Zwischen uralten Bräuchen und Fernsehkultur: Die Päpste und ihre Zeremonienmeister im Spannungsfeld des liturgischen Wandels

Von Ulrich Nersinger

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WÜRZBURG, 18. Dezember 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Eine päpstliche Reitkleidung brachte zu Beginn des 16. Jahrhunderts Paride de Grassis, den sonst so souveränen Zeremonienmeister des Papstes, aus der Fassung. Es sei dem Prälaten zum Haare raufen gewesen, beschrieb ein Chronist die Erregung des Zeremonienmeisters. „Der Heilige Vater verließ Rom, ohne Stola und, was noch schlimmer ist, ohne Rochett, aber was am allerschlimmsten war, mit Stiefeln; dies erschien mir nicht ehrenhaft, weil ein jeder, der seinen Fuß zu küssen beabsichtigte, dies nun nicht mehr vermochte“, klagte De Grassis verzweifelt über den Papst.



Die Episode aus dem Pontifikat Leos X. zeigt: Die Zeremonienmeister hatten es nicht immer leicht mit den Päpsten – und die Päpste nicht mit den Zeremonienmeistern. Es ist die Nähe zueinander, die Spannungen hervorzurufen vermag, eine Nähe, die sich zwar stets physisch, aber nicht immer psychisch definiert. Ohne Zeremoniare scheint ein öffentlicher Auftritt des römischen Pontifex nicht möglich, zumindest dann nicht, wenn er als Liturge handelt. Bei allen gottesdienstlichen Feierlichkeiten begleiten die violett gewandeten Männer den Papst auf Schritt und Tritt. Ein „Entkommen“ ist nicht einmal kampferprobten Nachfolgern des heiligen Petrus möglich. „Ihr hängt an mir wie ein Blutegel“, hatte Julius II. seinem Zeremonienmeister zugeraunt.

Das Amt der Päpstlichen Zeremoniare ist eines der ältesten am Hof des Papstes; ein Breve Pius IV. aus dem Jahre 1563 vermerkt, dass es „ab immemorabili tempore“ (seit unerdenklicher Zeit) existiere. Nach der Konstantinischen Wende hatten die gottesdienstlichen Feiern, denen der Bischof von Rom vorstand, an Bedeutung gewonnen; sie besaßen seitdem Öffentlichkeitscharakter und prägten das Erscheinungsbild der Hauptstadt des Imperiums entscheidend mit. Es war daher nötig geworden, die Liturgien und Zeremonien des Papstes in eine Ordnung zu bringen. Es entstanden die „Ordines Romani“, Anweisungen für die Feiern mit dem Bischof von Rom, die Kleriker aus der Umgebung des Papstes verfasst hatten, und für deren Umsetzung sie dann auch verantwortlich zeichneten. Der erste Ordo stammt aus der Zeit Papst Gregors des Großen (590–604); der fünfzehnte und letzte Ordo wurde um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert von Petrus Aemilius niedergeschrieben.

Jahrhundertealte Riten beeindrucken auch heute

Im 15. Jahrhundert legte Augustinus Patritius, der erste namentlich nachweisbare Päpstliche Zeremoniar, sein „Caeremoniale Romanum“ vor. Es waren dann die ihm nachfolgenden Zeremonienmeister der Päpste – unter ihnen so bedeutsame Männer wie Johannes Burckard und Paride de Grassis – die mit großem Können die Liturgien und Zeremonien am Hof des römischen Pontifex weiter ausbauten, in ihren Tagebüchern detailliert festhielten und so der Nachwelt überlieferten. Riten wie die Öffnung und Schließung der Heiligen Pforte, geschaffen im Pontifikat Alexanders VI. von Johannes Burckard, haben bis zum heutigen Tag nichts von ihrer eindringlichen Symbolik verloren.

Die gottesdienstlichen Feiern mit dem Papst ließen im Lauf der Jahrhunderte unzählige Besucher nach Rom kommen und zogen sie in den Bann ihrer geistig-geistlichen Ausstrahlung. Sogar jene, die durch Reformation und Aufklärung vom katholischen Glauben getrennt waren, planten ihre Aufenthalte in der Ewigen Stadt so, dass sie an bedeutenden päpstlichen Zeremonien teilnehmen konnten. Zu manchen Zeiten begannen die Fremden – unter ihnen Romanciers und Dichter von Weltruf – die Römer bei den Gottesdiensten zu verdrängen. Von hundertneunzig Damen auf einer Tribüne in St. Peter seien zweihundert Engländerinnen gewesen, spottete ein Reiseschriftsteller.

Erst das Zweite Vatikanische Konzil brachte eine einschneidende Zäsur. Bereits zu Beginn der Kirchenversammlung wurde deutlich: Nicht sachliche Auseinandersetzung, sondern Polemik bestimmte die Diskussion um eine Reform der päpstlichen Liturgien. Schon die feierliche Eröffnungszeremonie des Konzils hatte einen Theologen wie Hans Küng „abgestoßen“ und „betroffen“ gemacht. „Auch viele Bischöfe verschiedener Nationen und Kontinente fanden es traurig, dass gerade die Päpstlichen Zeremoniare noch nicht den geringsten Hauch der sich in der ganzen Kirche wahrzunehmenden liturgischen Erneuerungsbewegungen verspürt hatten“, so der Konzilsperitus aus der Schweiz.

Im Februar 1965 bemächtigte sich Annibale Bugnini, der Baumeister der nachkonziliaren Liturgiereform, der Materie. „Das Fernsehen überträgt immer häufiger die päpstlichen Zeremonien. Gewisse mittelalterliche Bräuche, aus Rom hinausgetragen zu den Völkern mit anderen Religionen oder ohne Glauben, geben Veranlassung zu allerlei Deutungen, die obendrein oft nicht positiv sind“, verkündete Bugnini. Es galt daher, die „Abschaffung von uralten Bräuchen“ zu vollziehen, „Artfremdes“ auszumerzen. „Aufwand und Pomp“ hatten zu verschwinden, ebenso die Überladung mit „Kerzenleuchtern, Reliquienbüsten, Mitren und der Tiara“. 1968 erreichte Bugnini für die Präfektur der Päpstlichen Zeremonien die Errichtung einer kommissarischen Verwaltung – zum Kommissar ließ er sich dann selbst ernennen. „Es war eine Arbeit des Ausräumens. Es ging darum, Hand anzulegen an Privilegien, Bräuche, jahrhundertealte Zuständigkeiten von vielen Kreisen und verschiedenen Kategorien von Personen“, brüstete sich Annibale Bugnini in seinen posthum veröffentlichten Memoiren. Die Sprache verrät die Methode.

1970 wurde das „Ufficio per le Ceremonie Pontificie“ (Amt für die Päpstlichen Zeremonien) errichtet und Monsignore Virgilio Noè, ein Mitarbeiter der Sakramenten- und Gottesdienstkongregation, zum Zeremonienmeister ernannt. Bei der Kurienreform des Jahres 1988 erfolgte die Umbenennung des Amtes in „Ufficio delle Celebrazioni Liturgiche del Sommo Pontefice“ (Amt für die liturgischen Zelebrationen des Papstes). An dessen Agenden und Zusammensetzung änderte die Apostolische Konstitution „Pastor Bonus“ jedoch nichts: „Diesem Amt obliegt es, alles, was für die liturgischen und sonstigen gottesdienstlichen Feiern erforderlich ist, die vom Papst oder in dessen Namen vollzogen werden, vorzubereiten und diese gemäß den Vorschriften des geltenden liturgischen Rechts zu leiten. Der Päpstliche Zeremonienmeister wird vom Papst für einen Zeitraum von fünf Jahren ernannt; die Päpstlichen Zeremoniare, die ihm bei den gottesdienstlichen Feiern helfen, werden vom Staatssekretär für denselben Zeitraum ernannt“. Zeremonienmeister und Zeremoniare können jedoch immer wieder aufs neue bestätigt werden, was in der Regel auch geschieht.

Die Amtseinführung Benedikts begeisterte auch Zeffirelli

Nach einem kurzen Intermezzo von Pater John Magee SPS., der im April 1982 die Nachfolge von Monsignore Noè angetreten hatte, wurde im Februar 1987 Piero Marini, der ehemalige Privatsekretär Annibale Bugninis, in das Amt des Päpstlichen Zeremonienmeisters berufen. Piero Marini begann schon früh, die liturgischen Feiern des Papstes in ein neues Konzept zu bringen, getreu den Vorstellungen seines verstorbenen Lehrmeisters. Unübersehbar wurde die Tendenz, die päpstlichen Zeremonien medial zu präsentieren, sie fernsehgerecht zu machen. Wie weit Marini bereit war, hierbei zu gehen, zeigte sich 2003. In einem Interview mit der Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“ stellte er fest: „Die liturgische Regie ist verpflichtet, sich in Einklang mit der des Fernsehens zu bringen“.

Die Liturgien im April des Jahres 2005 – Beisetzung des verstorbenen Pontifex, Sedisvakanz und Amtseinführung des neuen Papstes – standen in dieser neuen Tradition, waren von den Verantwortlichen als Aufführungen angelegt worden, und wurden so auch verstanden. „Ein wahrhafter Monumentalfilm, ein unerreichbares Schauspiel“, begeisterte sich Francesco Zeffirelli über die Amtseinführung des neuen Papstes. Dass diese für die Kirche so wichtigen Zeremonien dennoch nicht zu reinen Events verkamen, war letztendlich dem Zelebrierenden, der Spiritualität eines Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. zu verdanken.

Noch hat die vatikanische Medieneuphorie nicht die Niederungen der britischen Fernsehlandschaft erreicht, in der Gottesdienste auf Vorrat produziert und in Konserven abgefüllt werden. Aus Kostengründen hatte die BBC im November 2006 die Weihnachts- und Ostermesse für ihr erstes Programm im Doppelpack aufgezeichnet. Dazu wurde die Kathedrale der mittelenglischen Stadt Lichfield abwechselnd mit Wintergestecken und Frühlingsblumen geschmückt. Die Lichtverhältnisse in der Domkirche passten Beleuchter der vermeintlichen Jahreszeit an. An die Gottesdienstbesucher war die Aufforderung ergangen, zunächst in schweren Mänteln und dann in leichter Frühlingskleidung zu erscheinen.

In Rom wusste man darum, dass sich die Vorstellung von Liturgie, wie sie Benedikt XVI. zu eigen ist, nicht mit der von Monsignore Marini deckte. Die Schriften von Kardinal Ratzinger geben darüber in aller Klarheit Auskunft: Nimm und lies! Wer aber vermutet oder gehofft hatte, der Papst würde unmittelbar nach seiner Wahl einen Mann seines Vertrauens zum Päpstlichen Zeremonienmeister benennen, wurde eines Besseren belehrt. Im Vatikan gelten eigene Regeln. Dort laufen die Uhren anders. Damit sie wieder korrekt, in Übereinstimmung mit ihrer ursprünglichen Konstruktion gehen, braucht es mehr als eine überhastete Reparatur, mehr als nur ein einziges Rädchen im Getriebe auszutauschen, und befände es sich an noch so exponierter Stelle. Eine Generalüberholung dürfte die Lösung sein, eine Reparatur von Grund auf – durch das Entfernen billiger Versatzstücke, dem Einsetzen hochwertiger neuer Komponenten und auch der Wiederverwendung altbewährter Materialien. Qualitätsarbeit ist gefordert. Schritte dazu hat Benedikt XVI. bereits unternommen.

Die Päpste sind selten Gefangene des Protokolls gewesen. Sie haben sich daher ihren Zeremonienmeistern auch nie zur Gänze überantwortet. Mit den Rubriken der gottesdienstlichen Feiern und den Anweisungen des Zeremoniells zeigten sich die Oberhirten der Kirche durchaus vertraut; vielen von ihnen waren sie in Fleisch und Blut übergegangen. Vor allem wussten sie, notwendige Regeln als dienendes und nicht als beherrschendes Element einzuordnen. Überschritten die Zeremonienmeister die Grenzen zum sinnentleerten Rubrizismus oder zur stilisierten Etikette, reagierten die Päpste. Bisweilen sogar mit ungewohnter Schärfe.

Wenn der Papst Anweisungen seines Mitarbeiters ignoriert

In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschah es bei einer feierlichen Papstmesse in St. Peter, dass der ministrierende Kardinaldiakon Pius XI. falsch inzensierte, worauf der Zeremonienmeister den Purpurträger aufforderte, das ganze Procedere zu wiederholen. Der donnernde Kommentar des Papstes war bis in die äußersten Winkel der Vatikanischen Basilika zu hören: „Non facciamo una comedia“. Frei übersetzt: Wir veranstalten doch hier keine Komödie. Als 1978 Johannes Paul II. nach seiner Wahl erstmals auf der mittleren Loggia des Petersdoms erschien und zu den Gläubigen in sehr bewegenden Worten sprach, konnte man über die Mikrophone deutlich eine Zurechtweisung durch den damaligen Päpstlichen Zeremonienmeister vernehmen. Aus dem Munde von Monsignore Noè kam ein sehr bestimmendes „Basta!“. Der Papst tat, was er für richtig hielt. Er ignorierte es.

Lautstark die Stimme zu erheben oder „beredt“ zu schweigen, sind für den jetzigen Pontifex nicht die bevorzugten Optionen, wenn er Kritik an der Liturgie und den Liturgieverantwortlichen für notwendig erachtet. Benedikt XVI. geht einen anderen Weg. Er ist ganz Theologe und Seelsorger. Bei seinem Besuch im österreichischen Zisterzienserstift Heiligenkreuz im September diesen Jahres gab der Papst den dort versammelten Gläubigen – den anwesenden damaligen Päpstlichen Zeremonienmeister eingeschlossen – eine kurze, aber überaus prägnante und richtungsweisende Katechese: „Bei allem Bemühen um die Liturgie muss der Blick auf Gott maßgebend sein. Wir stehen vor Gott; er spricht mit uns, wir mit ihm. Wo immer man bei liturgischen Besinnungen nur darüber nachdenkt, wie man Liturgie attraktiv, interessant, schön machen kann, ist Liturgie schon verfallen. Entweder sie ist opus Dei mit Gott als dem eigentlichen Subjekt oder sie ist nicht ... Gestaltet die heilige Liturgie aus dem Hinschauen auf Gott in der Gemeinschaft der Heiligen, der lebendigen Kirche aller Orte und Zeiten so, dass sie zu einem Ausdruck der Schönheit und Erhabenheit des menschenfreundlichen Gottes wird!“

[© Die Tagespost vom 20. Dezember 2007]