Zwiespältigkeit und Sieg

Impuls zum Palmsonntag

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 1. April 2012 (ZENIT org). - In der Liturgie des Palmsonntags zeigt sich die Besonderheit der Situation Jesu Christi und zugleich die Besonderheit unserer Situation.

Eben erst hat Jesus gesagt: „Jetzt wird der Menschensohn erhöht“, und kurz darauf stellt sich heraus, dass diese „Erhöhung“ in Wirklichkeit seine tiefste Erniedrigung ist. Das Kreuz, an das er geheftet wird, wird aufgerichtet, aber in den Augen der Menschen ist das alles andere als eine Verherrlichung. Und dennoch setzt seine endgültige Erhöhung, die wir liturgisch an Ostern feiern, diese Erniedrigung voraus. Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, erst dann bringt es reiche Frucht.

So ist die Liturgie dieses Sonntags vor Ostern gewissermaßen zwiespältig. Zunächst wird gezeigt, wie die Leute in Jerusalem Jesus einen triumphalen Einzug in ihre Stadt bereiten. Eine große Begeisterung bemächtigt sich aller, sie pflücken Zweige von den Bäumen, um damit zu winken, sie breiten ihre Kleider auf dem Boden aus, damit das Lasttier, auf dem Jesus reitet, angenehm ausschreiten kann. „Hosanna dem Sohne Davids!“ so rufen sie. Aber der Szene, so triumphal und heiter sie äußerlich ist, so haftet ihr doch etwas Unwirkliches an. Alle wissen, dass dieser Jesus bei den Schriftgelehrten und Pharisäern auf der Abschussliste steht, seine Freunde, die späteren großartigen Apostel, machen einen verunsicherten Eindruck, der ganze festliche Zug ist improvisiert: Jesus zieht nicht auf einem stattlichen Pferd, sondern nur auf einer jungen Eselin in die Stadt ein. Dennoch lassen sich alle von der Begeisterung mitreißen.

Nachdem dies in der Perikope des Palmsonntags geschildert wird, kommt anschließend die Leidensgeschichte des Herrn zur Verlesung. Die Reihenfolge wird also eingehalten. Auch in jenem historischen Moment in Jerusalem folgt auf den festlichen Jubel  wenige Tage später das „Kreuzige ihn!“ Gewiss sind es nicht unbedingt dieselben Menschen, die solchen Stimmungsschwankungen nachgeben. Aber manch einer, der sich am Karfreitag von den Hohenpriestern manipulieren lässt und Jesu Tod fordert, hat ein paar Tage davor ihm zugejubelt.

Wenn wir ehrlich sind, werden wir zugeben, dass dies in mehr oder weniger deutlicher Form auch manchmal unsere eigene Verfasstheit ist. Wir glauben an Christus und bemühen uns, dann aber lassen wir uns vom so genannten Zeitgeist wieder beeinflussen und verraten ihn.

Wenn wir in diesen Tagen das Geschehen auf uns wirken lassen, auch im Gottesdienst und beim gebeteten und betrachteten Kreuzweg den Herrn zu begleiten versuchen, werden wir immer wieder feststellen, wie sehr wir dessen bedürfen, was wir Erlösung nennen. Unser guter Wille allein genügt nicht. Die Schwachheit, zu der wir immer wieder geneigt sind, braucht Unterstützung durch die Kraft Christi. Und Christus selbst zieht diese Kraft geheinnisvollerweise ausgerechnet aus seinem Schwachwerden im Leiden.

Paradox des Christentums: Jesus wird erhöht und siegt, aber nicht durch den triumphalen Einzug in Jerusalem, sondern durch die erniedrigende „Erhöhung“ am Kreuz. Aber es ist wirklich sein Sieg, ja ein überwältigender Sieg, denn dann und nur am Kreuz wird er „alles an sich ziehen“.

Nachfolge Christi. Wenn wir sie ernst nehmen, und Christus aus der Nähe folgen, dann wird sich auch unsere Situation von der immer wieder vorkommenden Zwiespältigkeit in einen Sieg verwandeln.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.