Zweite Katechese von Papst Benedikt XVI. über den heiligen Augustinus (354 - 430)

Die vier letzten Lebensjahre

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ROM, 16. Januar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der dritten Generalaudienz des Jahres 2008 gehalten hat.

Im Mittelpunkt der Katechese des Papstes stand, wie in der vergangenen Woche (vgl. Augustiinus I), der heilige Bischof von Hippo (* 13. November 354 in Thagaste in Numidien, heute Souk Ahras in Algerien; † 28. August 430 in Hippo Regius in Numidien, heute Annaba in Algerien), der gerade am Ende seines Lebens eine „außergewöhnliche intellektuellen Tätigkeit“ entfaltete und sich inmitten der Kriegswirren bis zuletzt um die Bürger seiner Stadt kümmerte.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Ich möchte heute wie am letzten Mittwoch über den großen Bischof von Hippo sprechen: den hl. Augustinus. Vier Jahre vor seinem Tod wollte er seinen Nachfolger ernennen. Zu diesem Zweck versammelte er das Volk in der Friedensbasilika in Hippo, um den Gläubigen den vorzustellen, den er für diese Aufgabe vorgeschlagen hatte. Er sagte: „In diesem Leben sind wir sterblich, aber der letzte Tag dieses Lebens ist für jeden einzelnen immer ungewiss. Nichtsdestoweniger hofft man, zum Jünglingsalter zu gelangen; im Jünglingsalter zur Jugend; in der Jugend zum erwachsenen Alter; im erwachsenen Alter zur Zeit der Reife; in der Zeit der Reife zum Alter. Man ist nicht sicher, dahin zu kommen, aber man hofft darauf. Das Alter hat im Gegenteil dazu keinen anderen Zeitabschnitt vor sich, auf den es hoffen könnte; seine Dauer selbst ist ungewiss… Ich kam durch den Willen Gottes in diese Stadt in der Blüte meines Lebens; jetzt aber ist meine Jugend vorübergegangen und ich bin nunmehr alt“ (Ep 213,1). An diesem Punkt nannte Augustinus den Namen des vorgeschlagenen Nachfolgers, des Priesters Heraklius. Die Versammlung brach in einen Applaus der Billigung aus und wiederholte dreiundzwanzig Mal: „Gelobt sei Gott! Gelobt sei Christus!“ Mit weiteren Akklamationen billigten die Gläubigen des Weiteren, was Augustinus dann hinsichtlich seiner künftigen Vorhaben sagte: er wollte die Jahre, die ihm blieben, einem intensiveren Studium der Heiligen Schrift widmen (vgl. Ep 213,6).

In der Tat, die vier folgenden Jahre waren Jahre einer außerordentlichen intellektuellen Aktivität: er brachte wichtige Werke zum Abschluss, er begann andere nicht weniger anspruchsvolle, er hielt öffentliche Debatten mit den Irrlehrern – er suchte immer den Dialog –, er setzte sich dafür ein, den Frieden in den Provinzen Afrikas zu fördern, die von den Barbarenstämmen aus dem Süden bedroht waren. In diesem Sinn schrieb er an den Grafen Darius, der nach Afrika gekommen war, um den Streit zwischen dem Grafen Bonifatius und dem Kaiserhof zu schlichten, den die Stämme der Mauren für ihre Streifzüge ausnutzten: „Der größere Ehrentitel – so sagte er im Brief – besteht darin, den Krieg mit dem Wort zu töten statt Menschen mit dem Schwert, und mit dem Frieden für den Frieden zu sorgen und ihn aufrechtzuerhalten und nicht mit dem Krieg. Gewiss, auch diejenigen, die kämpfen, so sie gut sind, suchen zweifellos den Frieden, aber um den Preis des Blutvergießens. Du hingegen bist dazu entsandt worden, um zu verhindern, dass eines Menschen Blut vergossen wird“ (Ep 229,2). Leider wurde die Hoffnung auf eine Befriedung der afrikanischen Gebiete enttäuscht: im Mai 429 passierten die Vandalen die Straße von Gibraltar, nachdem sie aus Rache von Bonifatius dazu aufgefordert wurde, und fielen in Mauretanien ein. Die Invasion erreichte bald die anderen reichen afrikanischen Provinzen. Im Mai oder Juni des Jahres 430 standen „die Zerstörer des Römischen Reiches“, wie Possidius jene Barbaren bezeichnet (Vita, 30,1) vor Hippo, das sie unter Belagerung setzten.

In der Stadt hatte auch Bonifatius Zuflucht gesucht, der sich zu spät mit dem Hof ausgesöhnt hatte und nun ergebnislos versuchte, den Invasoren den Weg zu versperren. Der Biograph Possidius beschreibt Augustinus’ Schmerz: „Die Tränen waren mehr den sonst sein tägliches und nächtliches Brot; er war nunmehr ans Äußerste seines Lebens gelangt und schleppte mehr als die anderen in Verbitterung und Trauer sein Alter voran“ (Vita, 28,6). Und er erklärt: „Er, jener Mann Gottes, sah nämlich die Gemetzel und Zerstörungen der Stadt; die Häuser abgebrochen auf dem Land und die Einwohner von feindlicher Hand getötet oder in die Flucht geschlagen; die Kirchen ihrer Priester und Diener beraubt; die heiligen Jungfrauen und die Ordensleute überallhin zerstreut; unter ihnen die einen unter Folter gestorben, die anderen mit dem Schwert getötet, noch weitere in Gefangenschaft genommen, die Integrität der Seele und des Leibes und auch des Glaubens verloren, von den Feinden in schmerzhafte und lange Sklaverei abgeführt“ (ebd. 28,8).

Obwohl er alt und müde war, zog sich Augustinus nicht zurück und tröstete sich selbst und die anderen mit dem Gebet und der Betrachtung über die geheimnisvollen Pläne der Vorsehung. Er sprach diesbezüglich vom „Alter der Welt“ – und diese römische Welt war wahrlich alt –, er sprach von diesem Alter, wie er es schon Jahre vorher getan hatte, um die aus Italien kommenden Flüchtlinge zu trösten, als 410 die Goten Alarichs die Stadt Rom eingenommen hatten. Im Alter, sagte er, gibt es eine Fülle von Krankheiten: Husten, Katarrh, Triefäugigkeit, Angstzustände, Erschöpfung. Altert aber die Welt, so ist Christus immer jung. Und daher also die Aufforderung: „Lehne es nicht ab, in Einheit mit Christus jung zu werden, auch wenn die Welt altert. Er sagt dir: Hab keine Angst, deine Jugend wird sich wie die des Adlers erneuern“ (vgl. Sermo 81,8). Der Christ also darf auch in schwierigen Situationen nicht verzweifeln; vielmehr muss er sich dafür einsetzen, dem zu helfen, der in Not ist. Das rät der große Lehrer, als er dem Bischof von Thiava Honoratus antwortet, der ihn gefragt hatte, ob unter dem Voranschreiten der Barbareninvasionen ein Bischof oder Priester oder irgendein Mann der Kirche fliehen dürfe, um sein Leben zu retten: „Wenn die Gefahr für alle dieselbe ist, das heißt für Bischöfe, Kleriker und Laien, so sollen diejenigen, die der anderen bedürfen, nicht von denen verlassen werden, deren sie bedürfen. In diesem Falle sollen sich alle an einen sicheren Ort begeben; wenn es aber für einige notwendig ist zu bleiben, so sollen sie nicht von denen verlassen werden, denen die Pflicht obliegt, ihnen mit dem heiligen Dienst beizustehen, so dass sie sich entweder gemeinsam in Sicherheit bringen oder gemeinsam das Unglück ertragen, von dem der Vater der Familie will, dass sie es erleiden“ (Ep 228,2). Und er schloss: „Das ist der höchste Beweis der Liebe“ (ebd., 3). Wie sollte man in diesen Worten nicht die heldenhafte Botschaft wiedererkennen, die so viele Priester im Lauf der Jahrhunderte angenommen und sich zu Eigen gemacht haben?

Unterdessen leistete die Stadt Hippo Widerstand. Das Haus-Kloster des Augustinus hatte seine Tore geöffnet, um die Kollegen im Bischofsamt aufzunehmen, die um Gastfreundschaft ansuchten. Unter diesen befand sich auch sein ehemaliger Schüler Possidius, der uns so das direkte Zeugnis jener letzten und dramatischen Tage hinterlassen konnte: „Im dritten Monat jener Belagerung – so berichtet er – legte er sich mit Fieber danieder: es war dies seine letzte Krankheit“ (Vita, 29,3). Der heilige Greis nützte jene endlich freie Zeit, um sich mit größerer Intensität dem Gebet zu widmen. Er sagte gewöhnlich, dass keiner, weder Bischof noch Ordensmann noch Laie, möge seine Lebensführung auch noch so untadelig erscheinen, dem Tod ohne eine angemessene Buße entgegentreten dürfe. Daher wiederholte er ständig unter Tränen die Bußpsalmen, die er so oft zusammen mit dem Volk gebetet hatte (vgl. ebd. 31,2).

Je schlimmer die Krankheit wurde, desto mehr verspürte der sterbende Bischof das Bedürfnis nach Einsamkeit und Gebet: „Um von niemandem in seiner Sammlung gestört zu werden, bat er ungefähr zehn Tage vor seinem Verscheiden uns Anwesende, niemanden in seine Kammer außerhalb der Stunden eintreten zu lassen, in denen die Ärzte kamen, um ihn zu untersuchen oder ihm das Essen gebracht wurde. Seinem Willen wurde genau nachgekommen, und die ganz Zeit über wartete er im Gebet“ (ebd., 31,3). Er verschied am 28. August 430 aus: sein großes Herz ruhte endlich in Gott.

„Zur Grablegung seines Leibes – so informiert uns Possidius – wurde Gott das Opfer dargebracht, an dem wir teilnahmen; dann wurde er bestattet“ (Vita, 31,5). Sein Leib wurde an ungewissem Datum nach Sardinien übertragen, und von dort im Jahr 725 nach Pavia in die Basilika San Pietro in Ciel d’oro, wo er auch heute ruht. Sein erster Biograph fällt über ihn dieses abschließende Urteil: „Er hinterließ der Kirche einen sehr zahlreichen Klerus, wie auch Männer- und Frauenklöster voller Menschen, die der Enthaltsamkeit unter dem Gehorsam gegenüber ihrer Oberen geweiht waren, zusammen mit den Bibliotheken, die seine Bücher und Reden sowie die von anderen Heiligen enthielten, aus denen hervorgeht, worin durch die Gnade Gottes sein Verdienst und seine Größe in der Kirche bestand, und in denen die Gläubigen ihn immer lebendig vorfinden“ (Possidius, Vita, 31,8). Es ist dies ein Urteil, dem wir uns anschließen können: in seinen Schriften „finden“ auch wir ihn „lebendig“ vor. Wenn ich die Schriften des hl. Augustinus lese, so habe ich nicht den Eindruck, dass es sich um einen Mann handelt, der vor mehr oder weniger 1600 Jahren gestorben ist, sondern ich empfinde ihn, als wäre er ein Mensch von heute: ein Freund, ein Zeitgenosse, der zu mir spricht, der mit seinem frischen und aktuellen Glauben zu uns spricht. Im hl. Augustinus, der in seinen Schriften zu uns spricht, der zu mir spricht, sehen wir die stete Aktualität seines Glaubens; des Glaubens, der von Christus kommt, dem ewigen Fleisch gewordenen Wort, Gottessohn und Menschensohn. Und wir können sehen, dass dieser Glaube nicht gestrig ist, auch wenn er gestern verkündet worden ist; er ist immer von heute, weil Christus wirklich gestern, heute und in Ewigkeit ist. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. So ermutigt uns der hl. Augustinus dazu, uns diesem immer lebendigen Christus anzuvertrauen und so den Weg des Lebens zu finden.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Letzte Woche haben wir begonnen, über den heiligen Augustinus zu sprechen. Heute möchte ich kurz seine letzten Lebensjahre behandeln. Im Jahr 426, vier Jahre vor seinem Tode, bestimmte er in einer Versammlung der Gläubigen seinen Nachfolger, den Priester Eraclius. Er selbst wollte sich in den ihm verbleibenden Jahren vermehrt dem Studium der Heiligen Schrift widmen. So folgten in der Tat vier Jahre einer außergewöhnlichen intellektuellen Tätigkeit, die die Vollendung wie Inangriffnahme bedeutender Werke sah, ebenso öffentliche Diskussionen mit Häretikern und Bemühungen um die Förderung des Friedens in den afrikanischen Provinzen. Die Hoffnung auf Frieden wurde jedoch enttäuscht, als die Vandalen von der Straße von Gibraltar her Nordafrika zu erobern begannen und schließlich im Jahr 430 die Stadt Hippo belagerten. Trotz seines Alters war Augustinus an vorderster Front tätig und bestärkte die Leid geplagte Bevölkerung im Vertrauen auf den geheimnisvollen Plan der göttlichen Vorsehung. Er erinnerte daran, dass der Christ angesichts des Unheils nicht verzagen darf, sondern sich bemühen muss, der Not Abhilfe zu leisten. Hippo war Zufluchtsort vieler schutzsuchender Menschen, und Augustinus hatte die Bischöfe, die vor den Barbaren fliehen mussten, in sein Haus aufgenommen. Unter ihnen war auch Possidius, sein späterer Biograph, der uns ein direktes Zeugnis dieser letzten dramatischen Tage hinterlassen hat. Im dritten Monat der Belagerung Hippos erkrankte Augustinus schwer. Im Bewusstsein, dass niemand „ohne eine angemessene und zutreffende Buße aus dem Leben scheiden kann", verbrachte er seine letzten Lebenstage in intensivem Gebet und ließ sich dazu die Bußpsalmen Davids an die Wand vor seinem Bett heften. Am 28. August 430 schließlich fand das Herz dieses großen Bischofs und Kirchenlehrers seine Ruhe in Gott.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]


Gerne grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache. Sein Einsatz bis zum Lebensende und sein Sterben führen uns nochmals die Größe des heiligen Augustinus vor Augen. Sein Beispiel und seine Lehre, stets lebendig in seinen Schriften, sind Licht und Stärkung auch für uns heute. Wie er wollen wir im Vertrauen auf Gottes helfende Gnade unseren Weg gehen. Der Herr segne und geleite euch alle.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Orginals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]