ZG08012202 - 22.01.2008
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„Da stürmte es in mir“: Porträt von Georg Maria Hanke, Bischof von Eichstätt


Von Alexander Kissler


ROM, 22. Januar 2008 (Vatican-Magazin.de/ZENIT.org).- Demnächst, nach der Amtseinführung der neuen Bischöfe von Limburg und Speyer, wird er nicht mehr der Benjamin sein im deutschen Episkopat, sondern der Drittjüngste. Selbst dann aber wird Gregor Maria Hanke, geboren 1954 im fränkischen Elbersroth, seit Dezember 2006 Bischof von Eichstätt, jenem Geist des Anfangens treu zu bleiben suchen, den er für das wichtigste Erbe seiner langen Zeit im Benediktinerkloster Plankstetten hält. Christsein, das sagte er schon weit vor der ganz ähnlich argumentierenden Enzyklika „Spe salvi“, bedeute authentisch „aus der Wurzel“ leben und unbeirrbar der Zukunft trauen – inmitten einer „hoffnungslos gewordenen Welt“.

Mit dem Plädoyer für einen christlichen Optimismus endete die Predigt zur Amtseinführung. Begonnen hatte diese mit einem für Gregor Maria Hanke sehr typischen Bekenntnis: Als er von seiner Wahl erfahren hatte, da „stürmte es in mir“. Nun, durchfuhr es ihn, werde auch er „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ gesandt. Nach 25 Jahren im Kloster, davon dreizehn Jahre als Abt, trat er den Marsch hin zu Amt und Welt und Macht mit gemischten Gefühlen an. Später präzisierte er: „Am Tag, als die Möbelpacker kamen und meine Bücher zusammengetragen haben, da ging es mir nicht gut.“ Er sei nun einmal durch und durch Mönch. Sitzt man ihm heute im bischöflichen Palais gegenüber, klingt es dennoch glaubhaft, wenn er beteuert, er habe innerlich Ja gesagt zur neuen Berufung. Auch in Eichstätt gelinge es ihm oft, den gewohnten geistlichen Rhythmus beizubehalten, aufzustehen früh um fünf Uhr, die Schrift zu lesen, tagsüber das Brevier zu beten. Dass er sich, angekommen im Herz des Bistums, das auch die Mitte der Verwaltung ist, den Blick des Außenseiters bewahren will, verdeutlichen wie nebenbei gesprochene Bemerkungen. Leise bedauert der hoch aufgeschossene Mann die „Überfülle an administrativen Vorgängen“, nennt sie gar eine „gewisse Gefahr für das Wesen des Hirtenamtes.“ Ein Bischof müsse schließlich zu allererst ermahnen, ermuntern, Impulse geben – und nicht Akten studieren. Hanke scheint fest entschlossen, in eigener Person ein Experiment durchzuführen, an dem viele Amtskollegen gescheitert sind: den Zuwachs an Macht nicht mit einem Verlust an Eigenständigkeit zu bezahlen. Ein entschiedener Christ, sagt er, dürfe nicht „der Darling der Gegenwart“ sein, nicht der Apostel des Mainstreams. Den Preis, den ein Beharren auf biographischer wie spiritueller Authentizität kostet, kennt er und hat ihn schon schmerzhaft erfahren: die Ausgrenzung. Hanke pocht darauf, das „Reden über Gefühle“ müsse in der Kirche seinen Platz haben, auch dann, wenn es „politisch vielleicht nicht opportun ist“.

Das ist milde formuliert, denn tatsächlich wurde er, weil er eben dieses Recht für sich in Anspruch nahm, übel beschimpft. Der Server des Bistums brach im März 2007 zusammen ob der vielen Hass-Mails aus aller Welt. „Wie eine Lavawoge“ sei es über ihn hereingebrochen. „Moralisches Versagen“ warf ihm der israelische Botschafter vor, „jämmerliche Ignoranz“ der Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem. Bei der Reise der Bischofskonferenz ins Heilige Land hatte der Novize zuvor eine Verbindung hergestellt zwischen den „Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto“, wie sie in Yad Vashem zu sehen waren, und dem „Ghetto in Ramallah“ und hinzugesetzt: „Da geht einem doch der Deckel hoch.“ Die weltweite Aufregung machte eine Klarstellung nötig, in der es hieß, der unmittelbare Eindruck der Situation sei für den Bischof erschütternd gewesen; Vergleiche aber „zwischen den Geschehnissen des Holocaust und der gegenwärtigen Situation in Palästina sind nicht annehmbar und waren auch nicht beabsichtigt.“ Heute bekräftigt er, Erschütterung gehöre zum Menschsein dazu. Im Übrigen – und da wird er noch leiser und im Leisen noch bestimmter – fühle er sich seit Studententagen, als er Auschwitz besuchte, dem Judentum besonders verbunden.

Die Literatur der Chassidim schätze er sehr, 2006 erst besuchte er das ukrainische Lemberg und stand fassungslos vor den von Deutschen „brutal zerstörten Geistesräumen“, dem ehemaligen Schtetl. Das Beharren auf einem individuellen und also unterscheidbaren Profil ist auch jene Rosskur, die er seiner Kirche empfiehlt. Er warnt vor „Unschärfen in der eigenen Identität“. Eine solche scheint bereits ins Innere der Kirche eingezogen, nimmt man Hankes kritische Äußerungen zur gegenwärtigen Liturgie beim Wort. Als einziger deutscher Bischof hat er das Motu proprio zur Rehabilitierung der Alten Messe vorbehaltlos begrüßt. Klare Wort fand er für deren Gegner, sprach von einem „liturgischen Ödipuskomplex“. Nur Hanke wies auf den ebenso schlichten wie unumstößlichen Umstand hin, „dass es die Liturgie des Missale von 1962 war, die auf dem Zweiten Vatikanum gefeiert wurde und den Vätern des Konzils wie den Theologen Kraftquelle war.“ Nun dürfe man „das reiche Erbe“ nicht verstecken oder verleugnen, sondern könne „aus einem unbefangeneren Verhältnis zur Tradition Nutzen schöpfen für die Menschen unserer Tage, die auf der Suche nach Heilszeichen Gottes sind.“ Konsequenterweise gibt es im Bistum Eichstätt, anders als bei manchem süddeutschen Amtsbruder, keine knebelnden Ausführungsbestimmungen, die den Sinn des Motu proprio in sein Gegenteil verkehren.

Das Gespräch im Palais lenkt Hanke schon nach wenigen Minuten auf „liturgische Missbräuche“, die er seit seiner Studentenzeit erleben musste, wenn er das Kloster verließ. Besonders die „Hochgebete nach dem Strickliesel-Modell machen ihn zürnen – schnell am Abend zuvor handschriftlich zusammengestrickte Gebete, die theologisch wie sprachlich weit hinter die offiziellen Vorgaben zurückfallen.„ Und wenn dann noch Moralin in die Epiklese hinein gemischt wird, finde ich das einfach disgusting“, sagt Hanke, der ehemalige Englisch-Lehrer. Das Wörterbuch übersetzt das Adjektiv mit ekelhaft oder widerlich.

Hinter derlei ubiquitären Anmaßungen ortet der Mönch, der sein Studium mit einer Arbeit über den Kirchenbegriff bei John Henry Newman abschloss, das „falsche Bemühen, möglichst nah am Menschen sein, die Alltagssprache in die Liturgie hineinholen zu wollen.“ Nichts sei irriger. So nämlich werde einerseits die Liturgie „degradiert zum Spiegel, in dem ich immer nur mein eigenes Elend betrachte“; kein Himmel reißt mehr auf, das „Herabsteigen Gottes“ werde erschwert oder verhindert. Andererseits breche durch „leichtfertiges Herumhantieren“ die lange Traditionskette, in die sich der Priester gerade mit dem Hochgebet einreihe. Eine schlechte Soziologie verdränge Kult und Spiritualität.

Dass Hanke sich gleich nach seiner Wahl selbstbewusst einen Konservativen nannte, überrascht da nicht. Er plädiert für einen dialogbereiten „christlich-humanistischen Konservatismus“, wie ihn Newman oder der kürzlich selig gesprochene Antonio Rosmini vertreten habe. Für einen Augenblick überschlägt sich seine Stimme fast vor Begeisterung: „Rosminis ‚Fünf Wunden der Kirche‘ müssen Sie lesen, unbedingt, das ist fantastisch.“ Der ehemals als Häretiker verurteilte und indizierte Rosmini wird gerade wieder entdeckt, weil er, wie es ein italienischer Forscher formuliert, „die größte katholische Synthese des modernen Denkens“ schuf. In den „Fünf Wunden“, verfasst 1833, erweist sich Rosmini als ebenso kluger wie frommer Kirchenkritiker. Gegen die „unzulängliche Bildung der Geistlichen“ wettert er ebenso wie gegen „uneinige Bischöfe“ und die „Ernennung der Bischöfe durch nichtkirchliche Mächte“. Rosmini wollte im Dialog mit der Philosophie der Moderne, mit Kant und dem Idealismus vor allem, die urchristliche Position zurückgewinnen und damit das „engste Band“ von Wissenschaft und Heiligkeit, „das eine sich aus dem anderen ergebend.“

Wie viel Rosmini steckt im Eichstätter Oberhirten? Auch er, soviel steht fest, spricht ebenso unmissverständlich in die Kirche hinein wie aus ihr heraus in eine Welt ohne Hoffnung. Eine „gesellschaftlich aufgesattelte Kirche“, wie sie in Deutschland weithin zu beobachten ist, hält er für problematisch. Er fordert eine Rückkehr zum Wesentlichen, die durchaus einen Abschied von Macht und Einfluss bedeuten könnte.„Die Kraft der Kirche erlahmt, wenn wir wie eine kleine Schnecke nur noch riesengroße Häuser mitziehen, Institutionen und Apparate. Wir können nicht nach dem Koalitionsprinzip unseren Sendungsauftrag verwirklichen, also nicht dadurch, dass wir nach einem kleinen gemeinsamen Nenner überall präsent sind. Manche Großprojekte sollten wir vielleicht abstreifen, um uns mit umso mehr Kraft den Menschen und den Fragen der Menschen widmen zu können.“ Für seinen eigenen Zuständigkeitsbereich hat Hanke, zugleich Großkanzler von Deutschlands einziger katholischer Universität, eine solche Neubesinnung bereits angekündigt. Dort müssten stärker die Anliegen des Trägers, der Kirche, umgesetzt werden, um ein „klareres Profil zu gewinnen“. Ergänzt man diese Positionen um sein Plädoyer für einen kritischeren Umgang mit dem Islam und die Ablehnung einer vorschnellen Ökumene mit den Protestanten – „das vermeintliche ‚Weiter-Sein‘ der Basis besteht doch letztlich darin, dass ein Stück weit die Tiefenschärfe der Glaubenspositionen verloren gegangen ist“ –, so verwundert es dann doch, dass Gregor Maria Hanke entgegen aller Absichten der Darling geworden ist einer liberalen Presse. Ihm kommt zugute, dass er eben auch der „grüne Bischof“ ist, so wie er zuvor als „grüner Abt“ die Landwirtschaft von Plankstetten auf biologischen Anbau umstellte, selbst im Rapsöl-Auto vorfuhr, die Klosterprodukte unter das Motto „Leben aus dem Ursprung“ stellte. Es ist ihm das eine Anliegen: Untrennbar verbunden sind die Ökologie des Herzens und des Bodens. Was man neudeutsch einen Ressourcen schonenden Umgang mit der Natur nennt, bildet zugleich eine Wurzellehre von der Natur des Glaubens aus.

Zusammengehalten aber werden Traditionspflege und Erneuerung, Vernunft und Erschütterung, Politik und Frömmigkeit von einem Movens, das dem jüngsten Kind einer aus Mährisch-Schlesien vertriebenen Familie in die Wiege fern der Heimat gelegt wurde: „Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit war bei uns immer präsent.“

Damit sind zwei wichtige Bestandteile einer guten Gesellschaft benannt. Von Macht ist die Rede nicht. Sollte Hankes Ideal einer Rückführung des deutschen Episkopats auf dessen geistlichen Glutkern durchdringen, dann stünde das katholische Deutschland vor einem Neuanfang, wie er radikaler nicht gedacht werden kann.

Vatican magazin, Heft 8, Januar 2008]


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