Zweite Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Das Zweite Vatikanische Konzil fünfzig Jahre später Ein Deutungsversuch

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VATIKANSTADT, 14. Dezember 2012 (ZENIT.org). ‑‑ Am heutigen Freitagvormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, im Vatikan die zweite der traditionellen Adventspredigten für den Papst und die Kurie. In der Predigt unternahm er einen Deutungsversuch des Zweiten Vatikanischen Konzils, fünfzig Jahre später.

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1. Das Konzil: Hermeneutik des Bruches und der Kontinuität

In dieser Meditation möchte ich über den zweiten großen Grund zum Feiern sprechen, den die Kirche in diesem Jahr hat: den fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Über die vergangenen Jahrzehnte haben sich die Versuche, eine Bilanz der Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu ziehen, geradezu exponentiell vervielfältigt.[1] Es wäre überflüssig, dem vielen Gesagten noch mehr hinzuzufügen; mir würde auch die Zeit dazu nicht reichen. Neben diesen analytischen Interpretationsversuchen hat es aber auch Bestrebungen gegeben, eine zusammenfassende Bewertung des Konzils zu geben, oder anders gesagt, einen Schlüssel zu finden, der uns das Verständnis dieses epochalen Ereignisses erschließt. Ich will mich lieber dieser Art von Versuchen anschließen und vielleicht noch einen Schritt weiter gehen, indem ich eine Art Deutungsversuch der verschiedenen vorgeschlagenen „Schlüssel“ unternehme.

Diese lassen sich grob in drei Kategorien aufteilen: manche Beobachter betrachten das Konzil als eine Aktualisierung, andere sprechen von einem Bruch mit der Vergangenheit, wieder andere von einer „Erneuerung in Kontinuität“. Als Johannes XXIII. der Welt das Konzil ankündigte, verwendete er gleich mehrmals das Wort „aggiornamento“ (Aktualisierung), das seitdem zu einem geflügelten Wort geworden ist. In seiner Eröffnungsrede zum Konzil erklärte der Papst, wie er sich diese Aktualisierung vorstellte:

„Das einundzwanzigste Ökumenische Konzil setzt sich das Ziel, die katholische Lehre intakt, ungeschmälert und unverändert weiter zu vermitteln […]. Wir haben aber nicht nur die Aufgabe, diesen kostbaren Schatz zu hüten; wir müssen auch an dem Werk weiterarbeiten, das unsere Zeit benötigt, indem wir den Weg weiter beschreiten, den die Kirche seit fast zwanzig Jahrhunderten geht […]. Es ist notwendig, dass diese gesicherte und unabänderliche Lehre, der man immer treu zustimmen muss, gemäß den Anforderungen unserer Zeit vertieft und erläutert wird.“ [2]

Als jedoch das Konzil voranschritt, schälten sich bald zwei entgegengesetzte Sichtweisen heraus, die nur den einen oder den anderen der beiden Aspekte betonten, von denen der Papst gesprochen hatte, nämlich die Kontinuität oder das Neue gegenüber der Vergangenheit. Unter denen, die sich zur zweiten Sichtweise bekannten, wurde der Begriff „Aktualisierung“ schon bald mit „Bruch“ gleichgesetzt, wobei man diesen Bruch positiv oder negativ bewertete, je nachdem, welche Einstellung man vertrat. Die sogenannten Progressisten begrüßten alles Neue als einen Sieg über veraltete Positionen; die eher Konservativen betrachteten es jedes Mal als eine Katastrophe für die ganze Kirche.

Zwischen diesen beiden Parteien – die sich darin einig waren, dass das Konzil einen Bruch darstelle, im Urteil über diesen Bruch jedoch entgegengesetzte Meinungen vertraten – liegt die Bewertung der Päpste, die immer von einer „Erneuerung in der Kontinuität“ gesprochen haben. In seiner Enzyklika „Ecclesiam Suam“ greift Paul VI. das von Johannes XXIII. verwendete Wort „Aktualisierung“ wieder auf und sagt, er wolle es als „Leitfaden“ seinen Amtes nehmen.[3] Zu Beginn seines Pontifikats wiederholte Johannes Paul II. dieses Urteil seines Vorgängers[4] und sprach sich bei verschiedenen Gelegenheiten in diesem Sinne aus. Aber vor allem unser jetziger Papst Benedikt XVI. machte deutlich, was die Kirche mit „Erneuerung in der Kontinuität“ meint. In seiner bekannten Ansprache an die Römische Kurie am 22. Dezember 2005, wenige Monate nach seiner Papstwahl, erklärte er:

„Die Frage taucht auf, warum die Rezeption des Konzils in einem großen Teil der Kirche so schwierig gewesen ist. Nun ja, alles hängt ab von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik, von seiner korrekten Deutung und Umsetzung. Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, dass zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen, was in der Stille geschah, aber immer deutlicher sichtbar wurde, und sie trägt auch weiterhin Früchte. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich ‚Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches‘ nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die ‚Hermeneutik der Reform.‘ “

Der Heilige Vater räumt ein, dass es eine gewissen Diskontinuität – einen Bruch also – gegeben hat; dieser Bruch aber hat nichts mit den Grundsätzen und Wahrheiten des christlichen Glaubens zu tun; er betrifft gewisse historische Entscheidungen. Zu diesen gehört zum Beispiel die Konfliktsituation zwischen der Kirche und der modernen Welt, die ihren Höhepunkt erlebte, als Pius IX. die Moderne im Block verurteilte, jedoch auch in jüngerer Vergangenheit spürbar wurde, wie zum Beispiel im Verhältnis zwischen Kirche und Wissenschaft, im neuen Verhältnis zu anderen Religionen und der damit verbundenen Frage der Gewissensfreiheit, nicht zuletzt auch im Drama des Holocausts, das eine neue Einstellung gegenüber dem jüdischen Volk erforderlich machte. Benedikt XVI. schreibt:

„Es ist klar, dass in all diesen Bereichen, die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und dass in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, dass, nachdem man zwischen verschiedenen konkreten historischen Situationen und ihren Ansprüchen unterschieden hatte, in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war – eine Tatsache, die auf den ersten Blick leicht übersehen wird. Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform.“

Wenn wir von der Ebene der Grundsätze und Werte auf die chronologische Ebene übergehen, dann kann man sagen, dass das Konzil zwar einen Bruch und eine Diskontinuität mit der jüngeren Vergangenheit der Kirche darstellt, jedoch eine Kontinuität mit ihrer frühen Vergangenheit. In vielerlei Hinsicht, besonders in Hinblick auf die zentrale Idee dessen, was die Kirche eigentlich ist, hat das Konzil eine Rückbesinnung auf ihre Anfänge, auf die Quellen der Bibel und der Patristik herbeiführen wollen.

Diese Betrachtungsweise des Konzils als „Erneuerung in der Kontinuität“ hat einen wichtigen Vorgänger im Essay „Über die Entwicklung der christlichen Lehre“ von Kardinal Newman gehabt. Nicht zuletzt deswegen wurde Kardinal Newman oft als der „abwesende Vater des Zweiten Vatikanischen Konzils“ bezeichnet. Newman zeigt, dass man bei keinem großen Weltbild, sei es eine Philosophie oder eine Religion wie das Christentum, „von ihren Anfängen her sagen kann, welche Möglichkeiten sie erschließt und welche Ziele sie anstrebt […]. Je nachdem, welchen neuen Beziehungen sie gegenüber steht, tauchen Gefahren und Hoffnungen auf und alte Grundsätze erscheinen in neuer Form. Sie verändert sich mit ihnen, um doch immer sich selbst treu zu bleiben. In einer übernatürlichen Welt gehen die Dinge anders; aber hier auf Erden bedeutet Leben Veränderung, und die Vollkommenheit ist das Ergebnis zahlreicher Anpassungen.“ [5]

Papst Gregor der Große hatte diese Überzeugung in gewisser Weise bereits vorweg genommen, als er über die Heilige Schrift aussagte: „Cum legentibus crescit“ (Sie wächst mit denen, die sie lesen),[6] was bedeutet, dass sie umso mehr wächst, je mehr sie gelesen und nachgelebt wird, denn dadurch erheben sich neue Fragen und neue Herausforderungen. Die Glaubenslehre verwandelt sich also, aber nur, um sich selbst immer treu zu bleiben; sie passt sich der historischen Situation an, um im Inhalt immer gleich zu bleiben, wie Benedikt XVI. es ausdrückte.

Ein einfaches, aber klares Beispiel ist die sprachliche Anpassung. Jesus sprach die Sprache seiner Zeit; nicht Hebräisch, denn das war die gelehrte Sprache der Heiligen Schrift (vergleichbar mit dem, was für uns Latein wäre), sonder Aramäisch, die Sprache des Volkes. Diesem Grundsatz treu bleiben kann selbstverständlich nicht bedeuten, dass man allen künftigen Generationen das Evangelium auf Aramäisch verkündet, sondern das man es den Griechen auf Griechisch, den Römern auf Latein, den Armeniern auf Armenisch, den Kopten auf Koptisch verkündet usw. bis auf den heutigen Tag. Wie Newman sagte: Gerade indem man sich anpasst, bleibt man dem Geist der Ursprünge treu.

2. Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig

Bei aller Achtung und Bewunderung für das gewaltige Pionierwerk von Kardinal Newman, kann man anderthalb Jahrhunderte später und nach allem, was die Christenheit in der Zwischenzeit erlebt hat, doch auch einen Mangel nicht übersehen, der seinem Essay innewohnt: das fast völlige Fehlen jedes Hinweises auf den Heiligen Geist. In seiner Beschreibung des Werdegangs der christlichen Lehre übersieht Newman die überragende Rolle, die Jesus dem Heiligen Geist zuschreibt: den Jüngern jene Wahrheiten zu verkünden, die sie im Moment „noch nicht tragen“ können und sie „in die ganze Wahrheit“ zu führen (vgl. Joh 16,12-13).

Denn was sonst ermöglicht es uns, das Paradoxon zu lösen und von einer Erneuerung in der Kontinuität, einem Verharren in der Aktualisierung zu sprechen, wenn nicht das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche? Der heilige Irenäus war sich dessen vollkommen bewusst, als er schrieb, die Offenbarung sei wie ein „wertvoller Stoff in einer kostbaren Vase, der dank dem Geist Gottes sich immer wieder verjüngt und auch die Vase verjüngt, die ihn enthält.“ [7] Der Heilige Geist offenbart uns keine neuen Worte und führt keine neuen Sakramente und Institutionen ein, sondern erneuert und belebt immer wieder die Worte, Sakramente und Institutionen, die Jesus geschaffen hat. Er schafft keine neuen Dinge, aber er erneuert alle Dinge!

Die mangelnde Berücksichtigung des Heiligen Geistes erklärt viele der Schwierigkeiten, die bei der Aufnahme des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgekommen sind. Die Tradition, in deren Namen einige Gläubige das Konzil abgelehnt haben, war eine Tradition, in der der Heilige Geist keine Rolle spielte. Sie war eine Ansammlung von Überzeugungen und Handlungen, die ein für alle Mal festgelegt waren; etwas ganz anderes als die Welle der apostolischen Verkündigung, die durch die Jahrhunderte zieht und, wie jede Welle, nur in Bewegung wahrgenommen werden kann. Die Tradition einfrieren und die Welle an einem willkürlich gewählten Punkt ihrer Bahn aufhalten hätte bedeutet, aus der „lebendigen Tradition“, von der Irenäus spricht, eine tote Tradition zu machen. Der Dichter Charles Péguy hat diese große theologische Wahrheit in Verse gefasst:

„Jesus hat uns keine toten Worte gegeben,

die wir in kleinen (oder großen) Schachteln verschließen

und in ranzigem Öl aufbewahren müssen

wie ägyptische Mumien.

Jesus Christus hat uns keine Wortkonserven zum aufbewahren gegeben.

Er hat uns lebendige Worte gegeben, die wir ernähren müssen […].

Wir kranke und weltbezogene Menschen sind es,

die jene lebend in die Zeit gebrachten Worte

pflegen und durch die Zeit am Leben erhalten müssen.“ [8]

Ich muss aber gleich noch hinzufügen, dass die Dinge in der Gegenpartei kaum besser lagen. Hier sprach man gerne vom „Geist des Konzils“; nur, dass damit leider nicht der Heilige Geist gemeint war. Unter „Geist des Konzils“ verstand man jenen Mut zur Innovation, von dem man bedauernd annahm, er werde in die Konzilstexte aufgrund des Widerstands der Konservativen und dem daraus resultierenden Zwang zum Kompromiss nicht eingehen können.

Und nun will ich über das sprechen, was meiner Meinung nach der Schlüssel zum Verständnis des Konzils ist. Der heilige Thomas von Aquino schreibt, indem er einen gewagten Gedanken des heiligen Augustinus bezüglich der Worte des Apostels Paulus über den Buchstaben und den Geist aufgreift (vgl. 2 Kor 3,6):

„Das Wort ‚Buchstabe‘ bezeichnet hier alle geschriebenen Gesetze, die außerhalb des Menschen bleiben, selbst die ethischen Vorschriften, die wir in den Evangelien finden. Deshalb würde auch der Buchstabe der Evangelien töten, wenn es nicht von der belebenden Gnade des Glaubens erfüllt wäre.“ [9]

Im gleichen Zusammenhang schreibt der heilige Kirchenlehrer auch: „Das neue Gesetz besteht hauptsächlich in der Gnade des Heiligen Geistes, die den Gläubigen zuteil wird.“[10] Die Vorschriften des Evangeliums sind auch „neues Gesetz“, jedoch in einem materiellen Sinn, d.h. dem Inhalt nach; die Gnade des Heiligen Geistes hingegen ist die Form des neuen Gesetzes, die uns überhaupt erst die Kraft gibt, diese Vorschriften einzuhalten. Sie ist das, was Paulus als „das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus“ bezeichnet (vgl. Röm 8,2).

Es handelt sich hierbei um einen allgemeinen Grundsatz, der für jedes Gesetz gilt. Wenn sogar die Vorschriften des Evangeliums ohne die Gnade des Heiligen Geistes „tötender Buchstabe“ wären, was müssen wir dann erst von den Vorschriften der Kirche oder, in unserem Beispiel, von den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils halten? Die „Umsetzung“ des Konzils darf also nicht durch eine wörtliche und fast automatische Einhaltung seiner Entschlüsse stattfinden, sondern „in seinem Geiste“, worunter wir den Heiligen Geist und nicht irgendeinen vage definierten und subjektiv formbaren „Konzilgeist“ verstehen müssen. Johannes Paul II. schrieb schon 1981:

„Das ganze Erneuerungswerk der Kirche, das das II. Vatikanische Konzil so providentiell vorgelegt und eingeleitet hat ‑‑ eine Erneuerung, die ‚Aktualisierung‘ und zugleich Festigung dessen sein muss, was für die Sendung der Kirche von bleibender und konstitutiver Natur ist ‑‑, kann nur im Heiligen Geist verwirklicht werden, das heißt, mit dem Beistand seines Lichtes und seiner Kraft.“ [11]

3. Die Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils

Hat dieses ersehnte „neue Pfingstereignis“ wirklich stattgefunden? Ian Ker, ein bekannter Newman-Experte, hat bewiesen, dass Kardinal Newman für das Verständnis nicht nur des Konzils selbst, sondern auch der Zeit danach einen wichtigen Beitrag geleistet hat. Als im Verlauf des Ersten Vatikanischen Konzils 1870 das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit definiert wurde, machte Kardinal Newman eine Überlegung über den Sinn der Konzile im Allgemeinen und ihrer Definitionen. Er kam dabei zu dem Schluss, dass ein Konzil manchmal Folgen nach sich ziehen kann, die in ihrem Umfang von den Teilnehmern des Konzils selbst nicht abgeschätzt werden können. Man erwartet von den Entscheidungen, die man trifft, eine viel größere oder auch eine viel geringere Wirkung als die, die dann in Wirklichkeit eintritt.

Auf diese Weise wendete Newman seine allgemeine Idee von der Entwicklung der christlichen Lehre auf den Spezialfall der Konzile an. Ein Dogma, wie überhaupt jede große Idee, kann man erst verstehen, nachdem man seine Folgen und geschichtlichen Entwicklungen gesehen hat. Newman verwendet hier das Gleichnis eines Flusses, der erst nach einer Weile sein Bett findet: Niemand könnte an der Quelle schon sagen, wie sein Verlauf sein werde. [12] So erging es auch dem Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit, das vielen Zeitgenossen als viel folgenschwerer erschien, als es sich dann in der Anwendung durch die Kirche und die Päpste selbst erwiesen hat. Nie wurde durch dieses Dogma jedes zukünftige ökumenische Konzil überflüssig gemacht, wie manche Zeitgenossen befürchteten oder hofften: Das Zweite Vatikanische Konzil ist der beste Beweis dafür.[13]

All dies findet eine interessante Bestätigung in Gadamers hermeneutischem Prinzip der „Wirkungsgeschichte“, wonach man, um einen Text begreifen zu können, die Folgen berücksichtigen muss, die dieser Text in der Geschichte bewirkt hat.[14] Es ist das, was auf exemplarisch klare Weise mit der spirituellen Interpretation der Heiligen Schrift geschieht. Diese Interpretationsweise erklärt den Bibeltext nicht nur im Lichte dessen, was davor war, wie es die historisch-philologische Betrachtung tut, sondern auch im Lichte dessen, was danach kam: Sie erklärt eine prophetische Vision im Lichte ihrer Verwirklichung in Christus, das Alte Testament im Lichte des Neuen.

Diese Gedanken werfen ein ganz unerwartetes Licht auf die Zeit nach dem Konzil. Auch in diesem Fall müssen wir die wichtigsten Folgen des Geschehens vielleicht an einer ganz anderen Stelle suchen als dort, wohin wir unsere Blicke gerichtet haben. Wir hatten unsere Augen auf die Veränderung der Strukturen und Institutionen gerichtet, auf die neue Verteilung der Machtverhältnisse, auf die in der Liturgie zu verwendende Sprache, und haben dabei gar nicht gemerkt, wie unbedeutend all diese Veränderungen im Vergleich zu dem sind, was der Heilige Geist da vorbereitete. Wir haben geglaubt, die alten Tonkrüge mit unseren eigenen Händen zerschlagen zu können, während Gott uns seine eigene Art vorführte, alte Tonkrüge zu erneuern: sie mit jungem Wein zu füllen.

Auf die Frage, ob es ein neues Pfingstereignis gegeben habe, müssen wir daher ohne Zögern antworten: Ja! Und woran erkennen wir dies am besten? An der Erneuerung in der Qualität des christlichen Lebens, die überall dort eingetreten ist, wo dieses Pfingstereignis aufgenommen wurde. Das doktrinär wichtigste Faktum des Zweiten Vatikanischen Konzils sind die ersten zwei Kapitel der dogmatischen Konstitution „Lumen Gentium“, in denen die Kirche definiert wird als Sakrament und Volk Gottes, das unter der Leitung des Heiligen Geistes voran schreitet, beseelt von seinen Charismen und unter der Führung der Hierarchie. Die Kirche ist also Mysterium und Institution; „Koinonia“ und „Hierarchia“. Johannes Paul II. hat die Verwirklichung dieser Vision als Hauptaufgabe der Kirche zu Beginn des neuen Jahrtausends bezeichnet.[15]

Die Frage, die wir uns stellen, ist: Wo ist diese Vision der Kirche aus den Dokumenten heraus ins Leben übergegangen? Wo ist sie „Fleisch und Blut“ geworden?[16] Wo wird das christliche Leben „nach dem Gesetz des Heiligen Geistes“ gelebt, in Freude und Überzeugung, aus freier Wahl und nicht aus Zwang? Wo wird das Wort Gottes in höchsten Ehren gehalten, wo zeigen sich die Charismen, wo macht man sich am meisten Gedanken über die Neuevangelisierung und die Einheit der Christen?

Da es sich um verborgene Dinge handelt, die sich in den Herzen der Menschen zutragen, kennt letztlich nur Gott allein die Antwort auf diese Fragen. Wir müssen auf dieses neue Pfingstereignis die Worte beziehen, die Jesus über das Reich Gottes sagte: „Man kann nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,21). Aber wir können trotzdem nach Zeichen Ausschau halten, wobei uns auch die Wissenschaft der Religionssoziologie zu Hilfe kommt. Und wenn wir mit diesen Mitteln suchen, dann ist die Antwort, die sich von vielen Seiten erhebt: in den kirchlichen Bewegungen!

Ich will von Anfang an eines klarstellen: zu den kirchlichen Bewegungen zählen, dem Wesen wenn auch nicht der Form nach, auch alle Pfarreien, Glaubensvereine und neue Gemeinden, in denen eben diese Koinonia, diese christliche Lebensqualität verwirklicht ist. Daher darf man keinen Konflikt zwischen kirchlichen Bewegungen und Pfarrgemeinden sehen; sie konkurrieren nicht, sondern gehören zusammen; beide versuchen, auf unterschiedlichen Wegen, dasselbe Vorbild christlichen Lebens zu verwirklichen.

Ich lege Wert auf die korrekte Bezeichnung: „kirchliche Bewegungen“, nicht „Laienbewegungen“! Die meisten dieser Bewegungen zählen nämlich Personen aus beiden Armen der Kirche zu ihren Mitgliedern: Laien, aber auch Bischöfe, Priester, Ordensmänner und -Frauen. Sie alle zusammen sind „das Volk Gottes“, wie es in der „Lumen Gentium“ gemeint ist. Wenn sich mit ihnen der Päpstliche Rat für die Laien befasst, dann aus einem rein praktischen Grund: weil es eine Kongregation für den Klerus schon viel länger gibt.

Johannes Paul II. sah in diesen Bewegungen und Pfarrgemeinden einen echten Frühling der Kirche.[17] Auch Benedikt XVI. hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten ähnlich geäußert.[18] In der Chrisam-Messe am Gründonnerstag 2012 sagte der Papst:

„Wer auf die Geschichte der Nachkonzilszeit hinschaut, der kann die Dynamik der wahren Erneuerung erkennen, die in lebendigen Bewegungen oft unerwartete Gestalten angenommen hat und die unerschöpfliche Lebendigkeit der heiligen Kirche, die Anwesenheit und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes geradezu greifbar werden lässt.“

Wer nach den Zeichen dieses neuen Pfingstereignisses sucht, kann das Phänomen nicht übersehen, das man als „Charismatische Erneuerung“ bezeichnet, auch wenn es sich im engeren Sinn nicht um eine kirchliche Bewegung handelt, da sie keinen Gründer, keine Organisationsstruktur und keine eigene Spiritualität besitzt. Sie ist eher wie ein Strom der Gnade, der sich auf den gesamten Körper der Kirche verteilt.

Als Kardinal Suenens, einer der Hauptakteure des Zweiten Vatikanischen Konzils, 1973 zum ersten Mal von der Charismatischen Erneuerung hörte, war er gerade dabei, ein Buch mit dem Titel „Der Heilige Geist – Quelle unserer Hoffnung“ zu schreiben. In seinen Memoiren erzählt er:

„Ich unterbrach meine Arbeit an diesem Buch. Es schien mir eine Frage der elementarsten Konsequenz, dass ich erst beobachten müsse, was der Heilige Geist gerade wirkte, so erstaunlich es auch zu sein schien. Dieses Neuerwachen der Charismen interessierte mich auf ganz besonders Weise, weil das Konzil ein solches Erwachen ja gewünscht hatte.“

Und nachdem er persönlich diese Erfahrung gemacht hatte, die heute von Millionen von Menschen geteilt wird, schrieb er:

„Plötzlich scheinen Paulus und die Apostelgeschichte etwas Lebendiges und Gegenwärtiges geworden zu sein; was authentisch und wahr an der Vergangenheit ist, scheint vor unseren Augen erneut zu geschehen. Es ist die Wiederentdeckung des Wirkens des Heiligen Geistes, der immer am Werk ist, wie Jesus es verheißen hatte. Es ist ein neuer Ausbruch des Pfingstgeistes, eine Freude, die der Kirche fremd geworden war.“ [19]

Die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinden schöpfen ganz gewiss die Möglichkeiten und Erwartungen nicht aus, die das Konzil ins Leben gerufen hat. Aber sie sind eine Antwort auf eine dieser Erwartungen, auf die wichtigste vielleicht, zumindest aus der Sicht Gottes. Sie sind nicht frei von Schwächen und zum Teil auch Verirrungen; aber welche große Erneuerung hat es je in der Kirche gegeben, die nicht mit menschlichen Fehlern behaftet gewesen wäre? Ist nicht im 13. Jahrhundert etwas ganz ähnliches geschehen, als die Bettelorden aufkamen? Auch damals waren es die Päpste, allen voran Innozenz III., die als erste die Gnade des Augenblicks erkannten und aufnahmen und alle Bischöfe dazu aufforderten, es ebenso zu tun.

4. Ein eingehaltenes Versprechen

Worin also, so fragen wir uns, liegt die Bedeutung des Konzils und aller Dokumente, die es hervorgebracht hat: die Bedeutung der Konstitutionen „Dei Verbum“, „Lumen Gentium“, „Gaudium et Spes“, „Nostra Aetate“ usw.? Sollen wir sie einfach beiseitelegen und warten, dass der Heilige Geist für uns arbeitet? Die Antwort finden wir in den Worten, mit denen Augustinus das Verhältnis von Gesetz und Gnade erklärt: „Das Gesetz wurde uns gegeben, damit wir die Gnade suchen, und die Gnade wurde uns gegeben, damit wir das Gesetz einhalten.“ [20] Der Heilige Geist enthebt uns also nicht von der Pflicht, dem Gesetz, das heißt in unserem Fall den Dekreten des Konzils, Folge zu leisten. Im Gegenteil, er selbst ist es, der uns den Ansporn gibt, diese Dekrete zu studieren und anzuwenden. Tatsächlich sind es, abgesehen von der akademischen Welt, für die diese Dokumente ein Studienobjekt sind, gerade die oben erwähnten kirchlichen Bewegungen, die die Konzilsdekrete am meisten zu schätzen wissen.

Ich habe das an mir selbst erfahren. Mein Vorurteil gegen das Judentum und die reformierten Kirchen, das sich in mir in den Jahren meiner Ausbildung geformt hatte, habe ich nicht deshalb überwunden, weil ich „Nostra Aetate“ gelesen habe, sondern weil auch ich im kleinen und mit der Hilfe einiger Mitbrüder die Erfahrung des neuen Pfingstereignisses gemacht habe. Erst danach habe ich das Bedürfnis verspürt, „Nostra Aetate“ wieder zu lesen, genau wie ich die Konstitution „Dei Verbum“ erst dann aufmerksam gelesen habe, als der Geist in mir eine neue Liebe zu Gottes Wort und zur Evangelisierung erweckt hatte. Diesen Weg kann man jedoch in beide Richtungen gehen. Um uns der Sprache des heiligen Augustinus zu bedienen: die einen finden im geschriebenen Wort einen Ansporn, den Heiligen Geist zu suchen, die anderen werden vom Geist dazu angehalten, das Wort zu beachten.

Der Dichter Thomas S. Eliot hat Verse geschrieben die, wenn wir sie auf die 50-Jahr-Feier des Konzils beziehen, den Sinn der Umwandlungen dieses letzten halben Jahrhunderts beleuchten können:

„Wir dürfen in unserer Suche nie rasten

Und am Ende unserer Suche

Steht der Punkt, von wo aus wir begannen

Und wir werden jenen Ort zum ersten Mal kennen lernen.“ [21]

Nach so viel Suchen, so vielen Debatten und verschiedenen Meinungen, werden auch wir dorthin zurückgeführt, wo wir vor fünfzig Jahren standen: zum Konzil. Aber die ganze Arbeit um das Verständnis des Konzilsereignisses war nicht vergebens, weil wir in einem tieferen Sinn erst jetzt in der Lage sind, „den Ort zum ersten Mal kennen zu lernen“, das heißt, die wahre Bedeutung des Konzils abzuschätzen, die den Konzilsvätern selbst verborgen bleiben musste.

Wir dürfen heute sagen, dass der Baum, der aus dem Konzil erwachsen ist, tatsächlich zum Samen passt, dem er entsprang. Denn woraus ist das Zweite Vatikanische Konzil entsprungen? Die Worte, mit denen Johannes XXIII. die Rührung beschrieb, die „das Aufblühen im Herzen und auf den Lippen allein des Wortes ‚Konzil‘“ begleitete[22], tragen alle Anzeichen einer prophetischen Inspiration. In seiner Ansprache zum Abschluss der ersten Periode des Konzils bezeichnete er das Konzil als „ein neues, lang ersehntes Pfingstereignis, das die Kirche mit großen geistigen Kräften bereichern wird.“ [23]

Heute, 50 Jahre später, können wir nur feststellen, dass Gott sein Versprechen eingehalten hat, das er der Kirche durch den Mund seines demütigen Dieners, des seligen Johannes XXIII., damals gab. Wenn es uns manchmal so scheint, als sei es übertrieben, von einem neuen Pfingstereignis zu sprechen, angesichts der vielen Probleme und Streitigkeiten, die nach dem Konzil und gerade wegen des Konzils in der Kirche aufgekeimt sind, dann müssen wir nur die Apostelgeschichte noch einmal durchlesen und dabei feststellen, dass Probleme und Streitigkeiten auch das erste Pfingstereignis begleiteten. Kaum weniger als heute!

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[1] Vgl. Il Concilio Vaticano II. Recezione e attualità alla luce del Giubileo, a cura di R. Fisichella, Ed. San Paolo 2000.

[2] Johannes XXIII., Eröffnungsrede zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Nr. 6,5.
[3] Paul VI., Enzyklika Ecclesiam Suam, Nr. 52.
[4] Johannes Paul II., Generalaudienz vom 1. August 1979.
[5] J.H. Newman, An Essay on the Development of Christian Doctrine, I. Teil, n.1.
[6] Gregor der Große, Kommentar zu Hiob XX,1 (CC 143 A, S. 1003).
[7] Hl. Irenäus, Gegen die Irrlehren, III, 24,1.
[8] Ch. Péguy, Le Porche du mystère de la deuxième vertu, La Pléiade, Paris 1975, S. 588 ff.
[9] Thomas von Aquino, Summa Theologiae, I-IIae, q. 106, a. 2.
[10] Ebd., q. 106, a. 1; vgl. auch Augustinus, De Spiritu et littera, 21, 36.
[11] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben A Concilio Constantinopolitano I, 25. März 1981, Nr. 7.
[12] Newman, op. cit. S. 46.
[13] Ein noch deutlicheres Beispiel ist das, was beim ökumenischen Konzil von Ephesus im Jahr 431 geschah. Die Definition Mariens als die „Theotokos“, die Mutter Gottes, sollte in den Absichten des Konzils und vor allem ihres Verfechters Cyrill von Alexandria einzig und allein dazu dienen, die Einheit der Person Christi festzulegen. Tatsächlich aber wurde sie zum Auftakt jener unermesslich reichen Blüte der Marienverehrung und der Errichtung der ersten Marienkirchen, darunter auch die Basilika Santa Maria Maggiore in Rom. Die Einheit der Person Christi wurde in einem anderen Kontext und viel deutlicher dann im Konzil von Chalcedon 451 definiert.
[14] Vgl. H.G. Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1960.
[15] Johannes Paul II., Novo millennio ineunte, Nr. 42.
[16] I. Ker, art. cit. S. 727.
[17] Johannes Paul II., Novo millennio ineunte, Nr. 46.
[18] Vgl. Z.B. seine Ansprache an die kirchlichen Bewegungen aur Pfingstvigil 2006 in: The Beauty of Being a Christian. Movements in the Church. Proceedings of the Second World Congress on the Ecclesial Movements and New Communities (Frascati 31. Mai – 1. Juni 2006), Rom, Libreria Editrice Vaticana, 2007.
[19] Kard. L.-J. Suenens,  Memories and Hopes,  Dublin, Veritas 1992, S. 267.
[20] Augustinus, De Spiritu et littera ,19,34.
[21] T.S. Eliot, Four Quartets V, The Complete Poems and Plays, Faber & Faber, London 1969, S.197:
“We shall not cease from exploration
And the end of our exploring
Will be to arrive where we started
And know the place for the first time”-
[22] Johannes XXIII., Ansprache zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, 11. Oktober 1962, Nr. 3,1.
[23] Johannes XXIII., Ansprache zum Abschluss der ersten Konzilsperiode, 8. Dezember 1962, Nr. 3,6.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]