BEIRUT, Libanon, 13. März 2009 (ZENIT.org).- Islam-Experte P. Samir Khalil Samir SJ stammt aus Ägypten und lebt schon viele Jahre im Nahen Osten. Gegenüber ZENIT erklärt er, warum er vor Muslimen keine Angst hat und warum es ein Segen ist, dass heute Muslime in Europa und Nordamerika leben.
Die Gründe für seine Zuversicht sind zwei: Er kennt den Islam, und er kennt das Evangelium. Und das Evangelium brauche den Koran nicht zu fürchten.
Der Jesuitenpriester lehrt katholische Theologie und Islamistik an der St. Josephs Universität in Beirut, ist Gründer des CEDRAC-Forschungsinstituts und Autor des ganz vor kurzem bei Ignatius erschienenen Buches „111 Questions on Islam".
Im Gespräch mit ZENIT offenbart er, was ihm wirklich Sorge bereitet: laue Christen, die ihren Glauben nicht kennen, und Christen, die nicht sehen, dass die Einwanderung von Muslimen in den Westen die ideale Gelegenheit zur Evangelisation ist.
[Teil 1 dieses Interviews erschien gestern, am 12. März]
ZENIT: Was sind die häufigsten Vorurteile über den Islam, die Sie unter praktizierenden Christen antreffen?
P. Samir: Die häufigsten Vorurteile sind ziemlich negativ: Muslime seien keine modernen Menschen; sie seien nicht aufgeschlossen gegenüber anderen Menschen; Muslime seien eine gewalttätige Gruppe, usw.
Ähnlich negative Vorurteile findet man, wenn man hört, was Muslime über Christen sagen: Sie seien Ungläubige, Heiden, hätten keine Moral, seien aggressiv.
Was man über die USA hört, ist ebenfalls sehr negativ: Sie seien imperialistisch, sie wendeten Gewalt an, um andere Menschen zu beherrschen usw.
So ist der Mensch. Jeder betrachtet den anderen von seinem Standpunkt aus und sieht nur das, was anders ist. Und der Unterschied wird oft negativ gesehen. Wie Christus bei Lk 6, 41 sagt: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge beachtest du nicht?" Daher müssen wir lernen, dass es negative und positive Unterschiede gibt.
Wir gehen auf verschiedene Weise an viele Dinge heran. So ist zum Beispiel die Trinität in unserem Glauben der tiefste Ausdruck der Einheit mit Gott selbst - er ist ein liebender Gott, der sich selbst hingibt. Aber für die Muslime ist Trinität etwas Schreckliches, Verabscheuungswürdiges: drei Götter! Es lässt sie meinen, die Christen wären wie die alten Heiden; sie glaubten offensichtlich an mehrere Götter, nicht an einen Gott.
ZENIT: Welche Fragen werden Ihnen bei Ihren Vorträgen über den Islam am häufigsten gestellt?
P. Samir: Am häufigsten höre ich Fragen über das Thema, ob ein guter Moslem gleichzeitig modern und gläubig sein kann.
In Europa, besonders in Frankreich, lautet die Frage, ob der Islam mit einer säkularen Gesellschaft kompatibel sei. Eine weitere Frage lautet, ob der Islam gewalttätig sei - diese Frage kommt immer wieder vor. Man will wissen, ob Gewalttätigkeit dem Islam seinem Wesen nach anhaftet, oder ob sie einfach ein Problem ist, das wir heute haben.
ZENIT: Historisch ist ja festzustellen, dass muslimische Länder im Allgemeinen gegenüber dem Christentum intolerant sind. Heute erleben wir, wie die muslimische Bevölkerung in traditionell christlichen Ländern wie Europa und Nordamerika explosiv zunimmt. Sollten die Christen die Ausbreitung des Islam fürchten? Was wäre eine angemessene christliche Reaktion auf die sich stetig ausbreitende muslimische „umma" (Religionsgemeinschaft des Islam)?
P. Samir: Muslime konvertieren selten zum Christentum oder zu anderen Religionen, auch wenn wir in den vergangenen zehn Jahren einen Wandel erlebt haben. In Algerien versucht man, sich durch Gesetze vor der Konversion zum Christentum zu schützen. Das bringt diese jedoch nicht zum Stillstand. Dasselbe geschieht mit geringerer Intensität in Marokko. Im südlichen Afrika gibt es viel mehr Konversionen.
Auf „YouTube" kann man einen Al-Jazeera-Clip auf Arabisch über die Konversionen von Muslimen zum Christentum sehen. Die Reaktion des libyschen Imam, der für die Verbreitung des Islam in Afrika verantwortlich ist, bestand darin, dass er sich fragte, wie man angesichts von sechs Millionen zum Christentum konvertierten Muslimen die Bekehrungen zum Christentum stoppen könne.
Warum breitet sich der Islam in Europa und Amerika aus? Weil die Muslime Kinder haben.
Vor kurzem traf ich einen meiner früheren Studenten, einen algerischen Moslem, und ich fragte ihn, ob er verheiratet sei und Kinder habe. Er sagte mir, er und seine Frau hätten drei Kinder, aber das sei nur der Beginn ihrer Familie. Im Westen gibt es Menschen, die ein oder zwei Kinder haben und sagen, das sei genug.
Wovor ich in Wirklichkeit Angst habe, das ist die Gleichgültigkeit vieler Christen ihrem eigenen Glauben gegenüber. Man hört sehr viele Christen sagen, es sei egal, ob man Christ oder Moslem oder Buddhist sei - „Hauptsache, wir lieben einander!"
Das stimmt zum Teil, aber man muss sich schon fragen: „Wie lieben wir einander besser? Wenn ich wirklich ein Christ bin und nach dem Evangelium lebe, werde ich besser lieben."
Ich habe keine Angst vor Muslimen. Ich kenne ihren Glauben, und ich kenne das Evangelium, Das Evangelium braucht den Koran nicht zu fürchten.
ZENIT: Haben Sie seit der berühmten Regensburger Vorlesung von Papst Benedikt XVI. unter den Christen eine Zunahme des Interesses am besseren Kennenlernen der Muslime und am Dialog mit Ihnen bemerkt? Und trifft das auch für die andere Seite zu?
P. Samir: Ich halte die berühmte Rede von Papst Benedikt in Regensburg für einen sehr bedeutsamen Schritt im vergangenen Jahrzehnt.
Die erste Reaktion von Seiten der Muslime war sehr negativ. Viele Christen und Katholiken sagten, sie wäre ein Fehler gewesen. Nach einer Weile, als all dieser Lärm langsam verebbte, begannen die Muslime, die Rede zu überdenken. Auch die Christen begannen, sich selbst zu fragen, warum der Papst diesen Text aus dem 14. Jahrhundert zitiert hat.
Wir alle, Christen und Muslime, begannen, über das nachzudenken, was er wirklich in dieser Vorlesung gesagt hat. Da war ein einziger Satz, der nicht falsch, aber schwer zu erklären war - weil man dabei zurück in die Geschichte gehen muss -, aber die Vorlesung war acht Seiten lang.
Viele Menschen im Westen merkten dann, dass es in der Tat sehr positiv war, dass der Papst seinen Finger auf etwas sehr Wichtiges gelegt hatte. Der Glaube ist im Westen am Verschwinden. Die Vernunft ist von ihrer ursprünglichen griechischen spirituellen Bedeutung abgetrennt. Die Menschen glauben, dass etwas, was man nicht physikalisch beweisen kann, nicht existiert. Jetzt sind die Menschen dabei zu beginnen, von Neuem über den Glauben nachzudenken.
In der muslimischen Welt geschah das Gleiche. 138 Personen, angeführt von Prinz al-Ghazi von Jordanien, unterschrieben einen sehr positiven Brief als Antwort auf Regensburg, den inzwischen 300 Personen unterschrieben haben. Sie erklären darin, dass der Islam und das Christentum ein gemeinsames doppeltes Prinzip haben: die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten.
Zwei Jahre später, im November 2008, hatten wir in Rom ein Treffen mit 30 muslimischen und 30 katholischen Repräsentanten, das zum Ziel hatte, die Themen, die in der Regensburger Rede angeschnitten worden waren, zu diskutieren. Wir hatten eine wunderbare Diskussion. Sie war nicht immer leicht, aber sehr tiefschürfend und aufgeschlossen, wobei ein jeder sich große Mühe gab, dem anderen zuzuhören.
Am letzten Tag hatten wir eine gemeinsame Erklärung zu schreiben. Wir kamen an einen Punkt, an dem es unmöglich war, weiter zu kommen. Der Widerstreit war sehr stark, es ging dabei um die Gewissensfreiheit. Kurz vor dem Ende der Tagung, bevor wir zum Treffen mit dem Papst gingen, sagte Kardinal Tauran, der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog: „Leider muss ich etwas sehr Trauriges bekannt geben: Wir konnten keine Einigung erzielen." Aber eine Minute später kam der Großmufti von Sarajevo, Imam Mustafa Ceric, der Sprecher der muslimischen Gruppe, und sagte: „Ich habe eine gute Nachricht für Sie: Wir haben uns über Punkt fünf über die Gewissensfreiheit geeinigt." Man habe den Punkt Gewissensfreiheit in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gefunden, und sie sei von den meisten muslimischen Ländern unterzeichnet worden. So bestand für die Vertreter der Muslime kein Grund mehr, jetzt diese Anerkennung der Gewissensfreiheit zu verweigern. Zwei Tage lang machten wir kleine Schritte, und am dritten Tag fanden wir etwas, worüber wir uns einigen konnten.
Wir haben beschlossen, alle zwei Jahre ein solches Treffen zu veranstalten, das abwechselnd von den Muslimen und von den Katholiken ausgerichtet werden soll. Das ist eine Antwort auf Regensburg, und zwar eine sehr positive.
ZENIT: Was sind die erfolgreichsten Methoden zur Förderung des Friedens und der Verständigungsbereitschaft zwischen Christen und Muslimen?
P. Samir: Ich als Christ weiß, dass die Muslime von Gott geliebt sind. Gott liebt sie. Das ist sehr wichtig. Sie sind nicht Feinde und nicht Fremde. Sie sind - als aufrichtig Glaubende - Angehörige unserer Familie.
Muslime sind von Natur religiöse Menschen, weil ein guter Moslem in seinem Leben in der Regel Gott über alles andere stellt. Dasselbe sollte für die Christen gelten, aber ich muss eingestehen, dass die Christen im Westen oft Gott nicht über alles andere stellen.
Wenn ich irgendeine Begegnung mit einem Moslem habe, weiß ich, dass wir uns einig sind, wenn wir auf etwas Religiöses in seinem oder meinem Leben zu sprechen kommen. Wir werden über Werte miteinander übereinstimmen, weil wir sagen: Diese kommen von Gott.
Ich weiß, dass wir alle Brüder sind. Das ist keine bloße Behauptung. Es ist wirklich so! Wir sind wirklich Brüder. Wir alle stammen von Adam ab. Die Sendung des Islam ist es, den einzigen Gott anzubeten, und die Muslime denken, dass sie diese Sendung, die mit Abraham ihren Anfang nahm, durch die Vermittlung der Propheten Moses und Christus erfüllen - und dass der Islam diese Erfüllung ist.
Für mich als Christ ist klar, dass die Erfüllung in Christus liegt, weil er das Wort Gottes ist. Nachdem Gott sein Wort gesandt hat, kann er nicht ein anderes Wort, den Koran, senden, um sein früheres Wort, Christus, zu korrigieren oder zu erfüllen.
Ich stimme mit den Muslimen nicht darin überein, dass der Koran das endgültige Wort Gottes und dass Mohammed das „Siegel" der Propheten ist. Für mich ist das Siegel Christus und das Evangelium. Hier stimmen wir nicht miteinander überein, aber diese Uneinigkeit bedeutet, dass wir beide, ein Muslim und ich, die Vollkommenheit Gottes suchen. Das ist nicht schlecht.
Darin liegt keine Unvereinbarkeit, allerdings mit einer Einschränkung: Ich bin überzeugt, dass die Vollkommenheit und das Erreichen der Vollkommenheit im Evangelium zu finden ist, aber ich bin auch überzeugt, dass ein Moslem dasselbe Ziel und denselben Gott sucht. In der Religion fördert tiefer Glaube den Frieden zwischen den Menschen. Dieser Glaube begünstigt nicht Exklusivität.
Ich frage mich: „Warum verbreiten sich die Muslime so sehr, warum nehmen sie in den westlichen Ländern zu? Warum gibt es in Europa 15 Millionen Muslime? Wäre es besser, wenn wir dort überhaupt keine Muslime hätten?" Die Tatsache, dass es in Nordamerika und Europa Muslime gibt, bedeutet, dass sie meine Nächsten sind. Sie können eine Bibel finden und sie aufschlagen und Jesus Christus finden. Sie können eine Kirche betreten, sie können mit uns am Gebet teilnehmen. Tragisch ist es, wenn sie nicht den echten Christen finden, der ihnen da hilft.
In der Vergangenheit fuhren wir über den Ozean, um Muslime zu bekehren, und vielleicht war das fast unmöglich. Jetzt ist der Moslem in meinem Land, er ist mein Nachbar - und wir tun nichts! Das finde ich jammerschade. Nach all den Jahrhunderte andauernder Anstrengungen, die Muslime zu erreichen, hat uns Gott Muslime geschickt, für die wir ein offenes Haus haben sollten, und wir verpassen die Gelegenheit, mit ihnen die schönste Wahrheit zu teilen, die wir haben: Christus und das Evangelium.
Die Anwesenheit von Muslimen im Westen ist der größte Segen, den wir uns erhoffen könnten. Die Frage ist nur, ob wir unser Herz öffnen und sie als unsere Brüder empfangen wollen.
Ich habe einen Sendungsauftrag ihnen gegenüber, und sie glauben, dass sie eine Sendung mir gegenüber haben. Sie kennen den Jesus des Korans, und ich muss ihnen den Jesus des Evangeliums zeigen. Das ist unser Auftrag. Er ist etwas Wunderbares und sollte uns mehr Hoffnung geben als irgendetwas anderes.
Alles ist von der Vorsehung Gottes gefügt. Eine so große Bewegung von Muslimen in der Welt kann nicht rein ökonomische Gründe haben. Es ist Gott, der sie sendet. Vielleicht ist das der beste Weg für sie, das wahre Bild Gottes zu entdecken - zu entdecken, dass Gott die Liebe ist. Unsere Sendung ist es zu bezeugen, dass Gott die Liebe, dass er reine Liebe ist.
[Das Interview führte Annamarie Adkins]
















