ZG09120106 - 01.12.2009
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Lebendiger Spiegel der Einheit der Kirche


Auch vermeintliche Stolpersteine können das Tor zu einer tieferen Liebe zur Bibel sein: Überlegungen zur Bedeutung der Heiligen Schrift im Leben des Priesters


Von Klaus Berger

 

WÜRZBURG, 1. Dezember 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Für die jungen Männer der Jahrgänge 1936–1953, die Theologie studierten und Priester werden wollten, war es klar und ganz selbstverständlich, dass Heilige Schrift, textgemäßes Predigen und schriftgemäße Theologie zentrale Bedeutung hatten. Mit Exegeten von großer Ausstrahlung wie Heinrich Schlier konnte man mühelos das eine ums andere Mal die Räume der Katholischen Akademie Bayerns in München füllen. Denn Bibel und Exegese waren heiße, begehrteste Ware. Und über die gemaßregelten Exegeten wie Paul Hoffman oder F. J. Schierse SJ konnte man sich nächtelang begeistern und ereifern. Es war einmal. Immerhin spiegelte das Zweite Vaticanum durch die betonte liturgische Ehrung und großzügige Ermunterung auch zum Studium etwa der „Gattungen“ noch die Begeisterung der Nachkriegsjahre wider. Dass man Professoren wie Paul Hoffmann den Weg über Bamberg hinaus versperrte und Josef Blank nach Saarbrücken „abschob“, war für viele ein Anfang vom Ende exegetischer Begeisterung, weil eine kalte Dusche.

 

An die Stelle der Begeisterung in der geschilderten „frühen Neuzeit“ ist mittlerweile ein betont sachliches Verhältnis junger Priester zur Schrift getreten. Dachte man früher öfter, die Heilige Schrift habe das Brevier in seiner Rolle als „Braut“ des Pfarrers abgelöst (obwohl ja auch das Brevier zu neunzig Prozent aus Heiliger Schrift besteht), so gibt das nüchterne Wort Benedikts XVI., die Bibel sei „Sekundärliteratur“ – nämlich im Verhältnis zur Offenbarung in Jesus Christus als Person – eher wieder, welche Schwierigkeiten für alle Theologen hier immer wieder aufs neue bestehen. Die Probe aufs Exempel: Bieten Sie in Ihrer Pfarrei „Bibelstunde“ oder „Bibelgesprächsrunde“ an. Es wird ein mäßiger Erfolg, und vor allem wird man die alten Gesichter der bekannten Aktivisten sehen.

Jedem Priester ist ein Neuanfang seiner Liebe zur Bibel nur zu wünschen. Und das könnte so aussehen: Die Schrift bleibt der direkteste und sicherste Weg zu Jesus Christus. Es gibt andere Wege zu Jesus, die hier nicht auszuschließen sind. Das Schwergewicht künftiger Rolle der Bibel in Leben und Praxis des Priesters wird weniger von philologischer Exegese und mehr von nicht-philologischer Auslegung bestimmt sein.

Was zunächst das Leben des Priesters selbst betrifft: Man kann lernen, die Schrift in das persönliche Gebet einzubeziehen. Wunderbar lernen kann man das zum Beispiel bei Wilhelm von St. Thierry, einem frühen Zisterzienser (zum Beispiel in seinen „Gebeten und Meditationen“). Aber es geht auch einfacher: Versuchen, einen Paulustext in ein Gebet umzusetzen, und zwar nicht in eine Vorlesung, die wir dem Herrgott halten, sondern in ein Gebet, das die Stichworte des Textes aufnimmt und sie im Herzen bewegt.

Höchst spannungsvolle Einheit

Zuallererst in der Liturgie ist die Bibel lebendig. Die Zuordnung der Bibel- und Messtexte zueinander und zur jeweiligen Gemeinde ist doch immer wieder eine höchst spannungsvolle Einheit. Sodann: Die großen Kirchenväter und –lehrer aller Jahrhunderte, besonders aber die des Ostens, haben eine Fülle von hymnischen oder „geistlichen“ Auslegungen zur Schrift geliefert, die noch immer mühelos begeistern können. So brachte zum Beispiel kürzlich ein evangelischer Pfarrer zum Thema Kreuzestheologie im Neuen Testament diesen Text von Rupert von Deutz mit: „Wir verehren das Kreuz als den Schutz des Glaubens, als den Beweis der Hoffnung, als Thron der Liebe, als das Aushängeschild der Barmherzigkeit, als den Beweis der Treue Gottes, als das Instrument der Gnade, als das Feldzeichen des Friedens. Wir verehren das Kreuz, das den Stolz vernichtete, den Neid zertrat, die Schuld aufhob und die Strafe ausglich. Das Kreuz Christi ist die Pforte des Himmels, der Schlüssel des Paradieses, der Sturz des Teufels, die Aufrichtung des Menschen, der Trost unseres Gefängnisses und der Preis für die Freiheit. Das Kreuz ist die Hoffnung der Patriarchen, die Verheißung der Propheten, der Triumph der Könige und das Ansehen der Priester. Das Kreuz klagt die Tyrannen an, beugt die Gewaltigen, erhebt die Bedrängten und ehrt die Armen.“

Und ferner: Musik, Literatur und Bildende Kunst haben eine ganze Kultur der Schriftauslegung zustande gebracht. Sodann: Die neutestamentlichen Apokryphen sind oft eine Brücke zur weiteren Auslegung eines Textes in Liturgie und Kunst. Sie sind kaum bekannt, aber viele Menschen sind sehr neugierig darauf. Und es gibt ein paar ganz einfache methodische Schritte, mit deren Hilfe man – auch ohne den Aufwand von Kommentaren oder fernen Bibliotheken in einem Pfarrhaus mitten im Land selbstständige Entdeckungen an Bibeltexten machen kann. Dazu gehören die Fragen nach Anfang und Ende eines Textes, nach wiederholten Leitwörtern (auch Synonymen) und Gegensätzen (auch gegensätzlichen Abschnitten), nach neu auftauchenden Personen und der Komposition der einzelnen Berichte. Dabei gilt: Nur das selbstständig Erarbeitete wird man behalten. Nur das überzeugt Wiedergegebene werden die Menschen wahrnehmen. Alles nur Angelesene oder Nachgeschwätzte wird vorbeirauschen. Die Menschen erwarten auch in dieser Hinsicht einen authentischen Umgang mit der Bibel. Das kann man einüben.

Es ist dabei nicht gut, im Augenblick missliebige Texte einfach beiseite zu lassen. Gerade die ungeliebten Texte tun der Kirche gut, da sie dann beweglicher wird. Beispiele sind jene Texte, die nie in den liturgischen Lesungen vorkommen. Wie zum Beispiel der „Aufhalter“ in 2 Thess 3, worauf neulich Kurt Anglet aufmerksam gemacht hat. Das gilt auch von allen Texten der Offenbarung des Johannes.

Es geht gewiss noch mehr um Liebe als um Bescheidwissen. Aber viele Menschen möchten vom Theologen solide informiert sein und lechzen geradezu danach. Überlassen wir die Bibelkunde nicht anerkannten Spinnern aus der neueren Romanliteratur („Sakrileg“). Doch andererseits ist nur Liebe und Begeisterung weiterzugeben. Oft sind vermeintliche Stolpersteine im Text das Tor dazu, die Bibel neu zu lieben.

Der Priester, der die Eucharistie feiert, teilt auch die Schrift aus. Erst wenn die Schriftauslegung des Priesters eine gewisse Qualität und auch eine gewisse Freiheit gegenüber dem Kleben am Buchstaben erlangt hat, kann beides wirklich zusammenkommen. Und zu einem einzigen Gestus verschmelzen, wie es im Idealfall geschieht.

Theologisch aber gilt: Wenn man annehmen darf, dass priesterliches Handeln in der Vergebung der Sünden und in der Feier der Eucharistie kulminiert, dann haben gerade diese Wirksamkeiten einen direkten Bezug zum Umgang mit der Heiligen Schrift. So sind die Speisungsberichte der Evangelien, in denen Jesus die Jünger zum Verteilen beauftragt, sowohl Hinweise auf die Eucharistie wie auch auf die schriftgemäße Lehre der Jünger; Mk 8, 20f zwingt nämlich dazu, die Zahl der übriggebliebenen Körbe auch symbolisch zu deuten. Ferner: Die Verkündigung des Evangeliums hat direkt mit Sündenvergebung zu tun: „Durch die Worte des Evangeliums mögen unsere Sünden getilgt werden“, lässt die Liturgie den sagen, der das Evangelium verkündet hat. Oder: In der Konsekration des Weines nennt der Priester den neuen und ewigen Bund, die Urkunde dieses Bundes aber ist die Schrift. Und wenn es zutrifft, dass der Priester in der Eucharistie die durch Christus begründete Einheit der Kirche feiert, dann ist die Schrift mit ihrem Zeugnis der sicherste Weg, der zu Christus, dem Ursprung der Einheit zurückführt, und zwar nicht nur intellektuell, sondern in der vollen Wahrheit des Bekenntnisses. Dabei ist die Schrift als Einheit in der Vielheit durchaus ein lebendiger Spiegel der Einheit der Kirche. Und wie Gott in der Eucharistie zu einem Stück Brot wird (und umgekehrt), so wird Gott im Wort der Schrift in menschlicher Sprache greifbar, kommt den Menschen bis ins Herz nahe. Unvorstellbare und unerhörte verborgene Nähe Gottes ist daher das gemeinsame Thema von Eucharistie und Schrift. Und in beiden Fällen gilt auch: So wie Jesus ganz Mensch und ganz Gott ist, ist die Bibel ganz Gotteswort und ganz Menschenwort, so ist auch in der Eucharistie ganz Brot oder Wein und gleichzeitig ganz und gar der Leib Christi gegenwärtig. Und zuletzt auch dieses: So wie der Priester die Einheit von Schrift und lebendigem Zeugnis darstellt, so ist er auch dazu aufgerufen, nicht nur bei der Eucharistie, sondern in seinem ganzen Leben direkt an Jesus zu erinnern – und zwar im biblischen Vollsinn dieses Wortes. Denn das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.

[© Die Tagespost vom 28.11.2009]


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