ROM, 19. November 2009 (ZENIT.org).- Am Weltbevölkerungsbericht 2009, der am Mittwoch der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt wurde, wird Kritik laut. Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg widerspricht der darin enthaltenden Schlussfolgerung, das Bevölkerungswachstum zerstöre das Weltklima. „Die Behauptung ist schlicht irreführend, denn in den Ländern, in denen die Bevölkerung wächst, beträgt der Pro-Kopf-Ausstoß der klimaschädlichen Gase nur ein Zehntel des Pro-Kopf-Ausstoss in den Industrieländern“, sagt Birg im Gespräch mit ZENIT. Er wendet sich auch gegen den Begriff der reproduktiven Gesundheit, den er für ideologisch besetzt hält.
Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen warnt in dem Bericht vor den Auswirkungen eines starken Bevölkerungswachstums auf das Weltklima, bedingt durch einen raschen Anstieg von Treibhausgasemissionen. Nach Einschätzung von Experten, die der Bericht zitiert, würden bei einem Anstieg der Weltbevölkerung bis 2050 auf nur acht Milliarden anstelle der bislang projizierten neun Milliarden Menschen etwa ein bis zwei Milliarden Tonnen weniger Kohlendioxid (CO2) freigesetzt.
„Hier zeigt sich, wie wichtig nachhaltige Investitionen in Gesundheit, vor allem reproduktive Gesundheit und Familienplanung, sind“, sagt die Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) Renate Bähr, die den Bericht gemeinsam mit UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Berlin vorstellte. Der Bevölkerungswissenschaftler Birg widerspricht dem Bild von der stetig wachsenden Menschheitsfamilie. Das jahrtausendelange Weltbevölkerungswachstum ginge im 22. Jahrhundert zu Ende. Die Kinderzahl pro Frau habe im Durchschnitt der Weltbevölkerung stark abgenommen, von fünf Kindern im Jahr 1960 auf ungefähr 2, 6 heute.
„Etwa im Jahr 2070 wird das Weltbevölkerungswachstum in Stagnation und Schrumpfung übergehen“, prognostiziert Birg. Mit dem aber noch anhaltenden Bevölkerungswachstum nehmen Birg zufolge nicht zwangsläufig Hunger und Katastrophen sowie Krankheiten zu, wie behauptet wird. „Das muss nicht der Fall sein. Das hängt in erster Linie von der Qualität der Regierungen und dem Willen der Menschen ab und nicht davon, wie viel Menschen leben“, sagt der Bevölkerungsforscher.
Von Agrarwissenschaftlern etwa sei schon längst bestätigt worden, dass die Umstellung der Ernährung von tierischem Eiweiß auf pflanzliche Nahrungsmittel bedeute, dass man das siebenfache der heutigen Weltbevölkerung ernähren könnte. „All das liegt doch in der Macht des Menschen, es zu tun oder zu lassen.“ Birg rät dazu, das Handeln der Menschen nicht als ein Naturgesetz anzusehen.
Ob die Menschen in ihrem alltäglichen Handeln humanitären Zielen gerecht werden, hänge letztlich alles zentral von der Kultur ab. „Ob man mitfühlt mit anderen, denen es nicht so gut geht, ist eine kulturelle Frage. Ob man sein Handeln dann danach entsprechend ausrichtet, ist ebenfalls eine kulturelle Frage“, sagt der Bevölkerungswissenschaftler. Durch Einsicht, etwa in die Notwendigkeit, unsere Volkswirtschaften nach dem Vorbild der Natur in Kreislaufwirtschaften umzubauen, ließen sich Fehlentwicklungen vermeiden. All das käme bei den Debatten um Bevölkerungsprobleme viel zu kurz.
















