Von Genevieve Pollock
SANTA CLARA, Kalifornien, 12. Januar 2010 (Zenit.org).- Die Angst vor Migranten ist verständlich, sie zu überwinden ist für die Christen, die Gott in den Fremden begegnen können, jedoch wichtig, meint eine Ordensschwester mit 30-jähriger Berufserfahrung in der Arbeit mit Ausgegrenzten.
Schwester Marilyn Lacey gehört zu den Schwestern der Barmherzigkeit und die Leiterin der gemeinnützigen Organisation Mercy Beyond Borders (Barmherzigkeit jenseits der Grenzen), die sich der Frauen und Mädchen annehmen, die aus dem Südsudan vertreiben wurden und versuchen ihre extreme Armut zu lindern.
In ihrem Buch This Flowing Toward Me: A Story of God Arriving in Strangers (Es fließt mir zu: eine Geschichte Gottes, der in den Fremden zu uns kommt), das im letzten Frühjahr veröffentlicht wurde, schreibt sie über ihre Arbeit mit Flüchtlingen in den Vereinigten Staaten, Afrika und Asien.Schwester Lacey erzählte ZENIT ihre Erfahrungen mit Migranten und Flüchtlingen anlässlich der Feier der nationalen Migrantenwoche in den Vereinigten Staaten, die bis Sonntag dauert.
ZENIT: Einwanderung wird oft mit Zahlen beschrieben, wie aber sieht es im Herzen eines Einwanderers aus? Was sind seine typischen Hoffnungen und Ängste, Schwierigkeiten und Bedürfnisse?
--Schwester Lacey: Es ist sehr natürlich, von Migranten zu denken, dass sie irgendwie ganz anders sind als wir. Im Einwanderungsgesetz wird der Fachbegriff „Fremde“ für sie verwendet, was wörtlich übersetzt „anders“ heißt. Dies stärkt unsere Neigung Angst vor Migranten zu haben, da es uns in der Regel schwer fällt, Personen zu trauen, die von uns als anders wahrgenommen werden. In Wirklichkeit sind Migranten Menschen, die ihre Familie ernähren müssen, ihre Kinder beschützen und ihren Träumen nachgehen. Ihre grundlegendsten Bedürfnisse müssen erfüllt und geschützt werden, z.B. Arbeit zu finden und Freundschaften zu knüpfen. Als Kirche haben wir die ernste Verpflichtung - was eigentlich eine wunderbare Einladung ist – ein Ort der Annahme für sie zu sein.
Vor ein paar Jahren aus drückte mir ein katholischer Flüchtling, ein junger Mann aus Eritrea, der vor Kurzem nach Kalifornien übergesiedelt ist, seine große Verwirrung aus und sagte: „Schwester, hier in Amerika sind die Kirchen in der Nacht zugesperrt!“ Und ich gab ihm recht. Seine unmittelbare Reaktion war: „Aber wenn die Kirchen verschlossen sind, wo sollen die Reisenden dann schlafen?“ Seine Frage sollte uns allen helfen, unser Gewissen zu prüfen. Wie gastfreundlich sind wir (als Individuen und als Kirche) gegenüber den Fremden in unserer Mitte?
ZENIT: Die diesjährige nationale Migrantenwoche der USA konzentriert sich auf Kinder. Können Sie das Leben eines typischen Migrantenkindes beschreiben?
--Schwester Lacey: In meiner Arbeit hatte ich meist mit Flüchtlingen zu tun. Kinder aus Flüchtlingsfamilien haben noch nie ein normales Leben geführt wie Sie oder ich. Sie haben ihre Häuser verlassen, haben lange, schwierige Reisen erlebt. Die meisten von ihnen haben Angehörige verloren. Viele haben unmittelbar Gräueltaten miterlebt, einige wurden als Kindersoldaten zu Gewalttaten gezwungen. Sie haben Jahre in der künstlichen Existenz von Flüchtlingslagern verbracht, wo ihre Schulzeit bestenfalls sporadisch war und ihre Ernährung mager. Für sie ist die Welt ein gefährlicher Ort. Und doch sind sie unerhört stabil. An einem sicheren Ort mit Liebe und unterstützenden Erwachsenen können sie aufblühen.
ZENIT: Streben die meisten Einwanderer nicht danach, den Bürgern eines Landes etwas von ihren Gütern wegzunehmen? Gerade in dieser Zeit der wirtschaftlichen Rezession, wo viele Bürger arbeitslos geworden sind, ist es nicht natürlich, dass die Menschen ihre eigenen Ressourcen schützen wollen? Gibt es irgendeine Möglichkeit, diese defensive Haltung zu ändern?
--Schwester Lacey: Familie und Land vor Bedrohungen zu verteidigen, ist verständlich und auch ehrenhaft. Leider sind wir Menschen dazu geneigt, die wahren Bedrohungen fehlerhaft zu erkennen. Meiner Meinung nach – die hoffentlich auf einem klaren Verständnis der Evangelien beruht - sind die wirkliche Bedrohung für das wahre Leben und Glück nicht die Migranten, sondern unsere eigene Gier, Selbstsucht und Erwerbssucht. Die entwickelten Länder versuchen mehr und mehr vom Reichtum der Welt anzuhäufen, während sie gleichzeitig Einwanderungsgesetze erlassen, die andere davon fernhalten, an dieser Fülle teilzuhaben.
Das Evangelium stellt uns die Seligpreisungen (Wege des Glücks) vor Augen: arm sein und zu teilen was wir haben, das Leid anzunehmen, für Gerechtigkeit zu kämpfen und Verfolgung zu ertragen. Wir werden sogar aufgerufen, unsere Feinde zu lieben, jene, die uns schaden wollen. Während die Welt versucht, uns davon zu überzeugen, dass die Sicherheit darin besteht, unsere Feinde zu töten, oder sie zumindest fernzuhalten, zeigt uns das Evangelium, dass wir in der Vergebung, Annahme und Lebensweise wachsen müssen, die alle an den Tisch einlädt. Der Himmel ist angeblich ein Ort, der offen für jeden, der bereit ist, mit allen anderen an einem Tisch zu sitzen!
Ich persönlich glaube, dass das Einwanderungsproblem nicht allein durch rationale Debatten gelöst werden kann. Wir müssen die Dimension des Glaubens mit hineinnehmen, die unseren Horizont weitet und uns hilft zu verstehen, dass unsere Sicherheit, unser Wohlbefinden und wahres Glück darin besteht, unsere Tore für die Fremden zu öffnen, für Menschen, die anders sind als wir. Auch wenn die Eingliederung von Migranten in unsere Gesellschaften bedeuten würde, dass unser Lebensstandard gesenkt werden müsste, (was in der Regel nicht der Fall ist, weil er die Wirtschaft stimuliert), wäre es für die Christen dennoch die Pflicht, sie zu aufzunehmen. Gott kommt zu uns in der Gestalt des Fremden. Dieses Thema durchläuft die ganze Heilige Schrift: von Genesis 18 (Abraham, der von den drei Fremden gesegnet wird, die er in sein Zelt einlädt), bis hin zur Offenbarung 3,20 (Gott steht vor unserer Tür und klopft geduldig). Für mich ist das mehr als nur Theorie - das ist meine Erfahrung der letzten 30 Jahre in meiner Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten aus der ganzen Welt.
ZENIT: Was ist mit den Einwanderern, die illegal in das Land einreisen? Wenn wir davon ausgehen, dass es gute Gründe für die gegenwärtigen Einwanderungsgesetze gibt, ist es dann nicht moralisch richtig, dieses illegale Verhalten zu verurteilen?
--Schwester Lacey: Manche Leute fragen mich: „Warum kommen diese Menschen nicht legal ins Land? Sie brechen unsere Gesetze!“ Das ist eine ernste Frage, die an unsere gesetzestreue germanische und angelsächsische DNA appelliert. Die Menschen, die diese Frage stellen, sind in der Regel überrascht, dass es für diese Leute keinen Weg gibt, legal ins Land zu kommen, weil die Einwanderungsgesetze ihnen keine Möglichkeit dazu bieten. Nur bestimmte Kategorien von Ausländern können legal einreisen, und viele von ihnen nur für eine begrenzte Zeit. Fast die Hälfte aller, die sich ohne Papiere in den Vereinigten Staaten aufhalten, sind zum Beispiel Personen, die einmal legal eingereist sind, dann aber ihr Visum abgelaufen ist und außerhalb des Status gefallen sind. Die anderen sind diejenigen, die ohne Kontrolle die Grenzen übertreten haben – Menschen, die in der Regel Arbeit suchen, damit sie Geld nach Hause schicken können, um ihre Familien zu unterstützen. Nach dem aktuellen US-Einwanderungsrecht können Familienangehörige sogar mehr als 18 Jahre darauf warten, legal einwandern zu können. Wie passen diese Gesetze mit unserem christlichen Glauben an die Heiligkeit der Familie und die Bedeutung der Familienzusammengehörigkeit zusammen? Bevor wir jene verurteilen, die Gesetze brechen, ist für mich die zentrale Frage, ob die geltenden Gesetze in sich überhaupt ethisch sind.
Ist es in einer globalen Wirtschaft, in der Ware, Information und Gelder Grenzen überschreiten richtig, dass die Arbeitnehmer daran gehindert werden, Grenzen zu überqueren? Ist es richtig, dass in einer Welt, wo einige Menschen an Orten wohnen, an denen es fast unmöglich ist, ihre eigene Familie zu ernähren, die Menschen daran gehindert werden an einen Ort auszuwandern, wo sie für ihre Kinder sorgen können? Ist es in einer immer kleiner werdenden Welt recht, dass diejenigen, die haben, jene ausschließen, die nichts haben? Ist es richtig, Mauern zu bauen (wie die Vereinigten Staaten das entlang der südlichen Grenze getan haben) oder in eingegrenzten Gemeinschaften zu leben, die andere Menschen fernhalten, während wir gleichzeitig in die Kirche gehen und über die Geschichten des Evangeliums vom reichen Mann und des armen Lazarus (Lk 16) beten?
ZENIT: Viele Menschen haben möglicherweise Mitgefühl für Einwanderer, aber sagen, dass sie nichts Besonderes haben, was sie ihnen geben könnten. Was kann der durchschnittliche Bürger den Einwanderern geben?
--Schwester Lacey: Es kostet nichts (bloß ein wenig Mut), warmherzig und gastfreundlich zu Migranten zu sein. Es kostet nichts, zuzugeben, dass es noch einen kleinen Platz in der Herberge gibt. Für einen Einzelnen kann es riskant sein, einem Fremden die Tür zu öffnen, der Einsatz einer Gruppe macht vieles einfacher. Glaubensgemeinschaften können wichtige Ausgangspunkte sein für die Aufnahme von Fremden. Was nun das Nichts-Übrig-Haben betrifft: So bin ich mir ziemlich sicher, dass wir alle viel teilen können, und dass die echte Freude uns so lange entzogen bleibt, bis wir zu teilen beginnen. Wie einer der ersten Heiligen sagte: „Das extra Paar Schuhe im Schrank gehört den Armen.“ Wenn wir mit dieser Art von Offenheit und Beteiligung leben, werden wir Segen in Fülle haben!
ZENIT: Würden Sie sagen, dass die Betonung der Toleranz gegenüber der kulturellen Vielfalt eine Antwort sein könnte, damit sich Einwanderer mehr aufgenommen fühlen, oder haben Sie etwas anderes gefunden, das für die Öffnung der Herzen gegenüber Menschen aus verschiedenen Rassen hilfreich sein könnte?
--Schwester Lacey: Toleranz gegenüber Vielfalt ist sicherlich ein erster Schritt, aber ich hoffe, dass wir uns eines Tages über die Toleranz der Differenzen hinaus bewegen können, und uns darüber freuen können, dass alle uns bereichern. Ich habe mit Flüchtlingen und Migranten aus über 50 Ländern gearbeitet und ich halte mich für einen der glücklichsten Menschen auf der Erde - weil ich an so vielen unterschiedlichen Weltanschauungen, Gottesbildern und Wegen zur Überwindung von Not und hartnäckigen Lebensweisen Anteil haben durfte. Ich bete dafür, dass alle Menschen sich wagen trauen, einen Fremden aufzunehmen und dabei zu ihrer unendlichen Überraschung entdecken können, dass Gott wiederum darauf gewartet hat, sie zu begrüßen!
[Übersetzung des englischen Originals von Susanne Czupy)
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Für weitere Informationen zur Aufnahme von Migranten:
Mercy Beyond Borders: www.mercybeyondborders.org
“Einen Raum bereiten: Wiederherstellung der Gastfreundschaft als christliche Tradition“ von Christine Pohl: www.amazon.com/Making-Room-Recovering-Hospitality-Christian/dp/0802844316
„Es fließt mir zu: eine Geschichte Gottes, der in den Fremden zu uns kommt“ von Schwester Lacey: www.amazon.com/This-Flowing-Toward-Me-Strangers/dp/1594711976
















