Angela Reddemann
ROM, 1. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Als das legendäre Buch von Elisabeth Moltmann-Wendel „Ein eigener Mensch werden - Frauen um Jesus“ vor dreißig Jahren im Gütersloher Taschenbuch Verlag Siebenstern erschien, eröffnete es für viele junge Christen und Christinnen einen neuen Zugang zu Jesus und seiner Beziehung zu Frauen. Mitten in die Auseinandersetzungen um die Rolle der Frau in der Bibel und den Kirchen hinein, gab allein schon der Titel eine neue Perspektive vor: „Frauen um Jesus“. Jesus und sein Reich, sein Heilsangebot und die Kommunikation seiner guten Nachricht besonders für Frauen in den Evangelien, in der frühen Kirche und in der kunstgeschichtlichen Rezeption, sind Mittelpunkt der Überlegungen.
Wenn wir jetzt, dreißig Jahre später, den prächtigen Band von Elisabeth Moltmann Wendel: Frauen um Jesus in Händen halten, den der Gütersloher Verlag aufwendig gestaltet hat, liegt eine jahrzehntelange Suchbewegung von Frauen dazwischen, mit Jesus zu gehen, sich von ihm berühren und heilen zu lassen und ihm ähnlicher zu werden. Frauen fühlen sich ermächtigt, als Glieder der einen Kirche ihren angestammten Platz einzunehmen, um den ganzen Leib Christi mit aufbauen zu helfen.Von der engagierten evangelischen Theologin Moltmann-Wendel (83), stammt der Satz, dass Frauen auf ihrem Befreiungsweg sehr existentiell entdeckt haben, dass sie mehr als „edle Geschöpfe“ seien und immer wieder neu den Befreiungsweg des Evangelium gehen lernen müssten.
Viele verkrustete Vorstellungen, wie die Präsenz und das Engagement von Frauen in den Gemeinden auszusehen haben und was ihre Spiritualität kennzeichne, mussten in den vergangenen Jahrzehnten dafür abgetragen werden. Die Einleitungsworte von Carmen Rivuzumwami zur Neuauflage dieses fast schon legendären Buches sprechen gewiss vielen engagierten Christinnen aus dem Herzen: „Mit ihrer neuen Art des Bibellesens wurde Elisabeth Moltmann-Wendel nicht nur zu einer der Pionierinnen, ja zur Geburtshelferin eines neuen Selbstverständnisses von Frauen in Deutschland, sondern auch viele Theologinnen erhielten von ihr Impulse für die eigene feministisch-theologische Arbeit“.
Die in diesem schönen Prachtband in Großdruck dargebotenen Portraits erlauben ein meditatives Durchdringen der gebotenen Impulse, die ihre originelle Strahlkraft auch heute nicht eingebüßt haben. Sie stehen zudem für die Bemühung um eine Spiritualität von Frauen für Frauen, die jede Begegnung mit Christus mit dem dazu gehörigen Lebensbezug beschreibt. Erlösung wird als Beziehungsgeschehen dargestellt, „in dem gerechte und heilende Beziehungen befreiend sind“, resümiert Rivuzumwami.
Die mahnende Einladung Jesus an Marta, sich auf das „Hören“ (wie ein Jünger hört) als Form von Gastfreundschaft zu konzentrieren, wird im Duktus dieses Bandes zu einem Angebot der Befreiung von Jesus für die praktische Martha. Mit Moltmann-Wendel und ihrer provokativen, persönlichen Interpretation, wird eine Lesart des Evangeliums möglich, die den Vorrang des Gottesreiches vor der Sorge um den Alltag unterstreicht. So werden Frauen ermächtigt, um Jesus Erfahrungen zu machen, die es ihnen erlauben, bestimmte traditionelle Rollenfixierungen aufzugeben. Um Jesus geschart, könne sie auf innovative und radikale Weise lernen, Jüngerinnenschaft zu leben und sein Werk fortzusetzen.
„Insbesondere Frauen haben durch Jesus erfahren, dass ihr Körper ein Ort des Heils ist. So steht am Anfang der Maria von Magdala die leibliche Heilung“, erklärt Rivuzumwami.
„Elisabeth Moltmann-Wendel erkennt in der Beziehung der Frauen zu Jesus einen Prozess positiver Gegenseitigkeit, der Frauen zur Eigenständigkeit führen lässt und sich in einem kreativen, konfrontativen und lebendigen Austausch vollzieht“.
Jenseits aller objektivierenden neutestamentlichen Theologie erlaubt diese Neuauflage eine erfrischende Begegnung mit einer eminent persönlichen Bibelauslegung, die über den Evangelisten Lukas berichtet, dass er seine Frauen nicht in Partnerschaft ersticken lässt: „Sie alle hören allein Predigten zu und treten zum christlichen Glauben über, ohne ihre Männer erst zu fragen … Lukas holt Frauen aus dem Schatten und wertet sie als Einzelperson“.
„Matthäus kennt noch kein Maria-Mutter-Ideal. Mütterlichkeit und typisches Mutterverhalten von Liebe bis zur Intriganz hat er noch überall in seinem Evangelium vertreut“, so Moltmann-Wendel. „Seine Mütter haben eigene Urteile, riskieren neue Schritte und haben eine persönliche Geschichte“.
Neben Maria, der Mutter Jesu und Mutter der ersten Zeugen und Zeuginnen der Auferstehung nehmen uns die Anstöße von Moltmann-Wendel erneut in die Erfahrung von Maria von Magdala hinein, die im Johannesevangelium der Christengemeinde des 1. Jahrhunderts als erste Zeugin der Auferstehung präsentiert wird. Als seine erste Botin verkündigt sie: „Ich habe den Herrn gesehen“. Mit derselben Formel legitimiert Paulus im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth seine Autorität als Apostel. Der Primat einer Maria von Magdala als apostolischer Zeugin, den Moltmann-Wendel herausstellt, bietet gerade jetzt neue Impulse für die innere Qualität des apostolischen Auftrags ein jeden getauften Frau.
Da der Band bewusst fragmentarisch bleibt und keine systematische Aufarbeitung des Themas vorlegt und seinen feministischen Ansatz nicht verhehlt, regt er zum Nachdenken, aber auch zu kritischer Widerrede an.
Wir können nie genug im Gebet vertiefen, was es mit dieser apostolische Funktion auf sich hat, die sich aus dem „Sehen des Herrn“ ergibt und bei Maria von Magdala zum Ausrichten der Botschaft an den Kreis der elf Apostel führt. Das meditative Lesen und die Kraft der Bilder einer „predigenden“ Maria Magdalena zeugt von der Kraft ganzheitlicher Glaubenserfahrung von Frauen, die als bevorzugte Jüngerinnen ihr Gespür für Jesus Christus als ihren Lebendigen Befreier bewiesen haben. Diese Erfahrung, so wird klar, bündelt sich in der Herzmitte ihrer Existenz und verleiht ihnen die Autorität einer Maria von Magdala, die bezeugt: „Ich habe den Herrn gesehen!“
[ Elisabeth Moltmann Wendel, Frauen um Jesus, Mitarbeit von Carmen Rivuzumwami; Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 167 Seiten, 24,0 x 32,0 cm, 60 farbige Abbildungen
ISBN: 978-3-579-06488-8, € 34,95 ]
















