Von Erzbischof Julian Barrio Barrio
ROM, 25. Dezember 2009 (ZENIT.org).-Die Feier des Weihnachtsgeheimnisses ruft uns dazu auf, uns der Fülle der Zeiten und der persönlichen, göttlichen Offenbarung bewusst zu werden. Denn „in dieser Endzeit aber hat [Gott] zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr. 1, 2). Die Geburt des Gottessohnes ist der vollkommene Ausdruck der Liebe, die Gott Vater der Menschheit entgegengebracht hat, „denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3, 16). Diese Gabe bringt auch die endgültige Offenbarung seiner persönlichen, göttlichen Gegenwart unter den Menschen mit sich, da er „unter uns gewohnt“ hat (Joh 1, 14). Er hat Wohnung genommen unter uns als Erstgeborener des Vaters. Er brachte in verschwenderischer Fülle Gnade und Wahrheit, damit „aus seiner Fülle wir alle empfangen, Gnade über Gnade“ (Joh 1, 14–16). Auf diese Art und Weise wurde uns im „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1, 15) die wirkliche Gestalt des „Menschen nach dem Bild Gottes“ offenbart. Wir können wahrhaftig sagen, dass wir im „nach dem Bild des Irdischen gestalteten“ Christus (1 Kor 15, 49) „seine Herrlichkeit gesehen [haben], die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater“ (Joh 1, 14), der „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14, 6).
Diese Wahrheiten, die den Inhalt unserer weihnachtlichen Überlegungen ausmachen, dürfen nicht vergessen werden, wenn wir wirklich dieses Geheimnis erspähen und nicht Gefahr laufen möchten, dass wir uns in den Worten des Evangeliums „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1, 11) widerspiegeln. Eine leichtsinnige Rührseligkeit und eine pietistische Oberflächlichkeit könnten den wahren Sinn der geschichtlichen Menschwerdung des Wortes sowie die Fülle des göttlichen Plans für die Erlösung des Menschen, die in Christus vollzogen wird, verschleiern. Durch Ihn, der gekommen ist, „damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10), und der uns Gott als „voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1, 14) offenbart, können wir jedoch „Kinder Gottes werden“ (Joh 1, 12).
Im Mensch gewordenen Sohn Gottes manifestiert sich die Menschenwürde. Diese droht jedoch unter dem geschichtlichen Prozess der Entchristlichung Schaden zu nehmen, immer dann, wenn nicht berücksichtigt wird, dass das Christentum den Menschen als Person betrachtet. „Christus macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung“ (Gaudium et spes 22).
„Er ist die endgültige Erfüllung der Berufung des Menschen. (...) Er ist zugleich der vollkommene Mensch, der den Söhnen Adams die Gottebenbildlichkeit wiedergab, die von der ersten Sünde her verunstaltet war. Da in ihm die menschliche Natur angenommen wurde, ohne dabei verschlungen zu werden, ist sie dadurch auch schon in uns zu einer erhabenen Würde erhöht worden. Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt. (...) Geboren aus Maria, der Jungfrau, ist er in Wahrheit einer aus uns geworden, in allem uns gleich außer der Sünde. Er, der Erlöser des Menschen!“ (Johannes Paul II, Redemptor hominis 18, 8). Diese Gewissheit wird uns dazu antreiben, uns auf den Weg zu machen, um mit unseren Worten und Werken vor den Menschen das Zeugnis der Liebe Gottes abzulegen.
Mitten in der banalen Geltung, die heutzutage das Negative, das Unbedeutende und Oberflächliche genießen, bietet die Weihnacht eine willkommene Gelegenheit, die Nähe und die Liebe Gottes wahrzunehmen, seine Rettung anzunehmen sowie im brüderlichen Teilen dem anderen näher und solidarischer zu werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass dieses Ereignis hinter äußerlichen Ausschmückungen verschleiert wird, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen. Betrachten wir mit den Augen des Herzens den Mensch gewordenen Sohn Gottes, wenn wir das wahre Antlitz des Menschen entdecken wollen. Keine Botschaft im Dienst wirtschaftlicher Interessen oder eines falsch verstandenen menschlichen Fortschritts darf die große Nachricht verdunkeln, die uns in die Wahrheit Gottes und die Rettung des Menschen Einsicht gewährt, „denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16–17). Wir sind berufen worden, nach Christus dem Herrn, in ihm verwurzelt und auf ihn gegründet zu leben. Wir sollen an dem Glauben festhalten, in dem wir unterrichtet wurden, und nicht aufhören zu danken (vgl. Kol 2, 6-8).
Die Antwort der Liebe Gottes, die sich in Christus Jesus offenbart, lautet: Danksagung. Befreit von eitlen Gedanken, gewalttätigen Worten und Werken, die im Gegensatz zum Gesetz Gottes stehen, gibt es keine bessere Art und Weise, die eigene Dankbarkeit gegenüber Gott auszudrücken als Ihn nachzuahmen: „Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder und liebt einander“ (Eph 5, 1). So können wir mit den Engeln ausrufen: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ Dann können wir dafür arbeiten, dass unser Zusammenleben als Frucht der Gerechtigkeit, der Solidarität und eines reinen Herzens entsteht. Dieses Engagement führt uns ebenfalls dazu, jeglichem Fanatismus und jeder Art von Gewalt zu entsagen. So können wir allen Spielarten der Armut, alt und neu, materiell und geistig, entgegentreten.
Vom Vater kommend, begann Jesus unter uns Menschen seine irdische Pilgerfahrt. Sie führt ihn dazu, zum Vater zurückzukehren. Der Brief an die Hebräer spricht vom „neuen und lebendigen Weg“, den Christus Jesus für uns „erschlossen“ hat (Hebr 10, 20). Gemäß dem allgemeinen Selbstverständnis des Menschen als homo viator sieht sich der Mensch als erlösungsbedürftig an. Er wird sich bewusst, dass Gott ihn wie Abraham ruft, der seine Vergangenheit aufgab und seine Zukunft aufs Spiel setzte. Dies erfordert eine innere Läuterung im Geist der Buße, die Gemeinschaft mit Ihm als Antwort auf unser geistliches Verlangen zu erleben. Deshalb ist der christliche Pilger ein Bild des religiösen Menschen, der sich in seinem Engagement der Welt gegenüber der Transzendenz öffnet. Er spiegelt die Vergänglichkeit der Güter dieser Welt wider, ihre Bedeutungslosigkeit für den letzten und wirklichen Sinn des menschlichen Abenteuers auf dem Weg zum „Bürgertum der Heiligen“.
In diesem Geist wollen wir das Compostela-Jubeljahr begehen, das am 31. Dezember beginnt. Dieses Heilige Jahr, das wir in Santiago de Compostela feiern, ist Ausdruck des katholischen Menschenverständnisses sowie seiner Beziehung zu Gott. Es bezeugt die Gegenwart des Heiligen im Herzen unserer Kultur, die Unterscheidung zwischen dem Zeitlichen und dem Geistigen. In dieser christlichen Hoffnung, die vom Haus des Herrn Jakobus aus „nach oben“ zeigt und „nach vorne“ schreitet – „ultreia“ und „esuseia“ –, lade ich Sie herzlich dazu ein, an den Gnaden des Jubeljahres teilzunehmen. Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!
[© Die Tagespost vom 24.12.2009.Übersetzung aus dem Spanischen von José García]
















