Zweite Predigt von P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. zur Fastenzeit 2007 im Vatikan

„Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben“

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ROM, 16. März 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die zweite Predigt zur Fastenzeit 2007, die P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. am Freitagvormittag vor Papst Benedikt XVI. und dessen Mitarbeitern in der Römischen Kurie gehalten hat.



Der Prediger des Päpstlichen Hauses widmete die Meditation dem Wort Jesu: „Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben“ (Mt 5,5).

Der Kapuzinerpater hob hervor, dass der größte Beweis für die Sanftmut Christi in seiner Passion zu finden sei. „Jesus aber hat bedeutend mehr getan, als ein Beispiel an Sanftmut und heldenhafter Geduld zu geben; er hat Sanftmut und Gewaltlosigkeit zum Zeichen wahrer Größe gemacht.“

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1. Wer sind die Sanftmütigen?

Die Seligpreisung, über die wir heute nachdenken wollen, bietet sich dafür an, eine wichtige Beobachtung zu machen. Sie lautet: „Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben“ (Mt 5,5). An einer anderen Stelle desselben Evangeliums nach Matthäus ruft Jesus aus: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29). Daraus leiten wir ab, dass die Seligpreisungen nicht nur ein schönes ethisches Programm sind, das der Meister sozusagen auf dem Schreibtisch für seine Nachfolger entworfen hat, sondern dass sie ein Selbstbildnis Jesu darstellen! Er ist der wahrhaft Arme und der, der ein reines Herz hat; er ist der Verfolgte um der Gerechtigkeit willen.

Darin besteht die Begrenztheit eines Gandhi in seiner Weise, sich mit der Bergpredigt auseinanderzusetzen, die er so sehr bewunderte. Nach ihm könnte man auch gänzlich von der historischen Person Christi absehen. „Es wäre mir ganz gleichgültig“ – so sagt er einmal –, „wenn jemand beweisen würde, dass der Mensch Jesus in Wirklichkeit nie gelebt hat und dass das, was in den Evangelien zu lesen ist, nichts anderes als die Frucht der Vorstellungskraft des Autors ist. Denn die Bergpredigt würde in meinen Augen dennoch immer wahr bleiben“. (1)

Es ist im Gegenteil gerade die Person und das Leben Christi, die aus den Seligpreisungen und der ganzen Bergpredigt etwas mehr machen als eine wunderbare ethische Utopie; sie machen aus ihnen eine geschichtliche Wirklichkeit, aus der der Kraft schöpfen kann für die mystische Einheit, die ihn mit der Person des Heilands verbindet. Die Seligpreisungen gehören nicht nur zur Ordnung der Pflichten, sondern auch zur Ordnung der Gnade.

Um zu erkennen, wer die von Jesus selig gepriesenen Sanftmütigen sind, ist es nützlich, kurz die verschiedenen Begriffe durchzugehen, mit denen das Wort „sanftmütig“ („praesis“) in den modernen Übersetzungen wiedergegeben wird.

Im Italienischen gibt es zwei Worte: sanftmütig („mite“) und zahm („mansueto“). Letzteres Wort wird auch in den spanischen Übersetzungen verwendet: „los mansos“, die Zahmen. Auf Französisch wird das Wort mit „doux“ übersetzt, wörtlich „süß“, also diejenigen, die die Tugend der Süße besitzen (Im Französischen gibt es keinen spezifischen Ausdruck für „Sanftmut“; im „Dictionnaire de spiritualità“ wird diese Tugend unter dem Begriff „douceur“ behandelt). Im Deutschen wechseln sich verschiedene Übersetzungen ab. Luther übersetzte den Begriff mit „die Sanftmütigen“; in der ökumenischen Übersetzung der Bibel, der Einheitsübersetzung, sind die Sanftmütigen diejenigen, „die keine Gewalt anwenden“; einige Autoren betonen die objektive und soziologische Dimension und übersetzen „praeis“ mit „die Machtlosen“. Das Englische gibt im Allgemeinen „praeis“ mit „the gentle“ wieder und führt damit in die Seligpreisung die Nuance der Freundlichkeit und Höflichkeit ein.

Eine jede dieser Übersetzungen hebt eine wahre, aber partielle Komponente der Seligpreisung hervor. Sie müssen aber zusammengehalten und dürfen nicht voneinander isoliert gesehen werden, um eine Idee vom ursprünglichen Reichtum des evangelischen Begriffs zu haben. Zwei in der Bibel und in der christlichen Parenese ständig vorkommende Assoziationen helfen, den „vollen Sinn“ von Sanftmut zu erfassen: Die eine besteht darin, dass Sanftmut und Demut nebeneinander stehen, die andere darin, dass Sanftmut und Geduld zusammengehören; die eine hebt die innere Bereitschaft hervor, aus der die Sanftmut entspringt, die andere die Haltungen gegenüber den Nächsten, zu denen sie Anlass gibt: Umgänglichkeit, Süße, Freundlichkeit. Es sind dies dieselben Züge, die der Apostel hervorhebt, wenn er von der Liebe spricht: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, lässt sich nicht zum Zorn reizen…“ (1 Kor 13,4-5).

2. Jesus, der Sanftmütige

Wenn die Seligpreisungen das Selbstbildnis Christi sind, so muss in einem Kommentar, der sie zum Thema hat, zuallererst darauf eingegangen werden, wie er sie gelebt hat. Die Evangelien sind vom Anfang bis zum Ende der Beweis für die Sanftmut Christi, für die Sanftmut in ihrem zweifachen Aspekt der Demut und der Geduld. Er selbst – wir haben daran erinnert – stellt sich als Vorbild der Sanftmut dar. Auf ihn wendet Matthäus die Worte des Dieners Gottes Jesajas an: „Er wird nicht zanken und nicht schreien, und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen“ (Mt 12, 19-20). Sein Einzug in Jerusalem auf einem Esel ist als Beispiel eines „sanftmütigen“ Königs zu sehen, dem jede Vorstellung von Gewalt und Krieg fremd ist (vgl. Mt 21,4).

Den größten Beweis für die Sanftmut Christi finden wir in seiner Passion – keine Spur von Zorn, keine Drohung: „Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht“ (1 Petr 2,23). Dieser Charakterzug der Person Christi hatte sich in die Erinnerung seiner Jünger derart eingeprägt, dass der heilige Paulus den Korinthern, als er sie um etwas Liebes und Heiliges willen beschwört, Folgendes schreibt: „Ich ermahne euch angesichts der Freundlichkeit („prautes“) und Güte („epieikeia“) Christi“ (2 Kor 10,1).

Jesus aber hat bedeutend mehr getan, als ein Beispiel an Sanftmut und heldenhafter Geduld zu geben; er hat Sanftmut und Gewaltlosigkeit zum Zeichen wahrer Größe gemacht. Diese wird nicht mehr darin bestehen, sich einsam über die anderen, über die Masse zu erheben, sondern darin, sich herabzubeugen, um zu dienen und die anderen zu erheben. Auf dem Kreuz, so sagt Augustinus, offenbare Jesus, dass der wahre Sieg nicht darin bestehe, Opfer hervorzubringen, sondern sich selbst zum Opfer zu machen: „Victor quia victima“. (2)

Nietzsche widersetzte sich, wie wir wissen, dieser Sicht und bezeichnete sie als „Sklavenmoral“, die durch das natürliche „Ressentiment“ der Schwachen gegenüber den Starken suggeriert werde. Demut und Sanftmut zu predigen, sich klein zu machen, die andere Wange hinzuhalten – damit habe das Christentum laut Nietzsche eine Art Krebsgeschwür in die Menschheit eingeführt, das ihren Schwung ausgelöscht und das Leben gedemütigt habe… Die Schwester des Philosophen fasste in der Einleitung zu „Also sprach Zarathustra“ das Denken ihres Bruders mit diesen Worten zusammen: „Er nimmt an, daß das aus dem Ressentiment der Schlechtweggekommenen und Schwachen entstandene Christenthum Alles, was schön, stark, stolz und mächtig war, also die aus der Kraft stammenden Eigenschaften, in Acht und Bann gethan hat, und daß dadurch alles Lebensfördende, Lebenerhöhende sehr herabgemindert worden ist. Jetzt aber soll eine neue Tafel der Werthe über der Menschheit aufgehängt werden, nämlich der starke, mächtige, prachtvolle, lebenüberströmende Mensch bis zu seiner höchsten Spitze, dem Übermenschen, der uns nun mit hinreißender Leidenschaft als Ziel unseres Lebens, unseres Willens und unserer Hoffnung vorgestellt wird“. (3)

Seit einiger Zeit kann man sehen, wie versucht wird, Nietzsche von jeder Anklage freizusprechen, ihn zu zähmen und sogar zu christianisieren. Man sagt, dass er im Grunde nicht gegen Christus sei, sondern gegen die Christen, die in bestimmten Epochen einen Verzicht gepredigt hätten, der zum Selbstzweck geworden sei, und die darüber das Leben verachtet und gegen den Leib gewütet hätten… Alle hätten das wahre Denken des Philosophen verfälscht, angefangen mit Hitler… In Wirklichkeit sei er ein Prophet der neuen Zeiten gewesen, der Vorläufer der postmodernen Ära.

Man kann sagen, dass nur eine Stimme übrig geblieben ist, die sich dieser Tendenz widersetzt: jene des französischen Denkers René Girard. All diese Versuche, so sagt er, tun vor allem Nietzsche unrecht. Mit einem für seine Zeit wahrhaftig einzigartigen Scharfsinn hat er den wahren Kern des Problems erfasst, die nicht reduzierbare Alternative zwischen Heidentum und Christentum.

Das Heidentum preist das Opfer des Schwachen zugunsten der Starken und des Fortschritts des Lebens; das Christentum preist das Opfer des Starken zugunsten des Schwachen. Es ist schwierig, zwischen dem Projekt Nietzsches und dem Programm Hitlers zur Eliminierung ganzer Gruppen von Menschen im Namen des Fortschritts der Zivilisation und der Reinheit der Rasse keine Verbindung zu erkennen.

Nicht nur das Christentum ist also die Zielscheibe des Philosophen, sondern auch Christus. „Dionysos gegen den Gekreuzigten: Das ist die Antithese“, ruft er in einem seiner posthumen Fragmente aus. (4)

Girard zeigt, dass das, was den großen Ruhm der modernen Gesellschaft bildet – sich um die Opfer zu sorgen, sich auf die Seite der Schwachen und Unterdrückten zu schlagen, das bedrohte Leben zu verteidigen –, in Wirklichkeit ein direktes Produkt der Revolution des Evangeliums ist, das jedoch jetzt, aufgrund eines paradoxen Spiels sich tarnender Rivalität, von anderen Bewegungen als eigene Errungenschaft reklamiert und sogar als Gegensatz zum Christentum dargestellt werde. (5)

Das letzte Mal sprach ich davon, dass die Seligpreisungen auch eine gesellschaftliche Bedeutung haben. Die Seligpreisung der Sanftmütigen ist dafür vielleicht das klarste Beispiel; das aber, was man von ihr sagt, gilt für alle Seligpreisungen: Sie sind das Manifest der neuen Größe, der Weg Christi zur Selbstverwirklichung, zum Glück.

Es ist nicht wahr, dass das Evangelium die Sehnsucht erstickt, große Taten zu vollbringen und die erste Stelle einzunehmen. Jesus sagt: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35). Es ist also erlaubt, ja mehr noch, es wird ausdrücklich dazu geraten, der erste sein zu wollen. Nur hat sich der Weg geändert, um dorthin zu gelangen: nicht sich über die anderen zu erheben und sie dabei vielleicht zu erdrücken, wenn sie ein Hindernis sind, sondern sich herabzubeugen, um die anderen zusammen mit sich zu erheben – das ist der Weg.

3. Sanftmut und Toleranz

Die Seligpreisung der Sanftmütigen hat in den Debatten über Religion und Gewalt, die in der Folge von Ereignissen wie dem 11. September entbrannt sind, eine außerordentliche Bedeutung erlangt. Sie erinnert vor allem uns Christen daran, dass das Evangelium dem Zweifel keinen Raum lässt: In ihm gibt es keine Ermahnungen zur Gewaltlosigkeit, die mit gegenteiligen Ermahnungen vermischt wären. Es mag sein, dass die Christen in gewissen Epochen der Vergangenheit diesbezüglich ausgerastet sind; die Quelle aber ist klar, und zu ihr kann die Kirche zurückkehren, um sich in jeder Epoche neu zu inspirieren, in der Gewissheit, dass in ihr nichts anderes zu finden ist als moralische Vollkommenheit.

Das Evangelium sagt: „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,16). Aber er wird im Himmel verdammt werden, nicht auf Erden – von Gott, nicht von den Menschen. „Wenn man euch in der einen Stadt verfolgt“, so sagt Jesus, „so flieht in eine andere“ (Mt 10,23). Er sagt nicht: „Brennt sie nieder.“ Einmal sagten zwei seiner Jünger, Jakobus und Johannes, die in einem bestimmten Dorf der Samariter nicht aufgenommen worden waren, zu Jesus: „Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?“ Jesus, so steht geschrieben, wandte sich „um und wies sie zurecht“. Viele Handschriften überliefern auch den Ton der Zurechtweisung: „Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Der Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten“ (vgl. Lk 9,53-55).

Das berühmte „compelle intrare“ – „zwingt sie dazu, einzutreten“ –, mit dem der heilige Augustinus, wenn auch schweren Herzens (6), seine Billigung der kaiserlichen Gesetze gegen die Donatisten rechtfertigt (7) und das später dazu dienen sollte, die Ausübung von Zwang gegenüber den Häretikern zu rechtfertigen, ist einer offensichtlichen Fehlinterpretation des Evangeliums zu verdanken, Frucht einer mechanisch wortwörtlichen Lesart der Bibel.

Der Satz wird von Jesus einem Mann in den Mund gelegt, der ein großes Gastmahl vorbereitet hatte und – angesichts der Weigerung der Geladenen zu kommen – den Knechten sagt, auf die Straße und vor die Tor der Stadt zu gehen, um „die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen dazu zu zwingen einzutreten“ (vgl. Lk 14, 15-24). Es ist klar, dass „zwingen“ im diesem Zusammenhang nichts anderes bedeutet als liebeswürdig darauf zu bestehen. Die Armen und die Krüppel wie auch alle übrigen Unglücklichen könnten sich in Verlegenheit fühlen, sich in so schlechtem Aufzug im Palast präsentieren zu müssen: Besiegt ihren Widerstand, empfiehlt der Herr. Sagt ihnen, dass sie ohne Angst eintreten können. Wie oft haben wir selbst unter ähnlichen Umständen gesagt: „Sie haben mich gezwungen zu akzeptieren“, obwohl wir sehr wohl wussten, dass das Drängen in diesen Fällen ein Zeichen von Wohlwollen war, nicht von Gewalt.

In einem Buch über Jesus, das in der letzten Zeit in Italien so viel Aufsehen erregt hat, wird Jesus folgender Satz zugeschrieben: „Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde – bringt sie her und macht sie vor meinen Augen nieder!“ (Lk 19,27). Daraus wird dann abgeleitet, dass „sich die Verfechter des ‚Heiligen Kriegs‘ auf derartige Sätze beziehen“. (8) Zunächst ist zu präzisieren, dass Lukas derartige Worte nicht Jesus zuschreibt, sondern dem König des Gleichnisses. Und es ist bekannt, dass man die Details der gleichnishaften Erzählung nicht einfach vom Gleichnis in die Wirklichkeit übertragen darf; sie müssen auf jeden Fall von der materiellen Ebene auf die geistliche Ebene übertragen werden. Der metaphorische Sinn jener Worte besteht darin, dass die Annahme oder Ablehnung Jesu nicht ohne Folgen ist. Es handelt sich dabei um eine Frage von Leben und Tod, aber es geht um das geistliche, nicht um das physische Leben; um den geistlichen und nicht um den physischen Tod. Das alles hat überhaupt nichts mit dem Heiligen Krieg zu tun!

4. Voller Sanftmut und Achtung

Lassen wir aber nun diese Überlegungen apologetischer Natur beiseite und versuchen wir zu sehen, wie die Seligpreisung der Sanftmütigen zu einem Licht für unser christliches Leben werden kann. Es gibt eine pastorale Anwendung der Seligpreisung der Sanftmütigen, die schon im ersten Brief des Petrus ihren Anfang nimmt. Sie betrifft den Dialog mit der Außenwelt: „Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden („prautes“) und ehrfürchtig“ (1 Petr 3,15-16).

Seit dem Altertum gab es zwei Arten der Apologetik: die eine hat ihr Vorbild in Tertullian, die andere in Justinus. Die eine zielt darauf ab zu siegen, die andere zu überzeugen. Justinus schreibt einen „Dialog mit dem Juden Tryphon“, Tertullian (oder einer seiner Schüler) verfasst einen Traktat „Gegen die Judäer“ – „Adversus Iudeos“. Beide Stile fanden in der christlichen Literatur Nachfolger (Unser Giovanni Papini stand sicherlich dem Tertullian näher als dem Justinus), aber sicher ist heute der erste vorzuziehen. Die Enzyklika Deus caritas est des jetzigen Papstes ist ein leuchtendes Beispiel für diese respektvolle und konstruktive Vorstellung jener christlichen Werte, die voller „Sanftmut und Achtung“ dem Rede und Antwort stehen, der nach der christlichen Hoffnung fragt.

Hinsichtlich der Außenwelt empfahl der heilige Märtyrer Ignatius von Antiochien den Christen seiner Zeit diese immer aktuelle Haltung: „Gegen die Ausbrüche ihres Zornes seid sanftmütig, gegen ihre prahlerischen Reden bescheiden“ (9).

Die mit der Seligpreisung der Sanftmütigen verbundene Verheißung – „Sie werden das Land erben“ – verwirklicht sich bis zum endgültigen verheißenen Land, das das Ewige Leben ist, auf verschiedenen Ebenen. mit Sicherheit ist aber eine dieser Ebenen die menschliche: Die Erde, das sind die Herzen der Menschen. Die Sanftmütigen erringen das Vertrauen, sie ziehen die Seelen an. Der Heilige schlechthin der Sanftmütigkeit und des Zartgefühls, der heilige Franz von Sales, pflegte zu sagen: „Seid so liebevoll wie ihr könnt und erinnert euch daran, dass man mit einem Tropfen Honig mehr Fliegen fängt als mit einer Tonne Essig.“

5. Lernt von mir

Wie lange könnte man noch bei diesen pastoralen Anwendungen der Seligpreisung der Sanftmütigen verweilen! Gehen wir nun aber zu einer persönlicheren Anwendung über. Jesus sagt: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,39). Als ihm aber einer der Schergen während des Prozesses vor dem Hohen Rat auf die Wange schlug, steht nicht geschrieben, dass er auch die andere hinhielt; vielmehr antwortete er ruhig: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,23).

Das bedeutet, dass nicht alles in der Bergrede auf mechanische Weise wortwörtlich zu nehmen ist. Wie es seinem Stil entspricht, bedient sich Jesus Hyperbeln und einer reichen Bildersprache, um den Jüngern eine gewisse Idee besser einzuprägen. Im Fall des Hinhaltens der anderen Wange zum Beispiel ist das Wichtige nicht die Geste des Hinhaltens der anderen Wange (was manchmal provokatorisch erscheinen kann), sondern: auf Gewalt nicht mit weiterer Gewalt zu antworten; Zorn mit Ruhe zu besiegen.

In diesem Sinn ist die Antwort Jesu auf den Schergen ein Beispiel von göttlicher Sanftmut. Um die Tragweite dieser Geste zu ermessen, genügt es, sie mit der Reaktion seines Apostels Paulus (der ja auch ein Heiliger ist!) in einer analogen Situation zu vergleichen. Als der Hohepriester Hananias während des Prozesses vor dem Hohen Rat befiehlt, den Paulus auf den Mund zu schlagen, antwortet dieser: „Dich wird Gott schlagen, du übertünchte Wand!“ (Apg 23,2-3).

Ein anderer Zweifel ist zu klären. In der Bergrede sagt Jesus: „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein“ (Mt 5,22). Mehrere Male wendet er sich im Evangelium an die Schriftgelehrten und Pharisäer, indem er sie „Heuchler, Narren und Blinde“ (vgl. Mt 23,17) nennt; er tadelt die Jünger und nennt sie „Narren“ auch „schwerfällig“ (vgl. Lk, 24, 25).

Auch hierfür gibt es eine einfache Erklärung. Man muss zwischen Schmähung und Korrektur unterscheiden. Jesus verurteilt die Worte aus dem Zorn heraus, die darauf abzielen, den Bruder zu beleidigen, nicht aber jene, die darauf abzielen, sich des eigenen Fehlers bewusst zu werden und ihn zu korrigieren. Ein Vater, der zum Sohn sagt: „Du bist undiszipliniert, ungehorsam“, beabsichtigt nicht, ihn zu beleidigen, sondern er will ihn korrigieren. Die Heilige Schrift nennt Moses „einen sehr demütigen Mann“ und bezeichnet ihn als „demütiger als alle Menschen auf der Erde“ (Num 12,3), und dennoch hören wir ihn, als er sich an das Volk Israel wendet, ausrufen: „Ist das euer Dank an den Herrn, du dummes, verblendetes Volk?“ (Dt 32,6).

Das, was entscheidend ist, ist dies: Kommen die Worte aus Liebe oder aus Hass? „Liebe, und tu, was du willst“, sagte der heilige Augustinus. Sei es, dass du verbesserst, sei es, dass du es laufen lässt: Wenn du liebst, wird es Liebe sein. Die Liebe fügt dem Nächsten nichts Böses zu; aus der Wurzel der Liebe können wie aus einem guten Baum nur gute Früchte erwachsen. (10)

6. Sanftmütig im Herzen

So sind wir auf dem eigentlichen Terrain der Seligpreisung der Sanftmütigen angelangt: dem Herzen. Jesus sagt: „Lernt von mir, der ich sanftmütig und im Herzen demütig bin“. Die wahre Sanftmut entscheidet sich hier! Aus dem Herzen, so sagt er, kommen Mord, Bosheit, Verleumdung (vgl. Mk 7,21-22), so wie aus dem inneren eines kochenden Vulkans Lava, Asche und glühende Lavabrocken ausgespieen werden. Die größten Gewaltausbrüche wie Kriege und Konflikte rühren, wie der heilige Jakobus erklärt, „vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern“ her (vgl. Jak 4,1-2). So wie es im Herzen einen Ehebruch gibt, so gibt es im Herzen auch einen Mord: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder“, schreibt Johannes (1 Joh 3,15).

Es gibt nicht nur die tätige Gewalt, sondern auch eine gedankliche Gewalt. Wenn wir darauf achten, so können wir bemerken, dass sich in unserem Innern fast ständig „Abläufe hinter verschlossener Tür“ vollziehen. Ein namenloser Mönch schrieb dazu sehr eindringliche Worte. Es spricht ein Mönch, das aber, was er sagt, gilt nicht nur für die Klöster; er bezieht sich auf das Beispiel der Untertanen, aber es ist offensichtlich, dass sich das Problem auch für die Oberen stellt, in anderer Form.

„Beobachte auch nur für einen Tag den Verlauf deiner Gedanken: Es werden dich die Häufigkeit und die Lebhaftigkeit deiner inneren Kritiken mit vorgestellten Gesprächspartnern überraschen, wenigstens mit jenen, die dir nahe stehen. Was ist im Allgemeinen ihr Ursprung? Dieser: die Unzufriedenheit aufgrund der Oberen, die uns kein Wohlwollen entgegenbringen, die uns nicht schätzen und uns nicht verstehen. Sie sind streng, ungerecht oder zu kleinlich mit uns und anderen ‚Unterdrückten‘. Wir sind unzufrieden mit unseren Brüdern, die ‚verständnislos, starrköpfig, oberflächlich, verwirrt oder beleidigend‘ sind… So baut sich in unserem Geist ein Gerichtshof auf, in dem wir Staatsanwalt, Präsident, Richter und Geschworener sind – selten Anwalt, es sei denn zu unseren Gunsten. Die Unrechte werden vorgeführt, die Rechte abgewogen; man verteidigt und rechtfertigt sich; der Abwesende wird verurteilt. Vielleicht werden Pläne der Vergeltung oder der Rache ausgearbeitet…“ (11)

Da sie nicht gegen äußere Feinde kämpfen mussten, haben die Wüstenväter aus dieser inneren Schlacht gegen die Gedanken (die berühmten „logismoi“) die Prüfbank für jeden geistlichen Fortschritt gemacht. Sie haben auch eine Kampfmethode entwickelt. Unser Geist, so sagten sie, besitzt die Fähigkeit, den Gang eines Gedanken zu durchlaufen und von Anfang an zu erkennen, worauf er hinaus will: auf die Entschuldigung des Bruders oder auf seine Verurteilung, auf den eigenen Ruhm oder auf den Ruhm Gottes. „Aufgabe des Mönches ist es“, sagt ein Ältester, „seine Gedanken aus der Ferne ankommen zu sehen“ (12) – natürlich um ihnen den Weg zu versperren, wenn sie nicht der Liebe entsprechen. Die einfachste Weise, das zu tun, besteht in einem kurzen Gebet, oder darin, an die Person, die zu verurteilen wir versucht sind, ein Segenswort zu richten. Nachher, wenn man wieder heiteren Sinns ist, wird man beurteilen können, ob und wie ihm gegenüber zu handeln ist.

7. Sich mit der Sanftmut Christi bekleiden

Eine Beobachtung vor dem Abschluss. Die Seligpreisungen sind ihrem Wesen nach darauf ausgerichtet, umgesetzt zu werden. Sie rufen zur Nachahmung auf, sie betonen das Werk des Menschen. Es besteht das Risiko, dass man entmutigt wird, wenn man die eigene Unfähigkeit feststellt, sie im eigenen Leben zu verwirklichen, und die abgrundtiefe Distanz, die zwischen Ideal und Praxis besteht.

Es muss darauf verwiesen werden, was am Anfang gesagt wurde: Die Seligpreisungen sind das Selbstbildnis Jesu. Er hat sie alle im höchsten Grad gelebt; aber – und das ist die gute Nachricht – er hat sie nicht nur für sich gelebt, sondern auch für uns alle. Angesichts der Seligpreisungen sind wir nicht nur zur Nachahmung aufgerufen, sondern auch dazu, sie uns zu Eigen zu machen. Im Glauben können wir aus der Sanftmut Christi schöpfen, wie aus seiner Reinheit des Herzens und aus einer jeden anderen seiner Tugenden. Wir dürfen beten, um Sanftmut zu erlangen, wie Augustinus betete, um keusch zu sein: „Mein Gott, du gebietest mir, sanftmütig zu sein; gib mir das, was du mir gebietest, und gebiete mir, was du willst“ (13).

„Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde („prautes“), Geduld!“ (Kol 3,12), schreibt der Apostel an die Kolosser. Milde und Sanftmut sind wie ein Gewand, das Christus für uns erworben hat und das wir im Glauben anziehen dürfen – nicht um von ihrer Umsetzung im täglichen Leben dispensiert zu sein, sondern um dazu ermuntert zu werden. Die Sanftmut („prautes“) wird von Paulus zu den Früchten des Geistes gezählt (Gal 5,23), das heißt zu den Eigenschaften, die vom Gläubigen im eigenen Leben bezeugt werden, wenn er den Geist Christi annimmt und sich bemüht, ihm zu entsprechen.

Wir können somit schließen, indem wir zusammen vertrauensvoll die schöne Anrufung aus der Litanei des Heiligsten Herzens wiederholen: „Jesus, sanft und demütig von Herzen – bilde unser Herz nach deinem Herzen – Jesu, mitis et humilis corde: fac cor nostrum secundum cor tutum.“

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(1) Gandhi, Buddismo, Cristianesimo, Islamismo, Roma, Tascabili Newton Compton, 1993, p. 53.
(2) Augustinus, Confessiones, X, 43.
(3) Einführung in Also sprach Zarathustra (hg. 1919).
(4) F. Nietzsche, Opere complete, VIII, Frammenti postumi 1888-1889, Adelphi, Mailand 1974, S. 56 (Nachlass Fragmente).
(5) R. Girard, Vedo Satana cadere come folgore, Milano, Adelphi, 2001, pp. 211-236.
(6) Augustinus, Epistola 93, 5: „Zuerst war ich der Ansicht, dass keiner mit Gewalt zur Einheit Christi geführt werden solle, sondern dass man nur mit dem Wort handeln, mit der Diskussion kämpfen und mit der Vernunft überzeugen solle“
(7) Vgl. Augustinus Epistulae 173, 10; 208, 7.
(8) Corrado Augias – Mauro Pesce, Inchiesta su Gesù. Mondadori, Mailand 2006, S.52.
(9) Ignatius von Antiochien, An die Epheser, 10,2-3.
(10) Augustinus, Kommentar zum Ersten Johannesbrief 7,8 (PL 35, 2023)
(11) Un monaco, Le porte del silenzio, Ancora, Mailand 1986, S. 17 (Original: Les porte du silence, Libraire Claude Martigny, Genève).
(12) Detti e fatti dei Padri del deserto, hg. von C. Campo und P. Draghi, Rusconi, Mailand 1979, S. 66.
(13) Vgl. Augustinus, Confessiones, X, 29.

[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]