimmt war, das Evangelium zu den barbarischen Völkern zu bringen, die sich auf dem insularen und im zentralen Europa angesiedelt hatten, das heißt im gegenwärtigen England, Holland, Frankreich und Deutschland.

Ein entscheidender Moment bei diesem Unterfangen war die Bekehrung des merowingischen Königs Chlodwig, der sich in der Weihnachtsnacht des Jahres 498 oder 499 vom Reimser Bischof, dem heiligen Remigius, taufen ließ. Dadurch entschied er, gemäß dem Brauch der Zeit, nicht nur über die religiöse Zukunft des fränkischen Volkes, sondern auch über die der anderen, von ihm eroberten Völker diesseits und jenseits des Rheins. Der Satz ist berühmt, den Bischof Remigius während der Taufe zu Chlodwig sagte: „Mitis depone colla, Sigamber; adora quod incendesti, incende quod adorasti“: „Beuge demütig den Nacken, stolzer Sigamber; bete das an, was du verbrannt hast, und verbrenne das, was du angebetet hast“[3]. Dieser Tatsache verdankt Frankreich seinen Titel „erstgeborene Tochter der Kirche“.

Die Christianisierung des Kontinents wurde im neunten Jahrhundert – als Werk der heiligen Cyrill und Methodius durch die Bekehrung der slawischen Völker vollendet, die gekommen waren, um im abendländischen Europa die Gebiete zu besetzen, die von den vorausgehenden Völkerwanderungen, die sich in den Westen verschoben hatten frei gelassen worden waren.

Die Evangelisierung der barbarischen Völker stellte, verglichen mit der vorausgehenden der griechisch-römischen Welt, eine neue Situation dar. Dort stand das Christentum einer gebildeten und organisierten Welt, versehen mit Ordnungen, Gesetzen und gemeinsamen Sprachen, gegenüber. Es gab somit eine Kultur, mit der man in den Dialog treten und sich vergleichen konnte. Jetzt dagegen musste man gleichzeitig die Zivilisierung und die Evangelisierung vornehmen. Man musste das Lesen und Schreiben beibringen, wenn man die christliche Lehre unterrichtete. Die Inkulturation erschien in einer völlig neuen Form.

3. Die monastische Epoche

Das gigantische Werk, von dem ich hier nur die großen Linien zeichnen konnte, wurde durch die Beteiligung aller Mitglieder der Kirche vorangebracht. An erster Stelle stand der Papst, auf dessen direkte Initiative die Evangelisierung der Angeln zurückgeht und der einen aktiven Anteil an der Evangelisierung Deutschland durch den heiligen Bonifatius und der slawischen Völker durch die heiligen Cyrill und Methodius hatte. Dann die Bischöfe und Pfarrer, die Hand in Hand kamen und feste Ortsgemeinden bildeten. Eine stille, aber entscheidende Rolle spielten einige Frauen. Hinter mehreren, großen Bekehrungen von barbarischen Königen steht der Einfluss, den ihre Ehefrauen auf sie ausgeübt hatten: die heilige Clothilde auf Chlodwig, die heilige Theodolinda auf den langobardischen König Autari, die katholische Braut von König Edwin, der das Christentum im Norden Englands einführte.

Die eigentlichen Hauptpersonen der Re-Evangelisierung Europas nach den barbarischen Invasionen waren jedoch die Mönche. Im Abendland verbreitete sich das im vierten Jahrhundert entstandene Mönchtum schnell in zwei verschiedenen Zeiten und Richtungen: Die erste Welle ging vom südlichen und zentralen Gallien aus, vor allem von Lerins (410) und Auxerre (418). Nachdem es sich in diesen beiden Zentren ausgebildet hatte, gelangte es dank des heiligen Patricks nach Irland, von wo aus es das ganze Ordensleben befruchtete. Von hier aus gelangte es zuerst nach Schottland und England und kam danach auf den Kontinent zurück.

Die zweite Welle des Mönchtums hatte ihren Ursprung beim heiligen Benedikt († 547) in Italien. Sie war dazu bestimmt, die verschiedenen Formen des abendländischen Mönchtums zu vereinheitlichen und ihre Führung zu übernehmen. Vom fünften bis achten Jahrhundert wurde Europa buchstäblich von Klöstern überzogen, Viele von ihnen übten eine zentrale Aufgabe bei der Ausbildung Europas aus, nicht nur bezüglich seines Glaubens, sondern auch seiner Kunst, Kultur und Landwirtschaft. Deshalb wurde der heilige Benedikt zum Patron Europas ernannt, und der Heilige Vater wählte im Jahr 2005 Subiaco für seine lehramtliche Unterweisung über die christlichen Wurzeln Europas aus.

Die großen Gestalten evangelisierender Mönche gehören fast alle der ersten der beiden genannten Strömungen an, jener, die von Irland und von England aus auf den Kontinent zurückkehrte. Die bedeutendsten Namen sind die des heiligen Columbans und des heiligen Bonifatius. Der erstgenannte missionierte ausgehend von Luxeuil zahlreiche Gebiete im Norden Galliens und die deutschen Südstämme. Dabei drang er bis nach Bobbio in Italien vor. Der zweite wurde als Missionar Deutschlands betrachtet. Er breitete seine missionarische Tätigkeit von Fulda bis nach Friesland aus, dem heutigen Holland. Der Heilige Vater, Benedikt XVI., widmete ihm am 11. März 2009 eine seiner Mittwochskatechesen. Dabei hob er seine enge Zusammenarbeit mit dem römischen Pontifex und seine zivilisatorische Arbeit hervor, die er bei den von ihm missionierten Völkern leistete.

Beim Lesen ihrer Viten hat man den Eindruck, noch einmal das Missionsabenteuer des Apostels Paulus zu erleben: derselbe Eifer, das Evangelium allen Geschöpfen zu bringen; derselbe Mut angesichts aller Arten von Gefahren und Unannehmlichkeiten; für den heiligen Bonifatius und viele andere auch dasselbe Schicksal des Martyriums.

Die Mängel dieser großflächigen Evangelisierung sind bekannt, und gerade der Vergleich mit dem heiligen Paulus zeigt den wichtigsten. Der Apostel sorgte sich zusammen mit der Evangelisierung an jedem Ort um die Gründung einer Kirche, die deren Kontinuität und Weiterentwicklung sicherte. Oftmals waren diese Pioniere wegen der knappen Mittel und der Schwierigkeiten, sich in der noch ziemlich starren Gesellschaft fortzubewegen, nicht in der Lage, ihr Werk für die Zukunft zu sichern.

Die barbarischen Völker versuchten, nur einen Teil des vom heiligen Remigius für Chlodwig aufgezeigten Programms umzusetzen: Sie beteten an, was sie verbrannt hatten; aber sie verbrannten nicht das, was sie angebetet hatten. Ein Großteil ihres götzendienerischen und heidnischen Ballastes blieb und kam bei der ersten Gelegenheit wieder hervor. Es passierte dasselbe wie bei gewissen Wegen, die durch den Wald führen: Nicht gepflegt und nicht benutzt wurden sie vom umliegenden Dickicht wieder aufgenommen und vernichtet. Das dauerhafteste Werk dieser großen Missionare war die Gründung eines Netzes von Klöstern, und - durch Augustinus in England und Bonifatius in Deutschland - die Errichtung von Diözesen sowie das Abhalten von Synoden, die für die Folgezeit die Wiederaufnahme einer dauerhafteren und tiefergehenden Missionierung sichern sollten.

4. Mission und Kontemplation

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, aus dem skizzierten historischen Bild einige Hinweise für das Heute zu entnehmen. Beachten wir vor allem eine gewisse Analogie zwischen der Epoche, die wir rückblickend betrachtet haben, und der aktuellen Situation. Damals ging die Völkerwanderung von Osten nach Westen, heute verläuft sie von Süden nach Norden. Die Kirche mit ihrem Lehramt hat auch in diesem Fall ihre Wahl des Feldes getroffen, es ist die Öffnung für das Neue und die Aufnahme der neuen Völker.

Der Unterschied liegt darin, dass heute in Europa keine heidnische Völker oder häretische Christen ankommen, sondern oftmals Völker, die in Besitz einer gut ausgeprägten und selbstbewussten Religion sind. Die Neuheit besteht also im Dialog, der der Evangelisation nicht entgegensteht, sondern deren Stil bestimmt. Der selige Johannes Paul II. drückt sich darüber in der Enzyklika „Redemptoris missio“, Über die bleibende Bedeutung des Missionsauftrags, klar aus:

„Der interreligiöse Dialog ist Teil der Sendung der Kirche zur Verkündigung des Evangeliums. Wenn er als Methode und Mittel zur wechselseitigen Kenntnis und Bereicherung verstanden wird, steht er nicht in Gegensatz zur Mission „ad gentes“, sondern hat vielmehr eine besondere Bindung zu ihr und ist sogar Ausdruck davon.... Im Lichte der Heilsökonomie sieht die Kirche keinen Gegensatz zwischen der Verkündigung Christi und dem interreligiösen Dialog, sondern weiß um die Notwendigkeit, beide im Bereich der Mission „ad gentes“ aneinander zu fügen. Es ist jedoch angebracht, dass diese beiden Elemente sowohl ihre enge Bindung als auch ihre Unterscheidung wahren, damit sie weder verwechselt noch missbraucht werden und auch nicht als austauschbar gelten“ [4].

Was nach den Invasionen der Barbaren in Europa geschehen ist, zeigt uns vor allem die Bedeutung des kontemplativen Lebens in Hinblick auf die Evangelisation. Das Dekret „Ad gentes“, Über die Missionsarbeit, schreibt darüber:

„Besondere Erwähnung verdienen die verschiedenen Unternehmungen, die das beschauliche Leben verwurzeln sollen; die einen behalten die wesentlichen Elemente der monastischen Lebensform bei und versuchen, die reiche Tradition ihres Ordens zu verpflanzen. Andere kehren zu den einfacheren Formen des altkirchlichen Mönchswesens zurück. Alle aber sollen sich um eine echte Anpassung an die lokalen Verhältnisse bemühen. Das beschauliche Leben gehört eben zur vollen Anwesenheit der Kirche und muss deshalb überall bei den jungen Kirchen Eingang finden“ [5].

Diese Aufforderung, in Hinblick auf die Evangelisierung neue Formen des Mönchtums zu suchen, auch dadurch, dass man sich vom alten Mönchtum inspirieren lässt, ist nicht ungehört geblieben.

Eine der Formen, in denen dieser Wunsch verwirklicht wurde, sind die „Monastischen Fraternitäten von Jerusalem“, bekannt als Mönche und Nonnen der Stadt. Ihr Gründer, Pater Pierre-Marie Delfieux, verstand, nachdem er zwei Jahre in der Wüste der Sahara nur in Begleitung der Eucharistie und der Bibel verbracht hatte, dass heute die großen, säkularisierten Städte die wahren Wüsten sind. Die Fraternitäten nahmen ihrem Anfang in Paris am Fest Allerheiligen 1975 und sind inzwischen in verschiedenen Großstädten Europas, einschließlich Rom, wo sie die Kirche „Trinità dei Monti“ erhalten haben. Ihr Charisma besteht darin, durch die Schönheit der Kunst und der Liturgie zu evangelisieren. Sie tragen Mönchskleidung, ihr Lebensstil ist einfach und streng, ein Ineinander von Arbeit und Gebet. Neu ist jedoch ihre Ansiedlung im Stadtzentrum, im Allgemeinen in alten Kirchen mit großem künstlerischem Ruf, das Zusammenwirken von Mönchen und Nonnen im liturgischen Bereich trotz der vollkommenen gegenseitigen Unabhängigkeit auf der Ebene des Wohnens und der Autorität. Um diese Orte herum sind nicht wenige Bekehrungen von fernstehenden und zum Glauben zurückgekehrten, nominellen Christen geschehen.

Von anderer Art ist das Kloster von Bose in Italien, das ebenfalls zu dieser Blüte neuer monastischer Formen gehört. Im ökumenischen Bereich ist das Kloster von Taizé in Frankreich ein Beispiel für ein kontemplatives Leben, das direkt an der Front der Evangelisierung engagiert ist.

Als Johannes Paul II. am ersten November 1982 eine große Vertretung des weiblichen kontemplativen Lebens empfing, zeigte er auch dem klausurierten, weiblichen Ordensleben die Möglichkeit eines direkteren Engagements im Werk der Evangelisierung auf.

Er sagte: „Eure Klöster sind Gemeinschaften des Gebetes mitten in den christlichen Gemeinden, denen ihr Hilfe, Nahrung und Hoffnung gebt. Es sind geweihte Orte, und sie könnten auch christliche Begegnungszentren für jene - vor allem junge - Menschen sein, die oftmals auf der Suche nach einem einfachen und transparenten Leben sind, im Gegensatz zu jenem, das ihnen von der Konsumgesellschaft angeboten wird.“

Der Aufruf ist nicht ungehört geblieben und wird zurzeit in neuartige Initiativen des weiblichen kontemplativen Lebens übertragen, das für die Evangelisierung offen ist. Eine von ihnen konnte sich anlässlich des kürzlich im Vatikan stattfindenden Kongresses vorstellen, den der Päpstliche Rat für die Neuevangelisation ausgerichtet hat. All diese neuen Formen ersetzen nicht die traditionellen monastischen Gegebenheiten, von denen viele ebenfalls Zentren mit spiritueller und missionarischer Ausstrahlung sind; sie stehen ihnen zur Seite und bereichern sie.

Es reicht nicht, dass es in der Kirche diejenigen gibt, die sich der Kontemplation widmen, und diejenigen, die sich der Mission widmen. Es ist notwendig, dass es zu einer Synthese von beidem im Leben jedes Missionars kommt. Mit anderen Worten: Es genügt nicht das Gebet „für“ die Missionare; es bedarf des Gebetes „der“ Missionare. Die großen Mönche, die Europa nach den Invasionen der Barbaren erneut evangelisiert haben, waren Menschen, die aus dem Schweigen der Kontemplation herausgetreten waren und darin wieder eintraten, sobald die Umstände es ihnen erlaubten. Mehr noch: Mit ihrem Herzen traten sie niemals ganz aus dem Kloster heraus. Sie setzten im Voraus den Rat um, den Franz von Assisi seinen Brüdern gab, als er sie auf die Straßen der Welt schickte. Er sagte: „Wir tragen unsere Einsiedelei überall, wo wir sind, mit uns herum, und jedes Mal, wenn wir wollen, können wir als Eremiten in diese Einsiedelei wieder einkehren. Bruder Leib ist die Einsiedelei, und die Seele ist der Einsiedler, der darin wohnt, um zu Gott zu beten und ihn zu betrachten“ [6].

Dafür haben wir ein noch machtvolleres Beispiel. Der Tagesablauf Jesu bestand in einer wunderbaren Mischung von Gebet und Verkündigung. Er betete nicht nur, bevor er predigte; er betete, um zu wissen, was er predigen sollte, und um aus dem Gebet die Dinge zu schöpfen, die der Welt verkündigt werden sollten. Er erklärte: „Was ich sage, sage ich so, wie der Vater es mir gesagt hat“ (Joh 12,50). Hieraus erhielt Jesus die „Vollmacht“, die bei seinem Sprechen so sehr beeindruckte.

Das Bemühen um Neuevangelisation ist zwei Gefahren ausgesetzt. Die eine ist die Trägheit, die Faulheit, das Nichts-Tun und das Die-Anderen-Machen-Lassen. Die andere besteht darin, sich in einen menschlichen Aktivismus zu stürzen, der fieberhaft und leer ist und als Ergebnis hat, dass man nach und nach den Kontakt mit der Quelle des Wortes und seiner Wirksamkeit verliert. Man sagt: Wie kann man ruhig im Gebet bleiben, wenn so viel Not nach unserer Anwesenheit verlangt; wie kann man nicht laufen, wenn das Haus abbrennt? Es ist wahr; aber stellen wir uns vor, was einer Feuerwehrmannschaft passieren würde, die zum Löschen eines Brandes rennt und dann, am Ort angekommen, merken würde, dass sie in ihren Tanks nicht einen Tropfen Wasser hat. So sind wir, wenn wir laufen, um zu verkündigen, ohne zu beten.

Das Gebet ist wesentlich für die Evangelisation, weil „die christliche Verkündigung vorrangig nicht die Mitteilung einer Lehre, sondern eine Mitteilung des Lebens“ ist. Wer betet, ohne zu sprechen, evangelisiert mehr als derjenige, der spricht ohne zu beten.

5. Maria, Stern der Evangelisierung

Schließen wir ab mit einem Gedanken, den die liturgische Zeit, in der wir augenblicklich leben, und das Fest der Unbefleckten Empfängnis, das wir gestern gefeiert haben, uns nahelegen. Im ökumenischen Dialog fragte mich eines Tages ein protestantischer Bruder ohne Polemik, nur um zu verstehen: „Warum sagt ihr Katholiken, dass Maria der „Stern der Evangelisierung“ ist? Was hat Maria getan, das diesen Titel rechtfertigt?“ Es war für mich ein Anlass, darüber nachzudenken; und ich brauchte nicht lange, um den tiefen Grund zu entdecken. Maria ist der Stern der Evangelisierung, weil sie das Wort getragen hat, nicht zu diesem oder jenem Volk, sondern in die ganze Welt!

Und nicht nur das. Sie trug das Wort in ihrem Schoß, nicht in ihrem Mund. Sie war – auch physisch – voll von Jesus und strahlte ihn durch ihre Anwesenheit aus. Jesus trat aus ihren Augen, aus ihrem Gesicht und aus ihrer ganzen Person heraus. Wenn jemand einen Duft ausströmt, muss man es ihm nicht sagen; es genügt, ihm nahe zu sein, um es wahrzunehmen. Und Maria war - besonders in der Zeit, als sie ihn in ihrem Schoß trug, - voll des Duftes Christi.

Man kann sagen, dass Maria die erste Klausurierte der Kirche war. Nach dem Pfingstfest ist sie wie in die Klausur eingetreten. Wir kennen durch die Briefe der Apostel zahlreiche Personen und auch viele Frauen der christlichen Urgemeinde. Einmal finden wir auch eine gewisse Maria erwähnt (vgl. Röm 16,6), aber es ist nicht sie. Von Maria, der Mutter Jesu, liest man nichts. Sie verschwindet im tiefsten Schweigen. Aber was bedeutete es für Johannes, sie neben sich zu haben, während er das Evangelium schrieb; und was kann es für uns bedeuten, sie neben uns zu haben, während wir dasselbe Evangelium verkündigen! Origenes schreibt: „Die Erstlingsgabe der Evangelien ist das Evangelium von Johannes, dessen tiefen Sinn derjenige nicht erfassen kann, der sein Haupt nicht an die Brust Jesu gelehnt und von ihm nicht Maria als seine eigene Mutter empfangen hat“ [5].

Maria hat in der Kirche jene zweite Seele oder Berufung eingeführt; es ist die verborgene und betende Seele, neben der apostolischen oder aktiven Seele. Das drückt in wunderbarer Weise die traditionelle Ikone der Himmelfahrt aus, von der wir in dieser Kapelle auf der rechten Seite eine Darstellung haben. Maria steht mit geöffneten Armen in der Haltung der Betenden. Um sie herum sind die Apostel, alle mit einem erhobenen Fuß oder einer erhobenen Hand, das heißt in Bewegung. Sie stellen die aktive Kirche dar, die zur Mission aufbricht, die spricht und handelt. Maria steht unbeweglich unterhalb von Jesus, genau an dem Punkt, von dem aus er aufgefahren ist, in etwa um die Erinnerung an ihn und die Erwartung seiner Wiederkunft lebendig zu halten.

Hören wir am Ende die abschließenden Worte aus „Evangelii nuntiandi“  von Paul VI., dem ersten päpstlichen Dokument, in dem Maria mit dem Titel „Stern der Evangelisierung“ benannt wird:

„Am Morgen des Pfingsttages hat sie durch ihr Gebet dem Beginn der Evangelisierung unter dem Wirken des Heiligen Geistes vorgestanden. Sie möge der Stern der immer neuen Evangelisierung sein, welche die Kirche, dem Auftrag des Herrn gehorsam, vorantreiben und erfüllen muss, vor allem in dieser schwierigen, aber hoffnungsvollen Zeit!“

[1] Hieronymus, Kommentar zum Buch Ezechiel, III, 25, pref.; vgl. Briefe LX,18; CXXIII,15-16; CXXVI,2.

[2] Leo der Große, Sermon 82.

[3] Gregor von Tours, Historia Francorum, II, 31.

[4] Johannes Paul II., Redemptoris missio, 55.

[5] Ad gentes, Nr. 18.

[6] Legenda Perugia, 80 (FF 1636).

[7] Origenes, Kommentar zum Johannesevangelium, I, 6,23 (SCh, 120, S. 70).

[Übersetzung des italienischen Originals von Dr. Edith Olk]