ZG09030503 - 05.03.2009
Permalink: http://www.zenit.org/article-17250?l=german

Holocaust-Gedenkstätte: Deutscher Offizier wird „Gerechter der Völker"


Wilm Hosenfeld: „Wir sind alle mitschuldig“ - „Ich versuche, jeden zu retten"


JERUSALEM, 5. März 2009 (ZENIT.org).- ln Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, gibt es eine „Allee der Gerechten". Dort wurden Bäumchen für jeweils einen „Goj" (einen Gerechten) gepflanzt, der in der Zeit des Holocaust Juden das Leben gerettet hat.

Der deutsche Wehrmachtsoffizier, der durch den „Pianisten“ Wladyslaw Szpilman unsterblichen Ruhm erlangte, weil in Roman Polanskis Verfilmung gezeigt wird, wie Wilm Hosenfeld einem Juden das Leben rettete, erhält die höchste Würdigung des jüdischen Volkes für Nichtjuden.

Posthum wurde der deutsche Hauptmann am 16. Februar von der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte zum „Gerechten der Völker" ernannt. Die zuständige Behörde hatte sich nach langen Recherchen vergewissert, dass sich Hosenfeld während des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943 keiner Verbrechen schuldig gemacht habe, heißt es in einer Presseerklärung aus Jerusalem.

Leon Wurm, ein Überlebender des Holocaust, der jüdischer Abstammung ist, hatte bezeugt, dass Hosenfeld ihn in seinem Sportzentrum beschäftigt hatte, nachdem es ihm gelungen war, aus dem Zug zum Vernichtungslager Treblinka zu fliehen.

Wladyslaw Szpilman, der an der Chopin-Hochschule in Warschau und an der Akademie der Künste in Berlin Musik studiert und rund 500 Lieder, Filmmusiken und sinfonische Werke geschrieben hatte, kam dank Hosenfeld als einziger seiner Familie mit dem Leben aus dem Warschauer Ghetto davon.

Gleich nach dem Krieg schrieb er seine Memoiren über die Zeit im Ghetto auf. Der darauf basierende Spielfilm „Der Robinson von Warschau", zu dem berühmte Literaten wie Czeslaw Milosz und Jerzy Andrzjewski das Drehbuch lieferten, verschwand - genauso wie das Buch - schon bald in den Archiven. Doch das änderte sich, als das erschütternde Zeitdokument im Jahr 1998 unter dem Titel Das wunderbare Überleben. Warschauer Erinnerungen 1939-1945 (Econ Verlag) in deutscher Sprache erschien.

Regisseur Roman Polanski urteilte über das erschütternde Zeitdokument: „Die Beschreibung besticht durch eine erstaunliche, manchmal fast kaltblütige, wissenschaftliche Objektivität und Differenziertheit. In seinem Buch kommen gute Polen vor und böse, genauso wie es gute und böse Juden gibt und gute und böse Deutsche." Im Jahr 2002 verfilmte Polanski Wladyslaw Szpilmans Erinnerungen unter dem Titel Der Pianist.

Der deutsche Wehrmachtsoffizier, Hauptmann Wilm Hosenfeld, hatte ihm das Leben gerettet. In einer der Straßen Warschaus, der Aleja Niepodleglosci 223, hielt sich Szpilman die letzten Monate des Krieges versteckt. Als er den Offizier sah, erklärte er ihm: „Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“ Er aber antwortete ihm: „Ich habe nicht die Absicht, Ihnen etwas zu tun. Was sind Sie von Beruf?" Szpilman schreibt in seinen Memoiren: „Er sagte wirklich: Sie!" Darauf hin sagte er, er sei Pianist, und spielte dem Offizier Chopins Nocturne in cis-Moll vor. Mit eben diesem Stück sollte er 1945 den Sendebetrieb des Warschauer Rundfunks eröffnen.

Im Tagebuch von Wilm Hosenfeld heißt es in den Aufzeichnungen zwischen 1942 bis 1944: „Überall herrscht Terror, Schrecken und Gewalt... Jetzt ist der letzte Rest der jüdischen Einwohner im Ghetto ausgetilgt... Ein SS-Sturmbannführer prahlte damit, wie sie die Juden, die aus den brennenden Häusern stürzten, zusammengeknallt hätten... Das ganze Ghetto ist eine Brandruine... Wir haben einen unauslöschlichen Fluch auf uns geladen... Ich schäme mich, in die Stadt zu gehen, jeder Pole hat das Recht, vor uns auszuspucken... In Treblinka werden die Züge mit den Viehwaggons ausgeladen, viele der transportierten Menschen sind schon tot. Die Toten werden neben den Gleisen aufgeschichtet, die gesunden Männer müssen die Leichenberge wegschaffen, neue Gruben graben und die gefüllten zuwerfen. Dann werden sie erschossen, Frauen und Kinder müssen sich entkleiden, werden in eine fahrbare Baracke getrieben und werden da vergast. Wir sind alle mitschuldig."

Im Januar 1945 geriet der Vater von fünf Kindern in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde in Minsk monatelang verhört. Nach einem halben Jahr Isolationshaft erlitt er einen Schlaganfall. Wegen angeblicher Geheimdiensttätigkeit verurteilte man ihn zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Erfolglos bemühte sich Annemarie Hosenfeld um seine Freilassung. Er starb 1952 im Alter von 57 Jahren in einem Lager in Stalingrad.

Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes gab Thomas Vogel eine ausführlich kommentierte Auswahl aus dem Nachlass Will Hosenfelds heraus: Wilm Hosenfeld. „Ich versuche, jeden zu retten" (1194 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004).

| More

© Innovative Media, Inc.

Die Weiterverwendung der ZENIT-Dienste ist nur mit ausdrücklicher Erlaubnis gestattet.
Wenden Sie sich bitte an info-autorenrechte@zenit.org .



Weiterleiten Beitrag kommentieren
Druckformat PDF-Ansicht
Anfang


ZENIT per E-Mail | RSS | Geschenkabo | Weiterempfehlen | Spende

| Nutzungsbedingungen | Beiträge und Bemerkungen senden | Kontakt aufnehmen | Startseite

© Innovative Media, Inc.