ROM, 20. November 2009 (ZENIT.org).- Nicht einfach „die Kirche”, wohl aber viele ihrer Repräsentanten erweisen sich da bei kritischem Zusehen auf ihre Weise als Opfer der gleichen geistigen Fehlentwicklungen, die auch die Kunst geschädigt haben: Emanzipation und Individualismus.
Auch in der Kirche selbst fehlt es weithin an wesentlichen Vorbedingungen für ein neues Zueinanderfinden von Kunst und Kult. Es gab Künstler wie zum Beispiel den österreichischen Bildhauer Walter Pichler, die es ablehnten für die Kirche zu arbeiten. Von der Kirche meinte er, ihre ästhetische Erscheinungsform sei ein getreues Abbild des inneren Zustands der Kirche. Gerade für einen Geist, der auch der sinnlichen Vermittlung bedürfe, sei die zeitgenössische Kirche ein ästhetischer Graus. Ihre Räume seien meist vollgestopft mit minderwertigem Zeug; die Musik gebe sich pseudomodern, indem sie den Moden von gestern nachjage und das dazu noch schlecht. Die Liturgie sei fad, langweilig und ausdrucksschwach und die Pfarrer liefen in grauenhaften Fetzen herum. Der anbiedernde Predigtton der Pfarrer in furchtbar gewollt-fortschrittlichem Umgangssprache zeuge von einer ahnungslosen Harmlosigkeit, die schlicht unerträglich sei.
Nun, dies sind zweifellos überspitzte, gewiß aufs Ganze gesehen nicht immer gerechte Formulierungen – aber: einfach nur zu widersprechen – wer könnte das wagen? Es geschieht auf diesem Gebiet zuviel Unentschuldbares, als dass wir dieser Kritik des Künstlers die Berechtigung absprechen dürften.Es kann durchaus eine „Pathologie der Liturgie“ diagnostiziert werden, die einer mangelnden Ordnung entspringt. Schlampigkeit und Verwahrlosung präsentieren sich gern als Ausdruck der „Eigentlichkeit“ und als „Kreativität“, die, wie der Heilige Vater Benedikt XVI. in seinem Begleitbrief zum Motu proprio Summorum Pontificum bedauert, „zu kaum erträglichen Entstellungen der Liturgie führte“. Was bleibt, ist oft nur das „körperlose Wort“. Das wahrhaft Sinnliche des Geistes vergeht in und mit seiner Welt, es wird auf dem Altar der Sinnesarmut und der Weltlosigkeit aufgeopfert.
Peinlich und gefährlich wird es nun, wenn dieses zu Recht beklagte Defizit an Kunst in Kirche und Kult auch noch theologisch gerechtfertigt werden soll. An solchen sehr populären Versuchen fehlt es nicht!
Rückfall in vorchristliches Heidentum befürchtet man da, und fordert im Gegensatz zur Sinnenfreude in der Liturgie eine „Anbetung im Geist und in der Wahrheit”. Eine solche Forderung verfehlt jedoch die geist-leibliche Verfaßtheit des Menschen. Geist und Wahrheit sind der Weg und das Ziel, gewiß. Aber weder Geist noch Wahrheit bedeuten bloßer Gedanken blutleere Blässe.
Auch der Verweis auf die Armut des Kindes in der Krippe und die Blöße des Gekreuzigten verfängt nicht als Argument gegen Kunst im Kult. Ein Karfreitag ohne Ostern verlöre sich nämlich in reiner Endlichkeit. Und, Jesus selber hat sich die verschwenderische Verehrung der Büßerin gefallen lassen. Die Kritik des Judas, man hätte mit dem Geld, das das Nardenöl gekostet hat, die Armen speisen können, hat der Herr mit der Bemerkung abgetan: Laßt sie, Arme habt ihr immer bei euch, mich habt ihr nicht immer.
Wie oft werden auch Glanz und Schönheit im Gottesdienst und Kirchenbau als kirchlicher „Triumphalismus“ denunziert. Aber: Hat denn Christus nicht über Sünde und Tod triumphiert? Darf die Kirche diese Siegesbotschaft jemals verschweigen? Muß sie ihr nicht auch durch alle Künste Ausdruck verleihen?
Die Beschränkung auf ein Pathos des Unvollkommenen, Häßlichen, gar Peinlichen wird auf der einen Seite dem Heilswerk, den Großtaten Gottes nicht gerecht; auf der anderen bringt es diese Selbstbeschränkung mit sich, dass auf die Natur des Menschen verfehlt wird. Der Mensch ist nun einmal „Geist in Leib”, nicht nur Geist in Kopf! Intellektualismus und Soziologismus, die ihren unheilvollen Einfluß bis in Liturgie hinein auszudehnen vermochten, und dort Kitsch und Trivialität hervorbringen, sind ebenso kunst- wie kultfeindlich. Deshalb sind sie auch menschenfeindlich. Die Sinne des Menschen hungern und dürsten nun einmal nach Schönheit. Werden sie in der Kirche nicht gesättigt, suchen sie sich ihre Nahrung anderswo. Die Auswanderung aus den Kirchen in die Konzertsäle und Museen hat hierin eine besonders virulente Ursache. Davon abgesehen endet eine solche Auswanderung namentlich bei der Jugend oft genug in der religiösen Subkultur, die dann ihr geistiges Zerstörungswerk im Menschen beginnt, wie das wuchernde Sektenwesen zur Genüge beweist.
Es kann keinem Zweifel unterliegen: Was durch die Sinne in den Menschen eindringt, bringt in ihm seine Wirkungen hervor. Häßlichkeit und Trivialität machen auf die Dauer seelisch krank, Schönheit kann heilen. Bernhard von Clairvaux sagt: „Verharrt nicht in Unwissenheit gegenüber dem Schönen, sonst wird euch die Häßlichkeit überwältigen”, denn: „Das Schöne wird die Welt retten!” (Dostojewski).
„Die Kirche braucht die Kunst!” Johannes Paul II. mahnte einst die Notwendigkeit der Kunst für Glaubensleben und Liturgie nachdrücklich an. Die Kunst ist autonom, die hat ihre eigenen Gesetze. Das kann freilich nicht bedeuten, dass sie ihre Herkunft aus dem Kult auf die Dauer aus ihrem Bewußtsein verdrängen kann, ohne in eine tiefe Identitätskrise zu geraten.
So erklärte Papst Benedikt XVI. zur nötigen Neubesinnung gerade im Bereich der Kirchenmusik: „Ein echtes ‚Aggiornamento’ der Kirchenmusik kann nur auf den Spuren der großen Tradition der Vergangenheit, des Gregorianischen Gesangs und der polyphonen Kirchenmusik stattfinden. Aus diesem Grund hat die kirchliche Gemeinschaft – sowohl im Bereich der Musik als auch in den anderen Kunstformen – stets diejenigen gefördert und unterstützt, die neue Wege des künstlerischen Ausdrucks suchen, ohne dabei der Vergangenheit, der Geschichte des menschlichen Geistes, die auch die Geschichte seines Dialogs mit Gott ist, eine Absage zu erteilen“ (24.6.2006, Ansprache nach dem Konzert der Stiftung „Domenico Bartolucci“).
Aufgabe der kirchlichen Autorität ist es, fordert der Heilige Vater, sich dafür einzusetzen, der Entfaltung und Entwicklung eines so anspruchsvollen musikalischen Genus die der Musica Sacra weise zu leiten und nicht deren Schatz „einzufrieren“. Vielmehr müsse versucht werden, „die anerkennenswerten Neuheiten der Gegenwart in das Erbe der Vergangenheit einzufügen, um zu einer Synthese zu gelangen, die der ihr vorbehaltenen hohen Sendung im göttlichen Dienst entspricht“ (13.10.2007, Ansprache während des Besuchs beim Päpstlichen Institut für Musica Sacra).
Eine Kunst, die zu ihrer Herkunft steht, und in schöpferischer Neuentdeckung zu ihren Quellgründen zurückfindet, wird wieder jenen Platz in Kirche und Liturgie einnehmen, der ihr in allen ihren Zweigen zukommt. Dies geht freilich nicht, ohne einen Appell an Klerus und Kirchenvolk. Das II. Vatikanische Konzil mahne in der Konstitution zur Liturgie Sacrosanctum concilium: „Die Kleriker sollen (...) auch über Geschichte und Entwicklung der sakralen Kunst unterrichtet werden, wie auch über die gesunden Grundsätze, auf die sich die Werke der sakralen Kunst stützen müssen. So sollen sie die ehrwürdigen Denkmäler der Kirche schätzen und bewahren lernen und den Künstlern bei der Schaffung ihrer Werke passende Ratschläge erteilen können” (Nr. 129). Dieser „Geist des Konzils” harrt immer noch seiner Verwirklichung entgegen.
Das Konzil lehrt: „Zu den vornehmsten Betätigungen der schöpferischen Veranlagung des Menschen zählen mit gutem Recht die schönen Künste, insbesondere die religiöse Kunst und ihre höchste Form, die sakrale Kunst. Vom Wesen her sind sie ausgerichtet auf die unendliche Schönheit Gottes, die in menschlichen Werken zum Ausdruck kommen soll, und sie sind um so mehr Gott, seinem Lob und seiner Herrlichkeit geweiht, als durch ihre Werke den Sinn der Menschen in heiliger Verehrung auf Gott zu wenden. Darum war die lebensspendende Mutter Kirche immer eine Freundin der schönen Künste. Unablässig hat sie deren edlen Dienst gesucht (...) vor allem damit die Dinge, die zur heiligen Liturgie gehören, wahrhaft würdig seien, geziemend und schön: Zeichen und Symbol überirdischer Wirklichkeiten” (ebd. Nr. 122).
Vor dem Hintergrund dieses Konzilstextes wird eines klar: Soll es zu einer Wiederbegegnung von Kunst und Kirche kommen, müssen beide, die Kirche wie die Kunst, jene Identitätskrise überwinden, in die sie durch die geistesgeschichtliche Entwicklung der Neuzeit geraten sind.
Nur eine auf die klassischen Positionen des abendländisch-christlichen Denkens zurückgreifende Neubesinnung vermag eine Neugeburt der Künste ebenso wie eine Neubelebung des Kultes im Raum der Kirche einzuleiten.
















