ZG09112101 - 21.11.2009
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Bischof Paul Hinder: Viele Muslime schauen bewundernd auf den Westen


„Notorischer Hass ist eine Legende"


ABU DHABI, 21. November 2009 (ZENIT.org).- Der Kapuziner-Bischof Paul Hinder, Arabien, nimmt in einem Interview mit seiner Ostschweizer Heimatzeitung Stellung zu den Beziehungen Christen und Muslimen. Über Minarette sagt er: „Minarette wurden übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit von der kirchlichen Architektur übernommen. Daraus ‚Speerspitzen’ und ‚Raketen’ zu machen, mag ein Gag sein. Etwa so wie wenn man dem Papst einen Kirchturm mit Kreuz in die Hand gibt, der ihm als Prellbock zur Eroberung der Welt dient. Weder das eine noch das andere zeugt von großer Intelligenz, wohl aber von einem guten Quantum Ignoranz, wenn nicht gar Bosheit".

Bischof Paul Hinder lebt und wirkt als Apostolischer Vikar in Abu Dhabi. In seiner schweizer Heimat , im Thurgau gilt er als Brückenbauer. „Niemand kann momentan die Kluft zwischen orientalischer und okzidentaler Welt besser überbrücken", urteilt die Wiler die Lokalpresse. Seit dem 19. Jahrhundert stammt der Bischof in Arabien jeweils aus dem Kapuzinerorden. Bischof Paul Hinder, geboren 1942, ist im Schweizer Stehrenberg aufgewachsen. 1962 trat er dem Kapuzinerorden bei, 1967 erhielt er die Priesterweihe. 1994 folgte die Berufung in die oberste Ordensleitung mit Sitz in Rom. Im Dezember 2003 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof und im März 2005 zum Apostolischen Vikar in Arabien. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist Bischof Paul Hinder zuständig für zwei Millionen Katholiken. Er koordiniert die Arbeit von 60 Priestern, die ihn in der Seelsorge und in Betreuung unterstützen.

Wie gross sind bei Ihnen die Einschränkungen für Christen respektive was dürfen sie, was nicht?

--Bischof Paul Hinder: Ich bin wohnhaft in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate, als Bischof aber zuständig in fünf weiteren Ländern: Bahrein, Katar, Oman, Saudi Arabien und Jemen. Völlige Religions- und Kultusfreiheit gibt es in keinem dieser Länder. Hingegen haben wir in allen Ländern, ausser in Saudi Arabien, Kirchen, in denen die Christen frei ihren Gottesdienst feiern können. Hier dominiert die Furcht vor «schleichender Islamisierung».

Besteht tatsächlich diese Gefahr?

--Bischof Paul Hinder: Ich bin kein Prophet. Es ist aber eine Tatsache, dass sich im Moment der Islam auf dem Vormarsch befindet, auch in Europa. Der Hauptgrund dafür ist die heutige Migration aus Ländern mit Geburtenüberschuss in solche mit rückläufiger einheimischer Bevölkerung.

Wie stehen Sie zum Vorurteil „Notorischer Hass der Muslime auf den Westen“?

--Bischof Paul Hinder: Der «notorische Hass der Muslime auf den Westen» ist eine politisch instrumentalisierte Legende. Viele Muslime schauen nach wie vor bewundernd auf viele Errungenschaften des Westens und möchten diese in ihren eigenen Ländern verwirklicht sehen, etwa Menschenrechte oder Demokratie. Hingegen stimmt es, dass die arrogante Dominanz der Kolonialmächte in früherer Zeit bis heute blutende Wunden hinterlassen haben. Seit der Westen den «Krieg gegen den Terror» lancierte, hat in vielen islamischen Ländern angeblich ein Paradigmenwechsel stattgefunden, indem sich die Lage dortiger Christen verschlechterte. Die Lage hat sich nicht generell, sondern eher punktuell verschlechtert. Die stärkere Betonung der islamischen Identität seitens der herrschenden Regime ist die Folge einer schwachen Legitimation ihrer Macht.

Bezüglich anstehender Volksabstimmung: Werden Minarette analog muslimischer Doktrin als religiöse «Speerspitzen» gesehen oder basiert dies nur auf schlechten politischen Abstiinmungsstil?

--Bischof Paul Hinder: Theologisch gesehen sind Minarette bei einer Moschee genau so wenig eine Notwendigkeit wie der Turm einer Kirche. Kirchen wie Moscheen kannten in der Frühzeit keine Türme. Minarette wurden übrigens mit grosser Wahrscheinlichkeit von der kirchlichen Architektur übernommen. Daraus "Speerspitzen" und "Raketen" zu machen, mag ein Gag sein. Etwa so wie wenn man dem Papst einen Kirchturm mit Kreuz in die Hand gibt, der ihm als Prellbock zur Eroberung der Welt dient.

Weder das eine noch das andere zeugt von grosser Intelligenz, wohl aber von einem guten Quantum Ignoranz, wenn nicht gar Bosheit.

Gilt das Credo: "Kirchenglocken oder Muezzin - kein Unterschied"?

--Bischof Paul Hinder: Kirchenglocken und Muezzin haben eine gewisse Verwandtschaft, insofern beide die jeweiligen Gläubigen zum Gebet rufen.

Sie vertreten die Auffassung, wir dürften mit einem Minarett-Verbot fremde Religionsfreiheit nicht in Frage stellen, obwohl man dort die unsere stark beschneidet?

--Bischof Paul Hinder: Ja, genau das vertrete ich. Die Einschränkung der verfassungsmässig garantierten Grundrechte darf nur in äusserster Not und auf Zeit eingeschränkt werden. Nicht aber, um es «denen in Arabien» oder wo auch immer «zu zeigen». Trifft also eine Kultur der Einschüchterung auf eine hiesige Kultur der Feigheit? Ich würde eher sagen: In beiden Räumen, im Orient so gut wie im Okzident, gibt es zeitgleich die Kultur der Einschüchterung und die Kultur der Feigheit. So kennen wir im Westen die Einschüchterung zum Beispiel durch die Minarett- Initiative und die Feigheit, wenn religiöses Bekenntnis sich in der Öffentlichkeit zeigen will.

Das Interview führte Charly Pichler

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