ZG08050208 - 02.05.2008
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Kardinal Vingt-Trois über den Papstbesuch in Frankreich (September 2008)


Interview mit dem Pariser Erzbischof


ROM, 2. Mai 2008 (ZENIT.org).- Am 12. September wird der Pariser Erzbischof André Kardinal Vingt-Trois den Heiligen Vater in der französischen Hauptstadt empfangen. Benedikt XVI. wird unter anderem eine mit Spannung erwartete Ansprache im „Collège des Bernardins“ halten. Diese Einrichtung, die der Reflexion über das Verhältnis von Kultur und Glaube gewidmet ist, entstand auf Wunsch des verstorbenen Pariser Erzbischofs Jean-Marie Kardinal Lustiger.

Bei einem kurzen Aufenthalt in Rom anlässlich der Inbesitznahme seiner Titelkirche St. Ludwig von Frankreich ging Kardinal Vingt-Trois gegenüber ZENIT auf den Papstbesuch in Frankreich ein.

ZENIT: Der Heilige Vater wird im September nach Frankreich kommen. Wie bereitet sich die Ortskirche auf diesen Besuch vor?

Kardinal Vingt-Trois: Die Vorbereitungen laufen gerade an, denn schon seit geraumer Zeit rechnete man ja mit der offiziellen Ankündigung des Besuches des Papstes. Der Besuch war schon vor einiger Zeit angekündigt worden, vor allem im Hinblick auf das 150-Jahr-Jubiläum der Erscheinungen der Muttergottes in Lourdes, das ja auch Hauptgrund seiner Reise ist. Freundlicherweise hat der Papst zugestimmt, vor seiner Pilgerfahrt nach Lourdes auch Paris zu besuchen.

ZENIT: Das Verhältnis von Kirche und Kultur ist heutzutage sehr wichtig. Handelt es sich dabei auch für die Kirche um eine Möglichkeit, sichtbarer zu sein? Kann der Besuch des Papstes beitragen, diese Verbindung zu intensivieren?


Kardinal Vingt-Trois: Das hoffe ich sehr; deshalb habe ich ihn ja auch gefragt, und er hat zugestimmt, in Paris eine eine Ansprache über die Verbindung von Glaube und Vernunft in der gegenwärtigen Gesellschaft zu veranstalten. Denn das ist sicherlich eine der Hauptfragen, mit denen wir konfrontiert sind, schließlich geht es dabei darum zu wissen, ob und wie die christliche Kultur, die aus der Offenbarung und der Reflexion über die Offenbarung entstanden ist, ihren Platz im Dialog mit anderen Zugängen zur menschlichen Existenz findet.

ZENIT: Was, denken Sie, erwartet sich Papst Benedikt ganz besonders von der Kirche in Frankreich?


Kardinal Vingt-Trois: Ich denke, das wird er uns noch sagen. Sicherlich erwartet er von der Kirche in Frankreich, dass sie als Kirche Christi in Frankreich lebt, dass sie ihre Lebendigkeit zeigt, dass sie den Schatz des Glaubens umsetzt und dass sich ihr Glaube sowohl durch gemeinsame Kundgebungen als auch durch das Engagement der einzelnen Christen ausdrückt.

ZENIT: Der Papst kommt gerade aus den USA zurück, wo er die Christen darin bestärkt hat, ihrem Glauben treu zu sein. Im Dezember dankte Präsident Sarkozy in der Lateranbasilika der Kirche für ihre Tätigkeit, und er ermutigte sie, noch mehr zu tun. Bewirken diese beiden Einladungen vielleicht, dass die Kirche in Frankreich sich von ihren „Komplexen“ befreit?

Kardinal Vingt-Trois: Ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass die Kirche in Frankreich komplex-beladen ist. Die Botschaft an die Amerikaner war ja nicht an die Franzosen gerichtet, und ich weiß noch nicht, was sie uns sagen will. Aber ich bezweifle nicht, dass es in dieselbe Richtung gehen wird: eine Einladung, dass Christen Verantwortung für die Entwicklung des sozialen Lebens in ihrem Land übernehmen sollen.

ZENIT: Besteht in Frankreich die Gefahr eines Kommunitarismus? Es werden so viele kleine Gemeinschaften gegründet. Kann sich das nicht nachteilig auf die Mission der Kirche auswirken?

Kardinal Vingt-Trois: Die Kirche ist nicht a priori darauf aus, kleine Gemeinschaften zu gründen. Sie nimmt die Situationen an, so wie sie sind. Kleine Gemeinschaften gibt es, weil es einfach wenige Leute gibt; große Gemeinschaften gibt es, wenn es viele Leute gibt.

Es geht hier nicht um Zahlen, auch nicht um das Format der Gemeinschaften. Es geht vielmehr um die Frage: Was ist das Ziel? Was wollen wir tun, und was versuchen wir mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, zu tun?

Ist eine Gemeinschaft klein, ist sie eben klein, ist sie groß, dann ist sie groß. Das bestimmt aber nicht unser Ziel. Unser Ziel ist es, in den unterschiedlichen Bereichen des menschlichen Lebens Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums zu sein.

ZENIT: In einigen Wochen übernimmt Frankreich die EU-Ratspräsidentschaft. Was hat die Kirche zum Aufbau Europas beizutragen?

Kardinal Vingt-Trois: Sie hat viel beizutragen. Sie trägt schon viel bei, lediglich durch ihre Existenz. Denn die katholische Kirche in Europa ist vielleicht einer der wenigen Organisationen, die eine wirkliche Erfahrung in der Zusammenarbeit zwischen den Ländern, zwischen den unterschiedlichen Nationen haben. Ihre Mitglieder aus den verschiedenen Ländern stehen in tiefer und intensiver Gemeinschaft untereinander. Die Kirche zeigt, dass auch über die wirtschaftliche Kollaboration hinaus Zusammenarbeit möglich ist.

ZENIT: Eminenz, Sie werden in Kürze Besitz der Kirche St. Ludwig von Frankreich in Rom nehmen. Welche Bedeutung hat der Besitz einer römischen Kirche für einen Kardinal?

Kardinal Vingt-Trois: Das ist einfach. Nach der Tradition sind die Kardinäle Mitarbeiter des Papstes für die Leitung der Diözese Roms. Man kann in gewisser Weise sagen, dass die Kardinäle das Presbyterium des Papstes sind. Deshalb bekomme ich die Kirche St. Ludwig von Frankreich. Ich werde also – wie formuliere ich das am besten? – „Ehrenpfarrer“ einer römischen Pfarrei.

ZENIT: Wie äußert sich das Verhältnis eines Kardinals zum Nachfolger des Apostels Petrus und zum Dienst an der Weltkirche konkret?

Kardinal Vingt-Trois: Das ist wieder etwas anderes. Hier geht es um die Teilnahme der Kardinäle an der Leitung der Kirche und an der eigentlichen Sendung des Papstes als souveräner Pontifex. Jeder Kardinal ist Mitglied in einer oder in mehreren Kongregationen, durch die er dann für den Papst arbeitet. Ich arbeite im Päpstlichen Rat für die Familie und in der Kongregation für die Bischöfe.

Abgesehen davon gibt es auch noch das Konsistorium, wenn der Papst zu einem von ihm festgesetzten Thema eines einberuft. Das war zum Beispiel im vergangenen November der Fall. Darüber hinaus gibt es noch die Mitarbeit bei Konversationen und die Arbeiten, um die der Papst bittet; oder natürlich auch persönliche Anliegen.

ZENIT: Am vergangenen Sonntag gab es im Petersdom die Priesterweihen. Wie sollte ein Priester heute sein?

Kardinal Vingt-Trois: Da gäbe es viel zu sagen. Zunächst einmal sicherlich ein Mann des Glaubens. Zweitens muss er ein Mann sein, der vom priesterlichen Dienst begeistert ist. Und jemand, der von der Liebe zu den Gläubigen beseelt wird, zu denen er gesandt ist.

[Aus dem Französischen von Sandra Kladler; Auszüge aus dem Interview lesen und sehen Sie auf http://www.h2onews.org]


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