ZG09112007 - 20.11.2009
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Waffenloser Dienst für den Weltfrieden


Erzbischof Karl-Josef Rauber: Diplomatische Beziehungen des Heiligen Stuhls sind unverzichtbar für den Missionsauftrag der Kirche


Von Regina Einig

WÜRZBURG, 20. November 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Geschmeidiges Verhandeln und ein Hauch Polit-Glamour kennzeichnen das öffentliche Bild des diplomatischen Dienstes. Die Wirklichkeit sieht vor allem Apostolischen Nuntiaturen eher unspektakulär aus: Eine ihrer traditionellen Aufgaben, die Vermittlung von Nachrichten aus dem Gastland an ihren Dienstherrn, haben heute die Medien teilweise übernommen. In diesem Punkt teilen Nuntiaturen das Los aller Botschaften. Nicht delegierbar bleibt die professionelle Verantwortung, mit der die Delegaten des Papstes Interessen des Heiligen Stuhles wahrnehmen sollen.

Für die Ausarbeitung von Verträgen und Konkordaten mit den jeweiligen Regierungen unter Miteinbeziehung der Ortskirchen ist nach wie vor die Kunst des geduldigen und klugen Verhandeln angesagt. Jedenfalls haben sowohl die Feierlichkeiten anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls als auch der Papstbesuch in Tschechien ein Streiflicht auf die Mühen der Ebene geworfen, die in der Regel personell übersichtlich ausgestattete diplomatische Vertretungen des Heiligen Stuhls zu bewältigen hatten. Seit der Wende bemühen sie sich gemeinsam mit den katholischen Ortskirchen in den mittel- und osteuropäischen Ländern des ehemaligen Ostblocks um eine Neudefinition des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche und die Rückgabe kirchlichen Eigentums.


Auch wenn die Mission der päpstlichen Diplomaten nicht frei von Rückschlägen ist – man denke nur an die gescheiterten Bemühungen des Gesandten Johannes Pauls II. in den Vereinigten Staaten, um den Irak-Krieg zu verhindern – liegen die Vorteile eines von der Ortskirche unabhängigen Delegaten des Heiligen Stuhls auf der Hand: Der diplomatische Status schützt ihn vor der Willkür staatlicher Organe und eröffnet Möglichkeiten, im Interesse der Ortskirche zu intervenieren. Andere theoretisch denkbare Lösungen wie die Ernennung des Vorsitzenden der Bischofskonferenz zum Vertreter des Papstes im Land böten keinen vergleichbaren Spielraum. Vermutlich ist das auch ein Grund dafür, dass kommunistische Länder wie China und Nordkorea sich abschotten: Mit beiden Ländern unterhält der Heilige Stuhl bisher keine diplomatischen Beziehungen, da Peking und Pjöngjang keinen Apostolischen Delegaten akzeptieren.

Reicht es, „nur“ Kirche zu sein?

In Frage gestellt worden ist der diplomatische Dienst des Heiligen Stuhls vor allem während des II. Vaticanums: Nicht wenige Konzilsväter verwiesen auf die orthodoxen Patriarchalkirchen und evangelischen Landeskirchen, die keine internationalen Beziehungen unterhalten. Bis heute monieren kritische Stimmen, die katholische Kirche handele sich mit ihrer Präsenz auf der weltpolitischen Bühne ein mondänes Image ein. Nicht nur unter Befreiungstheologen gibt es Vorbehalte: Priester und Bischöfe sollen nicht antichambrieren, sondern auf den Kanzeln das Wort Gottes verkünden und die Sache der Armen vertreten, argumentieren Gegner der päpstlichen Diplomatie. Setzten sie sich durch, ginge allerdings kein Champagnerkelch an der Kirche vorüber, sondern vor allem ein pastorales Feld und damit auch eine Facette des Heilsauftrags der Kirche. Der selige Johannes XXIII., der selbst jahrelang als Apostolischer Nuntius wirkte, definierte diese Aufgabe schlicht als seelsorgliche Verpflichtung. Es ist daher kein überflüssiger Luxus, dass der Heilige Stuhl heute diplomatische Beziehungen mit 177 Staaten und internationalen Organisationen unterhält, auch wenn Anträge seiner Vertreter bei Internationalen Konferenzen häufig nicht angenommen worden sind.

Wie eng der missionarische Auftrag der katholischen Kirche mit den Aufgaben päpstlicher Diplomaten verzahnt ist, machte Erzbischof Karl-Josef Rauber am Dienstag in Nürnberg deutlich. Der ehemalige Nuntius in Belgien und Luxemburg, Ungarn und Moldawien, der Schweiz und Liechtenstein, rückte auch ökumenische Gesichtspunkte des diplomatischen Dienstes eines Staates ohne eigene wirtschaftliche und militärische Interessen ins Blickfeld. Gerade durch ihre internationalen Beziehungen könne die katholische Kirche Einfluss auf Probleme nehmen, deren Lösung auch Christen anderer Konfessionen zugute komme. „Als Nuntius habe ich bei meinen Gesprächen mit den Regierungen nicht selten auch die Anliegen der Schwesterkirchen vorgetragen“, unterstrich Rauber. Es sei zwar „richtig, dass die katholische Kirche und der Heilige Stuhl vor allem ihren geistlichen Charakter wahren, das von Jesus Christus vorgegebene Ziel im Auge behalten und sich der Armen und Entrechteten annehmen“. Das eine schließe das andere jedoch nicht aus. Das verdeutlichte vor allem die Beschreibung des Erzbischofs seiner Tätigkeit als bevollmächtigter Geschäftsträger und Pro-Nuntius in Uganda. Neben Interventionen zur Wahrung der Menschenrechte besuchte er in jedem Jahr zweimal jede Diözese. Vor allem in den Krisengebieten des Landes brauchten die Bischöfe, die sich teilweise versteckt hielten, Ermutigung, um sich wieder ihren Aufgaben in der Seelsorge zu widmen.

Durch die diplomatischen Beziehungen sei es der katholischen Kirche und dem Heiligen Stuhl möglich, sich in Fragen, die den Frieden, die Menschenrechte, Soziales und Caritas betreffen, bei den Regierungen und internationalen Organisationen Gehör zu verschaffen, so der Erzbischof. Als Dienst für die Einheit, den Frieden, die Gerechtigkeit und den Fortschritt sei der diplomatische Dienst des Heiligen Stuhls zu verstehen und ein Werkzeug des päpstlichen Hirtenamtes für Kriegsopfer, Hungernde, Ausgebeutete und Heimatvertriebene also – und kein „die Krallen der Macht verbergender Samthandschuh“. So gelang es dem Vertreter des Heiligen Stuhls, bei der UN-Konferenz über Umwelt- und Entwicklungsprobleme 1992 in Rio de Janeiro den Antrag einzubringen, demzufolge in die Schlusserklärung der Grundsatz aufgenommen wurde, dass die menschliche Person im Mittelpunkt aller Überlegungen über die Durchführung der Entwicklungsprogramme stehen müsse und dass sie zu einem gesunden und produktiven Leben im Einklang mit der Natur berechtigt sei. Das Prinzip der Anerkennung der Würde der menschlichen Person wurde vom Heiligen Stuhl auch bei nachfolgenden Konferenzen vertreten und damit zum wesentlichen Ausgangspunkt für das rechte Verständnis für Entwicklungshilfe.

Als konkretes Beispiel eines fruchtbaren Friedensdienstes des Heiligen Stuhls nannte Rauber die Beilegung des Grenzkonfliktes zwischen Argentinien und Chile durch den Vertrag von 1984: Auf ausdrücklichen Wunsch beider Staaten vermittelte der Heilige Stuhl damals erfolgreich in den jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Staaten über die Südgrenze.

„Reisegefährten der Nationen“

Nicht alle Interventionen verlaufen so erfolgreich: In jüngster Zeit hat der der „Fall Williamson“ mediale Aufregung um die Nuntiatur in Schweden verursacht. Zur skeptischen Einschätzung der Zusammenarbeit zwischen Ortskirche, Nuntiatur und dem Heiligen Stuhl trug vor allem eine Erklärung des Bistums Stockholm bei, derzufolge Bischof Arborelius Anderson den Apostolischen Nuntius in Schweden umgehend über das umstrittene Interview, in dem Williamson den Holocaust leugnete, informiert habe.

Ohne auf diesen Einzelfall einzugehen zeichnete Rauber ein differenziertes Bild der Kommunikationsabläufe zwischen Nuntiaturen und Vatikanbehörden: Durch die modernen Kommunikationsmittel seien die Kontinente in den vergangenen Jahren nähergerückt und die Kontakte zwischen Rom und den Ortsbischöfen vielfältiger und unmittelbarer geworden. Bischöfe könnten Informationen den vatikanischen Behörden aus erster Hand geben und seien nicht mehr auf den Weg über die Nuntiatur angewiesen. Andererseits ließ Rauber keinen Zweifel daran, dass Verbesserungen möglich sind: „Die Pontificia Accademia Ecclesiastica (Päpstliche Diplomatenakademie, A.d.R.) in Rom ist in ihrem Ausbildungsprogramm leider noch nicht auf der Höhe staatlicher Diplomatenschulen.“ Der päpstlichen Diplomatie werde jedoch als der ältesten auf der internationalen Ebene eine gewisse Sonderstellung eingeräumt. Glaubwürdigkeit sei der Schlüssel zum Erfolg der päpstlichen Diplomaten, so der Erzbischof und zitierte Kardinalstaatssekretär Casaroli, der in päpstlichen Diplomaten „Reisegefährten der Nationen“ gesehen hatte. „Daher ist das Wesentliche, worauf es im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls ankommt, nicht Selbstverwirklichung oder Karriere, sondern selbstloser Einsatz für die Kirche und für alle Menschen“, so der Erzbischof. Und bilanzierte verschmitzt: „Diplomatie ist die Kunst, aufzustampfen ohne jemand auf die Füße zu treten beziehungsweise den Hund so lange zu streicheln, bis der Maulkorb fertig ist“.

[© Die Tagespost vom 14.11.2009]

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