Zwischen Verheißung und Erfüllung: Vierte Fastenpredigt von P. Raniero Cantalamessa

Es ist vor allem dem Heiligen Geist zu verdanken, dass wir „voller Hoffnung“ sind

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ROM, 3. April 2009 (ZENIT.org).- In der vierten und letzten Fastenpredigt, die P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, heute, Freitag, vor Papst Benedikt XVI. und den Mitarbeitern der Römischen Kurie im Vatikan hielt, ging es erneut um den Heiligen Geist und um die Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung, in der jeder Christ auf Erden lebt.

„Der Heilige Geist will uns zu Sämännern der Hoffnung machen“, betonte der Kapuzinerpater am Ende seiner Ausführungen. „Es gibt kein schöneres Geschenk, als zu Hause, in Gemeinschaften, in der Kirche vor Ort und der Weltkirche die Hoffnung zu verbreiten. Sie ist wie einige moderne Produkte, die die Luft erneuern und der gesamten Umwelt Duft verleihen.“

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P. Raniero Cantalamessa OFM cap

Vierte Fastenpredigt

„ABER AUCH WIR, OBWOHL WIR ALS ERSTLINGSGABE DEN GEIST HABEN,
SEUFZEN IN UNSEREM HERZEN UND WARTEN DARAUF,
DASS WIR MIT DER ERLÖSUNG UNSERES LEIBES
ALS SÖHNE GOTTES OFFENBAR WERDEN" (Röm 8,23)

Der Heilige Geist beseelt die christliche Eschatologie


1. Der Geist der Verheißung

Hören wir die Stelle aus dem Römerbrief, achtes Kapitel, die wir heute betrachten wollen:
„Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld“ (Röm 8,23-25).

Dieselbe Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung, die in der Schrift hinsichtlich der Person Christi zu bemerken ist, ist auch hinsichtlich der Person des Heiligen Geistes festzustellen. Wie Jesus zunächst in der Schrift verheißen und dann im Fleisch offenbar war und schließlich in seiner endgültigen Wiederkunft erwartet wurde, so wurde auch der Geist, einst „Verheißung des Vaters“, an Pfingsten gegeben und wird jetzt erneut „mit unausdrückbarem Seufzen“ vom Menschen und von der ganzen Schöpfung erwartet und angerufen, die die Fülle seines Geschenkes erwarten, nachdem sie dessen Erstlingsfrucht gekostet haben.

In diesem Raum, der sich von Pfingsten bis zur Parousie erstreckt, ist der Geist die Kraft, die uns vorwärts treibt, die uns in Bewegung hält, die es uns nicht gestattet, uns zur Ruhe zu setzen und ein „sesshaftes“ Volk zu werden, der uns in einem neuen Sinn die „Psalmen der Himmelfahrten“ singen lässt: „Welch große Freude, als sie mir sagten: zum Haus des Herrn werden wird ziehen“. Er ist es, der Schwung gibt und unseren Hoffnungen sozusagen Flügel verleiht. Mehr noch: er ist das Prinzip und die Seele unserer Hoffnung.

Zwei Autoren sprechen vom Geist als „Verheißung“ des Neuen Testamentes: Lukas und Paulus, dies aber, so werden wir sehen, mit einer unterschiedlichen Gewichtung. Im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte ist es Jesus selbst, der vom Geist als der „Verheißung des Vaters“ spricht. „Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt. Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft“ (Apg 1,4-5).

Was meint Jesus, wenn er den Heiligen Geist „Verheißung des Vaters“ nennt? Wo hat der Vater diese Verheißung getan? Das gesamte Alte Testament ist, so könnte man sagen, eine Verheißung des Geistes. Das Werk des Messias ist ständig so präsentiert, dass es seinen Höhepunkt in einer neuen universalen Ausgießung des Geistes Gottes auf Erden findet. Der Vergleich mit dem, was Petrus am Pfingsttag sagt, zeigt, dass Lukas insbesondere an die Prophezeiung Joels denkt: „In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch“ (Apg 2,17).

Nicht nur aber über jeden Menschen. Wie sollte man nicht auch an das denken, was in den anderen Propheten zu lesen ist? „Wenn aber der Geist aus der Höhe über uns ausgegossen wird, dann wird die Wüste zum Garten und der Garten wird zu einem Wald“ (Jes 32,15). „Ich gieße meinen Geist über deine Nachkommen aus und meinen Segen über deine Kinder“ (Jes 44,3). „Ich lege meinen Geist in euch“ (Ez 36,27).

Was den Inhalt der Verheißung betrifft, so betont Lukas, wie dies bei ihm üblich ist, den charismatischen Aspekt des Geschenks des Geistes, insbesondere die Prophezeiung. Die Verheißung des Vaters ist die „Kraft aus der Höhe“, die die Jünger dazu befähigen wird, das Heil bis an die Grenzen der Erde zu bringen. Er ignoriert jedoch nicht die tieferen, heilenden und Heil bringenden Aspekte des Wirkens des Heiligen Geistes, wie den Nachlass der Sünden, das Geschenk eines neuen Gesetzes und eines neuen Bundes, wie sich aus der Nähe ergibt, in die er den Sinai und Pfingsten stellt. Der Satz des Petrus: „Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird“ (Apg 2,39) bezieht sich auf die Verheißung des Heils, nicht nur der Prophezeiung oder einiger Charismen.

2. Der Geist: Erstlingsgabe und Anteil

Geht man von Lukas zu Paulus über, so tritt man in eine neue, theologisch sehr viel tiefere Perspektive hinein. Er zählt verschiedene Gegenstände der Verheißung auf: die Rechtfertigung, die göttliche Sohnschaft, das Erbe; was allerdings alles zusammenfasst, der Gegenstand schlechthin der Verheißung ist gerade der Heilige Geist, den er einmal „Verheißung des Geistes“ (Gal 3,14), dann „Geist der Verheißung“ nennt (Eph 1,13).

Der Apostel führt zwei neue Ideen in den Begriff der Verheißung ein. Die erste besteht darin, dass die Verheißung Gottes nicht vom Gesetzesgehorsam, sondern vom Glauben und somit von der Gnade abhängt. Gott verheißt den Geist nicht dem, der das Gesetz achtet, sondern dem, der an Christus glaubt: „Dies eine möchte ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist durch die Werke des Gesetzes oder durch die Botschaft des Glaubens empfangen?” „Würde sich das Erbe nämlich aus dem Gesetz herleiten, dann eben nicht mehr aus der Verheißung. Gott hat aber durch die Verheißung Abraham Gnade erwiesen“ (Gal 3,2.18).

Durch den Begriff der Verheißung ist in Paulus die Theologie des Heiligen Geistes mit dem Rest seines Denkens verbunden und wird zu dessen konkretem Beweis. Die Christen wissen wohl, dass sie als Folge der Verkündigung des Evangeliums eine neue Erfahrung des Geistes gemacht haben, nicht dadurch, dass sie treuer als sonst das Gesetz befolgt hätten. Der Apostel kann sich auf eine Tatsache stützen.

Die zweite Neuheit ist in einem gewissen Sinn verblüffend. Es ist, als wollte Paulus von vorneherein jegliche von „Begeisterung bestimmte“ Versuchung ersticken, indem er sagt, dass die Verheißung noch nicht erfüllt ist... wenigstens nicht ganz! Zwei auf den Heiligen Geist angewandte Aspekte sind diesbezüglich bezeichnend: Erstlingsfrucht (aparchè) und Pfand“ (arrabôn). Der erste erscheint in unserem Text (Röm 8), der andere im zweiten Brief an die Korinther. „Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“ (Röm 8,23). „Gott aber, der uns und euch in der Treue zu Christus festigt und der uns alle gesalbt hat, er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat“ (2 Kor 5,5).

Was will der Apostel damit sagen? Dass die in Christus geschehene Erfüllung die Verheißung nicht erschöpft hat. Wir, so sagt er in einer einzigartigen Kontrastierung, „besitzen... in der Erwartung“ – wir besitzen und warten. Gerade weil das, was wir haben, noch nicht die Fülle ist, sondern nur eine Erstlingsgabe, eine Vorwegnahme, entsteht in uns die Hoffnung. Ja, mehr noch: das Verlangen, die Erwartung, die Sehnsucht werden noch intensiver als vorher, da man nun weiß, was der Geist ist. Der Flamme des menschlichen Verlangens hat das Kommen des Geistes an Pfingsten sozusagen noch Brennstoff gegeben.

Es geschieht genau dasselbe wie mit Christus. Sein Kommen hat alle Verheißungen erfüllt, es hat aber der Erwartung kein Ende gesetzt. Die Erwartung ist neu entfacht, als Erwartung seiner Wiederkehr in Herrlichkeit. Der Titel „Verheißung des Vaters“ stellt den Heiligen Geist in den Mittelpunkt der christlichen Eschatologie. Es kann also nicht vorbehaltlos die Aussage gewisser Gelehrter akzeptiert werden, nach der „in der Konzeption der Judenchristen der Geist vor allem die Kraft der künftigen Welt war, wohingegen er in jener der hellenistischen Christen die Kraft der oberen Welt ist“. Paulus beweist, dass sich die beiden Konzeptionen nicht notwendig widersprechen, sondern hingegen gemeinsam bestehen können. In ihm ist der Geist gleichzeitig Wirklichkeit der oberen, göttlichen Welt und Kraft der kommenden Welt.

Im Übergang von den Erstlingsgaben zur Fülle werden erstere nicht „weggeworfen“ werden, um nunmehr auf dem zweiten Platz zu sein, sondern sie werden vielmehr selbst zur Fülle werden. Wir werden das bewahren, was wir schon besitzen, und wir werden das erwerben, was wir noch nicht haben. Es wird der Geist selbst sein, der sich in Fülle weiten wird.

Das theologische Prinzip „die Gnade ist der Anfang der Herrlichkeit“ bedeutet auf den Heiligen Geist angewandt, dass die Erstlingsgaben der Anfang der Erfüllung sind, der Anfang der Herrlichkeit, Teil dieser. In diesem Fall darf arrabôn nicht mit „Pfand“ („pignus“) übersetzt werden sondern nur mit Anteil (arra). Das Pfand ist nicht der Anfang der Bezahlung, sondern etwas, das in Erwartung der Bezahlung gegeben wird. Ist es einmal zur Bezahlung gekommen, so wird das Pfand erstattet. Nicht so der Anteil. Er wird im Moment der Bezahlung nicht erstattet, sondern vervollständigt. Er ist Teil der Bezahlung. „Wenn Gott uns durch seinen Geist die Liebe als Pfand gegeben hat, wird uns dann vielleicht das Pfand genommen werden, wenn uns die ganze Wirklichkeit gegeben werden wird? Gewiss nicht, sondern das, was er schon gegeben hat, wird es vervollständigen“ (Augustinus, Reden, 23, 9 (CC 41, p. 314).

Die Liebe Gottes, die wir hier unten dank des Anteils des Geistes verkosten, hat also dieselbe Qualität, ist nicht aber von derselben Intensität wie jene, die wir im ewigen Leben verkosten werden. Dasselbe gilt für das Haben des Heiligen Geistes.

Es ist, wie man sehen kann, zu einer tiefen Verwandlung der Bedeutung des Pfingstfestes gekommen. Ursprünglich war Pfingsten des Fest der Erstlingsfrüchte (vgl. Num 28,26; Lev 23,10), das heißt der Tag, an dem Gott die ersten Früchte der Ernte geopfert wurden. Jetzt ist Pfingsten immer noch das Fest der Erstlingsgaben, jedoch der Erstlingsgaben, die Gott der Menschheit in seinem Geist darbietet. Die Rollen des Gebers und des Empfängers haben sich umgekehrt, in vollkommener Übereinstimmung mit dem, was in allen Bereichen beim Übergang vom Gesetz zur Gnade, vom Heil als Werk des Menschen zum Heil als unentgeltlichem Geschenk Gottes geschieht.

Dies erklärt, wieso die Interpretation des Pfingstfestes als Fest der Erstlingsgaben im christlichen Bereich merkwürdigerweise fast keine Entsprechung gehabt hat. Der heilige Irenäus unternahm einen Versuch in diesem Sinn, als er sagt, dass am Pfingsttag „der Geist dem Vater die Erstlingsgaben aller Völker“ darbrachte; dieser aber fand im christlichen Denken keine Nachfolger.

3. Der Heilige Geist ist die Seele der Tradition

Die Zeit der Patristik bietet im Unterschied zu anderen Aspekten der Pneumatologie keinen wichtigen Beitrag, der den Geist als eine Verheißung deutete, und dies aufgrund des geringeren Interesses, das die Väter im Vergleich zur ontologischen für eine historische und eschatologische Perspektive zeigen. Der heilige Basilius hat einen schönen Text über die Rolle des Geistes bei der Vollendung der Zeiten geschrieben: „Selbst in der Zeit der Erwartung des Herrn vom Himmel her, werden wir nicht auf den Heiligen Geist verzichten müssen ... Wer kann die Gaben Gottes derart ignorieren, die er denen bereitet hat, die nicht würdig sind, dies zu verstehen, denn die Krönung der Gerechten ist eine Gnade des Heiligen Geistes“ (Basilius, Über den Heiligen Geist, XVI, 40, PG 32, 141a). Aber bei näherem Zusehen sagt der Heilige nur, dass der Heilige Geist auch am Ende der menschlichen Geschichte eine aktive Rolle spielen wird; nämlich dann, wenn die Zeit in die Ewigkeit übergeht. Es fehlt aber jegliche Reflexion darüber, was der Heilige Geist jetzt tut, was er im Laufe der Zeit tun wird, um die Menschheit in Richtung Erfüllung zu bewegen. Es fehlt ein Sinn für den Heiligen Geistes als Anstoß, als treibende Kraft des Volkes Gottes, das unterwegs in die Heimat ist.

Der Geist spornt die Gläubigen an, zu wachen und auf die Wiederkehr Christi zu warten und die Kirche zu lehren: „Komm, Herr Jesus!” (Offb 22,20). Wenn der Heilige Geist zusammen mit der gesamten Kirche Marana-tha singt, und wenn er Abba im Herz des Gläubigen spricht, darf man davon ausgehen, dass er macht, was er sagt, und dass er die Stimme der Kirche ist. Denn für sich genommen kann der Paraklet nicht Abba, rufen, wenn er dies nicht im Sohne täte. und er könnte nicht Marana-tha, „Komm, Herr” rufen, denn er ist nicht der Diener Christi, sondern „Herr”, wie wir ihn nennen, wenn wir das Glaubensbekenntnis beten.

„Und das Kommende wird er euch verkünden“, sagt Jesus vom Parakleten (Joh 16,14), er verkündet das Wissen um die neue Ordnung der Dinge nach Ostern. Der Heilige Geist ist der Beweggrund der christlichen Eschatologie, der die Kirche nach vorne ausgerichtet sein lässt, hingeordnet auf die Wiederkehr des Herrn. Und das genau ist es, was die biblische und theologische Reflexion unserer Zeit klarzustellen versucht hat. Die neue Existenz, die der Geist hervorgebracht hat, schreibt Moltmann, ist selbst eschatologisch, ohne dass der endgültige Zeitpunkt der Parousie eingetroffen ist. Dies bedeutet, dass es der Anfang eines Lebens ist, das sich in vollem Umfang nur dann zeigen wird, wenn diese Existenzform allein vom Geist bestimmt ist und sich nicht mehr durch das Fleisch gestört wird. Der Geist ist nicht nur eine Verheißung in einem statischen Sinne, sondern die Kraft der Verheißung, derjenige, der die Möglichkeit der Befreiung wahrnehmen lässt, der die Ketten als noch schwerer und unerträglich spüren lässt und deshalb dazu treibt, sie zu durchbrechen (vgl. Jürgen Moltmann: Der Geist des Lebens. Eine ganzheitliche Pneumatologie, München 1991).

Diese paulinische Sicht des Heiligen Geistes als Verheißung und als Erstlingsgabe erlaubt es uns, den wahren Sinn der Tradition in der Kirche zu entdecken. Tradition ist nicht in erster Linie eine Reihe von Dingen, „die überbracht wurden“, sondern sie ist zunächst ein dynamisches Prinzip der Weitergabe. Sie ist in der Tat das Leben der Kirche, insofern es durch den Geist beseelt unter der Leitung des Lehramtes in Treue zu Jesus Christus verläuft. Der heilige Irenäus schreibt, dass „der Heilige Geist (die Offenbarung) gleichsam in ein ganz kostbares Gefäß jugendfrisch hineingetan hat, und jugendfrisch erhält er das Gefäß, in dem sie sich befindet” (Irenäus, Adv. Haer. III, 24, 1). Das kostbare Gefäß, das zusammen mit seinem Inhalt jünger wird, ist eben genau die Verkündigung der Kirche und die Tradition.

Der Heilige Geist ist deshalb die Seele der Tradition. Wenn man den Heiligen Geist wegnimmt oder ihn vergisst, so ist das, was von ihr übrig bleibt, nur toter Buchstabe. Denn wenn nach den Worten des heiligen Thomas von Aquin „ohne die Gnade des Heiligen Geistes auch die Gebote des Evangeliums Buchstaben wären, die töten“, was sollten wir dann erst von der Tradition sagen?

Die Tradition ist daher eine Kraft der bleibenden Gegenwart und Bewahrung des Vergangenen; aber sie ist auch eine Kraft der Erneuerung und des Wachstums; sie ist Gedächtnis und Vorwegnahme zumal. Sie ist wie die Welle der apostolischen Verkündigung, die voranschreitet und sich über die Jahrhunderte ausbreitet (vgl. H. Holstein, La tradition dans l’Eglise, Grasset, Parigi 1960). Die Welle kann man nicht anders als in ihrer Bewegung erfassen. Ein Einfrieren der Tradition auf einen bestimmten Zeitpunkt der Geschichte bedeutet, aus ihr eine „tote Tradition zu machen, und nicht mehr das, was der heilige Irenäus eine „lebendige Tradition“ nennt.

4. Der Heilige Geist lässt uns hoffen in Überfluss

Mit seiner Enzyklika über die Hoffnung zeigt uns der Heilige Vater Benedikt XVI. die praktischen Konsequenzen, die sich aus unserer Betrachtung ergeben: hoffen, immer hoffen, und wenn wir tausend Mal hoffen und vergeblich gehofft haben, so werden wir stets wieder hoffen! Die Enzyklika (Der Titel „Spe Salvi“: „Auf Hoffnung hin sind wir gerettet“, ist dem Abschnitt aus dem Paulusbriefen entnommen, den wir kommentiert haben) beginnt mit diesen Worten:

„Die ‚Erlösung’, das Heil ist nach christlichem Glauben nicht einfach da. Erlösung ist uns in der Weise gegeben, dass uns Hoffnung geschenkt wurde, eine verlässliche Hoffnung, von der her wir unsere Gegenwart bewältigen können: Gegenwart, auch mühsame Gegenwart, kann gelebt und angenommen werden, wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn wir dieses Ziels gewiss sein können; wenn dies Ziel so groß ist, dass es die Anstrengung des Weges rechtfertigt.“

Es wird eine Art von Gleichwertigkeit und Austauschbarkeit zwischen „hoffen“ und „gerettet sein“ festgelegt, aber auch zwischen „hoffen“ und „glauben“. „Der Glaube“, so schreibt der Papst, „ist Hoffnung“; er bestätigt damit aus theologischer Sicht die poetische Intuition eines Charles Péguy, der sein Gedicht über die zweite Tugend mit den Worten beginnt: „Der Glaube, den ich bevorzuge, sagt Gott, ist die Hoffnung“.

Wie wir nun zwischen den zwei Arten des Glaubens unterscheiden: dem geglaubten Glauben und dem gläubigen Vertrauen (das heißt dem Gegenstand des Glaubens und dem Glaubensakt), so geschieht dies auch mit der Hoffnung. Es gibt eine objektive Hoffnung, die auf das Erhoffte verweist – das ewige Erbe –, und es gibt eine subjektive Hoffnung, die der Akt des Hoffens auf etwas ist. Letztere ist eine vorwärts treibende Kraft, ein innerer Antrieb, eine Weitung der Seele in die Zukunft hinein. „Eine liebende Wanderung des Geistes auf das hin, was wir hoffen“, sagte ein alter Kirchenvater (Diadochus von Photice, Hundert Kapitel über die geistliche Vollkommenheit, Präambel, SCh 5, S.84).

Paulus hilft uns dabei, die lebenswichtige Beziehung zu entdecken, die zwischen der theologischen Tugend der Hoffnung und dem Heiligen Geist besteht. Er lässt eine jede der drei theologischen Tugenden dem Wirken des Heiligen Geistes entspringen. Er schreibt: „Wir aber erwarten voll Hoffnung die Gerechtigkeit, kraft des Geistes, den wir auf Grund des Glaubens empfangen haben. Denn in Christus Jesus kommt es nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5,5-6; vgl. Röm 5,5).

Der Heilige Geist erscheint uns als die Quelle und Kraft unseres theologalen Lebens. Es ist vor allem sein Verdienst, dass wir „voller Hoffnung“ sind. „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes (Röm 15,13). „Der Gott der Hoffnung“: welch ungewöhnliche Definition für Gott!

Die Hoffnung wurde manchmal die „arme Verwandte“ unter den theologischen Tugenden genannt. Es hat einen Moment intensiver Reflexion über das Thema der Hoffnung gegeben, dies ist wahr, bis hin zur Verfassung einer „Theologie der Hoffnung“. Aber es fehlte eine Reflexion über das Verhältnis zwischen der Hoffnung und dem Heiligen Geist. Und dennoch ist die Besonderheit der christlichen Hoffnung und ihre Andersheit gegenüber jeder anderen Vorstellung von Hoffnung nicht zu verstehen, wenn sie nicht in ihrer innigen Beziehung mit dem Heiligen Geist gesehen wird. Er ist es, der die Differenz zwischen dem „Prinzip Hoffnung“ und der theologischen Tugend der Hoffnung ausmacht. Die theologischen Tugenden sind solche nicht nur deshalb, weil sie Gott zum Ziel haben, sondern auch, weil Gott deren Prinzip ist; Gott ist nicht nur ihr Gegenstand, sondern auch ihre Ursache. Sie sind von Gott verursacht, eingegeben.

Wir müssen hoffen, um zu leben, und wir müssen auf den Heilige Geist setzen, um zu hoffen! Eine der größten Gefahren auf dem geistlichen Weg ist, angesichts des Wiederholens der gleichen Sünden und der offensichtlich nutzlosen Vorsätze und klaren Rückfälle mutlos zu werden. Die Hoffnung rettet uns. Sie gibt uns die Kraft, immer neu zu beginnen, jedes Mal zu glauben, dass diesmal die Zeit der wahren Umkehr gekommen ist. Wenn wir dies tun, dann bewegen wir das Herz Gottes, der uns mit seiner Gnade zu Hilfe eilen wird.

„Der Glaube überrascht mich nicht, sagt Gott (Es hier jetzt der Dichter der Hoffnung, der spricht; besser: der Gott sprechen lässt). Ich erglänze so sehr in meiner Schöpfung. Die Liebe überrascht mich nicht, sagt Gott. Diese armen Kreaturen sind so unglücklich, und es sei denn, sie hätten ein Herz aus Stein, wie könnten sie einander nicht lieben ... Aber die Hoffnung, sagt Gott, sie ist es, die mich erstaunen lässt. Dass hier die armen Kinder sehen, wie es um die Dinge steht und glauben, dass es morgen besser wird. Dies ist erstaunlich. Und meine Gnade muss wirklich von unglaublicher Kraft sein“ (Ch. Péguy, Le porche du mystère de la deuxième vertu, in Œuvres poétiques complètes, Gallimard, Paris 1975, S. 531 ff.).

Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, nur für uns zu hoffen. Der Heilige Geist will uns zu Sämännern der Hoffnung machen. Es gibt kein schöneres Geschenk, als zu Hause, in Gemeinschaften, in der Kirche vor Ort und der Weltkirche die Hoffnung zu verbreiten. Sie ist wie einige moderne Produkte, die die Luft erneuern und der gesamten Umwelt Duft verleihen.

Ich beende die Reihe dieser Meditationen in der Fastenzeit mit einem Text von Paul VI., der viele der Punkte zusammenfasst, die ich behandelt habe:

„Wir haben uns mehrere Male die Frage gestellt…, welches Bedürfnis wir als erstes und letztes für diese unsere gesegnete und geliebte Kirche wahrnehmen. Wir müssen es gleichsam zitternd und betend sagen, denn es ist ihr Geheimnis und ihr Leben, ihr wisst es: der Geist, der Heilige Geist, der die Kirche bewegt und heiligt, ihr göttlicher Atem, der Wind in ihren Segeln, ihr einendes Prinzip, ihr innerer Quell des Lichtes und der Kraft, ihre Stütze und ihr Tröster, ihre Quelle von Charismen und Liedern, ihr Frieden und ihre Freude, ihr Pfand und Präludium des seligen und ewigen Lebens. Die Kirche bedarf ihres ewigen Pfingsten; sie bedarf des Feuers im Herzen, der Worte auf den Lippen, der Prophezeiung im Blick… Die Kirche muss die Sehnsucht, den Geschmack und die Gewissheit seiner Wahrheit neu erlangen“ (Ansprache bei der Generalaudienz vom 29. November 1972, Insegnamenti di Paolo VI, Tipografia Poliglotta Vaticana, X, S. 1210f.).

Ich wünsche Eurer Heiligkeit und den ehrwürdigen Vätern, Brüdern und Schwestern ein gesegnetes und heiliges Osterfest!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]