ROM, 15. Januar 2010 (ZENIT.org).- Am Samstag sprach sie noch mit ihrem Sohn Ruben, dann flog Zilda Arns Neumann, die Mutter Teresa Brasiliens, wie sie genannt wurde, nach Haiti. Das missionarische Hilfswerk CIFOR hatte sie eingeladen. Sie wohnte in einer Einrichtung der Diözese. Am Mittwoch wollte sie diese Ansprache vor der Versammlung der Konferenz von Ordensleuten der Karibik halten, denen sie mit diesen Zeilen das Geheimnis ihres Wirkens und ihre größten Sorgen anvertraute. Es wurde durch die verheerende Naturkatastrophe zu ihrem öffentlichen Testament. In der Kirche von Puerto Prince traf sie beim Erdbeben der tödliche Steinbrocken.
ZENIT veröffentlicht ihr Manifest, das die Brasilianische Bischofskonferenz gestern als spanisches Original veröffentlicht hat, in einer eigenen Übersetzung: „Ich bin davon überzeugt, dass die Lösung der meisten sozialen Probleme unauflöslich mit der dringend nötigen Verringerung der sozialen Ungleichheiten, der Beseitigung von jeglicher Korruption, der Förderung von sozialer Gerechtigkeit, dem Zugang zu Gesundheits- und Bildungsangeboten, gegenseitigen finanziellen Hilfe und der praktischen Zusammenarbeit zwischen den Nationen zur Erhaltung und Wiederherstellung der Umwelt zu tun haben“.
Der erste Teil der Rede erschien am gestrigen Donnerstag. Diese Rede konnte sie nicht mehr halten, weil sie noch in der Kirche von Por au Prince/Haiti von Steinbrocken getroffen als ein Opfer dieser Naturkatastrophe starb.
* * *
Zilda Arns Neumann
Ansprache in Puerto Prince am 12. Januar 2010 (Teil 2)
Stadt
Ich spürte, dass dies die Methodik der Gemeinschaft war, die es in großem Maßstab für die Diözesen, Pfarreien und Gemeinden zu entwickeln galt. Nicht nur, um das Leben der Kinder zu retten, sondern auch um zum Aufbau einer gerechteren und brüderlichen Welt beizutragen. Es wäre die Aufgabe des Guten Hirten, der aufmerksam für die ganze Herde ist, aber vorrangig für die Bedürftigsten da ist. Die Armen und Ausgeschlossenen.
In dieser wunderbaren Nacht, entwarf ich für eine arme Gemeinde ein Konzept, in dem Familien mit schwangeren Frauen und Kindern unter sechs Jahren sowie Leiter klar bestimmt werden, die katholisch sein, aber auch anderen Religionen und Kulturen angehören konnten, um auf ökumenische Weise die Durchführung von Aktionen miteinander zu teilen. Denn Jesus ist ja gekommen, damit "alle das Leben haben und es in Fülle haben"(Joh 10,10). Dies ist es, was hier in Haiti durchgeführt werden muss: Auf einer Karte müssen die armen Gemeinden identifiziert werden, die Kinder unter sechs Jahren und ihre Familien, und die möglichen Gemeindeleiter, die sich freiwillig melden möchten.
Seit ihrer ersten Versuche pflegt die „Pastoral da Criança“ die Methode Jesu, die dieser für
groß angelegte Pläne verwendete. In Brasilien gibt es in mehr als 40.000 Gemeinden, 7.000 Pfarreien aller 272 Diözesen und Prälaturen diese Initiative. Sie breitet sich allmählich auf andere zwanzig Länder aus: Dies sind in Lateinamerika und der Karibik: Argentinien, Bolivien, Kolumbien, Paraguay, Uruguay, Perú, Venezuela, Guatemala, Panamá, die Dominikanische Republik, Haití, Honduras, Costa Rica und México; in Afrika: Angola, Guinea-Bissau, Guinea und Mosambik und in Asien: die Philippinen und Osttimor.
Für eine bessere Organisation des Informationsaustausches und der geschwisterlichen Solidarität unter Müttern und benachbarten Familien, gründen die Aktionen auf drei Werkzielen im Bereich Bildung und Kommunikation: Einzelpersonen, Gruppen und Masse.
Die „Pastoral da Criança“ verwendet gleichzeitig alle drei Formen der Kommunikation, um ihre Inhalte zu verstärken, zu motivieren und die Förderung von Verhaltensänderungen, die Stärkung von Familien mit Informationen darüber, wie die Betreuung von Kindern und die Förderung der geschwisterlichen Solidarität aussehen kann.
Die Bildungsarbeit und individuelle Kommunikation wird jeweils durch monatliche Hausbesuche bei den Familien mit schwangeren Frauen und Kindern sichergestellt. Die Leiter begleiten die benachbarten Familien in den ärmsten Gemeinschaften, in städtischen und ländlichen Gebieten, in den indigenen Gebieten und in Bordellen und in den Bereichen der Ausuferungen des Amazonas. Sie überqueren Flüsse und Meere, durchwandern Täler und sie klettern auf steile Hügel, laufen kilometerweit zu Fuß, um schließlich die Hilferufe von Müttern und Familien zu hören, Aufklärung und Stärkung von Frieden, Glauben und Wissen zu bringen.
Sie tauschen Ideen über Gesundheit und die Weiterbildung von Kindern und schwangeren Frauen aus, sie lehren und lernen gleichzeitig. Mit großem Vertrauen und Zärtlichkeit sorgen sie sich um die Stärkung des sozialen Gefüges der Gemeinden, die schließlich zur sozialen Eingliederung führt.
Motiviert durch die weltweite Kampagne, die von der Organisation der Vereinten Nationen im Jahr 1999 gesponsert worden ist und das Motto trug: "Ein Leben ohne Gewalt ist unser Recht", hat sich die „Pastoral da Criança“ um dauerhafte Maßnahmen zur Verhütung von Gewalt unter dem Motto "Frieden fängt zu Hause an", bemüht. Als eine der Kommunikationsstrategien benutzte es die Verteilung von sechs Millionen Flugblätter mit den "Zehn Geboten für den Frieden in der Familie", die in Gemeinden und Schulen von Norden bis Süden diskutiert wurde.
Die Besuche dienen neben vielen anderen Anliegen auch dem Ziel das Stillen der Mütter zu begünstigen und die Förderung einer Schule des Dialogs und des Austauschs voranzubringen, vor allem wenn es um die Ernährung bis zum sechsten Monat geht, und bevorzugt bis zu über einem Jahr hinaus. Sogar über zwei Jahre hinaus kann Muttermilch gegeben werden, wenn es mit anderen gesunden Lebensmitteln ergänzt wird.
Das Saugen sorgt für eine bessere Muskelbildung und besseren Knochenaufbau und begünstigt eine frühe Festigung der Persönlichkeit, eine bessere Atmung und eine Stärkung des Zahnkiefers. Die Liebe einer Mutter zeigt sich, wenn sie den Kopf des Kindes streichelt. Es führt zur Verbesserung der Verbindung von Neuronen. Die Psychomotorik eines Kindes, das an der Mutterbrust saugt, ist in seiner Entwicklung meist weiter. So sehr, dass es eher sitzt, früher geht, schneller spricht und lernt, und besser in der Schule ist. Es ist für die emotionale Entwicklung und des Gesundheitsschutzes der Babys, für ihr ganzes Leben wesentlich. Die Solidarität von Kindern ist umso größer, je mehr unmittelbaren Kontakt es in seinem Leben mit seiner Mutter hatte. Bei Hausbesuchen geht es auch darum, durch eine gute Ausbildung von Frauen und ihren Familien das Selbstwertgefühl zu steigern und die Sauberkeit und Betreuung der Kinder zu fördern.
Diese Erziehung in der Familie fördert die soziale Eingliederung. Ausbildung und Austausch in der Gruppe haben jeden Monat ihren angestammten Platz in tausenden von Gemeinden. Dabei geht es um die Stärkung des Glaubens und der Freundschaft unter den Familien. Neben der Ernährungskontrolle geht es auch um Spielzeuge und Spiele für Kinder und die Leitlinien einer verantwortlichen bürgerlichen Existenz. An diesem Tag geben die Mütter auch Erfahrungswerte über eine Praxis angemessener Ernährung mit Produkten der Region weiter, die niedrige Kosten verursachen und einen hohen Nährwert haben. Es geht um die Früchte, die Grünpflanzen, Samen und Stauden, die oftmals überhaupt nicht von den Familien geschätzt werden.
Eine weitere Gelegenheit für die Fortbildung der Gruppen ist das monatliche Leitertreffen der Gemeinschaft, das zur Auswertung dient. Das wichtigste Ziel dieses Treffens ist der Austausch über Probleme und das Erarbeiten von Lösungsstrategien.
Diese Aktionen gehören zum Informationssystem der „Pastoral da Criança“. Es begleitet die Bemühungen und die Ergebnisse anhand von konkreten Indikatoren, durch die Unterernährung kontrolliert wird. Die mehr als 50% der anfänglich unterernährten Menschen ist jetzt auf 3,1 Prozent gesunken. Die Kindersterblichkeit konnte drastisch gesenkt werden und liegt jetzt bei 13 Todesfällen pro Tausend Lebendgeburten in Gemeinden mit „Pastoral da Criança“.
Der nationale Durchschnitt liegt bei 23,3 aber es ist bekannt, dass die Zahl der Toten in armen Gemeinden, in denen die „Pastoral da Criança“ angewendet wird höher als der Gesamtdurchschnitt ist. Im Jahr 1982 lag die Kindersterblichkeit in Brasilien bei 82,8 pro Tausend Lebendgeburten. Diese Ergebnisse sind eine Grundlage für Einrichtungen wie das Ministerium für Gesundheit, UNICEF, der HSBC Bank und andere Einrichtungen. Sie unterstützen uns bei der Ausbildung und in allen Kernaktivitäten wie Gesundheit, Ernährung, Bildung und Staatsbürgerschaft.
Die Kosten pro Kind und Monat liegen bei weniger als einem US-Dollar.
[…]
Im Dezember 2009 feierte ich mein 50 jähriges Jubiläum als Ärztin und ich muss gestehen, das ich vor dem Jahr 2002 niemals von einem Programm der UNICEF, UNO oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört habe, in dem Spiritualität als Bestandteil der persönlichen Entwicklung gefördert würde.
Als Mitglied der Delegation von Brasilien bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 2002, die 186 Länder zum Wohl der Kinder zusammengebracht hatte, war ich erfreut darüber, dass die endgültige Resolution über die Entwicklung des Kindes, "körperliche, soziale, geistliche und intellektuelle“ Aspekte derselben umfasste. Das war allemal ein Durchbruch und kommt unserem Schulungs- und Kommunikationsweg, den wir in der „Pastoral da Criança“ pflegen, entgegen. Dieser Prozess ist der Person angepasst und gehört auf umfassende und integrierte Art und Weise zur persönlichen Art sich zu verhalten, zum Verhältnis zum Nächsten, zur Umwelt und zu Gott.
Ich bin davon überzeugt, dass die Lösung der meisten sozialen Probleme unauflöslich mit der dringend nötigen Verringerung der sozialen Ungleichheiten, der Beseitigung von jeglicher
Korruption, der Förderung von sozialer Gerechtigkeit, dem Zugang zu Gesundheits- und
Bildungsangeboten, gegenseitigen finanziellen Hilfe und der praktischen Zusammenarbeit zwischen den Nationen zur Erhaltung und Wiederherstellung der Umwelt zu tun hat.
Wie das jüngste Dokument von Papst Benedikt XVI. „Caritas in veritate“ erklärt ist "die Natur ein Geschenk Gottes, und muss verantwortungsvoll behandelt werden".
Die Welt ist im Aufbruch: Es gibt immer mehr Anzeichen der globalen Erwärmung, die sich in vielen immer intensiveren und häufigeren Naturkatastrophen zeigt. Die große wirtschaftliche Krise machte die Wechselbeziehung zwischen den Ländern offensichtlich.
Damit es nicht zum Zusammenbruch kommt, ist die Solidarität zwischen den Völkern unabdingbar. Solidarität und Geschwisterlichkeit sind es, was die Welt am meisten braucht, um zu überleben und Wege des Friedens zu finden.
Schlussgedanken
Seit seiner Gründung investiert die „Pastoral da Criança“ in die Ausbildung von Freiwilligen und die Begleitung von Kindern und schwangeren Frauen in der Familie und innerhalb von Gemeinden.
Derzeit gibt es 1.985.347 Kinder und 108.342 schwangeren Frauen innerhalb von 1.553.717 Familien. Die auf das Miteinander angelegte Methode und ihre Resultate, die Beteiligung an der politischen Interessenvertretung, haben durch Beiträge zur Gesundheit, zu Fragen des Kinder- und Jugendrechts und andere Bereiche zu konkreten und tiefen Veränderungen im Land geführt, die zur Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage beigetragen hat.
Die Ergebnisse dieser ehrenamtlichen Arbeit, die mit der Mystik der Liebe zu Gott und zum Nächsten und im Einklang mit unserer Mutter Erde geschieht, die alle unsere Geschwister mit Früchten und Blumen nähren soll, mit unseren Flüssen, Seen, Meeren, Wäldern und Tieren, sie zeigt, wie die organisierte Gesellschaft Mitgestalterin ihres Wandels sein kann.
In diesem Sinne, indem wir die Bindungen stärken, die uns als Gemeinschaft einen, können wir Lösungen finden für die schweren sozialen Probleme der armen Familien.
Den Vögeln gleich, die ihre Kinder beschützen, indem sie ihnen ein Nest hoch in den Bäumen und auf Bergen, weit weg von Raubtieren, Bedrohungen und Gefahren und näher bei Gott machen, so sollen wir unsere Kinder als ein heiliges Gut schützen. Indem wir ihre Rechte achten und sie schützen. Danke! Gott sei mit euch allen!"
D. Zilda Arns Neumann
Kinderäztin und Spezialistin für Öffentliche Gesundheit
Gründerin und Koordinatorin der „Pastoral da Criança International“
[Übersetzung des Spanischen Originals von Angela Reddemann]
















